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Tagesanbruch – Treffen mit Putin: Donald Trump hat seinen Meister gefunden

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

17.07.2018, 07:55 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Vor knapp einer Woche ist der amerikanische Präsident in Europa gelandet, seitdem prasselt eine Eilmeldungen nach der anderen auf uns ein: Trump sagt dies, Trump sagt das, Trump droht diesem, Trump lobt jenen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann das alles nicht mehr ernst nehmen. Und ertappe mich selbst bei dem Verdacht: Allzu viele Leute, darunter leider auch viele Politiker und Journalisten, gehen dem Präsidenten auf den Leim, indem sie jeden seiner Sätze kommentieren, in die Welt hinausjagen, verstärken.

Ich denke, seine Taktik ist ganz einfach: Chaos stiften, Unruhe schüren, die Gegenüber verunsichern und so zu Kompromissen zwingen. So hat er es einst als Geschäftsmann in New York gehandhabt, als er teure Hochhäuser vertickte. Und so macht er es jetzt mit den Staats- und Regierungschefs von EU und Nato. “Ein großes Kind“ wurde Trump von manchen Medien genannt, weil er so sprunghaft handelt und spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ich halte das für eine gefährliche Verharmlosung. Trump benimmt sich ja nicht aus einer Laune heraus wie die Axt im Walde, lügt, prahlt, wettert, übertreibt, lässt seine Gastgeber minutenlang warten. Er tut das mit voller Absicht, denke ich. Um sie zu verunsichern, um sie zu zermürben.

Irgendwann findet allerdings auch ein Trump seinen Meister, und dieser Tag scheint mir gestern gekommen zu sein. Fast eine Stunde lang ließ Wladimir Putin seinen amerikanischen Amtskollegen vor dem Gipfel in Helsinki warten, bis er ihn zu treffen geruhte. Und als die beiden sich nach ihrem Vieraugengespräch dann endlich der Weltpresse stellten, sich gegenseitig ihre Wertschätzung zusäuselten und fast alle Probleme im Verhältnis ihrer Länder – die Manipulation des US-Wahlkampfs durch russische Hacker, die Konfrontation in Syrien, der Aufrüstungsstreit in Europa – in blumigen Worten kleinredeten, da drängte sich der Verdacht auf: Da stehen nicht nur zwei Heuchler. Sondern auch ein starker Präsident, der sein Land mit eiserner Hand führt, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich weiß und weltweit ernst genommen wird. Und daneben der Immobilienmakler aus New York.

"Sie haben gerade eine der vielleicht beschämendsten Vorstellungen eines US-Präsidenten auf einem Gipfel im Beisein eines russischen Führers verfolgt, die ich je gesehen habe“, stöhnte CNN-Moderator Anderson Cooper.

“Trump wollte Putin um jeden Preis gefallen“, schreibt unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold in seinem Kommentar. “Das ist ein Problem für die USA – und für Deutschland.“ So sieht es wohl aus.

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WAS STEHT AN?

Nelson Mandela (Quelle: dpa/Kim Ludbrook/EPA FILE)Nelson Mandela (Quelle: Kim Ludbrook/EPA FILE/dpa)

Der wilde Mann in Washington, die müde Frau in Berlin, der kühle Mann in Moskau und der zynische Mann in Peking: Wer sich darüber beklagt, dass die mächtigsten Staats-  und Regierungschefs der Welt derzeit wenig vertrauenswürdig oder als Vorbilder eher ungeeignet seien, wird von mir keinen Widerspruch ernten. Weit und breit keiner, zu dem man guten Gewissens aufschauen, den man bewundern, den man seinen Kindern als leuchtendes Beispiel für Integrität, Moral und Menschlichkeit anpreisen möchte.

Wie anders dagegen der Mann, der vor 100 Jahren in dem Dörfchen Mvezo im Osten Südafrikas geboren wurde (so sieht es dort aus): ein Kämpfer für die Freiheit, ein Apostel des Friedens, ein weiser Vermittler, ein Menschenfreund. Ein Idol, dessen Werk nach seinem Tod fortlebt, dessen Andenken wir wahren und vor dem wir uns heute verbeugen können. Deshalb ist es angemessen, dass der frühere amerikanische Präsident Barack Obama heute nach Südafrika fliegt, um den großen Nelson Mandela mit einer Rede zu ehren. Vom gegenwärtigen US-Präsidenten dürfen wir so eine Geste sicher nicht erwarten.

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Deutscher Wald  (Quelle: Getty Images/jotily)Deutscher Wald (Quelle: jotily/Getty Images)

Deutschland ist ein schönes Land, aber Deutschland verändert sich rapide. Saftige Wiesen weichen Vorstadtsiedlungen, Gewerbegebiete fräsen sich in Wälder und Felder, Hochspannungsleitungen, Handymasten und Windräder staksen in den Himmel. Tiere verlieren ihren Lebensraum, die Natur verliert ihre letzten wilden Ecken, der Mensch verliert Flächen, in denen er ausschreiten, durchatmen, den Blick schweifen lassen kann. Allein in Bayern verschwindet jedes Jahr eine Fläche so groß wie der Ammersee unter Beton und Asphalt, hat die “Passauer Neue Presse“ ausgerechnet.

Ganz Bayern ist vom Baurausch erfasst. Ganz Bayern? Nein! Einige Bürger des Freistaats hören nicht auf, dem Beton Widerstand zu leisten. Sie haben ein Volksbegehren gegen den Flächenfraß“ initiiert. Die CSU-geführte Landesregierung scheint es nicht zu mögen, wenn die Bürger selbst entscheiden wollen, was mit ihrem Land passiert; sie weigert sich, das Volksbegehren zuzulassen. Die Bürger klagten dagegen, heute entscheidet der Verfassungsgerichtshof. Es steht mir nicht zu, dem Gericht vorzugreifen, aber wem meine Sympathie gilt, erraten Sie vielleicht auch so.

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Stuttgart, ein Loch von einer Stadt (Quelle: dpa/Lino Mirgeler)Stuttgart, ein Loch von einer Stadt (Quelle: Lino Mirgeler/dpa)

Auch in meiner Heimatstadt Stuttgart klafft ein riesiges Loch, in das schon viel, viel Geld hineingefallen ist (beziehungsweise hineingebaggert wurde). Heute kommen weitere Euro zu all den Milliarden hinzu: Am Nachmittag feiern der Bahnchef, Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin und weitere buddelbegeisterte Honoratioren den Durchstich des Eisenbahntunnels Feuerbach. Dereinst sollen durch die rund drei Kilometer lange Röhre Züge aus Paris, Mannheim, Karlsruhe und anderen Weltstädten zum künftigen Tiefbahnhof rollen. Wenn der denn irgendwann fertig wird. An einem schönen Tag in sechs, zehn oder zwanzig Jahren. Oder an Sankt Nimmerlein.

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Pflegeheim in Berlin (Quelle: dpa/Britta Pedersen)Pflegeheim in Berlin (Quelle: Britta Pedersen/dpa)

Als viel sinnvoller erscheint mir heute dagegen ein anderer Termin in Stuttgart: Am Vormittag findet dort die Fachtagung zum Thema “Arm durch Pflege“ statt. Es geht darum, dass Bund und Länder für die Pflege in Krankenhäusern und Altenheimen viel zu wenig Geld bereitstellen – und wozu das führt: unterversorgte Patienten und alleingelassene Senioren, überarbeitete Pfleger und frustrierte Angehörige. Das Problem wird nicht kleiner, sondern größer: Mangelnde Wertschätzung, geringes Gehalt und chronische Überlastung führen dazu, dass immer mehr Angestellte in Seniorenunterkünften ihren Dienst quittieren. Warum bekommt unsere Gesellschaft dieses Problem nicht in den Griff? Das frage ich mich, nachdem ich ein Interview mit der Präsidentin einer Pflegeberufekammer gelesen habe.

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WAS LESEN?

Die Texte von Lamya Kaddor sorgen regelmäßig für angeregte Debatten im t-online.de-Forum. In ihrem jüngsten Artikel beantwortete unsere Kolumnistin Fragen und Kritik von Leserinnen und Lesern zu ihrem Text über islamische Körperstrafen. Daraufhin bekam Sie eine Zuschrift des Lesers Stammdeutsch, die ich hier zitieren möchte:

“Guten Tag Frau Kaddor,
ich finde Ihre Kolumnen bei t-online.de immer sehr lesenswert. Wenn ich dann die Reaktionen der User verfolge, wird mir klar, dass der größte Impuls für die Abwehr gegen den Islam aus einer meist grenzenlosen Unwissenheit herrührt. Das Schlimme ist, ‘Aufklärung‘ erwartet man von Leuten, die sich nun überhaupt nicht dazu eignen, nur weil sie vermeintlich ihre Interessen als Deutsche am besten vertreten. Sie wissen, wen bzw. welche Partei ich meine. Ihre Arbeit bei t-online.de ist sehr wichtig, wie ich finde, deshalb lassen Sie sich nicht entmutigen und schreiben Sie weiter. Die größten Ängste der Biodeutschen, zu denen ich auch gehöre, rühren daher, dass sie sich nicht vorstellen können, es könne einen gewaltfreien Islam auch ohne Machtanspruch geben. Geben Sie weiterhin Einblick in Ihre Religion. Das ist ein brachliegendes Feld, das beackert werden muss, will man es kultivieren.“

Falls Sie den Text noch mal lesen wollen: Hier ist er.

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Es gibt mal wieder Aufregung um Elon Musk. Der Tesla-Chef mit dem Kultstatus hatte in Thailand ein eigens konstruiertes Mini-U-Boot zur Verfügung gestellt – zur Rettung der eingeschlossenen Kinder in der Höhle. Gebracht hat es ihm: Hohn und Spott. Untaugliches Gerät, geschmacklose Eigenwerbung, so urteilte ein britischer Experte, der an der Rettung der Kinder maßgeblich beteiligt war. Das Aufreger-Potential erkennt man sofort. Das Lehrstück erst auf den zweiten Blick. Die klugen Köpfe des Silicon Valley, sagt die Soziologin Zeynep Tufekci, pflegen ihren eigenen Stil der Innovation: rasende Entwicklung, radikale Neuansätze – verbunden mit dem Glauben, die Expertise im eigenen Fachgebiet ließe sich reibungslos auf andere Problemfelder übertragen. Wer so denkt, baut schnell mal ein U-Boot zur Höhlenrettung, auch wenn er bisher weder über Höhlen noch die Rettung aus selbigen noch über U-Boote viel wusste. Kreativ, gewiss. Der Gegenentwurf zu dieser Mentalität stammt aus Bereichen, bei denen es zuerst um Sicherheit geht. Ein Pilot, dem Instrumente ausfallen, handelt nicht kreativ. Er spult ein minutiös ausgearbeitetes Sicherheitsprotokoll ab. Innovation heißt hier: kleinste Schritte, intensive Abwägung. Spezialwissen ist alles, Übertragbarkeit nichts.

Es ist dieses Innovationsmodell, das den Stars des Silicon Valley abhanden gekommen ist. Software liegt inzwischen fast allem zugrunde, was wir tun, deshalb wirkt sich die Haltung ihrer Macher überall aus. Dennoch sind viele von ihnen nicht Experten genug, um auch nur die Auswirkungen ihrer eigenen Produkte im Blick zu behalten – Zuckerberg, Facebook und der verantwortungslose Umgang mit menschlicher Kommunikation sind nur ein Beispiel dafür. Es braucht mehr Respekt. Der fängt in Höhlen an.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wenn Sie den Tagesanbruch bis hierhin gelesen haben, dann fragen Sie sich jetzt vielleicht: Wieso hat denn der Harms heute gar nichts über den Seehofer geschrieben? Macht er doch sonst mit schöner (oder nicht so schöner) Regelmäßigkeit. Also gut. Seehofer. Im politischen Berlin hört man in diesen Tagen: Der Mann hat durch sein Agieren im Asylstreit enorm an Autorität verloren. In seinem Ministerium tuscheln Mitarbeiter über den Chef, im Bundeskabinett lästern Kollegen. "Seehofer hat sich viel zu viel aufgehalst", zitiert die “Süddeutsche Zeitung“ eine Ministerin, er sei mit all den Aufgaben – innere Sicherheit, Flüchtlingspolitik, Wohnungsbau, Förderung des ländlichen Raums – heillos überfordert. Eine andere Ministerin meint, der CSU-Chef habe seine neue Aufgabe völlig unterschätzt. Den Eindruck haben offenbar auch die meisten Bürger, sieht man sich die desaströsen Umfragewerte an. Den Kommentar dazu überlasse ich heute aber lieber unserem Cartoonisten Mario Lars:

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie schaffen, was Sie sich vorgenommen haben. So halte ich es auch: Bis Freitag schreibe ich noch dreimal den Tagesanbruch, danach sind drei Wochen lang meine Kollegen Rüdiger Schmitz-Normann und Jan Hollitzer an der Reihe.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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