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Corona-Gipfel: Diese Quarantäne-Regeln sind nur schwer zu vermitteln

MEINUNGTagesanbruch  

Bitte nicht wieder so schrecklich kompliziert!

07.01.2022, 08:44 Uhr
Corona-Gipfel: Diese Quarantäne-Regeln sind nur schwer zu vermitteln. Olaf Scholz und Karl Lauterbach: Heute trifft sich sich der Kanzler mit den Ministerpräsidenten der Länder zum Corona-Gipfel, der Gesundheitsminister hat schon Vorschläge geliefert. (Quelle: imago images/Florian Gaertner/photothek.de)

Olaf Scholz und Karl Lauterbach: Heute trifft sich sich der Kanzler mit den Ministerpräsidenten der Länder zum Corona-Gipfel, der Gesundheitsminister hat schon Vorschläge geliefert. (Quelle: Florian Gaertner/photothek.de/imago images)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, 

wissen Sie, was Sie machen müssen, falls Sie – sagen wir – vor Kurzem eine Freundin getroffen haben, die nun mit Corona infiziert ist? Oder Ihre Warn-App rot aufleuchtet? Nein?

Es ist auch nicht so einfach: Sind Sie geimpft oder genesen, müssen Sie nicht in Quarantäne, außer Ihre Freundin ist mit Omikron infiziert. Dann müssen Sie sich 14 Tage lang absondern, egal ob Sie geboostert, doppelt geimpft oder genesen sind. Nur: Weiß die Freundin überhaupt, ob sie Delta oder Omikron hat? Und wenn ja, wann? Eine lockere Umfrage unter Bekannten in den vergangenen Tagen hat ergeben: Es kann nach dem positiven PCR-Test gut und gerne einige Tage dauern, andere erhalten nie eine Antwort.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Was passiert in dieser Zwischenzeit? Eine klare Antwort gibt es nicht. Denn über Ihr Schicksal als Kontaktperson entscheidet Ihr Gesundheitsamt. Einige schicken Sie sofort in Quarantäne, andere erst beim endgültigen Nachweis. Außer natürlich, Ihr Gesundheitsamt ist überlastet und kann sich nicht mehr kümmern. Dann ist es komplett Ihnen selbst überlassen. Für Ungeimpfte gelten übrigens noch weitere Regeln, die erspare ich Ihnen an dieser Stelle. Wenn Sie mögen, können Sie sie hier nachlesen. 

Dieses Chaos zeigt exemplarisch der Fall einer Integrationshelferin aus Nordrhein-Westfalen, über den die Kollegen des WDR berichteten. Die Frau hatte am 20. Dezember Kontakt zu einem Schüler, der – wie sich später herausstellte – mit Omikron infiziert war. Der Anruf mit der Quarantäneanordnung vom Gesundheitsamt kam am 30. Dezember, also zehn Tage später. In der Zwischenzeit war die Frau noch bei der Arbeit. Dabei zeigen Studien, dass Omikron-Infizierte vor allem in den ersten sieben Tagen nach Ansteckung infektiös sind. Als der WDR sie Anfang Januar besuchte, stand sie auf ihrem Balkon. Ihre Wohnung durfte sie da noch nicht verlassen. 

Sicher, über die Weihnachtsferien waren viele Labore und Ämter kaum oder gar nicht besetzt. Nach fast zwei Jahren Pandemie aber kann man über ein solch verworrenes System nur noch den Kopf schütteln.

Wissenschaftlich gesehen gibt es gute Gründe, Delta und Omikron unterschiedlich zu behandeln. Nur: Omikron ist an vielen Orten Deutschlands schon dominant. Zudem wird die Quarantäne ohnehin in vielen Fällen erst dann verordnet, wenn die größte Gefahr vorüber ist – wie bei der Integrationshelferin aus Nordrhein-Westfalen. Es ist deswegen nur konsequent, dass diese Unterteilung nun gestrichen werden soll.

Das ist nur ein Punkt, über den sich die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung heute beim Corona-Gipfel verständigen müssen. Auch die Quarantäne- und Isolationsdauer steht auf dem Prüfstand – sie soll verkürzt werden. Kurz zur Erinnerung: In Quarantäne gehen Kontaktpersonen, Infizierte begeben sich in Isolation.

Bereits vorab sprachen die Gesundheitsminister der Länder und der Expertenrat Empfehlungen aus, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach legte Vorschläge vor und gestern Abend kursierte auch eine erste Beschlussvorlage für das heutige Treffen. Darin geht es nicht nur um die Quarantäne, auch eine bundesweite 2G-plus-Regel für die Gastronomie ist im Gespräch. Meine Kolleginnen Lisa Becke und Annika Leister haben die Einzelheiten für Sie hier aufgeschrieben. 

Im Gegensatz dazu sehen die Quarantäne-Regeln sogar einige Lockerungen vor – nur viel einfacher werden sie leider nicht. Zwar soll es keine Unterscheidung mehr zwischen Omikron und Delta geben, dafür aber zwischen frisch Geimpften und anderen. Das Bundeskanzleramt definierte in der Beschlussvorlage "frisch geimpft" nicht, nur bei Lauterbach war zu lesen, was damit gemeint ist: Demnach muss für den Status die zweite Impfung mindestens zwei Wochen her sein, darf aber nicht älter als zwei Monate sein. Diese Personen sollen gemeinsam mit Geboosterten von der Kontaktpersonen-Quarantäne befreit werden. Die neue Unterscheidung mag wissenschaftlich fundiert sein – wird aber womöglich zu einem deutlichen Mehraufwand für Gesundheitsämter und zu Unverständnis bei den Betroffenen führen.

Ein regelrechter Spagat droht bei den Isolationszeiten. Auch hier soll die Zeit verkürzt werden, allerdings nicht nur abhängig vom Impfstatus, sondern auch vom Beruf. Infizierte, die in der kritischen Infrastruktur arbeiten, sollen sich – sofern symptomfrei – je nach Entwurf schon nach fünf oder sieben Tagen freitesten dürfen, alle anderen erst später. Strittig ist, wer dazu zählt: Das Kanzleramt zählt lediglich Beschäftigte von Krankenhäusern und Pflegeheimen dazu, die Gesundheitsminister der Länder nennen noch weitere Berufe wie Polizistinnen oder Kindergärtner.  

Damit sollen zu große Ausfälle verhindert werden, dennoch klingt es bizarr: Ausgerechnet diejenigen, die viel mit Risikogruppen in Kontakt sind, sollen sich kürzer isolieren. Wie schwer zu vermitteln diese Regeln sein werden, zeigte sich schon an den ersten Reaktionen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag forderte, auch andere Berufsgruppen wie Supermarktkassierer oder Lebensmittellieferanten sollten kürzer in Quarantäne. Der Deutsche Journalistenverband teilte mit, auch Journalisten gehörten zu der kritischen Infrastruktur. Und Patientenschützer fürchten eine erhebliche Gefahr, sollte die Freitestung nicht engmaschig überprüft werden.

Die Beschwerden sind verständlich. Denn entweder ist es sicher, sich nach sieben Tagen freizutesten – dann müsste die Regel aber auch für alle anderen gelten. Oder es ist eben nicht sicher, und die Verbreitung des Virus könnte sich beschleunigen. 

Wenn die Ministerpräsidenten und die Regierung also heute beraten, werden sie sich hoffentlich an das halten, was ihr Kollege aus Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" sagte: Es dürfe "kein Chaos mehr bei der Quarantäne geben", die Regeln müssten verständlich sein. Auf eines darf man allerdings nicht hoffen: Einen einheitlichen Weg, wie ihn sich Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern gewünscht hat. Schleswig-Holstein hat schon gestern im Alleingang neue Quarantäneregeln beschlossen. Wen wundert's.

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Chaos im Ölparadies

Das Bürgermeisteramt von Almaty nach der Stürmung: Demonstranten setzten es in Brand.  (Quelle: dpa/Valery Sharifulin/TASS)Das Bürgermeisteramt von Almaty nach der Stürmung: Demonstranten setzten es in Brand. (Quelle: Valery Sharifulin/TASS/dpa)

Viele Tote, zerstörte Straßenzüge, ausgebrannte Autos: In Kasachstan toben heftige Straßenschlachten. Seit Tagen demonstrieren Tausende Menschen. Erst, weil ausgerechnet in dem öl- und gasreichen Land die Treibstoffpreise explodierten. Schnell aber entwickelte sich der Protest zu einem politischen. Und die ehemalige Sowjetrepublik geht brutal dagegen vor: Sicherheitskräfte schießen auf die Demonstranten, viele Menschen sind schon gestorben. 

Dennoch gehen die Proteste weiter. In der Stadt Almaty, dem aktuellen Epizentrum, kontrollierten Demonstranten und Soldaten gestern abwechselnd den Hauptplatz. Informationen dringen nur wenige aus dem abgeschirmten Land, auch gestern wurde das Internet abgestellt. Zur Unterstützung des Regimes schickt Russland Soldaten in das Nachbarland. Damit aber könnte Präsident Putin den Konflikt weiter anheizen, schreibt mein Kollege Patrick Diekmann.  

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Die weiteren Termine 

Um Russland geht es heute auch, wenn die Außenminister der Nato-Staaten tagen. Sie wollen sich auf das Treffen in der kommenden Woche mit Vertretern Russlands vorbereiten. Es geht dabei vor allem um die Situation in der Ukraine. 

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Wie mobil waren die Deutschen an Weihnachten und Silvester im zweiten Pandemiejahr? Das Statistische Bundesamt veröffentlicht heute Daten dazu. 

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Was lesen?

 (Quelle: imago/ZUMA/Keystone) (Quelle: imago/ZUMA/Keystone)

Der junge Mann, dessen Bild 1953 auf dieser Veranstaltung mitgetragen worden ist, ist heute fast vergessen. Damals kannte ihn allerdings jedermann, besonders in der DDR wurde er geradezu verehrt – was vor allem an seinem tragischen Tod lag. Was damals geschehen ist, lesen Sie hier.

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Seit Wochen treffen sich Impfgegner zu sogenannten "Spaziergängen", um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren. In Frankfurt am Main wird klar, wie das Milieu tickt. Unsere Reporterin Katrin Bösch war vor Ort.

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Star-Tennisspieler Novak Djokovic wird die Australian Open wohl verpassen. Mein Kollege David Digili schreibt, warum es die absolut richtige Entscheidung der australischen Behörden ist, ihn wieder nach Hause zu schicken.

Was amüsiert mich?

Es muss ja nicht immer gleich Australien sein. 

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Freitag und dann einen guten Start ins Wochenende. Morgen hören Sie wieder unseren Wochenendpodcast. 

Ihre

Camilla Kohrs
Redakteurin Politik/Panorama
Twitter: @cckohrs

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Mit Material von dpa.

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