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"Ein Krieg kann einen Flächenbrand auslösen"

Von Ali Vahid Roodsari

Aktualisiert am 14.06.2019Lesedauer: 4 Min.
Einer der mutmaßlich angegriffenen Öltanker im Golf von Oman: Die USA beschuldigen den Iran, die Schiffe angegriffen zu haben. Der Iran weist den Vorwurf zurück.
Einer der mutmaßlich angegriffenen Öltanker im Golf von Oman: Die USA beschuldigen den Iran, die Schiffe angegriffen zu haben. Der Iran weist den Vorwurf zurück. (Quelle: ISNA/Reuters-bilder)
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Der Konflikt zwischen den USA und Iran droht zu eskalieren. Im Interview erklärt Politologe Sascha Lohmann, was die Eskalation für die Region bedeutet und wie wahrscheinlich ein Krieg ist.

Am Donnerstag wurden zwei Tanker im Golf von Oman angegriffen. Die USA machen Iran für die Attacken verantwortlich, Teheran weist die Vorwürfe zurück. Gleichzeitig versuchen die USA, die Schuld des Iran mit einem veröffentlichten Video zu beweisen.


Tanker im Golf von Oman in Flammen: Die Bilder

Angebliche Mine am Rumpf des Schiffs "Kokuka Courageous": Mit diesem Bild versucht das US-Militär zu belegen, dass am Tanker einer japanischen Firma eine Haftmine angebracht wurde.
Auch mit mehr Zoom zeigt das Bild zunächst nur eine Erhebung am Schiffsrumpf. Ob es sich dabei wirklich um eine Mine handelt und wenn ja, wer sie angebracht hat, ist derzeit unklar.
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Wie der Konflikt weitergeht, ist bisher nicht abzusehen. Im Interview erklärt der Wissenschaftler Sascha Lohmann, was die Angriffe bedeuten könnten, wie die Anschuldigungen gegen Iran einzuschätzen sind und was ein Krieg für die Region bedeuten könnte.

t-online.de: Herr Lohmann, am Donnerstag wurden zwei Tanker im Golf von Oman mutmaßlich attackiert. Die USA haben den Iran beschuldigt. Was halten Sie von der Situation?

Sascha Lohmann: Durch die Attacken auf die Öltanker zeigt sich ein Fall, der abzusehen war: Nämlich, dass der Iran und die USA sich in einer Eskalationsspirale befinden. Wer für den Angriff verantwortlich ist, weiß derzeit aber keiner. Die USA haben zwar den Iran beschuldigt, die vorgelegten Beweise – beispielsweise das Video – sind bisher nicht eindeutig. Letztendlich wird der Fall vielleicht nie geklärt werden.

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Was halten Sie von den Anschuldigungen gegen den Iran?

Der Iran ist durch die US-Sanktionen gegen iranisches Erdöl sehr stark unter Druck gesetzt. Zudem verkündete Präsident Hassan Rohani erst im Mai, dass, wenn der Iran kein Öl exportieren könne, sollten es andere auch nicht tun. Viele Analysten vermuten darum, dass der Iran mit dem Angriff auf die Tanker asymmetrisch zurückgeschlagen haben könnte. In einer symmetrischen Konfrontation mit dem US-Militär würde das Land nämlich den Kürzeren ziehen. Aber dadurch, dass wir keine Beweise für die eine oder andere Richtung haben, ist das alles Spekulation.

Sascha Lohmann ist Politikwissenschaftler an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und forscht dort unter anderem zum US-amerikanisch-iranischen Verhältnis
Sascha Lohmann ist Politikwissenschaftler an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und forscht dort unter anderem zum US-amerikanisch-iranischen Verhältnis (Quelle: SWP)

Welche Interessen verfolgen die Konfliktparteien – USA, Iran und Saudi-Arabien – denn in der Region?

Die USA verlangen vom Iran, dass sich dessen Führung den Forderungen vom Mai 2018 unterwirft und seine Atompolitik grundlegend ändert. Auch soll das Land seine Regionalpolitik in Syrien, Libanon oder dem Irak ändern. Das versuchen die USA mit sehr scharfen Sanktionen zu erreichen. Der Iran hat das Interesse, weiterhin Öl zu exportieren. Gerade im Juni sind die Exporte aufgrund der US-Sanktionen stark eingebrochen. Die Öl-Exporte gehören zu den Haupteinnahmequellen des Landes. Saudi-Arabien befindet sich in einer hegemonialen Auseinandersetzung mit dem Iran. Der Golfstaat hat vor allem ein Interesse an einem höheren Ölpreis, den die Krise verursacht hat. Die Führung in Riad hat wohl auch Interesse daran, dass der Iran durch die Sanktionen wirtschaftlich geschwächt wird.

Mit dem Angriff auf die Tanker scheint die Lage zu eskalieren. Wäre ein Krieg in der Region möglich?

Grundsätzlich hat keine Seite Interesse an einem Krieg. Präsident Trump selbst hatte betont, dass er keinen Krieg will und seinen Nationalen Sicherheitsberater mäßigt. Dass ein US-Flugzeugträger an in den Persischen Golf verlegt wurde, ist eher business as usual. Dennoch können unvorhergesehene Ereignisse jederzeit dazu führen, dass es doch zu einer unkontrollierbaren Eskalation kommt, indem Entscheidungen unter Zeitdruck und auf Grundlage mangelnden Informationen getroffen werden müssten. Zudem gibt es auf beiden Seiten ein tiefes Misstrauen. Es fehlen direkte diplomatische Kanäle, die im Fall einer Eskalationsspirale deeskalierend wirken. Es gibt nur Vermittlungsbemühungen von Dritten wie Japan. Aber die scheinen auch nicht weit gediehen zu sein.

Sie sagen, dass Trump keinen Krieg möchte. Aber der US-Präsident ist dafür bekannt, schnell seine Meinung zu ändern. Kann man seinen Worten trauen?

Ich glaube, man kann schon sagen, dass er kein Interesse an einem Krieg im Nahen und Mittleren Osten hat. Wenn jedoch US-Truppen in der Region attackiert und dazu eine Verbindung mit der iranischen Führung hergestellt würde, wäre es für Trump sehr schwierig, nicht zu reagieren. Hier befände sich der Präsident unter Handlungsdruck und müsste zwischen einem Militärschlag oder einem Gesichtsverlust entscheiden, falls er sich zurückzieht.

Welche Rollen könnten Deutschland oder Europa zur Entschärfung der Situation spielen?

Heiko Maas war neulich in Teheran. Da hat man gesehen, dass sowohl die deutsche als auch die europäische Seite relativ wenig Einfluss haben. Europa versucht, mit der Zweckgesellschaft INSTEX die europäischen Unternehmen vor US-Sanktionen zu schützen. Aber da handelten die Europäer zu langsam und der Iran profitiert wirtschaftlich wenig von dem Vorgehen. Die Europäer haben sich ein Stück weit selbst aus dem Spiel genommen, indem sie dem Iran gezeigt haben, dass sie gar nicht so viel anbieten. Dadurch sind die Iraner von den Europäern sehr enttäuscht.


Der Iran weist die US-Vorwürfe zurück und bezeichnet den Angriff sogar als "False-Flag-Operation". Was halten Sie von der Sache?

Es gibt viele, die jetzt auf die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak verweisen, die den Irak-Krieg 2003 auslösten, und von manipulierten Beweisen sprechen. Ich glaube aber nicht, dass die US-Administration – abgesehen von John Bolton – ein großes Bedürfnis hat, Krieg zu beginnen. Die USA wissen, dass der Iran nicht der Irak ist und eine Attacke auf den Iran eine viel schwierigere Operation wäre.

Wie meinen Sie das?

Der Iran hat viel mehr Einwohner als der Irak. Die USA bräuchten wesentlich mehr Truppen im Einsatz. Der Iran besitzt zudem russische S300-Flugabwehrraketen, kann Cyberangriffe starten oder den Persischen Golf blockieren. Der Iran könnte auch Gruppierungen im Nahen Osten aktivieren, die US-Truppen in Syrien oder dem Irak angreifen und US-Verbündete bedrohen. Das würde zu einer unkontrollierbaren Eskalationsspirale führen. Es kann so zu einem Flächenbrand kommen, der sich bis nach Israel auswirkt.

Herr Lohmann, vielen Dank für das Gespräch.

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