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"Markus Lanz" zu Afghanistan: "Kolossale Fehleinschätzung der Bundesregierung"

"Markus Lanz" zu Afghanistan  

Stephan Weil räumt "kolossale Fehleinschätzung" der Regierung ein

Eine TV-Kritik von Christian Bartels

25.08.2021, 03:11 Uhr
"Markus Lanz" zu Afghanistan: "Kolossale Fehleinschätzung der Bundesregierung". Stephan Weil (Archivbild): Der SPD-Ministerpräsident äußerte Kritik an der Afghanistan-Politik der Bundesregierung. (Quelle: imago images)

Stephan Weil (Archivbild): Der SPD-Ministerpräsident äußerte Kritik an der Afghanistan-Politik der Bundesregierung. (Quelle: imago images)

Markus Lanz stieg nach der Sommerpause in die Diskussion um das deutsche Debakel in Afghanistan ein. Der niedersächsische SPD-Ministerpräsident sieht Fehler auch bei seinen Parteikollegen.

Nur zwei kurze Wochen machte Markus Lanz Sommerurlaub, und ausgerechnet in dieser Zeit brach die wenn nicht größte, dann am schnellsten eskalierte Krise der aktuellen Bundesregierung aus. Klar, dass es in Lanz' erster Talkshow nach der Pause um "das beschämende Ende des deutschen, amerikanischen, westlichen Engagements" in Afghanistan ging, wie Lanz es nannte. Ums Thema Corona ging es dann auch – so, als sei der Moderator gar nicht weg gewesen.

Die Gäste:

  • Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen
  • Claudia Peppmüller, von der Bundeswehr aus Afghanistan evakuiert
  • Stephan Weil, niedersächsischer Ministerpräsident (SPD)
  • Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats

Die Taliban hätten eine "gut funktionierende PR-Abteilung" und und gäben "weiche Pressekonferenzen", sagte der Grüne Omid Nouripour, doch fänden in Afghanistan bereits Massenexekutionen anhand "jahrelang systematisch erarbeiteter Todeslisten" statt. Die neuen Machthaber würden sogar eine Hungersnot in Kauf nehmen, um den Flughafen von Kabul schnell zu schließen, damit niemand mehr ihr Land verlassen kann.

Von eigenen Erlebnissen beim "Regierungsumsturz in Windeseile" konnte Claudia Peppmüller berichten. Die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Friedensdorf International" wurde vor wenigen Tagen von der Bundeswehr evakuiert. Dabei war sie am 9. August noch "frohen Mutes" nach Kabul geflogen, nachdem alle Corona-Maßnahmen erfüllt waren, um Kinder zur medizinischen Behandlung nach Deutschland zu holen. Selbst die einheimischen Partner vom Roten Halbmond hätten geglaubt, die Lage in der Hauptstadt sei noch bis Frühjahr sicher – einen Tag vor der Eroberung Kabuls.

Wo lagen die Fehler, lautete natürlich eine Lanz-Frage

Eine "gewaltige Fehlerkette" machte Nouripour in der US-amerikanischen Politik sämtlicher Regierungen aus: 2014 habe Afghanistans jetzt so scharf kritisierte Armee eine "unglaublich schwierige Wahl" erfolgreich abgesichert, doch habe dann der damalige US-Außenminister Kerry anstelle des Wahlsiegers den Drittplatzierten zum Präsidenten gemacht. Später habe die Trump-Regierung sich entschieden, "ausschließlich Innenpolitik zu machen, wie Deutschland ja auch", sagte der Grüne. Und die Biden-Regierung habe den Komplettabzug der US-Armee kurzfristig vom 11. September vorverlegt und das den Afghanen noch kurzfristiger mitgeteilt.

Als Nouripour auch Bundesaußenminister Maas scharf kritisierte, war dessen Parteifreund Stephan Weil einmal nickend zu sehen. Was sagte Niedersachsens Ministerpräsident also zum Thema? Dass es ein Fehler von Unionsparteien und SPD war, im Juni im Bundestag gegen die Aufnahme der afghanischen Ortskräfte zu stimmen, dass eine "kurzfristig kolossale Fehleinschätzung" der Bundesregierung vorlag – und dass er selbst kein großer Experte für Afghanistan sei. Dieses Argument benutzt Weil ja ganz gerne.

Als es um den sonst heiß, bei Lanz gestern nur kurz diskutierten Wahlkampf-Satz "2015 darf sich nicht wiederholen" ging, riss dafür Nouripour ein anderes Thema an: Inzwischen sei es geradezu ein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen, dass sie "Angst vor Flüchtlingen haben" und damit von anderen Regierungen erpresst würden. Exemplarisch sprach er von Nepal. Da hätte man gern mehr erfahren. Seltsam, dass Lanz darauf nicht einstieg.

Es geht weiter mit den Themen Corona und Wahlkampf

Doch er hatte noch ein anderes Thema abzuhaken und erteilte Alena Buyx das Wort. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, die in dieser Sendung bislang geschwiegen hatte, schlug einen weiten Bogen über die "verschiedenen hintereinander abfolgenden Krisen": Corona, Flutkatastrophe, die brennenden Wälder Südeuropas und die "furchtbaren Videos" aus Afghanistan. Womit also Corona auf der Tagesordnung stand.

Weil äußerte die Ansicht, dass die deutsche Politik bei dem Thema "ganz gut abschneidet" und das deutsche Schulwesen mit den Herausforderungen "ziemlich gut" fertig geworden sei. Lanz sieht das anders und fragt, warum in Niedersachsens Schulen weiterhin Antigentests und keine "PCR-Pooltests" gemacht werden sollen, und schnitt auch noch die "Luftfilter-Debatte" an.

Als Zuschauer hätte man sich gewünscht, erst mal auf den Stand, welche Regeln in welchen Bundesländern gelten und was sich geändert hat, gebracht zu werden. Weil tat die Überzeugung kund, dass in Niedersachsen alles in Ordnung sei und "dass das Stoßlüften die Grundlage sein muss". Konkreter teilte er mit, dass in niedersächsischen Discos künftig ohne Maske getanzt werden kann, wenn sie statt der 3G-Regel (der zufolge Geimpfte, Genesene und Getestete hinein dürfen) die 2G-Regel (nur Geimpfte und Genesene) befolgen. Wird es im Herbst also einen "Lockdown nur für Ungeimpfte" geben? Diese Lanz-Frage fachte die Diskussion auch nicht mehr an. Eine monothematische Diskussion zum Thema Afghanistan wäre wohl sinnvoller gewesen.

Vielleicht, weil er das auch ahnte, schnitt der Moderator kurz vor Schluss dann noch ein drittes Thema an: Am gestrigen Dienstag lag erstmals seit Jahren die SPD in einer Wahlumfrage wieder vor der CDU. Nun konnte Stephan Weil seine Stärke des Understatements ausspielen: "Es sind am Ende des Tages nicht nur Fehler von anderen", sagte er – und beging selber nicht den Fehler, sich schon auf eine Regierungskoalition festzulegen. Bloß machten sowohl der Sozialdemokrat als auch der Grüne deutlich, dass sie wenn möglich lieber ohne die Linkspartei regieren wollen würden – auch wegen deren Afghanistan-Politik. Womit sich immerhin Kreise schlossen, sowohl zum Sendungsanfang als auch zur heutigen Ausgabe, in der Linken-Spitzenkandidatin Janine Wissler bei Lanz gastieren soll.

Verwendete Quellen:
  • "Markus Lanz" vom 24.8.2021

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