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Julian Reichelt inszeniert sich als Opfer

Von Christian Bartels

Aktualisiert am 17.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Julian Reichelt bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der Journalist k├╝ndigte eine neue Plattform an.
Julian Reichelt bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der Journalist k├╝ndigte eine neue Plattform an. (Quelle: J├Ârg Sch├╝ler/imago-images-bilder)
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Der Ex-"Bild"-Chef behauptet in einer krawallig-kontroversen Privatsender-Talkshow, "Frauenkarrieren erm├Âglicht" zu haben. Und k├╝ndigt eine neue Plattform an.

Bei Servus-TV durfte der ehemalige "Bild"-Chef Julian Reichelt sich in Szene setzen ÔÇô auch wenn es eigentlich um Corona-Ma├čnahmen in ├ľsterreich ging.

Stets provokant war Julian Reichelt bereits w├Ąhrend seiner Zeit als Chefredakteur bei der "Bild"-Zeitung und ihrer Internetauftritte wie auch ihres im Sommer 2021 gestarteten gleichnamigen Fernsehprogramms. Seit seinem Rauswurf, der im Oktober den Springer-Konzern ersch├╝tterte, ist er es erst recht, zumal die in seinem Twitteraccount prominent platzierte Zeile "I'll be back" Spannungen sch├╝rt.

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Reichelt stand mehrere Jahre an der Spitze von "Bild". Monate vor dem Abgang hatte es ein internes Verfahren gegen den Journalisten und zuletzt weitere Presserecherchen gegeben. Nach Springer-Angaben standen im Kern der internen Untersuchung im Fr├╝hjahr 2021 die Vorw├╝rfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Der Konzern kam zun├Ąchst zum Schluss, dass Reichelt eine zweite Chance bekommen sollte, trennte sich nach weiteren Enth├╝llungen in der "New York Times" dann aber doch.

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Am Sonntagabend absolvierte Reichelt seinen ersten ├Âffentlichen Auftritt, von einem schriftlich erschienenen Interview in der "Zeit" abgesehen, bei Servus TV ÔÇô und nutzte die Chance, die der von Red Bull Media betriebene ├Âsterreichische Privatsender ihm bot.

Thema war eigentlich die Corona-Politik

Die Talkshow "Links. Rechts. Mitte ÔÇô Duell der Meinungsmacher" folgte im Anschluss an den achtmin├╝tigen, nett formuliert: wunderlichen "Wochenkommentar" des Sender-Intendanten Ferdinand Wegscheider, in dem ihn die Corona-Politik an die "letzten Wochen der untergehenden DDR" erinnere.

Als Moderatorin Katrin Pr├Ąhauser sich mit dem Jens-Spahn-Zitat "Am Ende werden wir uns viel verzeihen m├╝ssen" verabschiedete, hatte man eine krawallig-kontroverse Talkshow hinter sich. Allen, die sich bem├╝hten, genau zuzuh├Âren, musste der Kopf brummen vor lauter "Das ist jetzt nicht Ihr Ernst" ÔÇô "Das ist mein Ernst" ÔÇô "Lesen Sie es nach!"-Diskussionen.

Thema war das Thema so gut wie aller Talkshows, die Corona-Politik unter besonderer Ber├╝cksichtigung der gesetzlichen Impfpflicht, die in ├ľsterreich anders als in Deutschland im Februar in Kraft treten soll.

Die Rollen waren sendungstitelgem├Ą├č klar verteilt: Die ├Âsterreichischen G├Ąste, Mathematiker Peter Markowich und der kurzfristig eingesprungene Journalist Thomas Walach vom Nachrichtenportal zackzack.at, kritisierten zwar Widerspr├╝chlichkeiten in der ├Âsterreichischen Regierungspolitik, nicht aber grunds├Ątzlich die Corona-Ma├čnahmen.

Reichelt: "Omikron kein ├╝berragendes ├ťbel"

Das taten die deutschen G├Ąste, neben Reichelt die Pops├Ąngerin Julia Neigel, die mRNA-Impfstoffe als "gentherapeutische Impfung" ablehnt und sp├Ąter vor allem Reichelt lautstark unterst├╝tzte.

Reichelt, mit schwarz-gelb gestreifter Krawatte, kam als letzter der vier zu Wort, sicherte sich aber den gr├Â├čten Wortanteil, schon weil er in den meisten Rededuellen l├Ąnger durchhielt. Seine Ansicht, dass es sich bei Omikron um eine "sehr milde Variante" des Virus und daher kein "├╝berragendes ├ťbel" handele, gegen das eine staatliche Impfpflicht vertretbar sei, brachte ihm seitens Walachs den Vorwurf der "Menschenfeindlichkeit, mit der Sie hier ├╝ber Corona sprechen", ein. Das trug zur Aufstachelung bei.

"Ich habe viele Frauenkarrieren erm├Âglicht"

Reichelt flocht einige anekdotische Erfahrungen ein ("Ich war neulich bei North Face und wollte eine M├╝tze kaufen"), wobei ihn die Maskenpflicht an ├Âsterreichischen Skiliften zu wurmen scheint. Er wetterte gegen "Cancel-Culture und Woke-Wahnsinn" und hatte sich offenkundig Formulierungen zur Selbstdarstellung zurechtgelegt. "Ich bin ein Berufsskeptiker und ich bin stolz darauf", lautete eine.

Einen aus deutscher Sicht zweitrangigen Anlass, als es um Tirols Abh├Ąngigkeit vom Tourismus ging, nutzte er f├╝r den Vorwurf an die Gegenseite: "Corona hat Ihnen die Verbotshebel, Dinge einfach zu verbieten, weil es ihnen nicht passt, in die Hand gegeben". Was der offizielle Talkshowaccount gerne per Tweet verbreitete.

Schlie├člich bekam Reichelt auch einen Block, um ├╝ber seinen Rauswurf und Zukunftspl├Ąne zu reden. Die Vorw├╝rfe gegen ihn, also Machtmissbrauch im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen am Arbeitsplatz, seien "perfide erfundener Quatsch", er habe bei "Bild" mit "absolut herausragenden Frauen gearbeitet" und viele "Frauenkarrieren" erm├Âglicht.

Springer hatte das Ende der Zusammenarbeit im Oktober so begr├╝ndet: "Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse ├╝ber das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen. Diesen Informationen ist das Unternehmen nachgegangen. Dabei hat der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Fr├╝hjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand dar├╝ber die Unwahrheit gesagt hat."

Nun arbeite Reichelt an "einer neuen Plattform", ├╝ber die er derzeit mit "vielen spannenden jungen Leuten" spreche ÔÇô und hatte auch daf├╝r einen Slogan parat: "Die gr├Â├čte Marktl├╝cke im Journalismus ist Journalismus", n├Ąmlich solcher, "der sagt, was ist und nicht, was die Regierungen gerne gesagt h├Ątten".

Mit der Adaption eines "Spiegel"-Spruchs will Reichelt also auf sein neues Projekt gespannt machen. Um den bei "Bild" von ihm beinhart betriebenen Boulevardjournalismus ging es kaum. Und als Neigel zum Stichwort "unbequeme Journalisten" an den unter Folter-├Ąhnlichen Bedingungen inhaftierten Wikileaks-Gr├╝nder Julian Assange erinnerte, w├Ąre es spannend gewesen, Reichelts Meinung dazu zu erfahren. Doch Moderatorin Prah├Ąuser kokettierte lieber mit dem ├Ąlteren Ger├╝cht, Reichelt w├╝rde bei Servus TV anheuern.

Fazit: Hier war eine Sch├Ąrfe der Diskussionen zu sp├╝ren, sehen und h├Âren, wie sie in den meisten deutschen Talkshows aufgrund der relativen Einigkeit der Anwesenden nicht auftritt. War es vor allem krawallig, weil oft mindestens zwei G├Ąste gleichzeitig redeten und die keineswegs unparteiische Moderatorin sich um Einordnung unterschiedlicher Zahlen selbst zu Todesf├Ąllen durch Myokarditis und Suizide nicht bem├╝hte?

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War es doch aufschlussreich, weil Fraktionen der gespaltenen Gesellschaft zumindest mal am selben Tisch ÔÇô an einem runden Holztisch einander gegen├╝ber ÔÇô sa├čen und sich zwischendurch doch der eine oder andere gemeinsame Nenner zeigte? Auch dazu d├╝rften die Meinungen auseinandergehen.

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