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Russland | Putin: Das verkraftet die russische Männlichkeit gar nicht gut


Das verkraftet die russische Männlichkeit gar nicht gut

Von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 11.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Wladimir Putin 2018 mit Karin Kneissl: Russlands Präsident tanzte auf der Hochzeit der damaligen Außenministerin Österreichs.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin 2018 mit Karin Kneissl: Russlands Präsident tanzte auf der Hochzeit der damaligen Außenministerin Österreichs. (Quelle: Alexei Druzhinin)

In Wien ist Ballsaison, auch reiche Russen schwingen dort das Tanzbein. Denn dabei lassen sich vortrefflich Geschäfte einfädeln, meint Wladimir Kaminer. Wegen des Kriegs müssen Russlands Reiche aber einen Umweg machen.

Das Schöne an Europa ist seine Vielfalt. Überall sind die Menschen mit jeweils anderen Dingen beschäftigt. Während Deutschland streikt, protestiert, demonstriert und neue Parteien wie am Fließband gründet, tanzt Österreich so selbstvergessen, als gäbe es kein Morgen. Die Wiener Ballsaison ist das Hauptthema in den österreichischen Winternachrichten.

Jeden Tag ist hier irgendwo mindestens ein Ball – oder gleich zwei oder drei. Natürlich bekommen der berühmte Wiener Opernball, der Zuckerbäckerball oder der Ball der Philharmoniker die meiste Aufmerksamkeit in der Presse. Doch in Wahrheit gibt es hier Bälle für jedes Gemüt, für jeden Berufsstand und für jede politische Gesinnung. Es gibt den Zahntechnikerball und den Kommunistenball, den Gewerkschaftsball, den Juristenball und den Ball der Offiziere.

(Quelle: Frank May)

Zur Person

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Sein neues Buch "Frühstück am Rande der Apokalypse" ist im August 2023 erschienen.

Es gibt sogar den volkstümlichen Flüchtlingsball mit kostenloser Dirndl-Ausleihe für Geflüchtete: Die Neuankömmlinge müssten die hiesigen Sitten kennenlernen, um das Land zu verstehen. Die Österreicher werden nämlich in die Ballkultur hineingeboren. Sie lernen bereits im Kindergarten Walzer tanzen, jedes Gymnasium hat Tanzunterricht. Tanzen bedeutet hierzulande soziale Kommunikation, man kann weder eine Familie gründen noch Karriere machen, wenn man nicht tanzt. Das haben mir meine österreichischen Freunde erzählt: Wenn Du etwas erreichen willst, musst Du tanzen!

Selbstverständlich sind diese Bälle auch eine beliebte Touristenattraktion – Engländer und Franzosen, Spanier und Amerikaner gehen ebenfalls gerne tanzen. Sie müssen dabei die Trachten und die Fräcke nicht mitbringen oder für teures Geld kaufen. Die Trachten werden meistens ausgeliehen. Man kann sich in Wien alles ausleihen, Lederhose, Dirndl und eine tanzerfahrene Person, die einem die richtigen Tanzschritte beibringt und zur Not auch als Tanzpartner mit zum Ball geht.

Lieber breitbeinig

Auch Russen und Chinesen tanzen in Wien, obwohl sie sich in ihrer Heimat eher schüchtern benehmen und keine Ballausbildung absolviert haben. Die russischen Männer tanzen eigentlich überhaupt nicht. "Walzieren", dieses ständige Herumdrehen, entspricht nicht dem ihnen anerzogenen Bild von Männlichkeit. Der russische Mann, der seiner Geschlechterrolle entsprechen will, soll nicht wirbeln, er kann gerade stehen oder breitbeinig sitzen. Bei den Chinesen ist es hingegen die Angst, in der Öffentlichkeit zu versagen, deswegen sind sie beim Tanzen zurückhaltend.

Doch in Wien tanzten auch sie alle. Die Russen hatten extra einen Russenball und einen Moskauer Ball, die gerne von österreichischen Geschäftsleuten besucht wurden. Die Österreicher haben gerne mit den Russen beim Walzieren krumme Geschäfte gemacht. Hier konnten sich die österreichischen Politiker hüpfend leicht korrumpieren lassen. Angenehm war es früher einmal. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine sind die russischen Bälle allerdings nicht mehr da, obwohl die Russen noch immer gerne nach Wien kommen. Sie müssen allerdings einen Umweg nehmen, fliegen über die Türkei oder Zypern, und verfluchen allesamt den Krieg.

Die Chinesen haben sich derweil den "Mauerblümchenball" in Baden bei Wien ausgeguckt. Dieser Ball ist speziell für schüchterne Menschen gedacht oder für diejenigen, die sich selbst für nicht glamourös genug halten. Da gingen eine Zeit lang die Chinesen hin. Beim Mauerblümchenball ist auch der Dresscode nicht zu streng. Sonst wird bei derartigen Veranstaltungen genau kontrolliert, besonders bei den Männern. Da kann jemand nach Hause geschickt werden, nur weil er eine Fliege statt einer Krawatte trägt oder seine rosa Lederhose nicht zu den grünen Socken passt.

Ich selbst wurde zum 101. Jägerball eingeladen. Der Jägerball ist in seiner Wichtigkeit kaum zu übertreffen, die ganze österreichische Regierung war anwesend, dazu die Hauptjäger des Landes. Die Hofburg wurde dazu sorgfältig mit ausgestopften Nagetieren dekoriert. Vor dem Eingang standen lautstark demonstrierende Jugendliche mit Bambi und Hasen auf ihren Plakaten und schrien "Jäger, verpisst Euch".

Wer tanzen will, muss leiden

Eine Menge Zeug musste ich mir ausleihen, um hineinzukommen, den grünen Jagdsmoking, die Stutzen, die Lederhose, die Jägerschuhe und die Jägerkrawatte, mit einem Wort: alles bis auf die Unterhose. Das Kostüm wog gut zehn Kilo. Ein Glück, dass die Jäger ohne Gewehre zum Ball gehen, dachte ich. Ich war auch ohne Gewehr in der ganzen Montur kaum tanzfähig.

Der Ball begann mit unzähligen Reden der Politiker, die alle die Jäger lobten. Ohne die Jäger wäre die ganze ökologische Balance in der Heimat längst kaputtgegangen, das Land wäre nur noch von Hasen und anderen Nagetieren bewohnt. "Aber zum Glück sorgen unsere 130.000 Jäger dafür, dass Österreich eine gesunde Balance hat, zwischen den Jägern und den Gejagten", sagte der Hauptjägermeister und eröffnete den Ball, mit einem Walzer von Joseph Haydn. "Der nämlich auch mal mit nur einem Schuss drei Hasen erledigen konnte", so der Hauptjägermeister.

Ich war überrascht und etwas verwirrt. In meinem Deutschland kenne ich den Jägermeister nur als Getränk, und die Vorstellung, dass Haydn drei Hasen mit einem Schuss tötete, ließ seine fröhliche Musik in meinen Ohren ganz anders klingen: traurig pompös, als eine "Ode an die erschossenen Hasen". Die Mitternachtsquadrille hat mir dann den Rest gegeben.

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