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Wird soziale Gerechtigkeit zum LadenhĂŒter?

t-online, David Heisig

Aktualisiert am 19.05.2017Lesedauer: 3 Min.
Katharina Nocun, Volker Kauder, Marcel Fratzscher, Maybrit Illner, Elisabeth Niejahr, Thomas Oppermann, Michael HĂŒther (v.l.)
Katharina Nocun, Volker Kauder, Marcel Fratzscher, Maybrit Illner, Elisabeth Niejahr, Thomas Oppermann, Michael HĂŒther (v.l.) (Quelle: ZDF und Jule Roehr)
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Drei Landtagswahlen 2017 sind durch, die Parteien sondieren ihre Chancen, die SPD ist angeschlagen. Illners Runde diskutierte daher ĂŒber die Zukunft im Bund: Merkel oder Schulz? Das war hier die Frage. Eigentlich.

Die GĂ€ste

‱ Elisabeth Niejahr, Wirtschaftsjournalistin
‱ Katharina Nocun, BĂŒrgerrechts- und Netzaktivistin
‱ Marcel Fratzscher,, Deutsches Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung
‱ Michael HĂŒther, Institut der deutschen Wirtschaft
‱ Volker Kauder (CDU), Fraktionsvorsitzender im Bundestag
‱ Thomas Oppermann (SPD), Fraktionsvorsitzender im Bundestag

Das Thema

Schnell wurde klar: Um die Personen sollte es nicht alleine gehen. Zwar eröffnete Illner den Reigen mit der These, die SPD könne nicht mit dem Schulz-Vertrauensvorschuss umgehen, andererseits ruhe sich die Kanzlerin auf ihrer Bilanz aus. Aber da huschte schon ein weiteres Thema durch die Reihen. Erste Statements der Diskutanten wiesen den Pfad. Oppermann sprach von „mehr Netto vom Brutto“, HĂŒther davon, „die Schwachen zu stĂ€rken, Starke stark zu lassen“ und Fratzscher forderte mehr Chancengleichheit. Genau! Es sollte um soziale Gerechtigkeit gehen.

Die Fronten

FĂŒr Illner eigentlich ein LadenhĂŒter. Prompt wurde ein Einspieler gezeigt. Mit Schulz im Superman-KostĂŒm, der im „Mid-Season-Sale“ diese ganzen LadenhĂŒter verkaufen mĂŒsse. Dabei sei „nicht mal Schlussverkauf“. NRW, Schleswig-Holstein, Saarland: im Filmchen alle wegen Inventur geschlossen. Dabei habe das SPD-Angebot so verlockend geklungen.

Oppermann musste ob solch ĂŒberspitzter Einlage erst einmal schlucken. Soziale Gerechtigkeit sei kein LadenhĂŒter. „Alle Menschen, die hart arbeiten“ sollten „an der wirtschaftlichen Entwicklung dieses Landes teilhaben“, so der SPD-Mann. Ein Punkt, den auch Niejahr so sah. Wenn der wirtschaftliche Deutschlandmotor brumme, könne man daran denken, ÜberschĂŒsse zu verteilen. Kauder verpasste nicht, die von Wolfgang SchĂ€uble ins Spiel gebrachten 15 Milliarden Steuerentlastung zu betonen.

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HĂŒther bremste jedoch die Hoffnungen auf Geldregen. Die UnwĂ€gbarkeiten der weltwirtschaftlichen Lage zwĂ€ngen zum Sparen. Man mĂŒsse „dann wenn die Sonne scheint“ erklĂ€ren, dass „wir Dacharbeiten vornehmen“. Fratzscher konterte umgehend: 70 Prozent der Deutschen fĂ€nden die soziale Ungerechtigkeit zu hoch, das Drittel mit den geringsten Löhne habe weniger als vor 20 Jahren. In höhere Chancengleichheit und Qualifikation mĂŒsse mehr investiert werden.

Aufreger des Abends

Er und Oppermann brachten ins Spiel, dass 40 Prozent der unteren Einkommensgruppen nichts von der wirtschaftlichen Entwicklung hĂ€tten. GewĂŒrzt wurde das ganze durch zwei Kurven aus Fratzschers Institut, die belegen sollten, dass die Reallöhne der Geringverdiener gesunken seien. HĂŒther hakte umgehend ein. Welche Menschen in diesen 40 Prozent erfasst seien, fragte er. Der Vergleich hinke. Viele aus dieser Gruppe seien vor dem Vergleichszeitraum 2000-2005 gar nicht erwerbstĂ€tig gewesen.

Oppermann echauffierte sich: Es sprĂ€che nichts dagegen, dass – unbeachtlich der Tatsache wen diese Bevölkerungsgruppe umfasse – diese BĂŒrger auch höhere Löhne bekĂ€men. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Lohnentwicklung der unteren Einkommen negativ gewesen sei. HĂŒther versuchte die Zahlen des Kollegen zu widerlegen. Diese seien aufgrund der nicht definierbaren 40 Prozent nicht aussagekrĂ€ftig.

Höhe- und Tiefpunkte des Abends

Trotz des ZahlengeplĂ€nkels glich die Sendung keiner Achterbahnfahrt. Eher einem Karussell, auf dem sich manches, aber nicht jedes Pferdchen wĂ€hrend der Fahrt hoch und runter bewegt. Die Runde ließ es gemĂ€chlich angehen. Man war sich einig. Zwischen Kauder und Oppermann passierte gar nichts. Der Unionsmann durfte ab und zu aufzĂ€hlen, was die Union in der Legislaturperiode alles erreicht hat. Oppermanns Aufgabe dagegen war es zu erklĂ€ren, warum Schulz weiter HoffnungstrĂ€ger der Partei sei und man jetzt wieder Fahrt aufnehme.

Zum GlĂŒck gab es noch ein paar weitere lustige Einspieler, die das ganze auflockerten. Einer mit Pelz tragenden Frauen. Das sollte zeigen, wie gut es den oberen Zehntausend in Deutschland geht. Oder ein anderer mit der Bundeskanzlerin, deren „Hosenanzug sitzt“ und die in Deutschland eine „WohlfĂŒhloase gegen Brexit und Trump“ aufgemacht habe. Hatte was von „Extra 3“.

Was schade war

Dabei wĂ€ren es die Damen gewesen, die der Sendung ein bisschen mehr Esprit hĂ€tten verpassen können. Niejahr hĂ€tte mehr Reibungspunkte in der Diskussion liefern können, als die wenigen, die ihr als Illners Sidekick vergönnt waren. Etwa der, dass „reale Gerechtigkeitspolitik keine Portemonnaie-Politik“ sei.

Nocun kam zu spĂ€t in die Runde. Sie konfrontierte Oppermann jedoch umgehend mit der These, die SPD setze auf das „alte Gesicht“ Schulz und vergraule junge Leute mit hinteren ListenplĂ€tzen. Oppermann konnte da nur irritiert bemerken, er wisse gar nicht „von welchen Dingen sie reden“. Immerhin seien durch den Schulz-Effekt 18.000 neue Leute in die SPD eingetreten.

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Illner und die Runde verpassten es, Nocuns Blick auf reale Schicksale in die Diskussion zu integrieren. Das wĂ€re spannend gewesen. Immerhin kam der Satz des Abends von ihr. LeistungstrĂ€ger in der Gesellschaft seien nicht Banker in Frankfurt, sondern die „Krankenschwester, die die Oma“ pflegt. „Wie diese Menschen entlohnt werden“, das sage mehr â€žĂŒber den Zustand der Gerechtigkeit aus, als jedes SPD- oder Unions-Wahlprogramm“. DafĂŒr gab es vom Publikum den stĂ€rksten Applaus.

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