Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Die Rechthaber umzingeln uns

Von Gerhard Spörl

Aktualisiert am 11.03.2019Lesedauer: 5 Min.
Die Rechthaber: Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine sind darin besonders geĂŒbt, meint Kolumnist Gerhard Spörl.
Die Rechthaber: Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine sind darin besonders geĂŒbt, meint Kolumnist Gerhard Spörl. (Quelle: Boillot/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Rechthaber sitzen in Talkshows und tun so, als ob sie die Wahrheit gepachtet hĂ€tten – zum Beispiel zum Thema Wohnungskrise. Die Meinung der Anderen wird ignoriert. Wir tĂ€ten gut daran, auf solche Leute nicht hereinzufallen.

Vor ein paar Tagen sah ich eine Talkshow im Fernsehen, in der fĂŒnf Menschen sagen durften, wie sie eines der grĂ¶ĂŸten Probleme unserer großen StĂ€dte lösen wollen: die steigenden Miet- und Baukosten. Gutes Thema, dachte ich, mal reinhören. Interessante Leute, dachte ich auch: ein Juso-Vorsitzender, ein Berliner Mietaktivist (das ist inzwischen eine Berufsbezeichnung), ein reicher Schönheitschirurg, eine eher junge Unternehmerin und zwei Journalisten (eine von der "taz", einer von der "FAS"). Ein bunter Reigen mit Sandra Maischberger als Moderatorin.

Jeder der fĂŒnf verstand einiges von der Sache und redete kenntnisreich darĂŒber. Jeder von ihnen beschwor die Dramatik, die im Mieten und Bauen steckt sowie Folgen fĂŒr das soziale GefĂŒge in StĂ€dten. Jeder war von seiner Meinung ĂŒberzeugt und legte aggressive Schwermut in die Stimme, sobald er auf die törichte Meinung der anderen zu sprechen kam. Jeder war im Besitz der Wahrheit und hielt seine Gegner fĂŒr hummerhafte Ideologen.

Keiner hörte dem anderen zu

FĂŒnf Menschen, fĂŒnf GebetsmĂŒhlen. Jeder redete fĂŒr sich und wusste genau, wer in der Runde ihm beipflichten wĂŒrde. Jeder blieb unbeirrt von EinwĂ€nden der anderen bei seiner Meinung. Jeder war sein eigener Rechthaber und fĂŒhlte sich wohl dabei. Keiner hörte dem GesprĂ€chspartner aus dem anderen Lager zu – sie warteten stattdessen starren Gesichts oder schĂŒttelnden Kopfes so lange ab, bis der mit der falschen Meinung fertig war, oder fielen ihm gleich ins Wort. Nicht sehr ergiebig.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
TĂ€ter kam schwer bewaffnet in die Schule
SpezialeinsatzkrÀfte: Der TÀter war am Morgen ins OberstufengebÀude der Schule eingedrungen.


Ich mag Talkshows, ich mag "Menschen bei Maischberger", ich mag auch entschiedene Meinungen – aber ich mag keine Rechthaber, die immer nur im eigenen Saft schmoren. Man muss kein Philosoph sein, um zu wissen, dass die meisten Probleme unserer Zeit zu komplex fĂŒr schlichte Wahrheiten sind, egal ob sie von Politikern oder Schönheitschirurgen vorgetragen werden. Das wissen sogar diese Rechthaber, die nicht zufĂ€llig Apokalyptiker sind.

Um ihre Überzeugungen zu unterstreichen, verweisen sie notorisch auf die schlimmen, wirklich schlimmen Auswirkungen, wenn das andere Lager machen darf, was es machen will: Enteignungen, schrien der Chirurg, die Unternehmerin und der "FAS"-Journalist, sind Sozialismus und zerstören die Demokratie. Und die Freunde der Enteignungen schrien zurĂŒck: Wer dem freien Markt freien Lauf lĂ€sst, lĂ€sst in Wirklichkeit profitgierigen Konzernen die Freiheit zur Profitmaximierung.

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

Rechthaber waren schon immer unter uns. Oskar Lafontaine war ein Prachtexemplar an Rechthaberei und ĂŒberschĂ€tzte sich so konsequent, dass er die SPD verließ. Friedrich Merz scheiterte zweimal an Frauen, weil er viel zu große StĂŒcke auf sich hielt. Diese Art SelbstgefĂ€lligkeit geht immer einher mit Rechthaberei. Sie verleitet zur GeringschĂ€tzung der Konkurrenten, ob sie Gerhard Schröder oder Annegret Kramp-Karrenbauer heißen. Die selbstbewussten Pragmatiker sind wirklichkeitsnĂ€her als die Rechthaber und insofern auch klĂŒger.

Die Rechthaber haben seit einiger Zeit Zulauf. Inzwischen umzingeln sie uns. Alice Weidel und ihre Freunde sind begnadete Fetischisten der Wahrheit, die sie exklusiv verwalten. Die Neue Rechte hĂ€lt aber kein Monopol auf die Rechthaberei, denn auch am anderen Ende der Extreme gibt es ein Faible dafĂŒr. Sarah Wagenknecht bei der Entfaltung des Kosmos zuzuhören – in dessen Zentrum sie selber steht – ist ein begrenztes VergnĂŒgen. Menschen wie sie haben immer nur so lange recht, wie sie reden. SpĂ€testens wenn sie fertig sind, fĂ€llt uns alles ein, was gegen ihre Argumente spricht.

Journalisten sollten es besser wissen

Der Trend zur Rechthaberei findet sich ĂŒberall, auch in den Talkshows. Deshalb sind solche Sendungen lehrreich, egal, ob sie die ARD oder das ZDF ausstrahlen. Wahrscheinlich hoffen verantwortliche Redakteure sogar darauf, dass sich GĂ€ste beharken oder bekriegen. Das mag sinnvoll gewesen sein, als zu viel Harmonie in der Politik herrschte, zu viel Konsens, zu viel alte Republik. Inzwischen tummeln sich Rechthaber ĂŒberall, auch unter den geladenen Journalisten. Die sollten am besten wissen, dass komplexe Sachverhalte zu reduzieren nicht zur Wahrheit fĂŒhrt, sondern nur zu einseitigen Behauptungen.

NatĂŒrlich gehört Mieten und Bauen in den großen StĂ€dten zu den komplexen Problemen. Wie wir miteinander leben, ob in Gettos oder sozial bunten Vierteln, hĂ€ngt von der Wohnungspolitik ab. Ob unsere StĂ€dte unwirtlich oder wirtlich sind, ist eine Folge falscher oder richtiger Entscheidungen der Regierungen. Ob in Berlin bald schon VerhĂ€ltnisse herrschen werden wie in London oder New York, kann uns nicht egal sein. Kein Wunder, dass in den StĂ€dten ein Kulturkampf tobt, der in Berlin sogar in ein Volksbegehren zur Enteignung eines Wohnungsbaukonzerns mĂŒnden soll, das der Mietaktivist in "Menschen bei Maischberger" kĂŒhl verteidigte.

Eine Stadt muss aktiv werden

Jede vernĂŒnftige Stadtregierung wird dafĂŒr sorgen, dass ihr mehrere Möglichkeiten bleiben. Warum sollte sie nicht enteignen, wenn freie GrundstĂŒcke dauerhaft brach liegen bleiben, bis die Preise dafĂŒr ins Horrende steigen und sich das Bauen richtig lohnt? Oder warum sollte sie nicht eine höhere Bodensteuer erheben fĂŒr derartige Spekulationsobjekte? In den Zeiten von Niedrigzinsen sucht reichlich Kapital eine Anlage in Immobilien mit aussichtsreicher Rendite. Das ist nun mal so, das ist Kapitalismus. Aber eine Stadt, die dabei nur passiv bliebe, wĂŒrde einen unverzeihlichen Fehler begehen.

Auch Milieuschutz wie in Kreuzberg ist nicht zu verachten. Dazu gehört, dass sich die Kommune ein Vorkaufsrecht fĂŒr HĂ€user vorbehĂ€lt oder Auflagen fĂŒr Sanierungen vorschreibt. SelbstverstĂ€ndlich zĂ€hlt sozialer Wohnungsbau zum Instrumentarium einer Stadtregierung. Genauso wie die Mietbremse, wie dichter gebaute StraßenzĂŒge oder wie aufgestockte Etagen auf HĂ€usern.

Ziemlich viele Möglichkeiten fĂŒr eine wachsende Stadt, die Dinge einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Sie muss es nur wollen. Sie muss es nur machen.

Mieten in Deutschland: Mietpreise in den GroßstĂ€dten sind in den letzten Jahren explodiert.
Mieten in Deutschland: Mietpreise in den GroßstĂ€dten sind in den letzten Jahren explodiert. (Quelle: T-Online-bilder)

Vor einigen Wochen veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat, der den Bundeswirtschaftsminister berĂ€t und sozialistischer Anwandlungen unverdĂ€chtig ist, eine Studie "Soziale Wohnungspolitik". Darin sind SĂ€tze zu finden, die Rechthabern wie dem Schönheitschirurgen und der Unternehmerin in der Talkshow nicht gefallen können. Zum Beispiel dieser Satz: "Es fragt sich daher, ob der Marktmechanismus in der Lage ist, die Anpassung des Wohnungsangebots an die geĂ€nderte Nachfrage zu bewerkstelligen, und in welcher Weise wohnungspolitische Instrumente des Staates diese Anpassung unterstĂŒtzen oder behindern können."

Loading...
Loading...
Loading...


Das meint: Der Markt allein richtet es bestimmt nicht und der Staat muss in jedem Fall mitmischen. Im Grunde eine SelbstverstÀndlichkeit, die dummerweise im Redeschwall unserer Rechthaber untergeht.

Jede Regierung ist gut beraten, wenn sie sich Optionen vorbehĂ€lt, damit sie flexibel auf wandelnde UmstĂ€nde reagieren kann. Und wir sind gut beraten, wenn wir nicht auf Rechthaber hereinfallen, nur weil sie glasklare Meinungen vertreten – unabhĂ€ngig davon, ob sie in Talkshows sitzen, Volksbegehren organisieren oder fĂŒr die AfD in Parlamenten sitzen.

Anmerkung der Redaktion: In einer frĂŒheren Textversion war versehentlich von Niedrigsteuern die Rede. Gemeint sind natĂŒrlich Niedrigzinsen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Themen
Friedrich MerzGerhard SchröderOskar LafontaineSPDSahra WagenknechtSandra MaischbergerTalkshow
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website