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Fake-Shops: Der Deutsche in den USA und die verschleierten Millionen

Tricksereien mit Fake-Shops  

Der Deutsche in den USA und die verschleierten Millionen

Fake-Shops: Der Deutsche in den USA und die verschleierten Millionen. Das Santa Ana Gefängnis in den USA (Symbolfoto): Die Geschichte von Ruben Weigand erzählt, wie ein skrupelloser Zahlungsabwickler mit Drogenhandel Millionen verdiente. (Quelle: Reuters/Lucy Nicholson)

Das Santa Ana Gefängnis in den USA (Symbolfoto): Die Geschichte von Ruben Weigand erzählt, wie ein skrupelloser Zahlungsabwickler mit Drogenhandel Millionen verdiente. (Quelle: Lucy Nicholson/Reuters)

Die Kunden bestellten Joints, abgerechnet wurde Gesichtscreme – das wirft ein US-Gericht einem deutschen Manager und seinen Komplizen vor. Die Justiz prüft Spuren zum Zahlungsdienstleister Wirecard. 

Der 38-jährige Ruben Weigand aus dem Westerwald teilte sich seit Mitte März eine Zelle mit 14 Insassen im Santa Ana Gefängnis in Orange County, Kalifornien. Als die Pandemie auch die Gefängnisse in den USA erreichte und es in Santa Ana die ersten Infizierten gab, bat sein Anwalt um Freilassung auf Kaution. Er ließ noch ein Gutachten von Weigands Heidelberger Arzt ins Englische übersetzen, das seine Immunschwäche attestierte. 

Doch der Staatsanwalt hatte Sorgen: Weigand ist deutscher Staatsbürger und bei einer Flucht würde ihn Deutschland nicht ohne Weiteres an die USA ausliefern. Außerdem verfügt Weigand "über substanzielles Vermögen", sagte der Staatsanwalt. Auch wenn das Gericht seinen deutschen Reisepass eingezogen hat, würde sein Vermögen ermöglichen, dass er das Land verlässt. "Wir reden über eine Gruppe von Menschen, die Zugang haben und (...) substanzielle Ressourcen, von dem dürfte vieles offshore sein", so der Staatsanwalt. 

Die Geschichte von Ruben Weigand erzählt, wie ein skrupelloser Zahlungsabwickler gemeinsam mit Offshore-Firmen Geld aus dem Drogenhandel ins Bankensystem hatte einfließen lassen können. Die gemeinsamen Recherchen von t-online und Business Insider zeigen: Weigand und sein Mittäter sollen durch europäische Scheinfirmen Transaktionen im Wert von mindestens 100 Millionen Dollar (rund 85 Millionen Euro) vor US-Banken verschleiert haben. "Das hier ist ein komplexer Fall von Wirtschaftskriminalität, der zahlreiche Aktenordner füllt", stellt das mit der Sache befasste New Yorker Gericht fest. 

Immobilie im Wert von drei Millionen Dollar

Weil die meisten US-Banken keine Zahlungen für Marihuana ausführen wollen, sollen Weigand und seine Mittäter für einen Online-Marihuana-Shop eine Lösung gefunden haben. Kunden können Haschischkekse, Cannabisblüten oder vorgedrehte Joints mit der Kreditkarte bezahlen, abgerechnet wird am Ende gegenüber der Bank eine Gesichtscreme oder Sprudelwasser. Der Fall könnte auch zu einem weiteren, viel größeren Betrugsfall führen: Wie das Wall Street Journal berichtete, prüft das US-Justizministerium, ob es bei dem bisher in den Akten unbenannten Zahlungsabwickler um Wirecard geht.

Sieben Anwälte, ein Arzt aus Heidelberg und mehrere zahlungswillige Freunde hat es gebraucht, um das Gericht schließlich von Weigands Freilassung auf Kaution zu überzeugen. Als Garantie wird Weigands Luxemburger Immobilie im Wert von drei Millionen Dollar hinzugezogen und zusätzliche 470.000 Dollar Bargeld, die Freunde und Familie am Gericht hinterlegt haben. Drei Freunde von Weigand engagieren sich besonders für seine Freilassung.

In den Akten sind auch ihre Mails an den Richter abgeheftet. Einer, der sich für Weigand einsetzt, ist Markus Fuchs, zu dieser Zeit Vice President Sales Digital Services für Wirecard. "Ich kenne Ruben seit fast zehn Jahren", schreibt er dem Richter. Die beiden trafen sich zuerst geschäftlich, daraus ist dann eine Freundschaft geworden. Fuchs will den Richter davon überzeugen, dass Weigand ein Mann mit Prinzipien ist. Die Wirecard-Führungskraft bietet an, 150.000 Dollar für die Kaution zur Verfügung zu stellen. Fuchs ist nicht Gegenstand der Ermittlungen.

Aus dem Westerwald nach Kalifornien

Der Werdegang von Ruben Weigand startet mit besten Voraussetzungen: Nach seinem dualen Studium zum Betriebswirt in Karlsruhe arbeitet er für die Schäfer Unternehmensgruppe, 2009 wird der in den Vorstand der Wirtschaftsjunioren Westerwald-Lahn gewählt. Im Jahr darauf führt er bereits von Montabaur aus eine Unternehmensberatung und gründet danach weitere Firmen zu elektronischem Zahlungsverkehr. Zeitweilig war er im Vorstand der iPAY International S.A.

Wie er mit dem kalifornischen Marihuana-Startup in Verbindung kam, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Die Anklageschrift behauptet, dass er und seine Mittäter von 2016 bis mindestens Mitte 2019 zusammen mit dem Marihuana-Shop und einem Zahlungsabwickler in den Bankenbetrug involviert gewesen seien. Der Onlineshop, bei dem es laut Medienberichten um Eaze Technologies aus San Francisco gehen soll, durfte keine Kredit- oder Debitkartenzahlung anbieten. Zwar ist der persönliche Konsum von Cannabis in vielen Bundesstaaten erlaubt, doch Bundesbehörden stufen den Besitz und Vertrieb von Marihuana als illegal ein. Für die meisten Banken und Kreditinstitute ist das ein Risikogeschäft. Deshalb lehnen sie Marihuana-Transaktionen ab.

Das kalifornische Erfolgs-Startup, das das grüne Gold den Kunden nach Hause liefert, hat sich also etwas einfallen lassen. Das Unternehmen soll sich laut Anklage auf externe Zahlungsabwickler gestützt haben, die mit Ruben Weigand und seinen Mittätern zusammenarbeiteten. Dabei sollen sie Scheinfirmen gegründet und diese mit Offshore-Bankkonten verbunden haben. Die Erträge flossen dann durch die europäischen Scheinfirmen zum Marihuana-Verkäufer zurück. 

Wie genau die Verschleierung der Zahlungen funktionierte, verrät eine zivilrechtliche Klage, die 2019 ein Konkurrent von Eaze Technologies eingereicht hat. 

Laut Anklage ist absolutsoda.com einer von diversen Fake-Shops. (Quelle: web.archive.org)Laut Anklage ist absolutsoda.com einer von diversen Fake-Shops. (Quelle: web.archive.org)

Ein Kunde in San Francisco bestellte demnach am 8. Februar 2019 cannabishaltige Kartuschen für seinen Vaporizer im Onlineshop von Eaze Technologies. Die Rechnung über 243,40 Dollar schickte ihm Eaze per E-Mail zu. Unter der Rechnung stand kursiv die Anmerkung: "Auf deinem Kontoauszug wirst Du eine Abbuchung von $243.4 von absolutsoda.com sehen."

Warum soll eine Gras-Bestellung mit CO2-Zylindern abgerechnet werden? Wenn man der Anklage glaubt, ist absolutsoda.com einer von diversen Fake-Shops, die für den mutmaßlichen Bankenbetrug gegründet worden sein sollen.

Es soll um Scheinfirmen gehen

Das FBI legt ebenfalls seinen Ermittlungsbericht vor. Ein Chatprotokoll zwischen Weigand und zwei anderen Mittätern soll seine Beteiligung bei der Gründung von Scheinfirmen belegen:

Mittäter1: (...), Ruben (Weigand) fragt nach Kennzeichnungen

Weigand: Wir haben das schon besprochen, Du musst nur bestätigen. (M)edical-stf.com /  877-975-5510. (M)edical-dsr.com / 877-974-7750

Mittäter2: Wir haben die Domains für die beiden gekauft (...). Gib nur Bescheid, welche Du am Ende haben willst

Weigand: (M)edical-stf.com / 877-975-5510. (M)edical-dsr.com / 877-974-7750. Diese sind schon bei der Bank eingerichtet

Wie absolutsoda.com war auch medical-stf.com eine Scheinfirma, die die Zahlungen für Gras getarnt haben soll. Zwar floss das Geld des Kunden an den Marihuana-Shop, gegenüber Banken rechnete aber eine dieser Tarnfirmen die Verkäufe ab – mal für Sprudelwasser, Hundefutter oder Gesichtscreme. Weigands Mittäter sollen die Transaktionen mit falschen Codes versehen haben, damit den Kreditkartenfirmen die Marihuana-Verkäufe nicht auffallen und die Zahlungen autorisiert werden. 

Das Gericht spricht über ein Betrugssystem, bei dem das Unternehmen Transaktionen "gewaschen" haben soll. Weigand und seine Mittäter sollen die Banken regelmäßig angelogen haben und dadurch Transaktionen forciert haben, die sonst nicht durchgehen dürfen. 

Auf Nachfrage, ob Ruben Weigand oder Wirecard für das Unternehmen tätig gewesen seien, wollte sich Eaze nicht äußern. Das Unternehmen hat sich von dem alten Zahlungsabwickler getrennt und würde mit den Behörden kooperieren, schrieb die Pressesprecherin. Kreditkartenzahlungen sind nicht mehr möglich.

Verhaftung auf dem Weg nach Costa Rica 

Anfang des Jahres zog die US-Justiz das Netz enger um Weigand und seine Mittäter. Am 9. März 2020 will Weigand aus Zürich über Los Angeles nach Costa Rica fliegen. Doch als er am Flughafen Los Angeles umsteigen soll, verhaften ihn FBI-Agenten und beschlagnahmen seine Handys und seinen Rechner. Sieben Monate dauert es, bis sich das Gericht und seine Anwälte Anfang Oktober auf die Bedingungen einer Freilassung auf Kaution einigen. 

Sein Anwalt betont, dass Ruben Weigand ein erfolgreicher Geschäftsmann in Europa sei, der keinen finanziellen Schaden verursacht habe. Er plädierte vor dem Gericht auf nicht schuldig. Das Geld sei schließlich nicht verschwunden. Selbst wenn also technische Argumente für einen Bankenbetrug im Raum stünden, seien in diesem Fall keine Verluste entstanden. Doch der Staatsanwalt sieht Weigands Rolle anders: "Insbesondere Herr Weigand hatte die Verantwortung, bei der Gründung der Scheinfirmen zu helfen", für die auch die Bankkonten eingerichtet wurden. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass die 100 Millionen Dollar in der Anklage die eigentliche Dimension des Betrugs weit unterschätzen.

Wie viel Weigand selbst an der mutmaßlichen Betrugsmasche verdient haben soll, ist bisher ein Rätsel. Seine Ausgaben sollen jedenfalls nach seiner Freilassung mächtig gestiegen sein. Neben der üppigen Kautionssumme, die sein Freundeskreis mitfinanziert, muss Weigand die Auflagen der Freilassung aus eigenen Kosten abdecken: nicht nur die Miete für sein Apartment in Manhattan, sondern auch eine private Überwachung rund um die Uhr.

Die Wohnung darf er nur dann verlassen, wenn er seinen Anwalt treffen will, Besucher darf er nur mit Sondererlaubnis empfangen. Hier soll er sich unter ständigem GPS-Monitoring auf den Prozessauftakt Anfang nächsten Jahres vorbereiten. Kurz nach seiner Verhaftung stellte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe zwischen fünf und sieben Jahren in Aussicht – die Verteidiger hoffen, dass diese auf weniger als ein Jahr reduziert wird.

Auf sein Recht auf Auslieferung nach Deutschland oder Luxemburg hat er bereits verzichtet.

Darüber, mit welchem Zahlungsabwickler Eaze den mutmaßlichen Betrug durchführen konnte, findet sich bislang in den Akten kein konkreter Hinweis. Dass die Zahlungen für den Marihuana-Shop auch über eine Firma in Deutschland liefen, gesteht ein Mittäter Weigands, der ebenfalls angeklagt ist. Auf Anfrage, ob Wirecard mit Ruben Weigand oder mit seinen Beratungsfirmen in einer Geschäftsbeziehung stand, wollte das Unternehmen keine Stellungnahme abgeben. Markus Fuchs, der für Weigand Hilfe bei der Kautionszahlung angeboten hatte, hat sich bis zur Veröffentlichung dieses Artikels auf eine Anfrage nicht zurückgemeldet.

Verwendete Quellen:
  • Gemeinsame Recherche von t-online und Business Insider

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