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Ist linke Gewalt die bessere?

t-online, Marc L. Merten

Aktualisiert am 20.07.2017Lesedauer: 4 Min.
Zu Gast bei Dunja Hayali waren ThĂŒringens MinisterprĂ€sident Bodo Ramelow, der CSU-Politiker Markus Söder und der Publizist Olaf Sundermeyer.
Zu Gast bei Dunja Hayali waren ThĂŒringens MinisterprĂ€sident Bodo Ramelow, der CSU-Politiker Markus Söder und der Publizist Olaf Sundermeyer. (Quelle: ZDF)
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Links, rechts, ganz unten und ganz oben: Bei Dunja Hayali ging es am Mittwoch in allen Himmelsrichtungen um die Extreme. Der menschliche Irrsinn lauert ĂŒberall.

Die GĂ€ste

  • Bodo Ramelow, Die Linke, MinisterprĂ€sident ThĂŒringen
  • Markus Söder, CSU
  • Olaf Sundermeyer, Journalist
  • Katja Suding, Landesvorsitzende FDP, Hamburg
  • Mara Fischer, Leiterin Notunterkunft Berlin
  • Ulla Kock am Brink, TV-Moderatorin

Das Hauptthema

Gibt es die „Legende der guten Gewalt“? Dunja Hayali hat noch einmal den Finger in die Wunde gelegt. Hamburg. G20. Als Kontrapunkt das Rechts-Rock-Konzert in ThĂŒringen. Gewalt. Von links. Von rechts. Die Gipfel-Gegner, die ein ZDF-Team besucht hatte, und ihr Streben nach einer „linken Gegenkultur“, die sich mit internationalen Befreiungsbewegungen solidarisiert, die „Hass auf die Strukturen“ predigt, der angeblich „kein Hass auf die Menschen, die hier leben“ sein soll. Aber „Do not love Cops“-Shirts werden trotzdem produziert. Denn: Laut der linken Extremen braucht es die „Auseinandersetzung mit der Polizei auf der Straße“. Also das, was in Hamburg passiert ist.

Es braucht die Verdrehung der Gewalt, in der die Polizei zu den eigentlichen TÀtern werden und die militante Linke sich dieser Entwicklung mutig entgegen stellt. Eine bizarre Welt, die Hayali aufzeigte, in der der Anti-Globalisierungskampf anerkannt wird, wÀhrend Rechtsextremismus zurecht verteufelt wird.

Die Fronten zwischen Links und Rechts

Mutig von Hayali, fĂŒr einen solchen Talk zwei Extreme aus der Parteienlandschaft einzuladen. Bodo Ramelow und Markus Söder, dazwischen der Journalist Olaf Sundermeyer, der den zentralen Satz sagte: „Die linke Szene reicht deutlich weiter in die Mitte der Gesellschaft hinein als die rechtsextreme.“ Und damit das Problem umriss. WĂ€hrend Ramelow sich dagegen wehrte, dass in seiner Fraktion Teilnehmer an den Protesten seien, blieb der Publizist beharrlich: „Herr Ramelow weiß genau, dass er in seiner eigenen Partei Mitstreiter hat, die Teil des schwarzen Blocks sind.“

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Damit war nicht die tiefschwarze Söder-CSU gemeint, sondern jener Mob, der in Hamburg ganz in Schwarz ganze StadtzĂŒge in „bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde“ verwandelte, wie Söder selbst formulierte. Er, der offenbar ganz gezielt immer wieder dazu anhielt „islamistische Gewalt“ in der AufzĂ€hlung nicht zu vergessen – fĂŒhlte sich sichtlich wohl. Er konnte gegen die Linke in Richtung Gewaltbereitschaft pushen, Martin Schulz einen mitgeben und gleichzeitig seine CSU weit genug vom jenem rechten Rand entfernt wissen, der mit Heil-Hitler-GrĂŒĂŸen in ThĂŒringen fĂŒr beschĂ€mende Bilder gesorgt hatte. Doch so gerne es Hayali am Ende gehabt hĂ€tte, LösungsansĂ€tze prĂ€sentierte niemand.

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Aufreger des Abends

Auch nicht Ramelow, der zwar zurecht darauf hinwies, dass die 6000 Neo-Nazis nicht von 1000 Polizisten hĂ€tten verhaftet werden können. Alleine die Vorstellung, welche Gewalt ein solcher Polizeieinsatz heraufbeschworen hĂ€tte, lĂ€sst einem das Blut in den Adern gefrieren. Doch Ramelow wĂ€hlte einen Lösungsansatz, auf den man nicht sofort gekommen wĂ€re, um solche AufmĂ€rsche zu verhindern: „Ich möchte, dass da Eintritt erhoben wird.“ Seine Logik: Eintritt mache das Konzert kommerziell, so mĂŒsse der Veranstalter alle Kosten selbst zahlen und der Steuerzahler wĂŒrde nicht noch indirekt damit belastet werden. Mag sein. Das Rechts-Problem löst Eintritt aber sicher nicht.

Fakt des Abends

Ein Blick auf die Zahlen half zur Einordnung zwischen links und rechts: Zwischen 2006 und 2016 wurden vom Bundeskriminalamt insgesamt 22.471 rechtsextremistische Straftaten erfasst, im gleichen Zeitraum insgesamt 5230 Taten mit linksextremistischen HintergrĂŒnden. Auf Gewalttaten heruntergebrochen, ĂŒberwogen allerdings 2015 sogar die linken Taten, 2016 dann war das VerhĂ€ltnis 1600 rechts und 1201 links. Zahlen, die Sundermeyer in die richtige Perspektive setzte: „Man darf die Gewalt nicht vergleichen. Die Methodik mag Ă€hnlich sein, aber die Gewalt von rechts ist hinterhĂ€ltig.“ Die linke Gewalt dagegen, siehe Hamburg, findet auf offener Straße statt.

Tiefpunkt des Abends

Auf offener Straße. So lautete auch das zweite Thema des Abends, es war der Tiefpunkt der Sendung, zumindest in Sachen Schicksal: es ging um „unsichtbare Obdachlose“ in Deutschland, um jene Menschen, die sich selbst mit einem festen Job keine Bleibe leisten können. Wenn 1100 Euro netto monatlich in der Bundesrepublik nicht fĂŒr eine Wohnung reichen, lĂ€uft eine ganze Menge in diesem Land schief. Und doch hat das Thema „keine Lobby“, wie Mara Fischer von der Notunterkunft Berlin zu berichten wusste. Insgesamt leben 335.000 Menschen in Deutschland ohne ein Dach ĂŒber dem Kopf. Bis 2018 soll die Zahl auf 540.000 anwachsen.

Die Probleme in Deutschland sind offensichtlich und erschreckend: Es fehlen 2,7 Millionen bezahlbare Kleinwohnungen, Sozialwohnungen sind in dieser Rechnung nicht einmal enthalten. WĂ€hrend in ganzen Landstrichen ThĂŒringens die Wohnungen leer stehen, baut Berlin. Aber was? Luxus, wie Hayali richtig sagte. Bezahlbarer Wohnraum? Er bleibt fĂŒr viele Menschen in Deutschland pures Wunschdenken. Der Beweis? Die Reallöhne in Deutschland stiegen in den letzten zehn Jahren um acht Prozent. Die Mieten in BallungsrĂ€umen schossen dagegen um 44 Prozent in die Höhe.

RÀtselhafter Höhepunkt

In die Höhe – das passte zum letzten Thema des Abends. Wissen Sie, was ein „Social Influencer“ ist? Das hat nichts mit der Influenza zu tun, wobei die grippale Verbreitung dieses PhĂ€nomens tatsĂ€chlich kranke ZĂŒge angenommen hat. Wenn ein Teenager sein Privatleben auf Youtube teilt, ĂŒber eine Million andere Teenager und junge Menschen ihm folgen, mehr als Schminktipps dabei aber nicht herumkommen, kommt die Frage auf: In welcher Gesellschaft leben wir? Klar ist: Wer ĂŒber eine Million Follower hat, ist ein solcher Influencer ein potentieller Meinungsmacher fĂŒr die Werbeindustrie. Was er dafĂŒr können muss? Der letzte Gast des Abends, Ulla Kock am Brink, brachte es auf den Punkt: „Nichts!“ Wer bereit ist, seine PrivatsphĂ€re einzutauschen fĂŒr Klicks, kann Geld verdienen. Viel Geld.

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Wie „AlexV“, ein Junge mit blondierten Haaren, der bislang in seiner Karriere 398 Videos online gestellt und teilweise ĂŒber eine Million Aufrufe pro Video generiert hat. Der Inhalt dieser Videos? Donuts, Freunde, Witze, angeblich Authentisches. Authentisch ist am Ende aber wohl nur das Geld: 300 bis 500 Euro sind pro Video drin, alleine durch die Werbung bei Youtube. Bei 400 geschalteten Videos dĂŒrfte der Teenager also schon rund 150.000 Euro eingenommen haben. Womit der Preis fĂŒr die PrivatsphĂ€re in Deutschland definiert wĂ€re.

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Von Miriam Hollstein
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