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Ist er noch er selbst?

  • Johannes Bebermeier
Von Johannes Bebermeier

Aktualisiert am 23.12.2021Lesedauer: 5 Min.
Karl Lauterbach und die FDP, hier Verkehrsminister Volker Wissing: Sie sind nicht gerade nat├╝rliche Verb├╝ndete in der Corona-Politik.
Karl Lauterbach und die FDP, hier Verkehrsminister Volker Wissing: Sie sind nicht gerade nat├╝rliche Verb├╝ndete in der Corona-Politik. (Quelle: Omer Messinger/AFP-Pool/dpa-bilder)
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Karl Lauterbach ist jetzt Gesundheitsminister. Und mancher findet, dass ihn das Amt schon jetzt ver├Ąndert hat. Doch ganz so einfach ist es nicht. Was auch an einem Zerrbild des Politikers liegt.

Moment mal. Ist das wirklich Karl Lauterbach, der da am Mittwoch in der Bundespressekonferenz sitzt?


Karl Lauterbach: Seine Karriere in Bildern

Karl Lauterbach hat seit Beginn der Corona-Pandemie massiv an Bekanntheit gewonnen. Der SPD-Gesundheitsexperte ist seit Dezember 2021 Bundesgesundheitsminister. Seine Karriere in Bildern.
Karl Lauterbach im November 2003: Seit 2001 ist er Mitglied der SPD. Lauterbach ist am 21. Februar 1963 in D├╝ren in Nordrhein-Westfalen geboren.
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Statt einen Lockdown zu fordern, erkl├Ąrt der Mann dort wortreich, warum die Ampelregierung mit den Ministerpr├Ąsidenten am Vortag eben keinen beschlossen hat. Hoppla? Er wolle kurz auf die Lage der Pandemie eingehen, sagt Lauterbach zu Beginn, "aus der Perspektive der Bundesregierung". Das ist nun seine Rolle.

Er ist jetzt Bundesregierung. Aber ist er noch er selbst?

Kein anderer Minister der neuen Ampelregierung ist mit so hohen Erwartungen ins Amt gestartet wie der Gesundheitsminister. Und niemand wird nun schon so schnell an all diesen Erwartungen gemessen. Das liegt an seinem Amt, das in der alles dominierenden Corona-Krise eben sehr wichtig ist. Aber es liegt auch an Karl Lauterbach selbst.

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Wer viele Hoffnungen weckt, kann viele Hoffnungen entt├Ąuschen. Hat er das also schon? Haben die wenigen Tage im Amt einen anderen Menschen aus ihm gemacht? Hat ihn seine neue Macht gar korrumpiert?

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Diese Geschichte von der wundersamen Wandlung des Karl Lauterbachs ist eing├Ąngig und auch deshalb gerade beliebt. Sie ist nicht ganz falsch, nat├╝rlich muss sich ein Gesundheitsminister anders verhalten als ein einfacher Abgeordneter.

Aber die Geschichte ist eben auch nicht ganz richtig. Denn sie verkennt den Politiker, der Karl Lauterbach schon immer war. Und ersetzt ihn durch eine Art Zerrbild-Karl. Eine ├Âffentliche Projektion, die so nie der Wirklichkeit entsprochen hat. Ein Missverst├Ąndnis.

Der R├╝cktritt von "Karlchen ├ťberall"

Wer den Karl Lauterbach von heute besser verstehen will, muss zun├Ąchst kurz zur├╝ckschauen und wahrscheinlich sp├Ątestens mit dem 6. September 2019 beginnen, einem Freitag. Damals tritt Lauterbach zur├╝ck, von seinem bis dahin h├Âchsten politischen Job.

Er gibt sein Amt als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion auf. Zu dieser Zeit sucht die SPD gerade in einem ├Âffentlichen Wettbewerb neue Parteichefs. Lauterbach hat sich mit Nina Scheer beworben ÔÇô und spricht sich dabei so klar wie kaum ein anderer f├╝r den Ausstieg aus der Gro├čen Koalition aus. Derselben Koalition also, die er als Fraktionsvize an wichtiger Stelle mitgestalten und der er Mehrheiten organisieren muss.

Das passt nicht zusammen, finden viele in der SPD ÔÇô und Lauterbach dann auch. Also tritt er zur├╝ck.

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Weil Lauterbachs Kandidatur f├╝r den SPD-Vorsitz scheitert, steht er wenig sp├Ąter allerdings komplett ohne herausgehobenes Amt da. Nicht einmal Sprecher f├╝r Gesundheitspolitik ist er noch. Institutionelle Macht, also Macht qua Amt, hat er schlicht nicht mehr.

Lauterbach perfektioniert deshalb, was er schon vorher im kleineren Ma├čstab getan hat: Er wirkt politisch, indem er ├Âffentlich spricht, in Interviews und in Talkshows. Sein sp├Âttischer Spitzname "Karlchen ├ťberall", den ihm Parteikollegen noch vor seiner Corona-Omnipr├Ąsenz verpasst haben, trifft es jetzt eigentlich ganz gut.

Man kommt nicht an ihm vorbei, auch die Politiker mit den ├ämtern und der institutionellen Macht nicht ÔÇô und das ist sein Hebel.

Politiker? Wissenschaftler? Die Antwort ist klar

Der ├Âffentliche Auftritt ist in dieser Zeit Lauterbachs beste M├Âglichkeit, Einfluss auszu├╝ben auf das, was passiert in Deutschland. Politik zu machen. Also nutzt er diese M├Âglichkeit. Ausgiebig.

In der Corona-Krise w├Ąchst Lauterbach zudem gewisserma├čen ├╝ber seine Rolle als ├Âffentlicher Politiker hinaus. Zumindest in dem Bild, das sich viele Menschen von ihm machen, wird er zum ├Âffentlichen Intellektuellen. Zum obersten Corona-Erkl├Ąrer, der nachts Studien liest und tags├╝ber sagt, was Sache ist.

Schon das ist jedoch streng genommen Teil vom Zerrbild-Karl, dem Missverst├Ąndnis ├╝ber Lauterbach und sein Wirken. Es ist ein Missverst├Ąndnis, dem Lauterbach selbst nicht energisch widerspricht, weil es ihm hilft. Gesundheitspolitiker gibt es viele, oberste Corona-Erkl├Ąrer nicht. Also ist er in den Medien gefragter als sie. Nur wenige verstehen das polit-mediale Spiel so gut wie Prof. Dr. Lauterbach.

Wer ihn jedoch fragt, was er denn nun eigentlich sei, Politiker oder Wissenschaftler ÔÇô der bekommt eine klare Antwort: Politiker nat├╝rlich, zumindest wenn er gerade nicht in Harvard unterrichtet. Und damit ist er nicht in erster Linie dem Erkenntnisgewinn verpflichtet oder der Wahrheit. Lauterbach will Politik machen. Mehrheiten organisieren. Druck auf die Leute mit den ├ämtern aufbauen.

Und wer genau hinschaut, der merkt das auch.

Der ewige Mahner? Nicht so richtig

Denn ein weiterer Teil des Zerrbild-Karls, des Missverst├Ąndnisses ├╝ber sein Wirken, ist die Erz├Ąhlung von Karl Lauterbach, dem ewigen Mahner. Der Kassandra. Es stimmt nat├╝rlich, Lauterbach warnt viel, die Pandemie gibt ihm ja auch viel Anlass dazu. Aber er macht mehr als das, und manchmal macht er es auch bewusst nicht.

Er selbst betont immer, wenn ihm das ewige Mahnen vorgeworfen wird, dass er mindestens genau so viele Vorschl├Ąge mache, wie es besser laufen k├Ânnte. Konstruktive Kritik also.

Karl Lauterbach und die FDP, hier Verkehrsminister Volker Wissing: Sie sind nicht gerade nat├╝rliche Verb├╝ndete in der Corona-Politik.
Karl Lauterbach und die FDP, hier Verkehrsminister Volker Wissing: Sie sind nicht gerade nat├╝rliche Verb├╝ndete in der Corona-Politik. (Quelle: Omer Messinger/AFP-Pool/dpa-bilder)

Interessanter aber ist etwas anderes, um besser zu verstehen, warum der Karl Lauterbach von heute sich dann doch gar nicht so sehr vom Karl Lauterbach von vor ein paar Wochen unterscheidet. Denn er mahnt eben nicht einfach wild darauf los ÔÇô sondern meist wohlkalkuliert.

Lauterbach mahnt vor allem in den Zwischenzeiten, in denen er die Corona-Debatte noch unentschieden sieht und er hofft, sie mit gro├čer Geste gro├č beeinflussen zu k├Ânnen. Direkt vor oder direkt nach einer Entscheidung h├Ąlt er sich hingegen auff├Ąllig zur├╝ck. Wer ihn am Tag einer Bund-L├Ąnder-Runde anruft und eine deftige Kritik erwartet, wird in der Regel entt├Ąuscht. Stattdessen lobt er vor allem, auch am n├Ąchsten Tag noch. Und zwar nicht erst, seit er Minister ist.

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Nur bekommen das eben die Wenigsten mit, weil sein Lob medial meist verhallt, w├Ąhrend seine gro├čen Mahnungen in Erinnerung bleiben.

Lauterbach kommt gro├č raus

Karl Lauterbach lobt nat├╝rlich nicht, weil er so ein netter Typ ist und seine Kollegen schonen will. Er tut es, weil er den getroffenen Entscheidungen eine Chance geben will, erfolgreich zu werden. Er will Politik ver├Ąndern, damit sie besser wird, und nicht Politik torpedieren, nur um gro├č rauszukommen.

Wobei Lauterbach nat├╝rlich auch gro├č rauskommen will. Abseits aller Eitelkeiten l├Ąsst sich das eine in der Politik nie vom anderen trennen. Wer mehr Macht hat, kann mehr bewegen. Das wei├č Lauterbach sehr genau, weil er sie eben lange nicht hatte, zumindest im institutionellen Sinne. Und das z├Ąhlt am Ende.

Jetzt hat er sie als Gesundheitsminister, diese Macht. Und versucht im Grunde genau das weiter zu tun, was er vorher auch getan hat: Das Beste aus seinen M├Âglichkeiten zu machen. Und das bedeutet in seiner neuen Rolle eben jetzt mehr Machen als Mahnen. Die Regierung von au├čen unter Druck zu setzen funktioniert f├╝r ihn nicht mehr, einfach weil er jetzt selbst drin sitzt.

Es ist eine offene Frage, ob er mit diesem Amt erfolgreichere Corona-Politik machen kann als bisher oder eher nicht. Das entscheidet sich einerseits daran, wie gut er mit seiner neuen Rolle zurechtkommt. Und andererseits an den Kabinettskollegen und seinen F├Ąhigkeiten, sie von seiner Sicht der Dinge zu ├╝berzeugen. Denn er sitzt ja nicht alleine in der Regierung.

Der Vorteil an der Gro├čen Koalition war f├╝r ihn, dass er in Angela Merkel so etwas wie eine Schwester im Corona-Geiste hatte. Beide waren inhaltlich oft nah beieinander. N├Ąher wahrscheinlich, als Lauterbach seinem Parteifreund Olaf Scholz mitunter ist. Von der FDP, dem jetzigen Ampelkoalitionspartner, war Lauterbach in der Corona-Politik ohnehin immer weit entfernt.

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Viel einfacher wird es f├╝r Karl Lauterbach also nicht unbedingt. Ob er ein erfolgreicher Gesundheitsminister wird, ist ungewiss. Aber er ist schon noch er selbst.

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