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Gastbeitrag von Frank Sitta (FDP): Brauchen eine echte Waldschutzoffensive


Wir brauchen eine echte Waldschutzoffensive

Ein Gastbeitrag von Frank Sitta

Aktualisiert am 03.09.2020Lesedauer: 4 Min.
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Oberhalb des Rur-Staubecken, geschädigter Wald, Waldsterben, tote Fichten, durch den Borkenkäfer, Klimawandel, Heimbach,
Oberhalb des Rur-Staubecken, geschädigter Wald, Waldsterben, tote Fichten, durch den Borkenkäfer, Klimawandel, Heimbach, (Quelle: Jochen Tacke/imago-images-bilder)
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Das Hunderte Millionen Euro schwere Hilfsprogramm für den Wald hilft nach Ansicht des FDP-Politikers Frank Sitta nur bedingt. Er fordert im Gastbeitrag weitere Einsätze der Bundeswehr, ein Aufkaufprogramm für Holz – und die Nutzung mit der Genschere veränderter Pflanzen.

Viele Regionen Deutschlands kämpfen mit dem massenhaften Sterben von Fichten und dürrebedingten Schäden auch bei anderen Bäumen. Um den Wald auf den weiteren Klimawandel schneller anzupassen, regt der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Frank Sitta die Nutzung von gentechnischen Verfahren bei der Pflanzenzucht an. In einem Gastbeitrag für t-online.de erklärt er, warum er die bisherigen Hilfsprogramme der Bundesregierung nicht für ausreichend hält.


Waldsterben 2.0: So sieht es in Deutschland aus

Nationalpark Harz bei Schierke
Nationalpark Eifel
+5

Lichte Baumkronen und mitunter gar ganz abgestorbene Wälder sind das Ergebnis der letzten drei Jahre mit extremer Dürre, Unwettern, Waldbränden und dem Borkenkäferbefall. Vier von fünf Bäumen weisen mittlerweile ernsthafte Krankheitssymptome auf, und die Schäden drohen sich noch zu vervielfachen. Unsere Wälder zu schützen, heißt auch, sie auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. Dazu gilt es, folgende Handlungsfelder anzupacken:

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Das Schadholz muss schnell geborgen werden

Die Wälder nach der Kalamität sich selbst zu überlassen und zu denken, sie passten sich Klimawandel und Schädlingsdruck am besten selbst an, ist ein gefährlicher Irrglaube. Es ist im wahrsten Sinne auch ein Spiel mit dem Feuer.

Totes, trockenes Holz ist nicht nur Waldbrandbeschleuniger, sondern auch geradezu eine Oase für den Borkenkäfer. Bei optimalen Bedingungen erreicht ein Borkenkäferweibchen drei Generationszyklen mit bis zu 100.000 Nachkommen pro Jahr. Absterbender Wald setzt zudem enorme Mengen CO2 in die Atmosphäre frei.

Daher gilt es alles daran zu setzen, Schadholz vor weiterem Befall zu schützen. Es muss rasch geborgen und die Brutstätten des Käfers müssen zerstört werden. Um die Forstbetriebe bei dieser Mammutaufgabe zu unterstützen, braucht es schlagkräftige Hilfe.

Diese können die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk mit der Bereitstellung von Transportkapazitäten und Unterstützung beim Entrinden der Stämme leisten.

Frank Sitta (42) aus Halle (Saale) ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag und im Fraktionsvorstand etwa für Digitalisierung, aber auch für Landwirtschaft und Umweltschutz zuständig. Der Unternehmer hat im Juli seinen Rückzug aus der Bundespolitik angekündigt.

Was nicht direkt verarbeitet werden kann, muss anschließend mit Pflanzenschutzmitteln behandelt und nass gelagert werden. Alte Flugplätze, Bundeswehrstandorte oder Industriebrachen können schnell für solche Zwecke hergerichtet werden. Was der starken Truppe des Bundes einst in der Katastrophenhilfe bei verschiedenen Hochwassern im Land hochgradige Anerkennung in der Bevölkerung brachte, ist nun im Wald dringend gefragt.

Die Waldhilfen der Bundesregierung sind ein Bürokratietiger

Die Waldbesitzer – darunter über zwei Millionen Privateigentümer häufig eher kleiner Flächen – leisten einen entscheidenden Beitrag zur Erhaltung der vielseitigen Funktionen des Waldes. Oftmals über Generationen hinweg konnte der Erlös aus dem Holzeinschlag die Kosten für Aufforstungen und Gesunderhaltung des Waldes decken. Die durch Kalamitäten angefallenen 178 Millionen Kubikmeter Schadholz führen zu einem enormen Preisverfall auf dem Holzmarkt.

Kahlschlag im Harz: Rund um den Brocken bieten sich traurige Bilder. Rechts oben im Bild aus 800 Kilometern Höhe ist Wernigerode zu sehen.
Kahlschlag im Harz: Rund um den Brocken bieten sich traurige Bilder. Rechts oben im Bild aus 800 Kilometern Höhe ist Wernigerode zu sehen. (Quelle: Copernicus Sentinel, Europäische Union)

Die notwendigen Räumungen sind nun um ein Vielfaches teurer als das, was Holz derzeit erlösen kann. Die Waldhilfen, die Bundesministerin Julia Klöckner bereits im letzten Herbst verkündete und die im Konjunkturpaket nochmals großzügig aufgestockt wurden, sind gut gemeint.

Sie drohen allerdings zu reiner Schaufensterpolitik zu verkommen, da nur ein Bruchteil bislang überhaupt ausgezahlt wurde. Schleppende Bund-Länder-Verfahren mit bürokratischer Beantragung der Mittel sorgen dafür, dass der Borkenkäfer den Förstern stets um Generationen voraus ist.

Hier ist ein pragmatischer Ansatz notwendig: Um einen Anreiz für die zügige Schadholzbeseitigung zu setzen, muss ein staatliches Aufkaufprogramm für Holz aus Körperschafts- und Privatforsten gestartet werden.

Nach fachgerechter Zwischenlagerung kann der Wiederverkauf an Sägewerke, Energieerzeuger und Holzverarbeiter erfolgen. Die Waldschäden stellen ein Ereignis von nationalem Ausmaß dar, weshalb ein derart vehementer Kraftakt gefordert ist.

Wir müssen den Wald mit Mut zu Innovationen zukunftsfit machen

Das durch sauren Regen verursachte Waldsterben der Achtziger Jahre konnte durch einfache, zielgerichtete politische Maßnahmen, wie etwa durch die Einführung von Filteranlagen in der Industrie oder Katalysatoren in Autos, vergleichsweise günstig und effektiv angegangen werden. Das Waldsterben heute ist ein wesentlich komplexerer, von mehreren Faktoren ausgelöster Prozess. Daher gilt es nun, schneller entsprechende Antworten zu finden, um den Klima- und Schädlingseinflüssen einen Schritt voraus zu sein.

Die klassische Züchtung von Bäumen dauert Jahrzehnte. Durch moderne biotechnische Verfahren können vielversprechende Eigenschaften einer Pflanzensorte, wie Trockentoleranz oder eine effizientere Wasseraufnahme in der Pflanzen-DNA identifiziert werden. Mit neuen Züchtungsverfahren der Genom-Editierung, wie CRISPR/Cas, lassen sich diese Eigenschaften schneller in neue und damit widerstandsfähige Sorten einbauen: So kann der Umbau zu klimastabileren Wäldern beschleunigt werden.

CRISPR/Cas9
Bei CRISPR/Cas9 handelt es sich um den Einsatz einer Genschere. Einzelne Informationen zum Erbgut werden ergänzt oder umgeschrieben, um bestimmte gewünschte Eigenschaften zu fördern. Diese Methode haben sich Wissenschaftler von Bakterien abgeschaut. Mit dem Enzym Cas9 steuern Bakterien die DNA krankmachender Viren an und zerschneiden sie zielgerichtet. Die Technik lässt sich auf alle Lebewesen anwenden. Die Bundesregierung erklärt, Chancen und Risiken der Genomeditierung im Forst seien noch nicht ausreichend erforscht. In Deutschland sammelt das Thünen-Institut für Forstgenetik Erkenntnisse zu Methodik, Anwendungsmöglichkeiten und Risiken der Genschere CRISPR/Cas9 bei Bäumen. Praktische Anwendung gebe es in Deutschland nicht, weltweit werde aber intensiv daran geforscht.

Diesen Zeitvorteil brauchen wir dringender denn je. Denn der Klima-Wald der Zukunft besteht nicht mehr aus öden Fichtenwäldern, sondern aus vielfältigen Mischwäldern, die auch nichtheimische Baumarten wie Baumhaseln oder Zedern beinhalten.

Die Waldforschung muss gestärkt und besser vernetzt werden

Um überhaupt die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können, sind innovative Ideen und fachliche Expertise gefragt. Wie in der Corona-Pandemie braucht es gemeinsame, internationale Kraftanstrengungen der Wissenschaft. Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung beklagt erhebliche Defizite der deutschen Forst- und Holzforschung in Folge ineffizienter föderaler Strukturen.

Wir müssen deshalb die Forschung über alle Bereiche, von forstwissenschaftlichen Universitäten über Ressortforschung des Bundes bis zur Förderung und Einbindung von innovativen Start-ups besser vernetzen: Wir brauchen eine Task-Force für den Wald, wo Experten aus Praxis und Wissenschaft kluge Strategien entwickeln.

Zudem muss die Gründung eines Bundesinstituts für den Wald, in dem sämtliche Kapazitäten deutschlandweit zusammengefasst und koordiniert werden, eine wichtige Überlegung sein. Denn: Der nachhaltige Wald der Zukunft kann und muss beides sein – klimastabil, sowie weiterhin ein wertvolles Wirtschaftsgut. Untätigkeit bringt uns hingegen weder das eine, noch das andere, sondern nur noch mehr totes Holz.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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