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Ukraine-Krieg | Russland hat ein Problem: "Putin bleiben noch rund 100 Tage"


"Putin bleiben noch rund 100 Tage"

Von Marc von Lüpke

Aktualisiert am 12.12.2023Lesedauer: 7 Min.
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Wladimir Putin: Russlands Reserven schwinden, sagt Militärexperte Marcus Keupp.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin: Russlands Reserven schwinden, sagt Militärexperte Marcus Keupp. (Quelle: Sergei Guneyev/dpa)

Russlands Armee hat der ukrainischen Offensive standgehalten. Wendet sich die Lage zugunsten des Kremls? Nein, sagt Experte Marcus Keupp – im Gegenteil: Wladimir Putin habe ein großes Problem.

Die ukrainische Offensive konnten Russlands Truppen abwehren, doch wie geschwächt ist Wladimir Putins Armee nun? Zumal sich der Kremlchef kaum mit den derzeitigen Eroberungen in der Ukraine zufrieden geben wird? Russland befinde sich unter Zeitdruck, sagt Marcus Keupp. Der Militärökonom analysiert den Verlauf des Krieges seit Februar 2022. Im Gespräch erklärt Keupp, warum Russlands Generäle Kritik lieber nicht äußern, die Reserven der Armee dahinschwinden und Putin den Krieg nach dem Prinzip Hoffnung führe.

t-online: Herr Keupp, die ukrainische Offensive hat nicht die ersehnten Erfolge erbracht, die Rede ist von einem Patt und Stellungskrieg an der Front. Wie beurteilen Sie die Lage?

Marcus Keupp: Das ist ein typischer medialer Effekt – die Menschen kennen die Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg, in denen Panzer Durchbrüche erzwangen und große Umfassungsschlachten schlugen. Nur weil an der Front in der Ukraine im Moment keine größeren mechanisierten Bewegungen stattfinden, bedeutet das noch lange nicht, dass militärisch nichts passiert.

Was passiert denn?

Nehmen wir den Vorstoß ukrainischer Einheiten über den Fluss Dnipro im Raum Krynky. Überraschend ist die Tatsache, dass es sich nicht einmal um sonderlich viele ukrainische Soldaten handelt. Das sind etwa 400 Mann, ohne besonders schweres Gerät. Wir sehen also keine größere amphibische Operation, aber für die Russen stellt das ein gewaltiges Problem dar: Die Ukrainer haben eine Schwachstelle entdeckt.

Inwiefern?

Die südliche Gruppierung der Russen wird über zwei Autobahnen versorgt. Eine davon liegt bereits unter ukrainischer Artilleriekontrolle, die andere wird nun bedroht. Der Blick auf die Karte zeigt, dass sich zwischen dem Ufer des Dnipro und der Autobahn ein dichtes Waldgebiet erstreckt. Wenn die Ukrainer da erst mal drin sind, wird es sehr, sehr schwer, sie wieder herauszuwerfen. Oder sie davon abzuhalten, auch diesen Versorgungsweg abzuschneiden.

Marcus Keupp, Jahrgang 1977, ist Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich. Der habilitierte Betriebswirt geht in seiner Forschung klassischen militärökonomischen Fragen nach und befasst sich auch mit der Sicherheit von Versorgung und kritischer Infrastruktur. 2019 erschien sein Buch "Militärökonomie", das inzwischen auch in englischer und französischer Sprache erhältlich ist. Anfang 2025 erscheint sein Buch "Spurwechsel – Die Welt nach Russlands Krieg".

Nun unternehmen die Ukrainer seit Monaten Vorstöße über den Fluss. Warum unterbinden die russischen Einheiten das nicht?

Das ist eine gute Frage. Zumal in diesem südwestlichen Raum sieben russische Brigaden stehen – und mit zwar gut ausgebildeten Einheiten, die eigentlich ein paar Hundert Ukrainer sofort in den Fluss zurückwerfen könnten. Aber offensichtlich sind sie nicht in der Lage dazu. So oder so ist es ein gutes Beispiel dafür, wie es der Ukraine immer wieder gelingt, mit minimalen Mitteln, aber besserer Logistik und besserer Technik, die russischen Verbände unter Druck zu setzen.

Beim schwer umkämpften Awdijiwka steht wiederum die Ukraine unter Druck. Ähnlich wie zuvor in Bachmut nimmt die russische Seite dabei horrende Verlust in Kauf. Haben die russischen Generäle nichts gelernt?

Die Russen versuchen dort seit Wochen durchzubrechen, unter enormem Einsatz von Menschen und Material. Richtig voran kommen sie aber trotzdem nicht. Auch der oft bemühte Vergleich von Awdijiwka mit dem Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs trägt nicht, denn es gibt dort sehr wohl mechanisierte Bewegung im Gelände, allerdings ohne größere operative Erfolge zu produzieren, sondern lediglich gewaltige Verluste. Selbstverständlich sind nicht alle russischen Generäle dumm, aber den Mund aufzumachen ist alles andere als weise.

Weil dann die Ablösung droht?

Nehmen wir Iwan Popow, der die 58. Armee der russischen Armee befehligt hat. Er wies auf die unnötigen Verluste und die logistischen Probleme an der Front hin. Zwei Tage später war er seines Kommandos enthoben. Ein anderes Beispiel ist Sergei Surowikin …

… der wegen seiner Brutalität und Skrupellosigkeit auch als "General Armageddon" berüchtigt ist.

Surowikin hatte die Idee, das System an Verteidigungslinien anzulegen, das der Ukraine die Offensive so erschwert hat. Die russischen Soldaten saßen in ihren Gräben, während die Ukrainer sich durch Minenfelder und Gräben kämpfen mussten. Surowikin kam zudem die Zögerlichkeit des Westens zugute, der ukrainischen Armee rechtzeitig massiv Waffen zu liefern, um der Offensive bessere Ausgangsbedingungen zu verschaffen. Dann wurde Surowikin aber abgesetzt, weil dieses Vorgehen Putin zu passiv war.

Der Kreml will Erfolge sehen, keinen Stillstand.

So ist es. Putins Pläne zur Eroberung von Gebieten gehen weit über das hinaus, was er schon hat. Von seinem imperialen Anspruch auf Eroberung ist er keinen Deut abgerückt. Was machen die Russen jetzt also? Sie sitzen nicht etwa in ihren Gräben, sondern sie kämpfen davor. Entsprechend verbluten sie erneut, es ist immer wieder der gleiche Fehler. Für die Ukraine wirkt sich dieses Vorgehen positiv aus, sie zwingt die Russen in die Abnutzung.

Im vergangenen Frühjahr haben Sie prognostiziert, dass der Krieg spätestens im Herbst für Russland verloren wäre. Nun gehen die Kämpfe weiter, auch Verhandlungen sind nicht in Sicht.

Das ist kein Widerspruch. Ich habe damals gesagt, dass Russland den Krieg im Oktober strategisch verloren haben wird. Dass trotzdem weitergekämpft wird, ist kein Widerspruch in der Militärgeschichte. Spätestens 1944 war der Zweite Weltkrieg für das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr zu gewinnen, aber die Kapitulation erfolgte erst im Mai 1945.

Wie kommen Sie aber zu dieser Einschätzung? Russlands Wirtschaft ist trotz des westlichen Handelskriegs intakt, die Armee des Kremls nach wie vor groß und einsatzfähig.

Ich habe gerechnet. Seinerzeit hatte ich den einsatzfähigen Bestand Russlands an Kampfpanzern mit den bereits eingetretenen und zu erwartenden Verlusten verrechnet. Ich habe damals den Juni 2023 als Zeitpunkt berechnet, an dem die einsatzfähige russische Reserve abgenutzt sein würde. Nun ist es etwas später geworden, aber der Zeitpunkt ist nahe.

Sprechen wir über konkrete Zahlen. Was hat Russland noch in der Hinterhand?

Die schwedische Verteidigungsagentur FOI und das britische International Institute for Strategic Studies zählten ursprünglich circa 2.900 einsatzfähige russische Kampfpanzer. Wir haben nun rund 2.400 bestätigte Abschüsse, bei der derzeitigen Abnutzungsrate von fünf Panzern täglich bleiben Putin noch rund 100 Tage, bis der Rest von 500 Kampfpanzern weg ist.

Nun produzieren die russischen Waffenfabriken aber auch neue Panzer. Das sorgt doch für Nachschub?

Richtig. Aber das Verhältnis zwischen Abschüssen und Neuproduktion ist unausgewogen. Russland zehrt bis heute von seinen sowjetischen Reserven, die allerdings zusammenschmelzen. Wenn die erwähnten 500 Kampfpanzer weg sind, muss Putin eingelagerte Panzer älterer Bauart reaktivieren, de facto geschieht das bereits seit einigen Monaten.

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Die aber erst einsatzfähig gemacht werden müssen.

Das macht es richtig schwierig für die Russen. Die Folgen sieht man bereits jetzt an der Front, wo uralte T-55 oder T-62 eingesetzt werden, bis modernere T-80 und T-90 instandgesetzt sind und an die Front geschickt werden. Da Russland nur über die logistische Kapazität für die Instandsetzung von 200 Kampfpanzern pro Jahr besitzt, hilft das der Armee wenig. Bei einer Abnutzungsrate von fünf Panzern pro Tag. Die gleiche Rechnung können Sie für Schützenpanzer, Artillerie und so weiter aufmachen. Russland ist daher unter extremem Zeitdruck, nicht die Ukraine.

Was ist mit den angeblich so bedrohlichen Waffensystemen wie dem Panzer T-14 "Armata"? Es klingt beinahe nach den sogenannten Wunderwaffen des "Dritten Reichs".

Der T-14 ist ein gutes Beispiel. Auf dem Papier klingt er bedrohlich, tatsächlich ist Putins "Superpanzer" eine Lachnummer. Außer großmäuligen Ankündigungen ist bislang wenig passiert in dieser Hinsicht. In solchen autokratischen Regimen gibt einen großen Unterschied zwischen vollmundigen Ankündigungen und der Realität.

In der Wirklichkeit spielt Russland auf Zeit in der Hoffnung, dass ein Machtwechsel im Weißen Haus im nächsten Jahr erfolgen wird.

Wobei die Rechnung des Kremls vielleicht aufgeht. Wer weiß? Wenn die Abnutzungsrate allerdings konstant bleibt und sich die Lage auf dem Gefechtsfeld derart fortsetzt: Dann ist kein Szenario denkbar, wie Russland diesen Krieg gewinnt. Putin führt den Krieg nach dem Prinzip Hoffnung. Dies natürlich unter Annahme, dass die westlichen Waffenlieferungen weitergehen, denn diese sind für die Ukraine unverzichtbar.

Könnte die russische Armee angesichts schwindender Reserven noch einmal alles auf eine Karte setzen, um wieder in die Offensive zu gelangen?

Russlands Generäle haben ein großes Problem. Es geht nicht nur um Fragen der militärischen Führung, sondern auch darum, einem autokratischen Führer zu gefallen, dessen Ziele sich aber mit den derzeit zur Verfügung stehenden Mitteln nicht erreichen lassen.

Zigtausende russische Soldaten sind gefallen oder kriegsversehrt, die demografische Entwicklung des Landes verläuft negativ. Auch durch die Emigration Hunderttausender vor allem junger Menschen. Können die Streitkräfte die Verluste in der Ukraine jemals wieder ausgleichen?

In der russischen Armee zählen Menschenleben nichts. Im Zarenreich hatte man einen Ausdruck für das Reservoir an Menschen, die ins Frontfeuer geworfen wurden: das treue Vieh. Das macht schon einiges deutlich. In der Brussilow-Offensive 1916 während des Ersten Weltkriegs wurden Hunderttausende verheizt, im Zweiten Weltkrieg war es nicht viel anders. Weil zu wenig Gewehre für die vielen Soldaten vorhanden waren, mussten sie warten, bis genug Kameraden gefallen waren. In der Ukraine heute geht Putins Armee nicht viel anders vor. Aber das wird sich noch rächen.

Wie meinen Sie das?

Russland zehrt von seinen Reserven, das betrifft sowohl Material als auch gerade die Menschen. Noch zu Zeiten der Sowjetunion mit ihren rund 280 Millionen Einwohnern konnte man davon ausgehen, dass unbegrenzt Ressourcen zur Verfügung stünden. In der DDR allein stand die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland mit über einer halben Million Mann und über 4.000 Panzern. Wir können beliebig viele Soldaten opfern, am Ende reicht es trotzdem zum Sieg: So lässt sich diese Einstellung zusammenfassen. Die Zeiten haben sich aber geändert, selbst in Russland.

Nun spart der Kreml die Millionenstädte St. Petersburg und Moskau bei der Rekrutierung aus, um keinen Widerstand gegen die Rekrutierungen zu riskieren.

Die Leute wollen nicht mehr richtig mitmachen, ja. Es gibt aber auch andernorts Widerstand gegen die Rekrutierung, Leute setzen sich ab oder stecken die Rekrutierungsbüros in Brand, wo die Unterlagen häufig noch in Papierform verwaltet werden: Verbrennen diese, weiß die Armee nicht mehr, ob jemand herangezogen werden kann. Dazu kommt die Führungsschwäche innerhalb der Armee, ihre Unfähigkeit zu Leistung und die Korruption. Dieser hat Putin auch viele Probleme mit der Armee zu verdanken.

Bitte erklären Sie das.

Korruption ist in Putins Russland an der Tagesordnung, gerade bei der Armee und den Rüstungsbetrieben. Nehmen wir die Produktion oder Instandsetzung von Panzern: Tatsächlich müssten mehr Panzer gebaut oder repariert worden sein, als an der Front in der Ukraine stehen. Das entsprechende Geld steckt in einer Villa in der Türkei oder sonst wo. Dann will Putin aber Leistungsnachweise sehen. Was macht der verantwortliche Direktor der Fabrik? Er fälscht die Zahlen, dann fälscht die Armee die Zahlen und so weiter.

Eine letzte Frage: Vorausgesetzt Donald Trump gewinnt die Wahlen im nächsten Jahr, werden die USA die Ukraine dann tatsächlich fallen lassen?

Das wäre ein großer Fehler. Das Letzte, was ein amerikanischer Präsident zulassen kann, ist eine Steigerung der russischen Macht auf dem eurasischen Kontinent. Eine solche Macht, die diese gewaltige Wirtschaftsmacht und die Zahl an Menschen kontrolliert, wäre brandgefährlich. Das wird die US-Administration auch Trump klarmachen.

Herr Keupp, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Marcus Keupp via Videokonferenz
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