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Tagesanbruch: Angela Merkel atmet auf – Ohne Druck regiert es sich leichter

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

13.11.2018, 07:48 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Alice Weidel (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)Alice Weidel (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Heute Morgen möchte ich Ihnen eine Geschichte aus dem wahren Leben erzählen. Stellen Sie sich bitte vor, Sie sind ein engagierter Mensch, vielleicht wollen Sie sich auch ein bisschen profilieren, und setzen sich für etwas ein. Eine Kampagne vielleicht. Nur kostet das alles, und momentan ist Ihre Kampagnenkasse ganz schön leer gefegt. Und dann komme ich daher und sage: Gern, Ihre Sache liegt mir am Herzen, ich helfe ihnen aus. Ich gebe Ihnen Geld. Nur ein paar Tausend Euro. Da gibt’s nichts zu mäkeln. Selbst von denen nicht, die unsere gemeinsame Sache nicht mögen.

Aber, nun, eigentlich sind es gar nicht nur ein paar Tausend Euro gewesen. Sondern hundertdreißigtausend. Das ist eine Menge Geld. Da würde so mancher wissen wollen, wer ich bin, und warum ich das mache. Könnte ja sonst der Verdacht aufkommen, dass ich Sie vielleicht nicht nur uneigennützig unterstütze für unser gemeinsames Anliegen. Könnte sein, dass ich Sie irgendwie kaufen wollte. Oder Sie sich wenigstens mir verpflichtet fühlen. Ist viel Geld. Eine Hand wäscht die andere. Deshalb müssen wir die Hilfe, die ich Ihnen leiste, bei einer Kontrollstelle melden. Alles schön transparent. Da kann keiner was sagen.

Aber, nun, eigentlich haben wir das nicht ganz so gemacht. Ich habe Ihnen lieber eine weniger auffällige Summe überwiesen. Nicht meldepflichtig. Aber die dann ganz oft. Bisschen getrickst. Eigentlich immer noch verboten, das heimlich zu machen. Sähe auch ein bisschen windig aus. Aber man kann sich immer noch darauf rausreden, wir hätten uns das nach und nach überlegt. Hat sich so ergeben. Kann ja mal sein.

Aber, nun, eigentlich habe ich Ihnen das Geld gar nicht gegeben. Ich habe es jemand anderem gegeben, damit der es an Sie weiterreicht. In kleinen Häppchen. Nur als "Treuhänder". Könnte der jedenfalls sagen. Sagt er auch. Wie ich heiße, sagt er aber nicht. Eigentlich sagt er sowieso lieber gar nichts.

Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen: Der "Treuhänder" mit seiner kleinen Firma, der wohnt in einem anderen Land. Das ist genau genommen überhaupt nicht erlaubt, denn Sie und ihre Kampagne – oder seien wir ehrlich, es ist nicht bloß eine Kampagne, es ist eine richtige Partei – dürfen nicht aus dem Ausland ferngesteuert werden. Manipulation der Politik durch fremde Mächte und so. Geht nicht. Ist aber blöderweise aufgeflogen. Und jetzt wollen natürlich viele Leute wissen, wer ich bin.

Sie kennen mich auch. Aus dem deutschen Kulturgut. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich ... Witzig, was? Wir verstehen uns. Aber Sie, sie heißen Alice Weidel.

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Horst Seehofer  (Quelle: Reuters/Matthias Rietschel)Horst Seehofer (Quelle: Matthias Rietschel/Reuters)

Zum gestrigen Tagesanbruch möchte ich eine kleine Korrektur vornehmen: Horst Seehofer will nicht Anfang Januar vom CSU-Vorsitz und dem Ministeramt zurücktreten. Nein, für den zweiten Schritt will er sich noch ein bisschen bitten lassen. Die linke Gehirnhälfte des Menschen ist für Logik und Analyse zuständig, dort ahnt wohl auch Herr Seehofer, dass seine Zeit spätestens nach dem Asyl-Zoff mit der CDU und dem Maaßen-Manöver vorbei war. Aber die rechte Gehirnhälfte, wo beim Homo sapiens und deshalb auch beim Homo seehoferiens Gefühl und Sprunghaftigkeit beheimatet sind, lässt ihn glauben, dass er trotzdem irgendwie noch ein bisschen weiterwurschteln könne. "Er braucht die Politik wie andere Leute die Luft zum Atmen", hat Seehofers Freund und ehemaliger Leibwächter Alois Weger der "SZ" gesagt. Er hat nichts anderes. Nicht loslassen können, sich für unverzichtbar halten, weitermachen, selbst wenn sich alle gegen einen stellen: Das kann man imponierend finden. Oder tragisch.

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WAS STEHT AN?

Angela Merkel (Quelle: Reuters/Fabrizio Bensch)Angela Merkel (Quelle: Fabrizio Bensch/Reuters)

Horst Seehofer mal ausgenommen haben wenige Politiker in den vergangenen Monaten so viel Kritik einstecken müssen wie die Bundeskanzlerin: Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik, Kritik am Asylstreit mit der CSU, Kritik am Umgang mit Maaßen, Kritik an all den Versäumnissen, die Leitartikler, Oppositionspolitiker und sonstige schlaue (oder sich für schlau haltende) Köpfe ihr vorhalten. Dazu das Tagesgeschäft, der proppenvolle Terminkalender, oft sieben Tage Arbeit die Woche, dazu der Erdogan mit seiner herablassenden Art, der Putin mit seinen Tricks, und dann twittert auch noch der Trump irgendwelchen Unfug. Man braucht eine zähe Konstitution und man muss einstecken können, wenn man das wichtigste Amt des Staates bekleidet, klar. Aber auf Dauer kann das ganz schön schlauchen. Erst recht, wenn man gleichzeitig in den wenigen freien Minuten über die eigene Zukunft nachsinnt, über die Macht und deren Schwinden, über den richtigen Moment für den Ausstieg und über das eigene politische Erbe.

Angela Merkel hat sich sorgfältig auf den ersten dieser Momente vorbereitet, und sie hat ihn so geschickt gewählt, dass sie Freund und Feind überrumpelte. Mit ihrer Ankündigung am Tag nach der Hessen-Wahl, den CDU-Vorsitz abzugeben, hat sie sich selbst schlagartig aus der Schussbahn genommen. Seither stehen andere im Scheinwerferlicht, werden vom politischen Gegner getrieben (und von Parteifreunden dito), müssen ihre Aussagen, Taten und Versäumnisse von den Journalisten sezieren, hinterfragen, kritisieren lassen.

Die Erleichterung über den Druck, der von ihr abgefallen ist, ist der Kanzlerin deutlich anzumerken. Natürlich schlägt sie auch jetzt nicht über die Stränge, formuliert sie nicht vorschnell, plant sie ihre Tage und Schritte weiterhin sorgfältig und umsichtig. Aber sie strahlt etwas Gelöstes aus, eine Leichtigkeit, die ihr in den vergangenen Monaten abging. Sie findet ihren schlagfertigen Witz wieder, sie verfolgt interessiert, aber gelassen das Rennen um ihre Nachfolge, sie erfreut sich, anders als Seehofer, im Regierungsbetrieb nach wie vor vieler Unterstützer – und sie hält plötzlich kraftvolle, tiefgründige und aufrüttelnde Reden. Ihre Ansprache in der Berliner Synagoge am vergangenen Freitag war ebenso eindrucksvoll wie ihre Rede auf der Friedenskonferenz am Sonntag in Paris, in der sie vor einem Comeback des Nationalismus warnte und sich leidenschaftlich für eine multilaterale Welt aussprach – eine unmissverständliche Botschaft an den Alleingänger in Washington. Wir erleben in diesen Tagen eine Kanzlerin, die aus der Gelassenheit neue Kraft schöpft und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Umso gespannter bin ich, was wir heute Nachmittag von Merkel hören werden. Um 15 Uhr will sie im EU-Parlament in Straßburg erklären, wie sie sich die Zukunft Europas vorstellt. Wie sollen die Reformen der Eurozone konkret aussehen, auf die sie sich im Juni mit Frankreichs Präsident Macron geeinigt hat, aber deren Details nun zwischen Paris und Berlin für böses Blut sorgen? Sagt sie mehr zum geplanten Budget für die Eurozone, dem Europäischen Währungsfonds und der Bankenunion? Vor allem aber: Wie will sie den europäischen Zusammenhalt in einer Zeit stärken, in der er sowohl von außen (Trump, China, Russland) als auch von innen (Ungarn, Polen, Italien) infrage gestellt, sogar untergraben wird? Heute Nachmittag wissen wir mehr.

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Apropos Europa: Kurz vor Merkels Rede veröffentlicht die EU-Kommission ihren Bericht zur Lage des Rechtsstaats in Rumänien und Bulgarien. Beide Länder stehen seit ihrem EU-Beitritt 2007 unter Beobachtung, weil sie anfangs noch nicht alle Vorgaben im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen erfüllten. Heute erfahren wir, ob sich das verbessert hat.

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Und noch mal Europa: Heute läuft die Frist ab, die die EU-Kommission der italienischen Regierung gesetzt hat. Diese soll ihren Haushaltsentwurf stark überarbeiten, vulgo: drastisch weniger Schulden machen. Ansonsten verstößt sie gegen die Stabilitätskriterien der Eurozone – und gefährdet so auch andere Staaten.

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Im Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird heute voraussichtlich der Angeklagte aussagen: Die Verteidiger des 94-Jährigen wollen eine Erklärung vorlesen und Fragen beantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, für mehrere Hundert Morde mitverantwortlich gewesen zu sein.

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In New York beginnt derweil der Prozess gegen den mexikanischen Drogenboss Joaquín "El Chapo" Guzmán. Das mexikanische Sinaloa-Kartell soll unter seiner Führung fast 155 Tonnen Kokain und andere Drogen in die USA geschmuggelt haben; außerdem wirft ihm die Staatsanwaltschaft illegale Waffennutzung und Geldwäsche vor. Ihm droht lebenslange Haft. Vorher ist ihm das Scheinwerferlicht aber noch mal sicher.

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Michelle Obama (Quelle: AP/dpa/Charles Sykes/Invision)Michelle Obama (Quelle: Charles Sykes/Invision/AP/dpa)

Einer meiner Lieblingssätze stammt von Michelle Obama: "When they go low, we go high", lautet er, "Wenn die anderen sich nicht benehmen können, antworten wir mit Anstand und Stil." Die anderen, das sind die Trumps dieser Welt, die Frauen mit sexistischen Sprüchen beleidigen und Migranten mit rassistischen Beschimpfungen schmähen. Aber der Satz lässt sich auch auf viele andere Lebenssituationen übertragen: Wenn du beleidigt, diffamiert, hintergangen wirst, dann schlage nicht mit denselben Waffen zurück, sondern bewahre Haltung, begib dich nicht auf das Niveau deiner Gegner. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht: Manchmal dauert es ein, zwei Jahre, aber wenn man sich an diesen Satz hält, dann kann man sicher sein, dass man am Ende gewinnt. Deshalb bin ich besonders gespannt darauf, was in Michelle Obamas Memoiren zu lesen ist. Ihr Buch wird am heutigen Dienstag offiziell mit dem Start einer großen PR-Tour in Chicago veröffentlicht.

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WAS LESEN?

Wer die Welt verändern will, fängt bei den Kindern an. Zum Beispiel bei dem Stoff, der in ihre Köpfe drängt: Filme, Fernsehserien, Kinderbücher – und Comics. Ganz besondere Lieblinge der Deutschen sind schon seit Generationen die Lustigen Taschenbücher, die Geschichten von Micky, Donald und Onkel Dagobert. Lustig, wie der Name schon sagt, aber ansonsten harmlos. Vermitteln kein Weltbild, sondern Humor.

Oder?

Lassen Sie mich statt einer Antwort ein paar Fragen stellen. Wer ist in Entenhausen Arzt, Erfinder, Polizist und Bürgermeister? Wer – andererseits – sitzt bei Kuchen zum Kaffeeklatsch zusammen, nimmt am Backwettbewerb teil? Wer sind die Männer, wer die Frauen? Genau. An Rollenklischees herrscht in der Welt der Ducks kein Mangel. Immerhin, sagt der Leiter der Buchreihe, habe man an anderen Fronten durchaus Fortschritte gemacht. Einfältige Eingeborene auf einer fernen Insel, die nicht normal sprechen und Menschen fressen: "Das war eine Zeit lang eine schöne Abenteuergeschichte, heute geht das nicht mehr." (Eine schöne Abenteuergeschichte war so was tatsächlich noch nie.) Neuproduktionen scheitern dagegen schon mal am Veto von Disney, wenn Micky Maus im Auto nicht angeschnallt ist oder Goofy auf dem Fahrrad keinen Helm trägt. Es tut sich also was in Entenhausen. Und in den Köpfen der jungen Leser. Aber, liebe Polizisten, Bürgermeister und Erfinder: noch nicht genug.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Überengagierte Väter am Bolzplatz sind ganz sicher ein Problem. Die Kleinen sollen doch selbständig kicken! Sie müssen lernen, auch mal zu verlieren! Ist klar. Also bitte alle mal entspannen. Anfeuern ja, einmischen nein. Cool? Cool. Apropos, zu jeder Regel gibt es natürlich eine Ausnahme. Nämlich diese hier.

Ich wünsche Ihnen einen echt coolen Tag.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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