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"Der Papst kann sehr wütend werden"

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 27.03.2019Lesedauer: 4 Min.
Bei der Übergabe des Buches: Ulrich Nersinger mit Papst Franziskus. Nersinger küsste den Ring des Kirchenoberhaupts und sprach danach noch mit ihm.
Bei der Übergabe des Buches: Ulrich Nersinger mit Papst Franziskus. Nersinger küsste den Ring des Kirchenoberhaupts und sprach danach noch mit ihm. (Quelle: privat)
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Der Papst entzieht Gläubigen fast rüde seine Hand, schiebt die Menschen unwirsch weiter. Die Bilder gehen um die Welt. Ein Vatikanexperte erklärt, dass auch ein Papst genervt sein kann.

Er hat den Ring von Papst Franziskus geküsst, ihn wundert aber nicht, dass der Papst am Montag bei einer langen Reihe Gläubiger irgendwann den Menschen seine Hand wegzog und sie zum Weitergehen drängte. Vatikanexperte Ulrich Nersinger sagt im Gespräch mit t-online.de: "Papst Franziskus sprengt das Zeremoniell mehr als jeder Papst vor ihm. Wer solche Gesten missachtet, kann Menschen tief treffen."


Vatikan: Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts

Papst Franziskus wurde als erster lateinamerikanischer Papst gefeiert und gehört dem Orden der Jesuiten an.
Das Plakat zeigt die Titelseite der "Bild"-Zeitung aus dem Jahr 2005. Joseph Aloisius Ratzinger wurde in diesem Jahr zum Papst gewählt – und nannte sich Benedikt XVI. Er war als achter deutscher Papst bis zum 28. Februar 2013 im Amt.
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Nersinger ist bereits mit Franziskus' Vorgängern Benedikt XVI. und Johannes Paul II. zusammengetroffen, ist gefragter Vatikanexperte auch von kirchlichen Medien und berät etwa Filmfirmen bei Szenen zu Zeremonien und zum Innenleben des Vatikans. Nersinger ist Autor von Büchern wie "Der Papst und die Frauen" und "Der unbekannte Vatikan" und spricht darüber, wie der innere Zirkel des Vatikan tickt.


t-online.de: Herr Nersinger, welche Bedeutung hat der Kuss auf den Fischerring, den Siegelring des Papstes?

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Ulrich Nersinger: Früher hatte das noch eine stärkere religiöse Bedeutung, da gab es dafür einen Teilablass. Für den Kuss auf den Fischerring muss man heute nicht fromm sein, es ist mehr ein Höflichkeitsakt. In südeuropäischen Ländern ist das in der DNA der Menschen drin. Es ist heute noch eine selbstverständliche Respektbezeugung bei der Begegnung mit dem Papst, Kardinälen oder Bischöfen.

Es tut mir leid für die Leute und für den Papst, wie das abgelaufen ist. Die Zurückweisung hat bestimmt den einen oder anderen getroffen. In Italien achten die Menschen sehr auf diese Höflichkeitsgesten, und eine solche Reaktion verschreckt sie.

Bei der Übergabe des Buches: Ulrich Nersinger mit Papst Franziskus. Nersinger küsste den Ring des Kirchenoberhaupts und sprach danach noch mit ihm.
Bei der Übergabe des Buches: Ulrich Nersinger mit Papst Franziskus. Nersinger küsste den Ring des Kirchenoberhaupts und sprach danach noch mit ihm. (Quelle: privat)

Steht es für die Philosophie des Papstes, dass er die Küsse nicht wollte?

In der Vergangenheit ist eine solche Szene nicht bekannt geworden. Es ist aber nicht gesagt, dass das jetzt ein Signal für die Zukunft ist, dass er einen anderen Stil möchte, dass das für Bescheidenheit stehen soll. Vielleicht wird aber auch viel mehr hineininterpretiert, als dahinter steckt. Es kann auch so gewesen sein, dass es ihm an diesem Tag schlicht gereicht hat. Als Papst hat man es da ja auch nicht einfach.

Auch früher hatten Päpste schon ihre Mühe mit solchen Szenen?

Es kann ja auch zu einem Geschmatze verkommen. Papst Pius XII. ließ sich vor mehr als 50 Jahren schon danach immer Hand und Ring desinfizieren, das weiß ich von der Haushälterin. Und auch wenn sich 20 Nonnen auf einen Papst stürzen und ihm fast die Hand abreißen, dann ist das nicht einfach. Johannes Paul II. hat mehrfach in Bedrängnis gesagt: Ihr bringt mich fast um. Eine Nonnen hätte ihn auch fast vor Begeisterung mal vom Papamobil gezogen. Aber die Reaktion fällt heute in Zeiten der sozialen Medien mehr auf als früher.

Es liegt also nicht am Papst?

Es ist natürlich schon so, dass er permanent mit Traditionen bricht. Das fing ja schon direkt nach seiner Wahl an, wo er ohne die übliche rote Schulterjacke, die Manzetta, auf den Balkon getreten ist. Franziskus bewegt sich jenseits des Zeremoniells. Und er handelt spontan.

Keinem Papst vor ihm wäre es eingefallen, einem Schweizer Gardisten einfach die Hand zu geben. Der Gardist wusste überhaupt nicht, was er tun sollte, seine Dienstvorschriften verbieten ihm das. Dieser Papst sprengt das Zeremoniell mehr als jeder andere, und er gerät dafür auch immer stärker in die Kritik. So etwas greifen natürlich auch innerkirchliche Gegner auf. Ich höre Kritik aber nicht nur von konservativen Leuten.

Sagt ihm das keiner?

Er ist sehr spontan, er ist für seinen Stab unberechenbar, es bricht einfach aus ihm heraus. Ich weiß von jemandem aus dem engsten Kreis des Papstes, dass diese Person immer ein Kreislaufmittel dabei hat. Nicht für den Heiligen Vater, sondern für sich, weil er nicht weiß, wie der Papst wieder reagiert oder was er sagt. Für seine Kommunikationsleute ist das manchmal eine Katastrophe.

Seine Vorgänger haben sehr viel stärker auf ihre Leute gehört und Ratschläge angenommen. Ich drücke mich vorsichtig aus: Er ist wenig um Diplomatie bemüht und in vielen Punkten beratungsresistent. Auch Leute, die ihm wohlgesonnen sind, überlegen sehr genau, wie sie solche Sachen thematisieren können. Er kann sehr wütend werden.

Sind bei der Szene in dem Video die Gläubigen vielleicht schlecht vorbereitet worden? Gibt es Instruktionen, wie man sich zu verhalten hat?

Bei Empfängen gibt es mit der Einladung protokollarische Hinweise von der Präfektur wie das etwa bei anderen festlichen Anlässen auch ist. Aber bei so einer Gelegenheit steht dann dort in der Regel niemand, der noch einmal Verhaltensregeln vorgibt und den Leuten sagt, sie sollen einen Kniefall machen und den Ring küssen. Die Menschen kennen das so.

Aber das Protokoll zu sprengen, muss ja nicht immer schlecht sein.

Mit mir hat er bei unserer Begegnung deutlich länger gesprochen als das von seinem Stab vorgesehen war. Er hat sich noch einen Rosenkranz geben lassen und nach dem Namen meiner damals kranken Mutter gefragt, um für sie ein Gebet zu sprechen. Er kann sich Personen auch sehr zuwenden.

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