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Coronavirus in Deutschland: Szenario für Bevölkerungsschutz zeigt Schwachstellen

Vorbereitung auf Covid-19  

Hier ist Deutschland am verletzlichsten

02.03.2020, 19:44 Uhr
Seehofer zu Coronavirus: "Situation hat sich deutlich verschärft"

Das neuartige Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Gesundheitsminister Jens Spahn und Innenminister Horst Seehofer traten deshalb am Donnerstagnachmittag vor die Presse. Seehofer sprach von einer "deutlich verschärften" Lage. (Quelle: Reuters)

"Situation deutlich verschärft": Gesundheitsminister Spahn und Innenminister Seehofer informierten, wie sie gegen die weitere Verbreitung des Corona-Virus vorgehen wollen. (Quelle: Reuters)


Was tun, wenn Deutschland von einer Epidemie betroffen ist? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat eine Simulation dafür vorbereitet. Sie liefert Hinweise darauf, wo die Schwachstellen des Systems liegen.

Wie verhalten wir uns im Ernstfall? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Bundesregierung immer wieder. Regelmäßig spielt sie Szenarien zum Bevölkerungsschutz durch – auch für den Ausbruch einer Epidemie. 2012 simulierte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) den Ausbruch einer an die Lungenkrankheit SARS angelehnten Pandemie. Anfang Januar 2013 berichtete die Bundesregierung den Bundestag mit der Drucksache 17/12051 über das Szenario. Die aufwendige Simulation spielt heute wieder eine Rolle, wenn Fachleute darüber sprechen, wie sich SARS-CoV-2, das neuartige Coronavirus, auf das Leben in Deutschland auswirken könnte.

"Modi-SARS" nannten die Fachleute das hypothetische Virus in ihrer Simulation, und die Ähnlichkeit zum aktuellen Szenario ist frappierend. Kein Wunder, denn beide Virenstämme sind eng miteinander verwandt.

Die Ausgangslage: Auch in der Simulation bricht das Virus auf einem Markt in Südostasien aus, diesmal für Wildtiere. Wenige Menschen infizieren sich und tragen das Virus durch Kontakte zu anderen Menschen und durch Reisen in andere Teile der Erde, über den ganzen Globus verteilt. Auch hier liegt die Inkubationszeit, also der Zeitraum von der Ansteckung bis zum Auftreten der ersten Symptome, bei drei bis fünf Tagen, es können aber auch bis zu 14 Tage vergehen. 

Die Fachleute gingen von einem Zeitraum von insgesamt drei Jahren aus, mit drei Erkrankungswellen in Deutschland. In der Simulation heißt es: "Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen. Ebenfalls auftreten können Durchfall, Kopfschmerzen, Exanthem (Ausschlag), Schwindelgefühl, Krämpfe und Appetitlosigkeit."

Die Sterblichkeitsrate sei mit zehn Prozent der Erkrankten hoch, jedoch in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. Kinder und Jugendliche hätten demnach in der Regel leichtere Krankheitsverläufe, nur ein Prozent der Erkrankten in dieser Altersgruppe stürbe. Die Letalität bei über 65-Jährigen liegt in dem Szenario dagegen bei 50 Prozent. 

Fiktive Zahlen sind höher 

Drei Jahre würde es laut dem Szenario dauern, ehe ein Impfstoff zur Verfügung stünde. In diesem Zeitraum rechnet das Bundesamt mit rund 7,5 Millionen Toten infolge der fiktiven "Modi-SARS"-Infektion. Durch die frühzeitige Ergreifung "antiepidemischer Maßnahmen" wie der Isolierung von Erkrankten und ihren Kontaktpersonen sowie sorgfältig durchgeführten Hygieneregeln würde jeder Erkrankte in diesem Szenario statistisch nur 1,6 weitere Menschen anstecken – ohne derartige Maßnahmen wäre die Zahl doppelt so hoch. 

Diese Zahlen sind viel höher als das, worauf das aktuell grassierende Coronavirus schließen lässt. Bei der Erkrankung Covid-19, ausgelöst durch den Erreger SARS-CoV-2, beläuft sich die Sterblichkeitsrate auf derzeit rund ein bis zwei Prozent. Die Bundesregierung will sich angemessen vorbereiten, und das Szenario in der Schublade soll ihr dabei helfen, sich auf den möglichen Verlauf einzustellen – auch wenn das Szenario heftiger ist als die derzeitige Realität.   

Der Infektiologe Stefan Moritz sieht Deutschlands Krankenhäuser gut auf eine mögliche Epidemie vorbereitet, wie er im Interview mit t-online.de sagte. "Wenn wir nicht gut vorbereitet sind, stellt sich die Frage: wer dann?", sagte Moritz. 

Kliniken planen "Ausbruchsmanagement"

"In allen Kliniken gibt es sogenannte Ausbruchsmanagementpläne", sagt die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna, zugleich Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer. Die Abläufe bei Epidemien müssten nicht neu geregelt werden. Die Patienten würden dann so durch die Klinik geleitet, dass sie niemanden anstecken – und kämen in Einzelzimmer.

Auch das Bundesgesundheitsministerium beschwichtigte noch in den vergangenen Tagen. "Wir sind bestmöglich vorbereitet", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die jährlichen Grippewellen stellten das Gesundheitswesen vor vergleichbare Herausforderungen.

Die Simulation kommt zu einem anderen Schluss. Die enorme Anzahl Infizierter, die im Krankenhaus bleiben müssten, übersteige die medizinischen Kapazitäten, heißt es in dem Bericht. "Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen", schrieben die Experten in ihrer Simulation. Notlazarette würden eingerichtet. 

So schlimm muss es in der Realität nicht kommen. Doch inzwischen räumt Spahn ein: Allzu einfach dürfte es auch nicht werden. Vor allem könne es schwierig werden, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Gemeinsam mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) initiierte Spahn den Corona-Krisenstab der Bundesregierung, der das Vorgehen koordinieren soll. Die Länder sollen demnach ihre Pandemiepläne aktualisieren und sich darauf einstellen, sie in Kraft zu setzen. "Ja, wir haben Pandemiepläne, ja, wir haben Abläufe, aber wir üben sie nicht oft genug in diesem Land", sagte Spahn bei der Vorstellung des Krisenstabes. 

Ernste praktische Schwachstellen

Zudem gibt es ernste praktische Schwachstellen. Dreh- und Angelpunkt der Krisenbewältigung sind erst einmal die 380 Gesundheitsämter. Sie schätzen die Lage vor Ort ein, informieren die Bevölkerung und ermitteln Kontaktpersonen. "Das sind die Gesundheitsämter gewohnt", sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). "Aber wenn es mehr Patienten werden, stoßen wir an Kapazitätsgrenzen."

Absehbare Engpässe seien hausgemacht: 2.500 Ärzte arbeiten in den Gesundheitsämtern. "Vor 15 Jahren waren es 30 Prozent mehr", so Teichert. Schon heute absolvierten viele Beschäftigte in den Ämtern Überstunden und Nachtarbeit. "An den Hotlines sind viele überlastet, weil etwa Menschen anrufen, weil vor ein paar Tagen in einer Disco jemand gehustet hat."

Auch Ute Teichert sieht Grenzen solcher Maßnahmen: "Sobald es mehr solche Fälle werden, wüsste ich nicht, wie das gehen soll." Sie sieht die kritische Schwelle bei einer zwei- bis dreistelligen Zahl an Infizierten. Das ist nicht besonders viel. Besonders geschützt würden dann Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Der Fokus könnte sich dann auf Altenheime, Kindergärten und Schulen richten.

Infektionsschutzgesetz erlaubt weitreichende Maßnahmen

Im schlimmsten Fall sieht das Infektionsschutzgesetz vor, dass Gesundheitsämter und die dort beschäftigten Amtsärzte Grundrechte von Bürgern einschränken dürfen (Paragraf 16 IfSG). Das Recht auf Freiheit der Person sowie die Versammlungsfreiheit könnten davon betroffen sein. Sobald ein Impfstoff zur Verfügung steht, kann das Bundesgesundheitsministerium nach Abwägung veranlassen, dass gefährdete Bevölkerungsgruppen geimpft werden müssen oder "an anderen Maßnahmen der speziellen Prophylaxe" teilnehmen müssen (Paragraf 20 Absatz 6 IfSG). Das Recht auf körperliche Unversehrtheit würde davon berührt. 

Drogeriemarkt weist auf ausverkaufte Desinfektionsmittel hin: Mit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus in Deutschland decken sich viele Menschen mit Desinfektionsmitteln ein.  (Quelle: dpa)Drogeriemarkt weist auf ausverkaufte Desinfektionsmittel hin: Mit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus in Deutschland decken sich viele Menschen mit Desinfektionsmitteln ein. (Quelle: dpa)

Bislang sind das jedoch nur Gedankenspiele, ebenso wie die Worte des Berliner Innensenators Andreas Geisel (SPD), der sagte, der städtische Katastrophenschutz sei darauf eingestellt, im Notfall auch Teile der Stadt abzuriegeln. "Man würde solche Dinge veranlassen können", sagte Geisel – räumte aber ein, dass das im Fall einer italienischen Kleinstadt leichter wäre als bei einer Metropole mit 3,7 Millionen Einwohnern wie Berlin. 

Der Bundestagsabgeordnete Andrew Ullmann (FDP) warnt vor Hysterie. Ullmann ist selbst Mediziner, er forschte in Harvard zu HIV und wurde Infektiologe. Aus seiner Sicht handelt es sich bei dem neuartigen Coronavirus um einen Erreger, dessen Verlauf dem des SARS-Virus ähnlich sein dürfte. "Ab Frühjahr, Sommer wird die Zahl der Infektionen deutlich zurückgehen", sagte Ullmann im Gespräch mit t-online.de. "Wir werden das Virus nicht aufhalten können, nur die Infektionsrate verlangsamen können."

Keine Facharztausbildung für Infektiologie möglich

Ullmann kritisiert, dass man in Deutschland bislang keine Facharztausbildung für Infektiologie absolvieren könne. Bisher gebe es lediglich eine zweijährige Zusatzausbildung für Mediziner. "Das reicht nicht", sagte Ullmann. 

Der 57-Jährige hält eine Anordnung von Quarantäne für übertrieben. "Ich finde es schwierig, wenn Leute wegen des Verdachts auf eine Infektion aus einem Zug gezogen werden", sagte er. "Wer hat das diagnostiziert? Ein Facharzt? Bei der betroffenen Person hätte es genauso gut die Grippe sein können." Der FDP-Politiker will das alltägliche Leben nicht einschränken lassen, "wegen einer Krankheit, die zunächst Grippesymptome hat". 

Dass die Kita in Nordrhein-Westfalen geschlossen wurde, nachdem das Virus SARS-CoV-2 bei einer Erzieherin festgestellt wurde, findet er jedoch richtig. Die Simulation des BBK sei keine Panikmache, trotz der hohen Zahlen. Sie zeige nur, was passieren könnte. "Das ist eine rein wissenschaftliche Arbeit. Politiker müssen nun dafür sorgen, dass Maßnahmen ergriffen werden, damit das Szenario nicht eintritt."    

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen
  • Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2012
  • Mit Material von dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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