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Syrischer "Tom Hanks" am Flughafen festgenommen – Malaysia plant Abschiebung

Malaysia plant Abschiebung  

Syrischer "Tom Hanks" am Flughafen festgenommen

Von Sarah Thust

06.10.2018, 11:50 Uhr
Gestrandeter Flüchtling Hassan Al Kontar am Flughafen verhaftet (Quelle: Twitter)
Gestrandeter Flüchtling am Flughafen verhaftet

Seine Geschichte sorgte weltweit für Schlagzeilen: Hassan Al Kontar hing seit über sechs Monaten auf dem Flughafen in Kuala Lumpur fest.

Sitzt seit sechs Monaten fest: Der "gestrandete" Flüchtling Hassan Al Kontar ist am Flughafen verhaftet worden, seine Geschichte sorgte weltweit für Schlagzeilen. (Quelle: t-online.de)


Sie nennen ihn "Tom Hanks" oder den "Terminal-Man": Der Syrer Hassan al Kontar saß knapp sieben Monate an einem Flughafen in Malaysia fest. Nun wurde er festgenommen. Er soll nach Syrien abgeschoben werden, wo ihm hohe Strafen drohen.

Knapp sieben Monate lang hat Hassan auf einer Isomatte im Terminal des Flughafens in Malaysia übernachtet. Drei Mahlzeiten am Tag bekam er von einer Fluggesellschaft –  jeden Tag gab es Huhn und Reis. Tagsüber wälzte er Gesetzestexte, wie er sich wohl aus dem Flughafen befreien könnte. Nachts konnte er oft nicht schlafen, weil neben ihm Passagiere rumorten. Alle paar Minuten hallten die immer gleichen Ansagen durch die Lautsprecher. 

Doch Anfang dieser Woche steht plötzlich die Polizei vor dem Flüchtling aus Syrien. Mitten in der Nacht führen sie ihn ab. Am nächsten Tag sagt Mustafar Ali, Generaldirektor der Einwanderungsbehörde von Malaysia, in einer Pressekonferenz: "Wir werden mit der syrischen Botschaft zusammenarbeiten, um ihn abzuschieben. ... Dieser Mann hat unser Land beschämt."

Hassan al Kontar hat regelmäßig über seine Situation auf Twitter berichtet. In Dutzenden Videos erzählte er, wie es ihm geht – und gibt dabei vielen Menschen Hoffnung. Schließlich kämpft er für seine Freiheit. Er kritisiert auch jene, die ihm keine Chance geben wollten. "Ich suche nur einen Ort, an dem ich leben, arbeiten und legal sein darf", sagt er in einem seiner Videos.  


Wer ist Hassan al Kontar?

Hassan al Kontar ist 37 Jahre alt und kommt aus einer Kleinstadt nahe Suweida in Südsyrien. Seine Heimat wurde vom Krieg zwar weitgehend verschont, doch der Syrer musste trotzdem flüchten. Hassan hat die Wehrpflicht verweigert, was dort mit Folter oder Gefängnis bestraft wird.

Der Syrer hat Glück im Unglück: Er kann sich rechtzeitig in die Vereinigten Arabischen Emirate absetzen. Dort baut er sich ein zweites Standbein auf – zunächst als Versicherungskaufmann. Später arbeitet er in der Geschäftsentwicklung für Solarunternehmen. Das geht gut, solange er einen gültigen syrischen Reisepass hat.

Im Januar 2012 weigert sich die syrische Botschaft, Hassans Reisepass zu verlängern. Er verliert seine Aufenthaltserlaubnis in den Emiraten, wird gekündigt und muss ausziehen. Da taucht er ab. Rund fünf Jahre schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. 

Warum ist er am Flughafen gestrandet?

Im Oktober 2016 fliegt er auf – und wird verhaftet. Während er in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Gefängnis sitzt, stirbt sein Vater in Syrien. Obwohl er seine Eltern vermisst, hat Hassan nun Angst, dass er nach Syrien zurück muss. Doch diese Gefahr droht vorerst nicht.

Schließlich bekommt Hassan al Kontar doch einen neuen, syrischen Reisepass. Der ist allerdings nur zwei Jahre gültig – bis zum 24. Januar 2019. Trotzdem wird der Syrer wenig später nach Malaysia abgeschoben. Sein Visum in Malaysia ist nur drei Monate lang gültig, arbeiten darf er nicht. Er hat auch kein Bleiberecht, da Malaysia die Genfer Flüchtlingskonvention nie unterschrieben hat. 

Hassan al Kontar nutzt die Zeit für Recherchen, sucht einen Ausweg. Er findet heraus: Als Flüchtling aus Syrien, der mit dem Flugzeug reisen muss, hat er nicht viele Möglichkeiten. Er will es in Ecuador versuchen, das Land hat die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. Nach seiner Ankunft könnte er sich direkt als Flüchtling melden und nach Bearbeitung des Asylantrags anfangen zu arbeiten.

Das Problem jedoch: Es gibt keinen Direkflug nach Ecuador, Hassan al Kontar muss über Istanbul fliegen. Mit allen nötigen Papieren im Gepäck fährt er am 28. Februar zum Flughafen in Kuala Lumpur. Doch Turkish Airlines macht Hassan einen Strich durch die Rechnung: Ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft verweigert dem Syrer das Einsteigen – ohne Begründung. Hassans Versuch, nach Kambodscha auszureisen, scheitert ebenfalls. Damit ist auch der letztmögliche Ausweg gestrichen. Er sitzt fest.

Hoffen auf Kanada: Im Moment gibt es für Hassan al Kontar nur eine Perspektive. Eine Gruppe von Aktivisten hat ihre Stimme in Kanada erhoben. Sie haben ihm einen Job, eine Wohnung und das nötige Startkapital besorgt. Am 26. April haben sie Hassans Einreise als Flüchtling beantragt. Doch die Bearbeitung solcher Anträge dauert im Schnitt zwei Jahre. Eine Petition soll den Prozess beschleunigen – bislang ohne Erfolg.

Hoffnung, Humor und Optimismus

"Politiker, Botschaften, Hilfsorganisationen, Journalisten – ich habe sie alle kontaktiert", sagt Hassan al Kontar. "Und? Nichts ist passiert." Darum habe er angefangen, sich selbst am Flughafen zu filmen. Inzwischen hat Kontar schon Dutzende Videos auf Twitter hochgeladen, wo er mehr als 14.800 Follower hat. Manche Fans komponieren sogar Lieder oder malen Bilder für den Syrer.

Selbst in seiner scheinbar ausweglosen Situation bewahrt der Syrer seinen Humor. Er hat sich laut eigenen Angaben bei der Nasa beworben, weil man ihn "auf der Erde offenbar nirgendwo haben will". Er geht am Flughafen mit seinem Kuscheltier "Miss Crimson" spazieren oder zeigt sein Fitnesstraining auf der Rolltreppe. Sogar einen Einblick in die bevorstehende Hochzeit seines Bruders hat er gegeben, die wegen Terroranschlägen abgesagt werden musste. 

Viele Menschen würden ihn fragen, wie er so optimistisch bleiben könne. "Hoffnung ist die Quelle für alles", erzählt Hassan in einem YouTube-Video. "Es ist hart, es ist einsam und es macht mich wütend. Aber ich habe ein Ziel und das will ich erreichen." Er wolle die Welt darauf aufmerksam machen, dass Flüchtlinge zuerst Menschen sind, die Schutz suchen. Stattdessen würden sie oft diskriminiert und weggeschickt. "Wie die anderen bin ich kein böser Mensch. Ich will nur irgendwo leben, arbeiten und mich integrieren", sagt er.

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