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Corona-Impfstoff: Hier könnte Sputnik V in Deutschland produziert werden

Millionen Dosen – aber zu spät?  

Hier könnte Sputnik V in Deutschland produziert werden

Von Annika Leister

09.04.2021, 11:23 Uhr
Corona-Impfstoff: Hier könnte Sputnik V in Deutschland produziert werden . Mitarbeiter des Unternehmens IDT Biologika in Dessau: Der Impfstoff-Produzent verhandelt mit dem russischen Staatsfonds über Sputnik V.   (Quelle: imago images/Felix Zahn/photothek.net)

Mitarbeiter des Unternehmens IDT Biologika in Dessau: Der Impfstoff-Produzent verhandelt mit dem russischen Staatsfonds über Sputnik V. (Quelle: Felix Zahn/photothek.net/imago images)

Mehrere Firmen wollen den russischen Impfstoff herstellen. Doch es gibt große Probleme: In Bayern fehlen Genehmigungen, in Sachsen-Anhalt Kapazitäten. Verliert Putins Vakzin das Rennen gegen die Zeit?

Zuerst waren die Zweifel am russischen Impfstoff Sputnik V in Deutschland groß. Doch nachdem die ersten Veröffentlichungen zur Wirksamkeit vorliegen, reißen sich deutsche Ministerpräsidenten um das Vakzin.

Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben sich Millionen Dosen bereits in einem Vorvertrag gesichert, auch Brandenburg ist in Verhandlung. Laut Moskau ist auch die Bundesregierung selbst im Gespräch mit Russland. Dabei ist der Impfstoff noch nicht für die EU zugelassen. 

Und es geht nicht nur um die Lieferung des politisch hoch umstrittenen Impfstoffs. Sputnik soll bald auch in Deutschland produziert und abgefüllt werden. Mehrere Firmen verhandeln deswegen mit dem russischen Staatsfonds RDIF, der Sputnik V international vertreibt. Schnell aber werden die Impfdosen dort nicht vom Band rollen, es gibt bei den in Frage kommenden Werken massive Probleme mit Baugenehmigungen sowie Kapazitätsprobleme. Wird Putins Vakzin das Rennen gegen die Zeit verlieren?

R-Pharm in Bayern will monatlich Millionen Dosen produzieren

In Bayern soll der russische Pharmakonzern R-Pharm in Illertissen den Impfstoff Sputnik herstellen. Dazu ist auf dem Gelände laut Medienberichten ein Bioreaktor mit bis zu 2.000 Litern geplant. Illertissen liegt an der Grenze zu Baden-Württemberg, in der Nähe von Ulm. Der Mutterkonzern von R-Pharm Germany produziert Sputnik auch in Russland. 

R-Pharm-Manager Alexander Bykow kündigte Ende März in Moskau an, dass von Juni oder Juli an die Produktion des russischen Impfstoffs in Illertissen starten solle. "Wir unternehmen alle Anstrengungen, damit es im Sommer losgehen kann", sagte er. Eine genaue Produktionskapazität nannte er nicht für das bayerische Werk. Nur: In Illertissen könnten monatlich Millionen Dosen produziert werden, so Bykow. "Wir haben die Ausrüstung schon dort." 

Alexander Bykow, Manager von R-Pharm: Der Konzern hat in Bayern ohne Genehmigungen den Bau einer Anlage gestartet. .  (Quelle: dpa/Ulf Mauder)Alexander Bykow, Manager von R-Pharm: Der Konzern hat in Bayern ohne Genehmigungen den Bau einer Anlage gestartet. . (Quelle: Ulf Mauder/dpa)

Massive Probleme beim Bau der Anlage – Genehmigungen fehlen

Allerdings erfolgte kurz nach Bykows Ankündigung ein herber Rückschlag für das Unternehmen: Es stoppte die Bauarbeiten zur Produktionserweiterung auf dem Illertisser Gelände – weil zahlreiche Genehmigungen fehlten. Offenbar hatte R-Pharm unter anderem keine Zulassung für den Bau der Anlage, mit der ab Sommer Sputnik V hergestellt werden soll. 

Ende vergangener Woche erteilte das Landratsamt Neu-Ulm R-Pharm zwar eine Teilgenehmigung. Es fehlen aber noch viele weitere, wie die "Neu-Ulmer Zeitung" schreibt. So gebe es zum Beispiel kein Brandschutzkonzept. Außerdem sei bei einer größeren Produktionsmenge ein immissionsschutzrechtliches Verfahren nötig, in das auch die Öffentlichkeit eingebunden werden müsse.

R-Pharm in Illertissen: Eigentlich sollten hier ab Sommer Millionen Dosen Sputnik vom Band laufen.  (Quelle: dpa/Stefan Puchner)R-Pharm in Illertissen: Eigentlich sollten hier ab Sommer Millionen Dosen Sputnik vom Band laufen. (Quelle: Stefan Puchner/dpa)

Ob der angepeilte Produktionsstart in Bayern im Juni oder Juli unter diesen Vorzeichen gehalten werden kann, ist mehr als fraglich. R-Pharm und die bayerische Staatskanzlei äußerten sich auf Anfrage von t-online zunächst nicht.

IDT Biologika verhandelt schon seit Wochen mit Russland

Auch in Sachsen-Anhalt wird mit dem russischen Staatsfonds RDIF über die Produktion von Sputnik verhandelt. Hier sitzt das Dessauer Unternehmen IDT Biologika bei den Gesprächen mit am Tisch. IDT Biologika ist Experte auf dem Feld der Impfstoffherstellung und -abfüllung, mehr als 1.000 Mitarbeiter arbeiten an den Standorten in Dessau-Roßlau und Magdeburg.

Die Gespräche laufen bereits seit Wochen, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) wirbt offensiv für Sputnik und IDT. "In nächster Zeit wird entschieden, ob bei IDT Sputnik produziert werden kann", sagte er t-online. 

Ein Vertrag aber ist noch nicht unterschrieben. "Die Verhandlungen zwischen IDT Biologika und dem RDIF laufen nach wie vor, ohne dass bislang ein finales Ergebnis erzielt worden wäre", sagte Ulrich Gartner, Pressesprecher von IDT Biologika, t-online.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (v. l., beide CDU) besuchen IDT Biologika in Dessau: Die Politik hofft auf die Impfstoff-Experten.  (Quelle: imago images/Felix Zahn/photothek.net)Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (v. l., beide CDU) besuchen IDT Biologika in Dessau: Die Politik hofft auf die Impfstoff-Experten. (Quelle: Felix Zahn/photothek.net/imago images)

"Momentan sind unsere Kapazitäten voll"

Genaue Angaben zur Anzahl der Dosen, über die verhandelt wird, macht IDT nicht. Auch hier aber dürfte es nicht zeitnah zu einer Sputnik-Produktion kommen. "Momentan sind unsere Kapazitäten voll", so Gartner.

Das Unternehmen hat 2020 bereits Impfstoff für Astrazeneca abgefüllt und mit dem britisch-schwedischen Hersteller im Februar eine Absichtserklärung getroffen: Astrazeneca soll in Dessau produziert werden – allerdings erst ab Ende 2022. Dafür muss IDT nochmals gehörig aufrüsten: Gerade wurde der Grundstein für ein neues Gebäude zur Wirkstoffherstellung gelegt, auch eine neue Abfüllanlage wird angeschafft.

Dort sollen bis zu fünf 2.000-Liter-Bioreaktoren entstehen, in denen eine zweistellige Millionenzahl von Impfdosen pro Monat produziert werden könnten. Es wäre eine der größten Anlagen dieser Art in Europa. 

Arbeit im Labor von IDT Biologika: In Dessau wird derzeit Johnson & Johnson abgefüllt, für die Produktion von Astrazeneca wird ein neues Werk gebaut.  (Quelle: imago images/photothek)Arbeit im Labor von IDT Biologika: In Dessau wird derzeit Johnson & Johnson abgefüllt, für die Produktion von Astrazeneca wird ein neues Werk gebaut. (Quelle: photothek/imago images)

Die neue Anlage ist nicht spezifisch auf Astrazeneca ausgerichtet, auch andere Vektorimpfstoffe könnten dort produziert werden. Das aber wird eben noch dauern. "Wir rechnen mit einer Inbetriebnahme der Anlage in bis zu zwei Jahren", so Gartner. 

Gänzlich ausgeschlossen ist eine frühere Sputnik-Produktion in Dessau nicht – allerdings müssten dafür beispielsweise andere Kunden, deren Aufträge IDT bereits fest eingeplant hat, zurücktreten.

IDT-Mitarbeiter bei der Abfüllung von Einzelimpfdosen: Das Unternehmen baut eine der größten Impfstoff-Anlagen Europas.  (Quelle: imago images/Hartmut Bösener)IDT-Mitarbeiter bei der Abfüllung von Einzelimpfdosen: Das Unternehmen baut eine der größten Impfstoff-Anlagen Europas. (Quelle: Hartmut Bösener/imago images)

Durch eine solche Kooperation konnte IDT Mitte März auch bekannt geben, dass es den Produktionsplan umwirft und für drei Monate den US-amerikanischen Impfstoff Johnson & Johnson abfüllen und verpacken wird. Ein langjähriger Kunde, der einen Dengue-Impfstoff in Dessau abfüllen lässt, zog seinen Auftrag zurück, damit das Corona-Vakzin produziert werden kann. "Es kann intelligente Lösung geben", so Gartner.  

Immer wieder Probleme bei Sputnik-Lieferungen 

Unabhängig von Produktionsplänen steht Sputnik V eine weitere Hürde bevor: Er muss von der EU noch zugelassen werden. Dass das geschieht, ist keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder gibt es Meldungen über Probleme bei Sputnik-Lieferungen – am Donnerstag aus der Slowakei.

Dort stellte das Institut für Arzneimittelkontrolle in Untersuchungen von Sputnik-Dosen fest, dass sie sich von den in anderen Ländern verwendeten Stoffen unterschieden und auch Chargen aus unterschiedlichen Fabriken variierten. Das berichten slowakische Medien unter Berufung auf einen Bericht des Instituts. 

Kisten mit Dosen des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V in Ungarn: In mehreren Ländern kommt der russische Impfstoff bereits zum Einsatz.  (Quelle: dpa/Zoltan Mathe/MTI/AP)Kisten mit Dosen des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V in Ungarn: In mehreren Ländern kommt der russische Impfstoff bereits zum Einsatz. (Quelle: Zoltan Mathe/MTI/AP/dpa)

Im Gegensatz zu Ländern wie der Slowakei, Ungarn oder Österreich strebt Deutschland keine nationale Zulassung für den russischen Impfstoff an. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte am Donnerstag jedoch bilaterale Gespräche mit Russland an, um den Impfstoff perspektivisch für Deutschland zu sichern. Er betonte dabei bei WDR5: Zunächst sei die Zulassung durch die EU zentral. "Dafür muss Russland Daten liefern."

Der russische Impfstoffhersteller, der einen "Sputnik"-Twitteraccount mit mehr als 270.000 Followern betreibt, postete am selben Abend, man habe mit der Bundesregierung Gespräche über einen vorgezogenen Kaufvertrag aufgenommen. 

Die Zeichen mehren sich jedoch, dass Russland die von Spahn geforderten Daten nicht liefern könnte. Die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) wollte Mitte April Produktionsstätten in Russland inspizieren, Russland aber hat den Termin nun verschoben. Der Chef des Staatsfonds RDIF erklärte die Verzögerung damit, dass man Inspekteure aus Ländern bevorzuge, die bereits für Sputnik zahlten: "Wir priorisieren Kontrollen durch Länder, die sich bereits zum Kauf von Impfstoff aus Russland entschieden haben, anders als die Europäische Kommission." 

Einem Bericht der "Financial Times" zufolge geht es der EU-Arzneimittelbehörde in der aktuellen Arbeit außerdem noch gar nicht um die Studiendaten selbst. Sie will vielmehr die Umstände untersuchen, unter denen sie entstanden sind. Laut "Financial Times" will die EU-Arzneimittelbehörde in der nächsten Woche eine Untersuchung dazu einleiten, ob bei den Versuchen ethische und wissenschaftliche Standards verletzt wurden. Zuletzt hatte die Nachrichtenagentur Reuters über beteiligte Wissenschaftler berichtet, auf die politischer Druck ausgeübt worden sei. Russland dementiert. 

Verwendete Quellen:
  • Anfrage an R-Pharm 
  • Anfrage an IDT Biologika, Gespräch mit Ulrich Gartner 
  • Anfrage an die bayerische Landesregierung 
  • Anfrage an das Bundesgesundheitsministerium 
  • SWR: Impfstoffhersteller R-Pharm stoppt Bauarbeiten 
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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