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Interview
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"Vielleicht will ich der neue Habeck werden"

Von Daniel M├╝tzel

Aktualisiert am 16.01.2022Lesedauer: 7 Min.
Ricarda Lang will k├╝nftig die Gr├╝nen f├╝hren: "M├╝ssen uns strategisch neu erfinden."
Ricarda Lang will k├╝nftig die Gr├╝nen f├╝hren: "M├╝ssen uns strategisch neu erfinden." (Quelle: Janine Schmitz/imago-images-bilder)
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Ricarda Lang will Ende Januar das Erbe von Habeck und Baerbock antreten.

Die ├ära von Annalena Baerbock und Robert Habeck an der Spitze der Gr├╝nen geht zu Ende. Am 28. und 29. Januar wird auf einem virtuellen Parteitag die neue F├╝hrung gew├Ąhlt. Neben dem Au├čenpolitiker Omid Nouripour hat die bisherige Parteivize und Sozialpolitikerin Ricarda Lang ihre Kandidatur angek├╝ndigt.


Ricarda Lang: Die j├╝ngste Frau an der Spitze der Gr├╝nen

Ricarda Lang ist seit dem 29. Januar 2022 Vorsitzende der Gr├╝nen. Lang wurde 1994 in Filderstadt (Baden-W├╝rttemberg) geboren ÔÇô sie ist damit die j├╝ngste Parteichefin der Gr├╝nen-Geschichte. Sie gilt als parteilinks.
Hannah Neumann (l), Annalena Baerbock, Sven Giegold, Erik Marquardt, Michael Kellner und Ricarda Lang (r) bei der Wahl zum Europ├Ąischen Parlament im Jahr 2019: Nach dem Abitur begann Lang 2012 ein Studium der Rechtswissenschaften, zun├Ąchst an der Ruprecht-Karls-Universit├Ąt Heidelberg, sp├Ąter an der Humboldt-Universit├Ąt zu Berlin. Sie brach dieses schlie├člich 2019 ohne Abschluss ab.
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Im Gespr├Ąch mit t-online spricht sie ├╝ber die neue Rolle der Gr├╝nen als Regierungspartei, schmerzhafte Kompromisse in der Ampel und warum das Land ein neues soziales Sicherungsversprechen braucht.

Frau Lang, wenn alles klappt, werden Sie Ende Januar zur neuen Gr├╝nen-Chefin gew├Ąhlt. Mit dann 28 Jahren w├Ąren Sie die j├╝ngste Vorsitzende der Parteigeschichte, in einer nicht gerade einfachen Zeit. Haben Sie manchmal Zweifel, ob Sie das schaffen?

Ricarda Lang: Wenn ich zweifeln w├╝rde, h├Ątte ich nicht kandidiert. Ich habe mir die Kandidatur gut ├╝berlegt und bin zum Gl├╝ck in einer Partei, in der das Alter kaum eine Rolle dabei spielt, was einem politisch zugetraut wird. Ich glaube, ich bin die richtige Person zu diesem Zeitpunkt. Aber nat├╝rlich habe ich gro├čen Respekt vor dieser Aufgabe.

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Ihr Co-Kandidat Omid Nouripour hat gesagt, er wolle kein "zweiter Habeck" werden. Wollen Sie die neue Baerbock werden oder einen ganz neuen Kurs einschlagen?

(lacht) Vielleicht will ich ja der neue Habeck werden.

Wollen Sie?

Nein. Im Ernst, ich vergleiche mich nicht. Die beiden haben die Gr├╝nen ├╝bernommen, als wir noch in der Opposition waren. Da ging es darum, die Partei zu einen und breiter aufzustellen. Jetzt sind wir in einer komplett neuen Phase, in der wir die Parteimitglieder, die Fraktion und die Akteure im Kabinett miteinander verzahnen m├╝ssen. Wir erfinden uns strategisch neu und m├╝ssen ├╝ber die Regierungszeit hinausdenken. Es sind neue Zeiten und eine neue Aufgabe f├╝r die Parteivorsitzenden.

Bundesdelegiertenkonferenz der Gr├╝nen 2019: Ricarda Lang mit der Parteispitze rund um Robert Habeck und Annalena Baerbock (Mitte).
Bundesdelegiertenkonferenz der Gr├╝nen 2019: Ricarda Lang mit der Parteispitze rund um Robert Habeck und Annalena Baerbock (Mitte). (Quelle: Sven Simon/imago-images-bilder)

Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale politische Aufgabe der n├Ąchsten Jahre?

Wir stehen beim Klimaschutz vor einer riesigen Aufgabe, der R├╝ckstand ist gigantisch. Wenn wir jetzt nicht das Tempo erh├Âhen, verfehlen wir die Klimaziele, das muss uns allen klar sein. Dabei ist es wichtig, gerade den Menschen mit kleinem Geldbeutel Sicherheit zu geben. Klimapolitik muss sozial gerecht umgesetzt werden, und zwar in allen Bereichen.

Droht das nicht, langsam zur leeren Floskel zu werden? Mit Debatten um das Verbot von Billigfl├╝gen oder h├Âhere Lebensmittelpreise haben sich die Gr├╝nen eher den Vorwurf eingehandelt, die soziale Frage der ├Âkologischen unterzuordnen, wenn es hart auf hart kommt.

Nein, das ist der Grundsatz unserer Vorhaben: Sozialpolitik war uns immer ein Herzensanliegen. Mit der Garantiesicherung haben wir ein eigenes Konzept entwickelt, wie man Hartz IV ├╝berwinden kann. Wir haben den 12-Euro-Mindestlohn auf unserem Parteitag beschlossen und an die Regierung herangetragen. Mit der Kindergrundsicherung haben wir ein Modell entwickelt, wie Millionen von Kindern aus der Armut gef├╝hrt werden k├Ânnen.

Konzepte und Beschl├╝sse sind das eine, ob die Gr├╝nen das auch in konkrete Politik ├╝bersetzen k├Ânnen, muss sich noch zeigen. Hat Ihre Partei hier nicht ein St├╝ck ihrer Glaubw├╝rdigkeit verloren?

Wir waren im Bund bisher in der Opposition. Jetzt sind wir in der Verantwortung, unsere Ideen auch umzusetzen. F├╝r mich ist das auch ein sehr pers├Ânliches Anliegen. Ich bin selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus gearbeitet hat. Ich wei├č also aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn jemand ├╝ber 40 Stunden die Woche arbeitet, sich nebenher um ein Kind k├╝mmert und trotzdem kaum ├╝ber die Runden kommt. Dieser Wunsch, dass es Menschen wie meiner Mutter endlich besser geht in diesem Land, hat mich ├╝berhaupt erst in die Politik gebracht.

Ansto├čen auf die Ampel: Ricarda Lang mit Lars Klingbeil (SPD) bei der Vorstellung des ausgehandelten Koalitionsvertrags im November.
Ansto├čen auf die Ampel: Ricarda Lang mit Lars Klingbeil (SPD) bei der Vorstellung des ausgehandelten Koalitionsvertrags im November. (Quelle: Mike Schmidt/imago-images-bilder)

Noch-Gr├╝nen-Chef und Wirtschaftsminister Habeck k├╝ndigt "Zumutungen" an und fordert, Deutschland m├╝sse "drei Mal besser werden" beim Klimaschutz. ├ťberfordert man nicht die Menschen mit so einer Rhetorik, gerade solche, die mit der Energiewende den weiteren sozialen Abstieg f├╝rchten?

Mit dem "drei Mal besser werden" ist ausgesprochen, wo wir stehen und was passieren muss. Wir Gr├╝ne reden nicht von der Klimakrise, weil wir das so spannend finden, sondern weil sie Realit├Ąt ist und so schnell und so gr├╝ndlich wie m├Âglich angepackt werden muss. Das ist wie bei einem Fu├čballspiel: Es ist die 85. Spielminute, aber wir liegen 0:2 im R├╝ckstand. Da kann man jammern oder alles geben. Wir wollen Letzteres, daher m├╝ssen wir auch bereit sein, ins Risiko zu gehen.

Auf "allen geeigneten Dachfl├Ąchen" sollen k├╝nftig Solaranlagen installiert werden, das sieht der Habeck-Plan vor. Zahlen da nicht am Ende vor allem die Mieter drauf?

Zun├Ąchst einmal: Diesen Plan hat nicht nur Robert Habeck gefasst, er steht auch im Koalitionsvertrag. Und zum Plan selbst: Das Gegenteil ist der Fall: Wenn wir es richtig machen, dann wird es mit Solarstrom vom eigenen Dach sogar g├╝nstiger. Bei der Debatte ist mir wichtig: Gerade die Abh├Ąngigkeit von fossilen Energien f├╝hrt zu steigenden Heizkosten. Die Energiewende ist also auch ein soziales Projekt.

Aber kurzfristig steigen die Mieten erst mal.

Um das zu verhindern, m├╝ssen wir jetzt schnell entb├╝rokratisieren und daf├╝r sorgen, dass es sich st├Ąrker lohnt, den eigenen Kiez, das eigene Dorf oder die Nachbarinnen mit dem selbst erzeugten ├ľkostrom zu versorgen. Dann profitieren am Ende alle davon. In Berlin und Baden-W├╝rttemberg haben wir die Solarpflicht bereits auf den Weg gebracht. Das zeigt, es ist machbar.

Vermieter sollen au├čerdem dazu gebracht werden, ihre H├Ąuser zu d├Ąmmen und mit modernen Heizsystemen aufzur├╝sten. Experten bef├╝rchten eine Explosion der ohnehin schon hohen Heizkosten.

Daher hat die Ampel einen Sofortzuschlag f├╝r Heizkosten vereinbart, mit dem wir Menschen, die Wohngeld empfangen, ganz konkret entlasten. Auch soll der CO2-Preis gerecht aufgeteilt werden zwischen Mieterinnen und Vermieterinnen.

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Wie genau?

Das auszuarbeiten, ist nun die Aufgabe der zust├Ąndigen Ministerien. Klar ist aber: Die Mieterinnen werden entlastet. Denn wir werden alles daf├╝r tun, dass steigende Heizkosten nicht am Ende dazu f├╝hren, dass Menschen mit geringen Einkommen im Winter frieren m├╝ssen.

Nur mit Zuschl├Ągen und Einzelma├čnahmen werden wir aber nicht weit genug kommen. Wir brauchen ein anderes soziales Sicherheitsversprechen: Darunter verstehe ich nicht nur einen h├Âheren Mindestlohn und eine Kindergrundsicherung, sondern auch die Neuberechnung der Regels├Ątze von Hartz IV.

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Aber das hat die Ampel doch bereits kassiert. Hartz IV bekommt mit dem "B├╝rgergeld" zwar ein neues Label und es wurde an einigen Stellschrauben gedreht, aber die Beitragsh├Âhe wurde nicht angetastet. Von Sozialverb├Ąnden kam scharfe Kritik.

Wir haben uns in den Koalitionsverhandlungen f├╝r h├Âhere Regels├Ątze eingesetzt, aber konnten uns hier leider nicht durchsetzen. Wir haben aber verankert, dass es erst mal ein Sanktionsmoratorium gibt und dass danach die Sanktionen schrittweise zur├╝ckgefahren werden.

Die letzte Erh├Âhung der Regels├Ątze durch die GroKo betrug drei Euro im Monat. Auf Twitter nannten Sie das einen "schlechten Witz". Mit der Ampel gibt's erst mal null Euro mehr.

Es gibt Verbesserungen mit dem B├╝rgergeld, aber ich h├Ątte mir deutlich mehr gew├╝nscht. Meiner Meinung nach m├╝ssten die Regels├Ątze so angehoben werden, damit sie endlich f├╝r das reichen, was man zum Leben braucht. Es ist gut, dass wir mit der Ampel Fortschritte im sozialen Bereich machen, etwa mit dem Wegfall der Anrechnung von Sch├╝lerjobs bei Jugendlichen. Bei der Einf├╝hrung des B├╝rgergelds muss nun an den zur Verf├╝gung stehenden Stellschrauben gedreht werden, um die Situation von Menschen in der Grundsicherung zu verbessern.

Wer hat die h├Âheren Hartz-IV-S├Ątze verhindert in den Koalitionsverhandlungen: die FDP oder Olaf Scholz?

Wenn ich sage, dass wir Gr├╝ne uns daf├╝r eingesetzt haben, dann kann man sich denken, wer nicht.

Also beide?

Wir waren diejenigen, die daf├╝r gek├Ąmpft haben.

Das Finanzministerium ging an die FDP, das Verkehrsressort ebenfalls. Das Umweltministerium ist immerhin in gr├╝ner Hand, wurde aber klimapolitisch entmachtet. Hat sich Ihre Partei in den Ampelgespr├Ąchen verzockt oder hat die FDP so verdammt gut verhandelt?

Weder noch. Wir haben die Chance, mit dem Au├čenministerium eine Renaissance der deutschen Au├čenpolitik zu verwirklichen. Und mit dem Klimaschutzministerium liegt es in unserer Verantwortung, das entscheidende Problem dieser Legislatur zu l├Âsen: Schaffen wir es, den Industriestandort Deutschland klimaneutral umzubauen? Wir haben auf Basis unseres Wahlergebnisses von knapp 15 Prozent verhandelt, wir haben erreicht, was wir konnten.

Bei den Gr├╝nen sehen das einige anders. In der Partei rumort es, nicht nur wegen schmerzhafter Koalitionskompromisse. Auch das entt├Ąuschende Ergebnis bei der Bundestagswahl scheint noch nicht ganz verdaut. Eine echte Aufarbeitung wurde bisher unterbunden, wird das mit Ihnen anders?

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Ich glaube, man w├Ąre falsch gewickelt, wenn eine Partei Wahlkampf f├╝hrt und danach nicht bewertet, was m├Âglicherweise gut und was schlecht gelaufen ist. Wir hatten uns mit der Kanzlerkandidatur hohe Ziele gesteckt und sind weit gekommen, aber wir haben sie eben nur zum Teil erreicht. Wir m├╝ssen bei den Menschen noch mehr Vertrauen gewinnen. Beides wird Aufgabe des neuen Bundesvorstands sein.

Lang (l.) auf dem Weg zu den Sondierungsgespr├Ąchen mit FDP und SPD: Klimasch├╝tzer beobachten die neue Regierung genau, die Erwartungen sind hoch.
Lang (l.) auf dem Weg zu den Sondierungsgespr├Ąchen mit FDP und SPD: Klimasch├╝tzer beobachten die neue Regierung genau, die Erwartungen sind hoch. (Quelle: Mike Schmidt/imago-images-bilder)

Muss am Ende dieses Prozesses jemand f├╝rchten, zur Verantwortung gezogen zu werden?

Ich will aufarbeiten, nicht abrechnen. Vor allem will ich die Parteimitglieder einbinden, also die Menschen, die an den Wahlkampfst├Ąnden vor Ort f├╝r uns gek├Ąmpft haben und konkrete Erfahrungen einbringen. Auch die Landesverb├Ąnde und die Parteigremien werden eine Rolle spielen. Um nicht nur in der eigenen Suppe zu schwimmen, arbeiten wir zudem mit externer Unterst├╝tzung.

Welche Vers├Ąumnisse wollen Sie denn konkret aufarbeiten?

Wir haben uns als Partei ge├Âffnet, um auch f├╝r weniger klassisch-gr├╝ne Milieus anschlussf├Ąhig zu werden. Das war ein wichtiger Schritt, der uns in die Regierung verholfen und uns starke Ministerien gebracht hat. Aber da geht noch mehr: Viele Menschen auf dem Dorf denken zum Beispiel immer noch, unsere Ideen seien nicht umsetzbar auf dem Land. Dort m├╝ssen wir noch mehr ├ťberzeugungsarbeit leisten.

Viele klagen intern ├╝ber mangelnde Selbstkritik der Parteispitze und die Scheu vor offenen Debatten. Sind die Gr├╝nen eine machtpolitisch gereifte Partei, der Geschlossenheit wichtiger ist als Transparenz?

Ich glaube, dass es gut ist, wenn Parteien nicht die ganze Zeit ihre inneren Querelen nach au├čen tragen. Die B├╝rger verlieren Vertrauen und die Lust auf Politik, wenn permanent gestritten wird. Genauso wichtig wie Geschlossenheit ist es aber nat├╝rlich, sich ab und zu selbst zu hinterfragen. Ich m├Âchte R├Ąume in der Partei schaffen, die Debatten erm├Âglichen.

St├╝nden die Gr├╝nen jetzt besser da, wenn Habeck die Kanzlerkandidatur ├╝bernommen h├Ątte?

Annalena war die richtige Kandidatin.

Frau Lang, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

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