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Katastrophenschutz | Experte: "Die Alarmierung hat schlecht funktioniert"

INTERVIEWKatastrophenschutz-Experte  

"Die Alarmierung hat über alle Bereiche schlecht funktioniert"

Von Annika Leister

19.07.2021, 19:45 Uhr
Katastrophenschutz | Experte: "Die Alarmierung hat schlecht funktioniert". Autos auf der Bundesstraße 256 bei Erftstadt: Viele Autofahrer wurden hier vom Wasser überrascht, auch Taucher kamen zum Einsatz.   (Quelle: imago images/Future Image)

Autos auf der Bundesstraße 256 bei Erftstadt: Viele Autofahrer wurden hier vom Wasser überrascht, auch Taucher kamen zum Einsatz. (Quelle: Future Image/imago images)

Im Katastrophenfall rettet Schnelligkeit Leben. Doch deutsche Behörden hinken bei der Warnung im Notfall weit hinterher, kritisiert Experte Andreas Kling im Interview. Was Behörden und Bürger lernen müssen. 

Deutschland wurde von Hochwassern getroffen wie schon lange nicht mehr – und wirkte schlecht vorbereitet. Experten warnen vor der Häufung solcher Extremwetterlagen in der nahen Zukunft. Wo die Behörden dringend nachsteuern müssen und wo auch wir dazulernen müssen, erklärt Katastrophenschutz-Experte Andreas Kling im Interview. 

t-online: Herr Kling, mehr als 100 Menschen sind im Hochwasser gestorben, viele werden noch vermisst. Politiker sprechen von einem "Systemversagen". Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz aber sagt: Alles hat funktioniert. Wie bewerten Sie als Experte die Leistung der Behörden bei der Warnung zu diesem Hochwasser?

Andreas Kling: Man muss hier unterschiedliche Ebenen klar trennen. Um auf der unteren Ebene – der Alarmierung durch die Behörden in den Gemeinden vor Ort – ein Fazit ziehen zu können, ist es noch zu früh. Auf der Ebene des bundesweiten Bevölkerungsschutzes mit Warnsystemen, Medien und Wetterdiensten aber gibt es deutlichen Optimierungsbedarf. Die Alarmierung hat hier über alle Bereiche schlecht funktioniert. Diese Defizite hat auch der Warntag 2020 schon gezeigt.

Beim Warntag 2020 sollten überall in Deutschland Sirenen heulen – aber vielerorts blieb alles stumm. Kritiker bezeichnen die Aktion als "Warntag-Debakel". Hätte man hier nicht schon nachsteuern und sofort Konsequenzen ziehen müssen? 

Man hätte können und müssen. Aber eine solche Umsetzung dauert sehr lange. Der Bund hat nach dem Warntag 2020 noch einmal ein Programm aufgelegt, durch das die Gemeinden Gelder für die Erneuerung der Sirenen erhalten konnten. Aber es ist ein weiter Weg von der Mittelbereitstellung bis hin zu einer funktionierenden Sirene auf dem Dach. Und wichtiger: Die Katastrophenschutzbehörden müssen dann auch wissen, wie alarmiert wird. Das muss man üben. Der Warntag 2021 wurde verschoben, weil die Systeme offensichtlich noch nicht so weit sind. 

Andreas Kling, 54 Jahre alt, ist Berater für kritische Infrastrukturen und Bevölkerungsschutz. Er hat in Bochum und Oxford "Humanitäre Hilfe" studiert und war für die Vereinten Nationen, den Malteser Hilfsdienst und verschiedene Hilfsorganisationen als Katastrophenhelfer im Einsatz. Im Walhalla Verlag ist sein praktischer Ratgeber "Sicher trotz Katastrophe" erschienen.

In Berlin führte die Senatsinnenverwaltung als Argument für nicht heulende Sirenen an: Berlin sei zu dicht besiedelt, man könne mit Sirenen nicht zielgenau warnen. 

Das Argument sehe ich in keiner Weise. Man kann mit einer Sirene einzelne Stadtteile sehr genau abgrenzen. Das ist mit der Sirene sogar noch besser möglich als über Apps – hier entspricht ja der aktuelle Standort des Empfängers unter Umständen überhaupt nicht seinem Wohnort.

Bundesamt-Chef Schuster wünscht sich jetzt die "gute alte Sirene" zurück.

Das Bild der "guten alten Sirene" muss man hinterfragen. Es gibt inzwischen moderne Sirenen, die nicht nur einen Warnton abgeben können, sondern die Bevölkerung auch über Lautsprecheransagen mit Informationen versorgen können. Das ist sicherlich der Weg. Wir brauchen wieder ein flächendeckendes Warnsystem, dass in der Erreichbarkeit und Informationsübermittlung der Sirene gleichwertig oder überlegen ist. 

Es braucht also Systeme, die auch analog funktionieren, nicht nur digital?

Man kann auch die Alarmierung über das Handy krisenfest und krisentauglich machen. Das ist in anderen europäischen Ländern und in den USA schon gang und gäbe. Dort gibt es einen "SMS-Alert" – den erhalten alle Bürger oder Bewohner einer speziellen Region auf ihr Handy, auch wenn es kein Smartphone ist. Die Vorteile: Die Warnung wird in Sekunden übermittelt und breit gestreut, der Alarm löst sogar aus, wenn das Handy stummgeschaltet ist und über einen reservierten Kanal kommt der Alarm auch an, wenn das Netz überlastet ist. Das ist im Übrigen eine EU-Richtlinie, die auch Deutschland bis Mitte 2022 umsetzen muss. Aber man muss es wollen, man muss hier mit den Mobilfunkanbietern zusammenarbeiten. Deutschland hinkt hier deutlich hinterher. Wer sich hier nicht die "Nina"- oder "Katwarn"-App installiert, der wird nicht aktiv gewarnt.

Erftstadt nach dem Hochwasser: Ein Teil der Stadt wurde weggespült, viele Häuser zerstört.  (Quelle: imago images/Future Images )Erftstadt nach dem Hochwasser: Ein Teil der Stadt wurde weggespült, viele Häuser zerstört. (Quelle: Future Images /imago images)

Sie sagen: Man muss es wollen. Will Deutschland es nicht?

Grundsätzlich ist Katastrophenschutz im Gegensatz zum Zivilschutz Ländersache. Das ist sicher nicht zeitgemäß. Auf Ebene der Länder ist vieles, was einen modernen Bevölkerungsschutz angeht, bisher nicht angegangen worden. Das zeigt sich nicht nur jetzt beim Hochwasser, das zeigte sich auch in der Corona-Pandemie. Außerdem gilt immer: Die Warnung ist eine Sache – die Bevölkerung muss dann auch wissen, was zu tun ist. Da gibt es auch auf Seiten der Bevölkerung sehr großen Nachholbedarf.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat am Montag angekündigt, dass der Katastrophenschutz rascher reformiert werden soll als geplant. Innenminister Seehofer schließt aber aus, dass der Katastrophenschutz – außer im Verteidigungsfall – in Bundeshände wandert. Ist das ein Fehler?

Das Bundesinnenministerium ist hier in seiner derzeitigen Kommunikation nicht ganz widerspruchsfrei. Einerseits wird mehr Zentralismus abgelehnt, andererseits sollen dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mehr Kompetenzen gegeben werden.

Der WDR ist massiv kritisiert worden, weil trotz drohendem Talsperren-Bruch lange eine Warnung im aktuellen Programm ausblieb. Haben hier auch die Medien versagt?

Die Einbindung der Medien ist im Katastrophenfall vorgesehen, die Öffentlich-Rechtlichen sind dazu verpflichtet, Warnmeldungen abzusetzen. Ich kann auch hier den Verantwortlichen nur empfehlen, den Ablauf in solchen Fällen häufiger zu üben. Nur was man übt, kann man auch im Ernstfall rasch umsetzen. 

Die Apps "Nina" und "Katwarn" sind zurzeit die Hauptinformationskanäle des Bundes, "Nina" haben aber nur neun Millionen Deutsche installiert. Und: Die Apps warnen bei vielen, auch sehr viel schwächeren Unwettern. Droht hier ein Abstumpfungseffekt?

Den gibt es definitiv, speziell über diese Apps. Wichtig ist aber ein Blick auf die Historie: Teilweise wurden die Wetterdienste in früheren Jahren dafür kritisiert, dass sie zu wenig gewarnt haben. Mein Eindruck ist, dass jetzt häufig und zu früh alarmiert wird. Das führt zur Abstumpfung. Ich würde dennoch nicht dafür plädieren, jetzt zurückzurudern. Das wäre sicher kontraproduktiv. Viel schwerwiegender und schwieriger ist außerdem das "Verletzlichkeitsparadox", wie Experten es nennen.

Was ist das "Verletzlichkeitsparadox"?

Es ist weitverbreitet in modernen Gesellschaften. Wir wurden schon lange nicht mehr von großen Naturkatastrophen getroffen, Strom und Wasser laufen bei uns ganz selbstverständlich, gerade in den Städten bekomme ich zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Lebensmittel und Getränke. Die Risikowahrnehmung ist deswegen gering und kaum jemand bereitet sich, ob gedanklich oder praktisch, auf den Ernstfall vor. Das ist ein Problem. Die Bevölkerung muss in die Lage versetzt werden, adäquat auf eine Warnung zu reagieren.

Iversheim an der Erft: Der Ort wurde fast komplett überspült.  (Quelle: imago images/Jochen Tack)Iversheim an der Erft: Der Ort wurde fast komplett überspült. (Quelle: Jochen Tack/imago images)

Gibt es ein Land, in dem der Katastrophenschutz besonders gut läuft, das als Vorbild taugen könnte?

Indonesien ist als Schwellenland finanziell nicht so gut aufgestellt wie Deutschland, aber es kommt wegen vieler Vulkane und der geographischen Lage sehr häufig zu Naturkatastrophen. Die Indonesier nennen ihr Land deswegen selbst "supermarket of disasters". Das Land ist wesentlich besser vorbereitet. Es gibt einfache, aber auch im Notfall funktionierende Funknetze, über soziale Medien und Messenger wird viel besser alarmiert – und die Bevölkerung ist besser vorbereitet.

Was empfehlen Sie jedem Bürger?

Schon wenn ich umziehe oder baue, sollte ich mich informieren: Lebe ich in einem Hochwassereinzugsgebiet? Drohen Erdrutsche? Oder ist – in Großstädten zum Beispiel  – die Gefahr größer, dass ein langer Strom- oder Wasserausfall einsetzen könnte? Dann kann ich im Vorfeld, passend zum Risiko, einige Vorbereitungen treffen, ohne gleich zum Prepper zu werden.

Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr-Ahrweiler: Lokale Netzwerke helfen am schnellsten und effektivsten, sagt Kling.  (Quelle: imago images/Eibner)Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr-Ahrweiler: Lokale Netzwerke helfen am schnellsten und effektivsten, sagt Kling. (Quelle: Eibner/imago images)

Zum Beispiel?

Taschenlampen, Kerzen, ein Kurbelradio und genügend Lebensmittel und Wasser im Haus, um ein paar Tage autark zu überstehen. Ein kleiner Rucksack, gepackt mit ein paar Flaschen Wasser, Lebensmitteln und Kopien der wichtigsten Dokumente. Wir haben Nudeln und Tomatensoße für einige Tage auf Lager. Außerdem hilfreich: Sich in ruhigen Zeiten ein Netzwerk schaffen und wissen, an wen man sich in der Nachbarschaft wenden kann, wenn man Hilfe braucht. Vielleicht gibt es Leute, die besondere Fähigkeiten haben – Ärzte, Elektriker, und so weiter – oder Nachbarn, die besondere Hilfe benötigen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, für den Notfall Vorräte anzulegen, Medikamente und wichtige Dokumente bereitzuhalten. Auf der Homepage des Bundesamts finden Sie ausführliche Erklärungen, hier eine kurze Zusammenfassung:
Vorräte: Essen und Trinken für zehn Tage sollten im Haus sein, das Bundesamt empfiehlt einen Vorrat von zwei Litern Wasser und Nahrung á 2.200 Kilokalorien pro Person und Tag. Das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung hält einen Notvorrats-Kalkulator auf seiner Homepage bereit und Listen mit besonders geeigneten Nahrungsmitteln inklusive Kalorienangaben. 
Wichtige Medikamente: In der Hausapotheke sollen unter anderem schmerz- und fiebersenkende Medikamente vorhanden sein, Mittel gegen Erkältungskrankheiten, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Elektrolyte zum Ausgleich bei Durchfallerkrankungen, Fieberthermometer, Splitterpinzette, Atemschutzmasken, Hautdesinfektionsmittel und Verbandsmaterial wie in einem Autoverbandskasten. 
Wichtige Dokumente: Unter anderem sind hier Familienurkunden (Geburts-, Heirats-, Sterbeurkunden) beziehungsweise das Stammbuch im Original empfohlen, im Original oder als beglaubigte Kopie außerdem Sparbücher, Kontoverträge,  Wertpapiere, Versicherungspolicen, Renten- und Einkommensbescheinigungen, Qualifizierungsnachweise wie Zeugnisse sowie Mietverträge, Testamente und Patientenverfügungen. 

Extremwetterlagen werden zunehmen, warnen Experten unisono. Wo müssen die Behörden mit Blick auf die Zukunft noch nachbessern?

Staatliche Stellen, die Bevölkerung wie auch die Industrie sollten sich darauf vorbereiten, dass wir es durch den Klimawandel nicht nur mit dem Szenario "Zu viel Wasser" zu tun haben werden, sondern auch mit dem Szenario "Zu wenig Wasser". Wie will man vorgehen, wenn die Trinkwasserversorgung gestört ist? Mit Blick auf extreme Wetterereignisse wie Tornados und Stürme sollte außerdem baulich vorgesorgt und Dächer und Infrastruktur gesichert werden. Und die Alarmierung und Information muss besser werden: Wir brauchen mehrsprachige Informations- und Warnsysteme, auch in einfacher Sprache. Wir müssen auch Menschen bedenken, die schlechter hören oder sehen. Auf dem Feld Risikokommunikation ist noch einiges zu tun.

Herr Kling, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Andreas Kling

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