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Worum es beim brisanten Streit um das Einfamilienhaus geht

Von Stefan Rook

Aktualisiert am 16.02.2021Lesedauer: 4 Min.
Eine neugebaute Einfamilienhaussiedlung im Ruhrgebiet: Die GrĂŒnen sehen den Bau von EinfamilienhĂ€usern aus ökologischen GrĂŒnden kritisch: Sie verbrauchten zu viel FlĂ€che, zu viel Energie und trieben die Zersiedlung voran.
Eine neugebaute Einfamilienhaussiedlung im Ruhrgebiet: Die GrĂŒnen sehen den Bau von EinfamilienhĂ€usern aus ökologischen GrĂŒnden kritisch: Sie verbrauchten zu viel FlĂ€che, zu viel Energie und trieben die Zersiedlung voran. (Quelle: /dpa-bilder)
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Nach einem Interview mit GrĂŒnen-Fraktionschef Hofreiter entbrennt eine Debatte ĂŒber den Bau von EinfamilienhĂ€usern. Von Verbot ist die Rede – was aber niemand gefordert hat. Das sind die Fakten.

LĂ€sst sich der Traum vom Eigenheim mit den Erfordernissen des Umwelt- und Klimaschutzes in Einklang bringen? GrĂŒnen-Fraktionschef Anton Hofreiter spricht darĂŒber in einem Interview. Danach gibt es heftige Kritik und die GrĂŒnen werden wieder als "Verbotspartei" bezeichnet. Doch worum geht es eigentlich? Ein Überblick:

Worum geht es in der Debatte?

Auslöser ist die Entscheidung von SPD und GrĂŒnen im Bezirk Hamburg-Nord, in den neuen BebauungsplĂ€nen keine Einfamilien- und ReihenhĂ€user auszuweisen. RĂŒckendeckung bekamen sie von GrĂŒnen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Er beklagte in einem Interview mit dem "Spiegel" den Bau von EinfamilienhĂ€usern aus ökologischen GrĂŒnden: Sie verbrauchten zu viel FlĂ€che, zu viel Energie und trieben die Zersiedlung voran.

Hat Hofreiter ein Verbot von EinfamilienhÀusern gefordert?

Nein. Weder Hofreiter noch die GrĂŒnen wollen ein komplettes Verbot neuer EinfamilienhĂ€user oder gar neuer Eigenheime. Hofreiter erklĂ€rte das in dem Interview ausdrĂŒcklich: "NatĂŒrlich wollen die GrĂŒnen nicht die eigenen vier WĂ€nde verbieten. Die können ĂŒbrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort." Auf die Frage zur Zukunft von EinfamilienhĂ€usern antwortete er: "Das wird von Region zu Region, von Ort zu Ort unterschiedlich sein. Man muss den Kommunen die Möglichkeit geben zu entscheiden."

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Wie waren die Reaktionen auf Hofreiters Interview?

Politiker der Union und der FDP sowie Vertreter der Wirtschaft sprachen in ihren Reaktionen von den GrĂŒnen als "Verbotspartei" – obwohl sich Hofreiter im Interview klar von einem Verbot distanzierte. Der thĂŒringische CDU-Landesvorsitzende Christian Hirte sagte der "Bild": "Von Privateigentum und den TrĂ€umen von Millionen von Familien hat die politische Linke noch nie etwas gehalten. Weiter geht es Richtung grĂŒne Verbotspartei mit dem Einfamilienhaus als Feindbild."

"Die GrĂŒnen wollen den Menschen den Traum vom Eigenheim madig machen", kritisierte der bau- und wohnungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Daniel Föst. Die eigenen vier WĂ€nde und vor allem das Einfamilienhaus seien ein Wohlstandsversprechen und die beste Altersvorsorge. "Statt BĂŒrgerinnen und BĂŒrger in DDR-Plattenbauten zu pferchen, mĂŒssen wir endlich mehr Menschen den Weg ins Eigenheim ebnen."

Auch Felix Pakleppa, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), interpretierte Hofreiters Äußerungen als Verbot: "Eine ideologisch geprĂ€gte Verbotspolitik ist der völlig falsche Weg", sagte er. "Wer heute neu baut, baut nachhaltig: Eigenheimbauer planen und bauen nach hohen Standards in Sachen Energieeffizienz und nutzen neueste und nachhaltige Verfahren. Damit ist der Neubau das Musterbeispiel dafĂŒr, wie klimagerechtes Bauen und Wohnen aussehen kann."

Zuspruch bekam Hofreiter von Linken-Chef Bernd Riexinger, der dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte: "Man muss den FlĂ€chenverbrauch reduzieren, aus sozialen GrĂŒnden und aus GrĂŒnden des Klimaschutzes. Deshalb können wir mit den EinfamilienhĂ€usern nicht so weitermachen wie bisher. Wir sollten stattdessen in den StĂ€dten verdichten und GrundstĂŒcke so bebauen, dass mehr Wohnungen rauskommen – vor allem mehr bezahlbare Wohnungen."

GrĂŒnen-Fraktionschef Anton Hofreiter: Seine Äußerungen ĂŒber die Zukunft von EinfamilienhĂ€usern sorgen fĂŒr eine heftige Debatte.
GrĂŒnen-Fraktionschef Anton Hofreiter: Seine Äußerungen ĂŒber die Zukunft von EinfamilienhĂ€usern sorgen fĂŒr eine heftige Debatte. (Quelle: /imago-images-bilder)

Warum werden EinfamilienhÀuser kritisiert?

EinfamilienhĂ€user brauchen viel FlĂ€che, schaffen gleichzeitig aber Wohnraum fĂŒr nur wenige Menschen. Dazu kommt die Versiegelung – also das komplette Zubauen – von Boden. In versiegelte Böden fließt kein Wasser ab, was das Risiko fĂŒr Überschwemmungen erhöhen kann. Insgesamt wird in Deutschland zu viel Boden versiegelt. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schreibt zu den damit verbundenen Risiken: "Mit dem Verbrauch neuer FlĂ€chen fĂŒr Verkehrs- und Siedlungszwecke und zunehmender Versiegelung gehen vor allem die Lebensraumfunktion des Bodens, die Fruchtbarkeit und die WasserdurchlĂ€ssigkeit des Bodens verloren. Zu den Folgen zĂ€hlen der Verlust der Bodenfauna, örtliche Überschwemmungen bei starken RegenfĂ€llen, niedrige GrundwasservorrĂ€te sowie stĂ€dtische WĂ€rmeinseln durch fehlende VerdunstungskĂ€lte. Mit den unbebauten FlĂ€chen und unversiegelten Böden als endliche Ressource muss also sparsam umgegangen werden. Die Bedeutung des Bodens als Grundlage unserer Existenz muss in den Köpfen eines jeden verankert werden, denn wir brauchen ihn wie die Luft zum Atmen."

Laut Nabu dauert es rund 2.000 Jahre, bis zehn Zentimeter fruchtbarer Boden entstehen. Dieses wertvolle Gut werde durch die Bebauung zerstört. Der derzeitige FlÀchenverbrauch in Deutschland entspricht laut Nabu etwa einem Einfamilienhaus pro Minute.

Die Probleme hat auch die Bundesregierung erkannt, die im Zuge ihrer Nachhaltigkeitsstrategie den FlĂ€chenverbrauch radikal begrenzen wollte. Das selbst gesteckte Ziel von 30 Hektar FlĂ€chenverbrauch pro Tag bis 2020 wurde nicht erreicht und auf 2030 verschoben. "Wir prĂŒfen, mit welchen zusĂ€tzlichen planungsrechtlichen und ökonomischen Instrumenten das Ziel erreicht werden kann", heißt es dazu im Koalitionsvertrag von Union und SPD.

Wo gibt es schon EinschrÀnkungen beim Bau von EinfamilienhÀusern?

Auslöser der aktuellen Debatte ist Hamburg-Nord: In den Stadtteilen Winterhude, Langenhorn und FuhlsbĂŒttel, die zusammen den Bezirk Nord bilden, wird unter dem grĂŒnen Bezirksamtschef Michael Werner-Boelz der Neubau von EinfamilienhĂ€usern nicht mehr genehmigt. In ThĂŒringens grĂ¶ĂŸter Stadt Erfurt sollen langfristig keine neuen EinfamilienhĂ€user mehr gebaut werden.

Auch in Schleswig-Holstein wird derzeit darĂŒber diskutiert, ob in gefragten Wohnorten wie Kiel, Flensburg und Norderstedt noch neue EinfamilienhĂ€user gebaut werden sollten. Der Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen empfiehlt jedenfalls, in Schleswig-Holstein keine Neubaugebiete mehr fĂŒr EinfamilienhĂ€user auszuweisen.

Wie entwickelt sich der FlÀchenverbrauch in Deutschland?

Eines ist klar: Immer mehr FlĂ€chen in Deutschland werden bebaut. Laut Statistischem Bundesamt wuchsen die Siedlungs- und VerkehrsflĂ€chen von 1992 bis 2019 von 40.305 Quadratkilometer auf 51.489 Quadratkilometer. Allerdings nahm der durchschnittliche FlĂ€chenverbrauch in den vergangenen 20 Jahren deutlich ab. Im Vier-Jahres-Schnitt von 1997 bis 2000 wurden tĂ€glich knapp 130 Hektar fĂŒr Siedlungen und Verkehr verbraucht, im Zeitraum von 2015 bis 2018 waren es nur noch 56 Hektar.

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Wer verbraucht in Deutschland wie viel FlÀche?

Laut Statistischem Bundesamt befinden sich 31 Prozent aller WohnunterkĂŒnfte in EinfamilienhĂ€usern – diese nehmen aber 41 Prozent der bebauten FlĂ€che ein. Umgekehrt verhĂ€lt es sich mit MehrfamilienhĂ€usern: 42 Prozent der WohnunterkĂŒnfte entfallen auf 33 Prozent der FlĂ€che. Pro Jahr werden derzeit rund 100.000 neue EinfamilienhĂ€user genehmigt. Beim FlĂ€chenverbrauch gibt es zudem ein Stadt-Land-GefĂ€lle: In Gemeinden unter 2.000 Einwohnern werden im Schnitt 1.545 Quadratmeter pro Einwohner "verbraucht" – also bebaut. In GroßstĂ€dten mit mehr als einer halben Million Einwohnern sind es nur 219 Quadratmeter.

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