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Krieg in der Ukraine, Taliban in Afghanistan: "Vielen Kindern droht der Tod"


"Vielen von ihnen droht der Tod"

Von Liesa Wölm

Aktualisiert am 30.11.2022Lesedauer: 5 Min.
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Ein ukrainischer Soldat mit einem Baby: Millionen von Kindern sind von Kriegen und Konflikten bedroht.
Ein ukrainischer Soldat mit einem Baby: Millionen von Kindern sind von Kriegen und Konflikten bedroht. (Quelle: Dmytro Smolienko/imago images)
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Ob Ukraine, Afghanistan oder Jemen: Ein neuer Bericht offenbart erschreckende Zahlen über das Leben von Kindern in Konfliktgebieten. Das steckt dahinter.

Hunger, Flucht, Gewalt und staatliche Unterdrückung: In Kriegsgebieten wie der Ukraine oder Konfliktregionen wie Afghanistan erleben Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren Traumatisierendes. Sie gelten als besonders bedroht, denn sie verlieren häufig den Schutz der Familie sowie ihr Zuhause. Unter den körperlichen und seelischen Verletzungen, die sie im Kindes- oder Jugendalter erfahren haben, leiden viele Menschen ein Leben lang.

Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, spricht mit t-online über die verheerenden Folgen für Kinder in Kriegs- und Konfliktregionen – und die Verantwortung, die auch Deutschland hat.

t-online: Herr Westphal, der Ukraine steht ein harter Winter bevor. Wie ist die Situation vor Ort, insbesondere für Kinder?

Florian Westphal: Die Lage der Kinder in der Ukraine kann man sich als Erwachsener, der im sicheren Deutschland lebt, kaum vorstellen. Jeder Tag ist geprägt von Ungewissheit. Die Menschen fragen sich tagtäglich: Fällt heute eine Rakete auf mein Haus? Inmitten dieser bedrohlichen Situation werden momentan täglich rund 900 Kinder in der Ukraine geboren – obwohl es kein sicheres Zuhause gibt, die Gesundheitsversorgung von den Angriffen massiv beeinträchtigt wird und die Eltern natürlich auch sehr unter dem Konflikt leiden.

Die Kinder sind von klein auf mit Gewalt, Tod und Hunger konfrontiert. Welche Folgen hat das?

Alles, was wir uns für unsere Kinder wünschen, also Sicherheit, Bildung, Gesundheit, das Zusammensein mit der Familie, fehlt vielen Kindern in der Ukraine. Sie müssen sich in Kellern vor Angriffen verstecken, verlieren Angehörige, werden von zu Hause vertrieben. All das hat verheerende Folgen auch für die Psyche.

Wie äußert sich das?

Viele Kinder sind traumatisiert. Diese furchtbaren Erlebnisse begleiten und beeinträchtigen sie ein Leben lang. In der Ukraine sind bis zu 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Die Kinder werden aus der vertrauten Welt gerissen – weg von ihren Freunden, ihrer Schule, oftmals auch von der Familie. Zudem werden in bewaffneten Konflikten immer wieder Gesundheitseinrichtungen und Kliniken, aber auch Schulen angegriffen. Für Kinder ist das besonders gravierend.

Kinder im ukrainischen Mariupol: Die jüngste Generation trifft der Krieg besonders.
Ein Kind im ukrainischen Mariupol steht neben einem russischen Soldaten: Die jüngste Generation trifft der Krieg besonders. (Quelle: Maximilian Clarke/imago images)

Wie lässt sich den Kindern helfen?

Vor allem natürlich mit Geld an Hilfsorganisationen. Doch auch für uns ist die Arbeit in Konfliktgebieten eine große Herausforderung.

Warum?

Es ist extrem schwierig, den Kindern bei der Überwindung dieser psychischen Symptome zu helfen. Wir wollen ihnen dafür geschützte Räume bieten, wo sie spielen und einfach nur Kind sein können. Zugleich sollen sie aber auch die Möglichkeit bekommen, das Erlebte langsam zu verarbeiten, indem sie darüber sprechen. Sie sollen nicht in der Realität des Krieges gefangen bleiben. Dafür setzen wir uns verstärkt ein.

Allmählich wird klar, was mit dem Satz "Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder" gemeint ist.

Der Satz, den die Gründerin von Save the Children, Eglantyne Jebb, vor über 100 Jahren sagte, stimmt tatsächlich. Krieg bringt für die jüngste Generation immer die gravierendsten Folgen mit sich. Kinder entscheiden sich nicht dafür, einen Krieg zu führen. Sie werden an dieser Entscheidung nicht beteiligt. Sie sind diesen Kriegen schlichtweg ausgesetzt – und sie sind natürlich mit am wenigsten in der Lage, sich vor den Auswirkungen eines Krieges zu schützen.

Laut Ihrem neuesten Bericht lebten im vergangenen Jahr 449 Millionen Kinder in einer Konfliktregion. Das ist jedes sechste Kind. Was droht den jungen Menschen dort?

(Quelle: Save the Children)

Florian Westphal ist seit Oktober 2021 Vorstandsvorsitzender von Save the Children Deutschland. Er verfügt über langjährige NGO-Erfahrungen und weitreichende Kenntnisse in der humanitären Hilfe. Westphal studierte Internationale Politik an der Universität Bristol und Wirtschaft an der Universität London. Er war unter anderem für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in afrikanischen Krisengebieten tätig und als Generaldirektor der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

Vielen von ihnen droht der Tod oder eine schwere Verwundung. Im Jemen zum Beispiel sind dieses Jahr trotz mehrmonatigen Waffenstillstands bereits 330 Kinder ums Leben gekommen. Und auch in der Ukraine sehen wir das natürlich. Wenn Kinder verletzt werden, etwa durch Artilleriebeschuss, ist es oftmals auch medizinisch viel schwieriger, ihnen zu helfen. Neben den psychischen Folgen tragen viele also auch lebenslange physische Beeinträchtigungen davon.

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Besonders verheerend ist die Situation auch in Afghanistan, wo gewaltbereite Taliban im vergangenen Jahr die Macht an sich gerissen haben. Sie selbst waren erst kürzlich vor Ort. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Situation ist dort für Kinder katastrophal – bedingt durch den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft nach der Machtergreifung der Taliban, aber auch durch die schon in vielen Regionen seit Jahren andauernden Dürre, die durch die Klimakrise massiv verstärkt wird. Das hat Millionen von Familien in die völlige Armut gestürzt. Es gibt rund neun Millionen mangelernährte Kinder in Afghanistan.

Eine immens hohe Zahl.

Ja, doch viel betroffener machen die Einzelfälle: Ich habe Eltern getroffen, die einen 18 Monate alten Sohn haben. Dieser Junge ist so unterernährt, dass er in einem unserer Gesundheitszentren mit spezieller Nahrung behandelt werden musste. Sein Vater verdient als Tagelöhner, wenn er denn Arbeit findet, vielleicht einen Euro am Tag – davon muss er die ganze Familie mit seinen zehn Kindern ernähren. An vielen Tagen kommt nur Fladenbrot und Wasser auf den Tisch. Das ist jetzt schon eine Lebensrealität für Millionen Kinder, die kaum auszuhalten ist. Die Armut, die Hoffnungslosigkeit – es besteht die Gefahr, dass die nächsten bitterkalten Wintermonate noch schlimmer werden.

Machtübernahme der Taliban in Afghanistan

Mit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan im Sommer 2021 und der damit verbundenen Einstellung von Hilfsgeldern ist die Wirtschaft des Landes über Nacht kollabiert. Hunderttausende Menschen verloren nach dem überstürzten Abzug der internationalen Truppen ihre Arbeit. Die Situation zwang Familien im ganzen Land dazu, verzweifelte Entscheidungen zu treffen. Einige verheirateten ihre Töchter für Geld, andere verkauften ihre Nieren oder gar ihre Kinder, um andere Familienmitglieder vor dem Verhungern zu bewahren. Sehr viele Eltern schicken minderjährige Söhne und Töchter nun wieder arbeiten.

Das Leid trifft nicht nur Kinder in Afghanistan und der Ukraine: Im vergangenen Jahr lebten weltweit 230 Millionen Kinder in Regionen mit hoher Konfliktintensität, wie etwa im Jemen oder in der Demokratischen Republik Kongo. Wie lässt sich die Situation für Familien und Kinder in diesen Ländern verbessern?

Es müssen jetzt unmittelbar Mittel für die Nothilfe bereitgestellt werden, wobei das allein die Probleme auch nur unzureichend löst. Es braucht langfristige Finanzierungszusagen. Momentan sind nur 43 Prozent des humanitären Finanzierungsbedarfs der Konfliktgebiete gedeckt. Das reicht nicht.

Wofür wird am meisten Geld benötigt?

Einerseits natürlich für Lebensmittel – damit die Kinder in Krisenregionen nicht vor Hunger umkommen. Andererseits geht es aber auch um Mittel für Schulen und Ausbildung: In Konfliktgebieten steht Bildung für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Deshalb sollten mindestens zehn Prozent der humanitären Hilfen für Bildung zur Verfügung gestellt werden – das ist ein Grundbedürfnis der Kinder.

Was braucht es noch?

Genauso wichtig ist es, dass sich alle Staaten und alle beteiligten Konfliktparteien an geltendes internationales Recht halten. Die Kriegsparteien sind verpflichtet, alles zu tun, um Kinder vor den Folgen von Konflikten zu schützen, und wo Verstöße gegen das Recht vorliegen, müssen diese unbedingt dokumentiert werden. Es kommen viel zu viele Kriegsverbrecher ungestraft davon.

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Welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Deutschland ist als humanitäres Geberland extrem wichtig. Glücklicherweise konnte der Haushalt für humanitäre Hilfe zumindest mehr oder weniger auf dem Stand vom Vorjahr gehalten werden. Aber es braucht tatsächlich sehr viel mehr – weil die Bedarfe in so vielen Ländern extrem zunehmen. Klar, die Ampelregierung steht vor einer ganzen Reihe anderer Herausforderungen. Dennoch ist es wichtig, dass Deutschland eine Vorreiterrolle einnimmt. Es ist auch im Interesse der Bundesregierung, dass weite Teile der Welt nicht permanent durch Konflikte oder Klimakatastrophen daran gehindert werden, auf eigenen Beinen zu stehen.

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Verwendete Quellen
  • Telefoninterview mit Florian Westphal, CEO von Save the Children Deutschland, am 29. November 2022
  • Bericht von Save the Children: "Stop the War on Children – The Forgotten Ones" (vom 30. November 2022)
  • savethechildren.com: "Spenden für Kinder in Not"
  • twitter.com: Profil von @SaveChildrenDE
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
Hintergrund zum Beitrag

Im Nachkriegsjahr 1919 gründete die britische Sozialreformerin Eglantyne Jebb Save the Children, um Kinder in Deutschland und Österreich vor dem Hungertod zu retten. Heute ist die inzwischen größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt in rund 120 Ländern tätig. Save the Children setzt sich für Kinder in Kriegen, Konflikten und Katastrophen ein. Hier können Sie spenden.

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