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Die Rückkehr zur D-Mark: Im Auge des Sturms

Die Rückkehr zur D-Mark  

Im Auge des Sturms

25.04.2012, 13:28 Uhr | Ein Kommentar von Stefano Casertano

Die Rückkehr zur D-Mark: Im Auge des Sturms. D-Mark statt Euro? (Quelle: dina3 / photocase.com)

Verführerisches Lächeln: D-Mark statt Euro? (Quelle: dina3 / photocase.com)

Die Idee eines Ausstiegs aus dem Euro gewinnt in Deutschland an Unterstützung. Nach einer Studie des Emnid-Instituts favorisieren 56 Prozent der Deutschen eine Rückkehr zur D-Mark.

Die Umfrage wurde von der "Bild"-Zeitung in Auftrag gegeben und passt zur Haltung des Blattes (das bekanntlich gerne mit starken Schlagzeilen gegen Politiker aus den Schuldenstaaten Europas anschreibt). Doch auch andere prominente Stimmen sind aus dem stillen Kämmerlein hervorgekommen und haben sich bemerkbar gemacht. Wolfgang Reitzle gehört dazu, der Chef des Linde-Konzerns. Reitzle hat seine Sorgen öffentlich gemacht und Versuche zur Rettung des Euro heftig kritisiert.

Das europäische Drama

Die Gemeinschaftswährung hat viele Nachteile. Im Fall der PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) sind sie inzwischen offensichtlich: Der Euro zwingt den ganzen Kontinent, sich an den gleichen Leitzinsen zu orientieren, obwohl die einzelnen nationalen Wirtschaften sich in ihrem Klima und ihrer industriellen Entwicklung teilweise sehr unterscheiden.

Für jeden Ökonomen ist das ein Albtraum. In der Krise wird die geordnete Mondrian-Anordnung verschiedener Kulturen zum Pollock’schen Chaos aus Inflation, Spekulation, Immobilienblasen, Exportwirtschaften, steigenden sozialen Unterschieden und politischen Erdbeben.

Shakespeare 2.0, ein echtes Drama. Und wie in jedem Drama (und in jeder Tragödie) muss am Ende jemand als Sieger hervorgehen, und jemand anderes muss untergehen. Einer stirbt, damit der andere überleben kann.

Reitzle und die Mehrzahl der "Bild"-Leser sind überzeugt, dass sie als Sieger hervorgehen werden. Sie argumentieren, dass Deutschland wieder zurück zur eigenen Währung muss. Die Rolle des Landes sei es nicht, sich als Königin innerhalb der EU zu etablieren, sondern als Herrscher über die eigenen Finanzen.

Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Eine Rückkehr zur Mark würde Deutschland nicht von der (wirtschaftlichen - nicht bloß moralischen) Verantwortung befreien, seine Nachbarn auch weiterhin zu unterstützen. 60 Prozent der deutschen Exporte verbleiben innerhalb der Euro-Zone, auch wenn Asien als Partner immer wichtiger wird. Deutschland sollte also daran interessiert sein, sich nicht plötzlich innerhalb eines wirtschaftlichen Brachlandes wiederzufinden, das im Süden und Osten von der Mafia und im Westen von arbeitslosen Jugendlichen regiert wird (in Nordeuropa werden die Menschen wahrscheinlich immer noch Tee trinken und sich über das Regenwetter beschweren).

Im Auge des Sturms

Mit der D-Mark würde Deutschland über Nacht zum Anlaufziel für Kapital aus ganz Europa. Gelder würden aus dem Ausland zu deutschen Banken fließen, um der steigenden Inflation im Rest Europas zu entgehen. Dieser Aspekt ist wichtig - genau das ist in der Schweiz seit dem Beginn des europäischen Dramas passiert. Im November 2008 war ein Euro noch 1,5 Franken wert. Nach dreieinhalb Jahren Abschwung ist der Wechselkurz auf 1,2 Franken gesunken.

Die Schweiz ist zwar das ruhende Auge innerhalb des Sturmes - aber der Sturm hat die unvorteilhafte Tendenz, seine Kraft genau in Richtung dieser Mitte hin zu entfalten (und nicht nach außen, wie es gewöhnlich bei Stürmen der Fall ist). Das zeigt sich vor allem an Geldflüssen: Aus allen Richtungen fließt das Geld in die Schweiz, während der Rest der Euro-Zone im Steuerdschungel von Mario Monti und seinen Kollegen erstickt.

Direkt nach der Wiedereinführung würde die D-Mark enorm an Wert gewinnen. Zum Teil hängt das mit normalen wirtschaftlichen Faktoren zusammen: Ein Exportüberschuss stärkt eine Währung und macht die Waren teurer für ausländische Importeure. Der Euro hat verhindert, dass die deutsche Wirtschaft mit diesem Problem zu kämpfen hatte (da die Mehrzahl der deutschen Exporte die Euro-Zone nicht verlassen hat) und stattdessen weiter wachsen konnte. Zu dieser natürlichen Wertsteigerung kommt hinzu, dass ein Zufluss ausländischen Kapitals den Wert der D-Mark weiter nach oben treiben würde.

Gefahr für die Exportwirtschaft

Eine solche Wertsteigerung würde der deutschen Exportwirtschaft enorm schaden: Deutsche Waren würden im Ausland teurer werden und Exporte würden sinken. Importe würden sich wieder lohnen, da eine feste Summe D-Mark einen immer größeren Gegenwert in ausländischen Währungen hätte. Autos aus dem Ausland wären plötzlich deutlich attraktiver als deutsche Modelle. Mit der D-Mark würde auch die Deindustrialisierung Deutschlands vorangetrieben werden.

Deutschland würde durch die Rückkehr zur Mark zum großen Verlierer der Euro-Krise werden. Berlin sähe sich konfrontiert mit einer starken Währung, teuren Exporten und internationalen Wettbewerbsproblemen. Das Wachstum würde abnehmen, die Arbeitslosigkeit würde steigen. Und trotzdem müsste das Land weiter den eigenen Nachbarn unter die Arme greifen - aus einer brüderlichen Verbundenheit heraus und aus ganz handfesten marktwirtschaftlichen Gründen.

Wenn der Euro fallen muss, ist der einzige Ausweg, eine neue Währungsunion zu formen: kleiner als die Euro-Zone, aber größer als Deutschland alleine. Ein solcher Nord-Euro verhindert nicht, dass die deutsche Exportwirtschaft Probleme bekommt, aber er vermindert immerhin das Risiko durch den massiven Zufluss ausländischer Gelder (da die Geldmenge in einer solchen Union deutlich größer wäre als die Grundsumme der D-Mark alleine).

Das ist immer noch schlechter als der Euro, aber auf jeden Fall besser als eine Rückkehr zur Mark. In echten Tragödien gibt es eben nicht immer einen wirklichen Gewinner.

Stefano Casertano: Der gebürtige Italiener ist Forschungsbeauftragter am Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Casertano hat an der Columbia University in New York und der Universität in Potsdam studiert. Er ist Kolumnist für die italienischen Magazine "linkiesta.it" und "Finanza e Mercati".

Quelle: The European

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