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Olympia-Start in Peking: Fast alles an diesen Spielen ist grotesk


Tagesanbruch
Groteskes Spektakel

MeinungVon Florian Harms

Aktualisiert am 04.02.2022Lesedauer: 5 Min.
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Olympia-Mitarbeiter empfangen Journalisten am Pekinger Flughafen.Vergrößern des Bildes
Olympia-Mitarbeiter empfangen Journalisten am Pekinger Flughafen. (Quelle: Kiichiro Sato/AP/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

wer mit erhobenem Zeigefinger herumläuft, gerät schnell ins Stolpern. Wer meint, anderen Staaten Vorschriften machen zu können, muss nicht nur stark sein, sondern auch autark. Wirklich unabhängig ist aber kaum noch ein Staat in unserer globalisierten Welt, erst recht nicht Deutschland. Das aufstrebende China ist unser wichtigster Handelspartner, mehr als 200 Milliarden Euro beträgt der Wert der gehandelten Waren jedes Jahr. Trübt sich das deutsch-chinesische Verhältnis, kann das schnell unseren Wohlstand gefährden. Den Politbürokraten in Peking genügt ein Federstrich, um Geschäfte zu vereiteln, Containerschiffe zu blockieren oder schikanöse Verwaltungsvorschriften zu erlassen. Das ist nicht schön, aber so sind die Fakten.

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Deutsche Politiker müssen deshalb nicht den Mund halten, wenn in China Menschen misshandelt und entrechtet werden. Die Unterdrückung der Uiguren und der Hongkonger Demokratiebewegung, die Folter politischer Gefangener und die totalitäre Überwachung von Abermillionen Menschen sind selbstverständlich brutal. Man wird das aber kaum ändern, indem man sich hierzulande lauthals darüber empört. "Wer die Vorstellung hegt, man werde mit mehr Druck etwas erreichen, wird scheitern", schreibt Gerhard Schröder in seiner neuen Kolumne, und da hat der in diesen Tagen viel gescholtene Altkanzler wohl recht. "Eine moralisierende Außenpolitik ist zum Scheitern verurteilt."

Womit wir bei den Olympischen Winterspielen sind, die heute in Peking eröffnet werden. Fast alles an diesen Spielen ist grotesk. Der Austragungsort: staubige Berge, die mit Kunstschnee berieselt werden müssen. Horrende Baukosten für die Sportanlagen; allein die Rodelbahn soll zwei Milliarden Euro gekostet haben. Das Freiluftgefängnis, in dem alle Athleten, Betreuer und Journalisten eingesperrt sind – formal mit Corona begründet, aber natürlich werden so auch der Kontakt zur Bevölkerung und die freie Berichterstattung verhindert. Unser Reporter Alexander Kohne berichtet von absurden Szenen. Die eitle Propagandashow, für die Chinas Bosse die Spiele missbrauchen. Die skrupellose Gier, mit der sich die Raffzähne vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Austragung versilbern lassen und dabei geflissentlich über Menschenrechtsverletzungen, Umweltschäden und Zensur hinwegsehen. Aus all diesen Gründen geißeln nun hierzulande viele Kritiker das Pekinger Spektakel.

Doch die Kritik ist scheinheilig. Selbstverständlich herrscht in China eine Diktatur. Natürlich wird sich das Land durch Olympia keinen Deut in Richtung Demokratie bewegen – genauso wenig wie Katar durch die Fußball-WM. Doch viele westliche Städte wollen die teuren Sportfeste eben gar nicht mehr ausrichten. Die Berliner lehnten die Sommerspiele ab, die Münchner die Winterspiele. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn Diktatoren dankbar zugreifen.

Deutsche Sportfunktionäre, Politiker und Journalisten ereifern sich nun über das IOC: Es hätte Olympia nicht nach China geben dürfen. Auch das klingt schräg. Warum haben sie nicht schon längst Druck auf den abgebrühten IOC-Chef Thomas Bach ausgeübt? Würden alle EU-Länder ankündigen, dass sie ihre Athleten künftig nur noch zu Olympischen Spielen schicken, die erstens nachhaltig organisiert werden und zweitens in einem Land stattfinden, das die Menschenrechte achtet – es hätte bestimmt einen Effekt. Ist aber nicht geschehen. Weil es eben leichter ist, mit erhobenem Zeigefinger herumzulaufen, als sich selbst zu engagieren. In dieser bigotten Disziplin können wir auf die Goldmedaille gern verzichten.


Gipfel der Zyniker

Natürlich gibt es auch eine weltpolitische Dimension der Olympischen Spiele: Die USA, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Australien, Japan und neben vielen anderen EU-Ländern auch Deutschland schicken keine hochrangigen Repräsentanten nach Peking. Einer hingegen lässt es sich nicht nehmen, die Eröffnungsfeier mit seiner Anwesenheit zu beehren: Mitten in der Ukraine-Krise sucht Wladimir Putin Rückendeckung gegenüber den Vereinigten Staaten und Europa. Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping revanchiert sich und verlässt nach über zwei Jahren seine politische Corona-Isolation, um den Russen zum Mini-Gipfel zu empfangen.

Die beiden Autokraten eint nicht nur ihr Selbstverständnis als Widersacher des Westens, sie haben darüber hinaus gemeinsame Interessen: Als energiehungrige Wirtschaftsmacht braucht China die Öl- und Gaslieferungen aus Russland, im Gegenzug kann es Technologie und Investitionen anbieten. Was den Ukraine-Konflikt angeht, dürfte Xis größte Sorge darin bestehen, dass ein Krieg Aufmerksamkeit von seiner Propagandashow abzieht – weshalb Beobachter davon ausgehen, dass Moskau mindestens bis zum Ende der Spiele stillhält. Später wäre eine militärische Invasion Russlands in seinem Nachbarland aus chinesischer Sicht hingegen ein interessanter Test für die Reaktion des Westens: dafür, wie es mit seiner "abtrünnigen Provinz" Taiwan umgehen kann. So zynisch kann Politik sein.


Trauer um Polizisten

Mit einer Trauerfeier und einer bundesweiten Schweigeminute wird heute um 10 Uhr der beiden ermordeten Polizisten gedacht. Jeder kann sich anschließen. Nach und nach werden immer mehr Details bekannt. Offenbar schossen die Täter in der Westpfalz tatsächlich, um ihre Wilderei zu vertuschen: Im Kastenwagen der beiden Männer haben Ermittler mehrere tote Tiere gefunden.


Überlebenskampf der Kirche

"Rette sie, wer kann", kommentierten Journalisten die katastrophale Lage der katholischen Kirche nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens. An genau dieser Aufgabe versuchen sich die 230 Mitglieder des Synodalen Wegs bei ihrem Treffen in Frankfurt am Main. Bis Samstag durchleuchten sie nicht nur die Strukturen, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen so lange ermöglichten. Es geht auch um Änderungsvorschläge für die Bischofswahl, das Zölibat, die Verteufelung der Homosexualität und den Ausschluss von Frauen aus dem Priesteramt. Um all die absurden Regeln also, die die katholische Kirche zu einer weltfremden Organisation machen.

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Zitat des Tages

"Dass uns die Alten und Kranken, wehrlos wie sie sind, sterben, weil wir Schiss haben, uns gegen die 'Querdenker' zu wehren – das werde ich mit aller Kraft verhindern."

Gesundheitsminister Karl Lauterbach gibt sich im "Zeit"-Interview kämpferisch.


Was lesen?

Die Bundesregierung will eine moralische Außenpolitik betreiben – gerät aber schon in den ersten Krisen an ihre Grenzen: Dieser Text meines Kollegen Patrick Diekmann hat großes Leserinteresse gefunden.



Ein wenig Starthilfe brauchte der kleine Flieger schon. Doch dann gelang dem Piloten 1953 ein spektakulärer Rekord. Mehr erfahren Sie auf unserem Historischen Bild.


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Die Ständige Impfkommission empfiehlt allen Erwachsenen eine vierte Impfung. Ist das wirklich sinnvoll? Meine Kollegin Sandra Simonsen klärt Sie auf.


Was amüsiert mich?

Einsame Spitze, das deutsche Corona-Management!

Ich wünsche Ihnen einen dynamischen Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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