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"Es darf nicht bleiben, wie es ist"

Von Miriam Hollstein

Aktualisiert am 28.04.2022Lesedauer: 4 Min.
RaĂșl Krauthausen ist einer der bekanntesten Aktivisten fĂŒr Menschen mit Behinderungen. Wegen seiner Glasknochenkrankheit sitzt er im Rollstuhl.
RaĂșl Krauthausen ist einer der bekanntesten Aktivisten fĂŒr Menschen mit Behinderungen. Wegen seiner Glasknochenkrankheit sitzt er im Rollstuhl. (Quelle: Imago Images / Becker&Bredel)
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Vor einem Jahr wurden in einem Potsdamer Wohnheim fĂŒr Behinderte vier Bewohner von ihrer Pflegerin ermordet. Eine Studie zeigt jetzt, welche Strukturen zu Gewalt an Menschen mit Behinderung fĂŒhren.

Von einer "grauenhaften Tat" sprach Brandenburgs MinisterprĂ€sident Dietmar Woidke (SPD). Die Nachricht erschĂŒtterte damals die gesamte Bundesrepublik: In der Nacht zum 29. April 2021 wurden in einem Potsdamer Wohnheim fĂŒr Menschen mit Behinderung vier Bewohner im Alter von 31 bis 56 Jahren von einer Pflegehelferin ermordet. Eine weitere Person wurde schwer verletzt.

Sie waren völlig arg- und wehrlos gewesen, als die 51-jĂ€hrige Ines R. ihnen die Kehle durchschnitt. Als ErklĂ€rung gab R. im Prozess "Überlastung" an; sie wurde im Dezember wegen vierfachen Mordes, dreifachen Mordversuchs und der schweren Misshandlung von Schutzbefohlenen vom Landgericht Potsdam zu 15 Jahren GefĂ€ngnis und der Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt.

Das Oberlinhaus in Postdam-Babelsberg: Hier wurden vor einem Jahr vier Bewohner ermordet.
Das Oberlinhaus in Postdam-Babelsberg: Hier wurden vor einem Jahr vier Bewohner ermordet. (Quelle: Imago / Martin MĂŒller)

Menschen mit Behinderung sind hÀufiger Opfer von Gewalt

Zum Jahrestag des Verbrechens fordert der Aktivist RaĂșl Krauthausen, der selbst im Rollstuhl sitzt, mehr Schutz fĂŒr Menschen in solchen Einrichtungen. Denn die Morde in Potsdam sind fĂŒr ihn nur die Spitze des Eisbergs. "Gewalt gegen Menschen mit Behinderung findet auf vielen Ebenen statt", sagt er.

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Mit seinem Verein "AbilityWatch e. V." hat Krauthausen die Strukturen untersucht, die dafĂŒr die Grundlage schaffen. Menschen mit Behinderung erleben hĂ€ufiger Gewalt als Menschen ohne Behinderungen. Dazu gehört sowohl körperliche als auch psychische Gewalt. Die Zahlen steigen.

So zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), dass allein in den Jahren zwischen 2015 und 2019 die Zahl der Betroffenen, die Opfer einer Straftat im Gesundheitswesen wurden, von 365 auf 555 gestiegen ist. Dazu zĂ€hlen sexuelle Nötigung und Vergewaltigung, fahrlĂ€ssige und vorsĂ€tzliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung bis hin zu Mord und Totschlag. FĂŒr 2021 vermerkt die PKS 4.938 FĂ€lle, in denen Menschen mit Behinderung Opfer von Straftaten wurden.

"Das ist eine TĂ€ter-Opfer-Umkehr"

Bei VorfĂ€llen in Heimen werde den Betroffenen von Gewalt oft eine Art Mitschuld gegeben, sagt Krauthausen: "Da heißt es dann, das Pflegepersonal sei 'ĂŒberfordert' gewesen. Das ist eine TĂ€ter-Opfer-Umkehr."

HĂ€ufig laufe die Gewalt aber auch subtiler ab: Etwa, wenn man bereits am frĂŒhen Abend ins Bett gezwungen werde – mit dem Hinweis, dass nicht genĂŒgend Personal vorhanden sei.

Schutzformel kam erst 1994 ins Grundgesetz

Erst 1994 wurde Artikel 3 des Grundgesetzes um den Satz erweitert: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Ableismus (sprich: Ey-belissmus) heißt der Fachbegriff dafĂŒr, wenn Menschen aufgrund ihrer Behinderung abgewertet werden – Voraussetzung fĂŒr Gewalttaten. Er kommt aus der amerikanischen Behindertenbewegung.

Ableismus fĂ€ngt bereits an, wenn Menschen im Alltag diskriminiert werden, weil AblĂ€ufe sie aufgrund ihrer Behinderung aufhalten (zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer, der lĂ€nger fĂŒr den Einstieg in den Bus braucht), und endet oft in Heimen, in denen die BedĂŒrfnisse der Bewohner permanent ignoriert werden, weil der BetreuungsschlĂŒssel nicht fĂŒr eine angemessene Pflege ausreicht.

StationĂ€re Einrichtungen hĂ€tten oft ein Interesse, das MachtgefĂ€lle aufrechtzuerhalten und die Bewohner und Bewohnerinnen nicht ĂŒber ihre Rechte aufzuklĂ€ren, sagt Krauthausen: "Das sind ja die Menschen, mit denen sie ihr Geld verdienen." In vielen Heimen finde zudem eine "MĂ€ngelverwaltung" statt.

Heime sollen Bewohner mehr beteiligen

FĂŒnf Forderungen hat Krauthausen an die Politik:

1. AufklĂ€rung: Heime mĂŒssten dazu verpflichtet werden, ihre Bewohnerinnen und Bewohner ĂŒber ihre Rechte wie auch ĂŒber alternative Möglichkeiten der Versorgung aufzuklĂ€ren. Krauthausen erlebt immer wieder, dass Menschen mit Behinderungen nicht wissen, dass sie einen Anspruch auf eine Assistenzbetreuung zu Hause haben.

2. Mitbestimmung: Heimbewohner und -bewohnerinnen sollten mehr Möglichkeiten der Mitbestimmung erhalten, etwa bei der Auswahl des Pflegepersonals.

3. Kontrolle: In Heimen fĂŒr Menschen mit Behinderungen sollten regelmĂ€ĂŸig unangekĂŒndigte Kontrollen durchgefĂŒhrt werden, bei denen es auch Möglichkeiten gibt, ohne Anwesenheit von Personal mit den Bewohnern und Bewohnerinnen zu sprechen.

4. Beschwerdemöglichkeiten: Es mĂŒssen bundesweit Beratungsstellen eingerichtet werden, bei denen Menschen mit Behinderungen Hilfe finden und beraten werden – und zwar von Menschen mit Behinderungen. "Es ist ein Trauerspiel, dass die Betroffenen fast ausschließlich von nicht behinderten Menschen beraten werden", sagt Krauthausen.

5. Dezentralisierung: Wohnen, Arbeiten und Therapien sollten möglichst an getrennten Orten stattfinden und nicht in einem einzigen Komplex. So haben Menschen, die Gewalt erleben, eine Chance, an anderen Orten Alarm zu schlagen.

Aktivist schleuste sich selbst undercover in Heim ein

Krauthausen selbst hat 2016 ein Experiment gestartet und sich fĂŒnf Tage lang undercover in ein Heim einweisen lassen. Nach kurzer Zeit galt er dort als Querulant: Etwa, weil er darum bat, nicht bereits um 20 Uhr ins Bett gebracht zu werden oder nicht von einer Person gewaschen zu werden, bei der er es persönlich als zu intim empfand.

Es sei kein besonders schlecht gefĂŒhrtes Heim gewesen, sagt Krauthausen. Es waren vielmehr auch die Kleinigkeiten, die zermĂŒrbten. Personal, das die TĂŒr offen ließ, wenn Krauthausen auf Toilette war, ein abgeschlossener KĂŒhlschrank, der es unmöglich machte, frei zu entscheiden, wann man eine Kleinigkeit essen wollte.

Über seine Erlebnisse hat Krauthausen ein Video gedreht und ein Tagebuch geschrieben. Er war froh, nach fĂŒnf Tagen im Heim wieder raus zu sein. Normalerweise lebt er in Berlin in einer eigenen Wohnung mit zwölf Stunden Assistenz.

Mit dem Rechercheprojekt #AbleismusTötet (ableismus.de) hoffen er und sein Team, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen ziehen zu können. Insbesondere, was stationÀre Einrichtungen betrifft. "Es darf nicht bleiben, wie es ist", sagt Krauthausen.

Sozialverband: Heime brauchen Gewaltschutzkonzepte

Auch die PrĂ€sidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, sieht dringenden Änderungsbedarf. Eine staatlich finanzierte, unabhĂ€ngige Beschwerdestelle hĂ€lt sie dabei nicht fĂŒr sinnvoll. Diese sei ein "zahnloser Tiger", weil bei MissstĂ€nden in Heimen nur die Aufsichtsbehörden der LĂ€nder eingreifen könnten.

Bentele sagt t-online: "Sinnvoller ist es, Behinderteneinrichtungen zur Vorlage wirksamer Gewaltschutzkonzepte zu verpflichten. Zugleich mĂŒssen alle BundeslĂ€nder fĂŒr deren lĂŒckenlose Umsetzung sorgen. Beschwerdestellen sollten auf LĂ€nderebene eingerichtet werden – mit klaren Verantwortlichkeiten und wirksamen Durchgriffsrechten."

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