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Propaganda-Feldzug: "Querdenker" stecken Millionen Corona-Flyer in Briefkästen

Millionen Wurfsendungen  

Pandemie-Leugner starten riesige Flyer-Offensive

12.10.2020, 22:01 Uhr
Propaganda-Feldzug: "Querdenker" stecken Millionen Corona-Flyer in Briefkästen . Flyer von Bodo Schiffmann: Der Arzt mit Schwindelambulanz in Sinsheim ist verantwortlich für Flugblätter, die das Coronavirus als harmlos erscheinen lassen. Tausende Freiwillige verteilen sie. (Quelle: Twitter/Imago Images)

Flyer von Bodo Schiffmann: Der Arzt mit Schwindelambulanz in Sinsheim ist verantwortlich für Flugblätter, die das Coronavirus als harmlos erscheinen lassen. Tausende Freiwillige verteilen sie. (Quelle: Twitter/Imago Images)

Pandemie-Leugner werben verstärkt auf traditionelle Art um Unterstützung: Tausende "Querdenker" stecken deutschlandweit Millionen Flugblätter in die Briefkästen. 

Die Übergabe fand am Freitagabend hinter einem Edeka-Markt in Bonn statt: "Kommt bitte nicht alle pünktlich, damit wir nicht zu viele werden", hatte der Organisator beim WhatsApp-Konkurrenten Telegram gewarnt. Er hatte also zumindest die Coronaschutzverordnung im Kopf, als er rund 20.000 Flyer an freiwillige Helfer verteilte. Wenig später waren die Pakete mit je 250 Flyern übergeben und die ersten Flugblätter landeten in den  Briefkästen. Sie sollen die Empfänger möglichst ebenfalls zu Pandemieleugnern machen.

Für die Bonner Gruppe war es nicht die erste Verteilaktion. Inzwischen investieren aber deutschlandweit Tausende selbsternannte "Corona-Rebellen" Freizeit und Geld, um Straßenzug um Straßenzug Zettel zu verteilen. In kürzester Zeit haben sich fast überall Gruppen gebildet. 

Die Fäden laufen zusammen bei Bodo Schiffmann. Der HNO-Arzt sieht sich selbst als Corona-Aufklärer und hat dazu zahllose Videos veröffentlicht. Er hält die Mondlandung für eine Inszenierung, wie er dem "Spiegel" sagte, und ist gerade damit aufgefallen, mit erfundenen Geschichten zu gestorbenen Kindern Stimmung zu machen und die Idee auch noch lustig zu finden. Zunächst hatte er unter Tränen von Kindern gesprochen, die wegen Masken gestorben seien. In Deutschland sterben im langjährigen Schnitt wöchentlich ein bis zwei Kinder, die älter als ein Jahr sind, mit ungeklärter Todesursache.

Seine Geschichten um tote Kinder nutzte Schiffmann zu eindringlichen Appellen. Er sprach von "Widerstandsrecht" und davon, bis Ende Oktober das "Corona-Regime" oder auch "das Alles" beenden zu wollen. Staatsbedienstete forderte er auf, sich gegen Weisungen zu erheben, damit sie nicht "anschließend belangt" würden. Gesundheitsminister Jens Spahn müsse in Handschellen gelegt werden, sagte er. Das Heer aufgeputschter Helfer soll ihm beim "Beenden" offenbar helfen. "Wir haben eine höhere Auflage als die Tageszeitungen, wir sind Mainstream", sagte er vergangene Woche auf seiner "Great Corona Info Tour", bei der er im Luxus-Bus durch Deutschland fährt. "Wir werden diese Republik pflastern." Jetzt geht es um die, die "Querdenken" im Netz nicht erreicht. 

Bereits in der ersten Woche seien mehr als 1,1 Millionen Flyer gedruckt worden, hatte Schiffmann Ende September erklärt. Er ist im Impressum als Verantwortlicher genannt. Gruppen lässt er eine Erstausstattung mit Tausenden Flyern kostenlos zukommen und hofft im Gegenzug auf Zahlungen auf ein Paypal-Konto. Innerhalb der Gruppen wird aber auch seine Kontoverbindung bei der Sparkasse weitergeleitet. 

Ausgegrenzte schöpfen Hoffnung

Zur Verteilung gibt es inzwischen quer durch Deutschland 425 lokale Gruppen. t-online hat Dutzende gesichtet. Die Mitglieder sind vielfach überzeugt, dass Corona keine Gefahr darstellt. Viele sind verzweifelt, dass sie in ihrer Umgebung nur auf Ablehnung stoßen und als "Covidioten" ausgegrenzt werden. Aus der Gruppe im Kreis Heinsberg, dem ersten Corona-Hotspot in Deutschland, schreibt ein Mitglied nach dem Verteilen: "Man wird angeschaut, als ob man Staatsfeind Nummer 1 wäre." 

Mit der Hoffnung, andere "aufzuwecken" oder "Aufgeweckte" zum Handeln zu motivieren, machen sich die Corona-Rebellen begeistert an die Verteilarbeit. Sie  sehen sich als vermeintliche Boten von Freiheit und bezeichnen sich auch entsprechend.

Aktuell sollen zentral offenbar nur Flyer in einer Mindestmenge von 200.000 Stück an die Gruppen abgegeben werden. Das entspricht zwei Europaletten – vielen Gruppen ist das zu viel. Dennoch ist dort ist nicht nur die Bereitschaft groß, auf Schiffmanns Konten zu überweisen. Die Leute zahlen auch Flyer aus eigener Tasche und sammeln selbst Geld. Schiffmann hatte allerdings gewarnt, die Finanzierung sei eine "steuerlich relativ heiße Kiste". Was genau er damit meinte, blieb unklar. 

Gut koordiniert: Manche Gruppen wie die im Bonner Raum führen bei Google detaillierte Karten, wo die Flyer bereits verteilt wurden.  (Quelle: Screenshot Google Maps)Gut koordiniert: Manche Gruppen wie die im Bonner Raum führen bei Google detaillierte Karten, wo die Flyer bereits verteilt wurden. (Quelle: Screenshot Google Maps)

Koordiniert wird die Abwicklung offenbar von einem Unternehmer aus Mönchengladbach. Die Organisation ist zum Teil bis auf die lokale Ebene sehr ausgefeilt. So pflegt die Bonner Gruppe eine Karte bei Google, in der festgehalten ist, wo bereits Flyer verteilt wurden. In vielen Gruppen wurde auch ein Video mit Ratschlägen für Aktivisten geteilt. Von dort stammt offenbar die Anregung, auf die Flyer "Grüße aus der Nachbarschaft" zu schreiben und mit einer unleserlichen Unterschrift zu versehen. Das schaffe Vertrauen, hieß es. 

CDU-Abgeordneter erstattet Anzeige

Zugleich nehmen Verwunderung und Beschwerden über die "Schwurbel"-Post zu. In Emden nahm das Gesundheitsamt bereits Stellung. "Das Problem ist, dass einige zutreffende Aussagen mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten vermischt werden", sagte Dirk Obes, Vizechef des Gesundheitsamts, der "Emder Zeitung". In Rheinland-Pfalz hat der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Wäschenbach Strafanzeige erstattet. Grund: In seinem Heimatort Wallmenroth, in dem er auch Ortsbürgermeister ist, sind Flyer ohne Impressum aufgetaucht.

Auf Twitter gibt es eine andere Idee, wie auf die Schiffmann-Zettel reagiert werden könnte: Unter dem provozierenden Hashtag "#HilfestattHetze" wird dafür geworben, Geld für Corona-Nothilfe und Corona-Forschung bei DRK und Charité zu zu spenden, wenn Corona-Propaganda im Briefkasten gelandet ist. 

Diskutiert wird auch die Frage, ob man sich die Post gefallen lassen muss. Der Aufkleber "Keine Werbung" am Briefkasten bewahrt eigentlich davor. Ohne den Aufkleber kann man es machen wie ein Lokalpolitiker in Bayern. Er hatte anonym einen Flyer erhalten. Der Bayer teilte Schiffmann daraufhin "in einer freundlichen Mail" mit, dass er keine weitere Zusendungen wünscht. Dann könnte sogar ein Unterlassungsanspruch bestehen.

Dafür musste der Kommunalpolitiker zunächst aber einen hohen Preis zahlen: Schiffmann postete in einer Gruppe mit 31.000 Mitgliedern den Namen und die Adresse des Mannes. Dieser Person sollte keine Flyer mehr zukommen, schrieb er unter Missachtung aller Datenschutzstandards. Auf eine Bitte, die Adresse im Chat zu löschen, habe Schiffmann zunächst nicht reagiert, so der Kommunalpolitiker zu t-online. Nach Erscheinen der ersten Fassung dieses Textes bekam er Nachricht von Schiffmann, dass die Adresse gelöscht sei. Das Posting ist verschwunden.*

Adresse verschickt: Schiffmann schrieb an eine Gruppe mit inzwischen mehr als 30.000 Mitgliedern, dass ein Mann in Bayern ein Sonderfall sei und keine Flyer mehr bekommen solle. Dafür gab er dessen vollen Namen und Adresse an. (Quelle: Screenshot Telegram)Adresse verschickt: Schiffmann schrieb an eine Gruppe mit inzwischen mehr als 30.000 Mitgliedern, dass ein Mann in Bayern ein Sonderfall sei und keine Flyer mehr bekommen solle. Dafür gab er dessen vollen Namen und Adresse an. (Quelle: Screenshot Telegram)

Die Mitglieder vieler Gruppen sind selbst sehr offen und schreiben unter ihrem echten Namen. So lässt sich für die Empfänger der Flyer vielerorts nachlesen, wer den Zettel in den Briefkästen geworfen hat. Und bei der Bonner Gruppe lässt sich sogar die Information mitlesen, dass ein Großeinsatz geplant wird. "Wir fahren gemeinsam in einen Stadtteil oder Ort, teilen die Straßen Zweiergruppen zu und verteilen dort Flyer, was das Zeug hält", schreibt der Organisator. Als Erstes steht Meindorf, ein Stadtteil von Sankt Augustin, auf dem Plan. Los soll es am 18. Oktober gehen.  

*Diese Textpassage wurde mit der Information aktualisiert, dass die Adresse inzwischen aus der Gruppe gelöscht ist.

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