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Attila Hildmanns Vertrauter Kai E. packt aus: Das macht ihn gefährlich


Attila Hildmanns engster Vertrauter packt aus

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 16.09.2021Lesedauer: 6 Min.
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An der Seite von Hildmann: Kai E. war von Sommer 2020 an der engste Vertraute des selbsternannten "Kriegers". Gemeinsam flohen sie in die Türkei.
An der Seite von Hildmann: Kai E. war von Sommer 2020 an der engste Vertraute des selbsternannten "Kriegers". Gemeinsam flohen sie in die Türkei. (Quelle: T-Online-bilder)
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Er ist der Mann, der Hildmann half, Kanäle für Desinformation, Hakenkreuz-Bilder und Judenhass aufzubauen. Jetzt spricht er vor Journalisten über die Zeit mit dem Kochbuchautor, dessen Gedankenwelt und dessen Netzwerk.

Man kann ihn kaum sehen, und der Ton fällt immer wieder genau dann aus, wenn alle Journalisten besonders gespannt sind, was er jetzt sagen wird. Der Mann mit blondem Hipster-Bart steht im Mittelpunkt einer virtuellen Pressekonferenz, deren Gastgeber dauerhaft unsichtbar bleiben: "Anonymous" hat eingeladen, mit Kai E. zu sprechen. Kai E., der auf der Terrasse in der Türkei anfangs noch in den letzten Sonnenstrahlen saß und jetzt im Dunkeln, ist der Mann, der Attila Hildmanns engster Vertrauter war und jetzt sein Verhängnis ist. Hildmann tobt.


Die Beweise: In diesen Villen tauchte Hildmann unter

Erstes Video aus der Türkei: Hildmann postet es am 10. Januar. Er steht vor einer Wand mit einem markanten Muster, die man in der Villa Aspendia 3 in vielen Räumen findet.
Wie im Bunker: Es hallt, als Hildmann am 24. Januar auffordert, Bunker anzulegen und sich Stromgeneratoren zu kaufen. Er filmt sich im Bad der Villa.
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Er hat 100.000 E-Mails von Hildmann mitgenommen, dessen Onlineshop lahmgelegt und alle Kundendaten an sich gerissen, er hat Hildmanns Handy gekapert und sich bei "Anonymous" gemeldet, um aufzuräumen. "Ich hoffe, dass wir es bald so hinter uns bringen, dass er einsitzt."

Er spricht auch von Behördenversagen und einer undichten Stelle, er spricht von hohen Schulden Hildmanns – Beweise bleibt er schuldig. Die Datenmassen sollen erst richtig ausgewertet werden, erklärt er. Von "Anonymous" werde noch viel kommen. "Wir haben noch einiges vor, wir lassen diesen Mann nicht ungestraft davonkommen."

Viele Angaben nicht überprüfbar

Er erzählt viel über Hildmann, der in dieser Runde nicht widersprechen kann und der Anfragen von t-online in der Pandemie nie beantwortet hat. Es ist die Sicht von jemandem, der über Monate hinweg als engster Vertrauter alles mitbekommen hat – aber nicht alles muss stimmen:

Über Hildmanns Kampf: Hildmann stellt sich als Führer eines Widerstands gegen eine heimliche jüdische Weltherrschaft dar. "Er ist ein Antisemit, Rassist und Faschist, er ist sehr eingeschränkt in seiner Weltsicht. Er liebt Krieg, er liebt Kampf." E. sagt, er habe anfangs gedacht, Hildmann werde durch Medienhetze radikalisiert. "Das stimmt nicht, er hatte diese Weltanschauung von Anfang an. Aber bei seinem Kampf geht es um etwas anderes. Er hat damit angefangen, weil er nichts mehr zu verlieren hat und er so narzisstisch ist und will, dass für irgendwas zu ihm aufgeschaut wird." Denn: Mit hohen Schulden habe Hildmann schon vor Corona vor dem Ruin gestanden.

Über Hildmanns erste Flucht: E. saß neben Hildmann, als sie Mitte Dezember zunächst nach Polen flohen und dann von dort nach Süden über die Slowakei, Ungarn und Bulgarien nach Istanbul. Gegen Hildmann liefen bereits diverse Anzeigen, seinen Führerschein hätte er auch abgeben müssen. Mit der plötzlichen Flucht zerschlug sich für E. zunächst ein konkreter Ausstiegsplan. "Zwei Tage später hatte ich aussteigen wollen, aber meine Vorbereitungen waren noch nicht abgeschlossen." In der Silvesternacht seien sie von dort nach Kayaköy gefahren, wo sich Hildmann bis Anfang September in wechselnden Villen aufgehalten habe. Inzwischen sei Hildmann wohl nicht mehr dort.

Über den geleakten Haftbefehl: Der Haftbefehl sorgte für Wirbel, weil Hildmann davon erfahren und darüber gespottet hatte. "Man muss aber wissen, dass er da ja schon in der Türkei war. Für ihn war es nur eine Bestätigung, dass es richtig war, sich abzusetzen." E. liefert keine Nachweise darüber, von wem Hildmann die Info bekam – noch nicht: "Ich würde Personen, die in Berliner Justizkreisen mit Hildmann zusammenarbeiten, sofort entlarven, aber ich muss es verifizierbar gestalten."

Über Hildmanns Staatsangehörigkeit: "Er hat keine Staatsbürgerschaft der Türkei, aber er arbeitet daran", so Kai E. Die Frage ist brisant, weil die Türkei eigene Staatsbürger nicht ausliefert. Die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin hat auf explizite Nachfragen stets erklärt, Hildmann habe eine türkische Staatsangehörigkeit – ohne Angaben zu machen, woher sie das weiß. Sie bekräftigte das auch am Donnerstag. Man müsse "davon ausgehen, dass der Beschuldigte von den türkischen Behörden nicht ausgeliefert würde". Sie erklärte aber auch. "Wir gehen sämtlichen Informationen, die sich aus den Veröffentlichungen der letzten Tage ergeben haben, nach."*

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Eine von E. veröffentlichte Sprachnachricht zeigte dagegen, dass Hildmann sich um die Staatsbürgerschaft bemüht. Anfang September habe er benötigte Unterlagen aus Deutschland erhalten, sagt Hildmann dort. Jetzt könne das Verfahren sieben Monate dauern. Hildmann wurde als Kind türkischer Eltern geboren, dann aber adoptiert. Hildmann veröffentlichte auch am Donnerstag ein Video, in dem er sagte, er habe in der Türkei gerade seinen türkischen Pass beantragt.** Wie rechtlich kompliziert die Frage der Staatsbürgerschaft sein kann, wird in diesem Text erläutert.

Hildmann: In Sprachnachricht paranoid

Über Hildmanns neue Flucht: In der Sprachnachricht, die vom 9. September sein soll, erklärt Hildmann selbst, er sei beinahe paranoid und fürchte ständig, die türkische Polizei könne vor der Tür stehen. Er werde jetzt Kayaköy verlassen und durchs Land fahren. Das deckt sich mit seinen Informationen, sagt E. "Ich bin dort sehr gut vernetzt, er hat Kayaköy verlassen." Hildmann spricht sogar von Belarus.

Über die Polizei in der Türkei: Dorthin habe er über einen Bekannten Kontakt, sagt Kai E. "Sie mögen ihn nicht und sie haben jetzt auch Nachricht bekommen, dass er ein Cyberterrorist ist. Sie bekommen noch mehr Informationen, und ich würde mir wünschen, dass die Behörden in Deutschland mitarbeiten."

"Anonymous" irritiert
Kai E. las eine Erklärung des Hackerkollektivs vor, mit dem er kooperiert. Es geht dabei auch um die Sperrung des Twitteraccounts @AnonymousNewsDe durch Twitter. Juristen zweifeln an der Rechtmäßigkeit der Sperrung. Sie erfolgte nach den Entwicklungen um Kai E. und Hildmann und "trotz der Bemühungen um verantwortungsvollen Umgang mit erbeuteten Daten", wie "Anonymous" erklärt. Die Gruppe bekennt sich dazu, "manchmal Mittel außerhalb des rechtlichen Rahmens" zu nutzen, wenn Behörden ihrer Arbeit nicht nachkämen, Konzerne nach eigenen Regeln statt nach Gesetz handelten und die Politik solche Missstände nicht angehe. Vor Veröffentlichung werde auch mehrfach geprüft, um nur korrekte Informationen und nicht versehentlich persönliche Daten preiszugeben. Die Sperrung zeige "einmal mehr den Handlungsbedarf der Politik, journalistische Arbeit und Whistleblower zu schützen".

Über die Gefahr durch Hildmann: Hildmann hat E. gedroht, ihn auch noch in Jahren zu verfolgen, und ihm ein Ultimatum gesetzt, Seiten und Daten zurückzugeben. E. hat es ignoriert. "Hildmann hat sich als laute, drohende, aber kleine Wurst herausgestellt, ein weinerliches Kind. Er sagt Leuten, er schlägt sie kaputt, und wenn die ihn dann dazu auffordern, kommt von ihm nichts mehr." E. sagt aber auch, dass die türkische Polizei bei Hildmann auf eine Waffe gestoßen sei, dass er sich einer Bedrohung durch Hildmann bewusst sei, aber sich gut abgesichert habe. Und: "Er selbst ist nicht die Gefahr, sondern das, was er mit seinen Worten bei seinen Anhängern auslösen kann."

Über Hildmanns Anhänger: Zeitweise hatte Hildmann auf Telegram mehr als 120.000 Abonnenten. "Aber die echte Anhängerschaft ist sehr überschaubar. Die meisten Follower habe ich gekauft, für ein paar Euro." "Üble Neonazis, III. Weg und so" hätten auch früh in den inneren Kreis gedrängt, er habe sie aber aussortiert. Unter den Anhängern seien solche Leute aber. "Da gibt es Spinner, die definitiv zu gefährlichen Dingen bereit wären. Absolut unkalkulierbare Leute."

Über Hildmanns Unterstützer: Einen IT-Fachmann habe Hildmann nicht im Team, "und er ist ein Vollidiot, was das angeht, und ich hoffe und glaube nicht, dass er jemanden findet, der sich in die Gefahr bringt. Jeder fragt sich ja auch, was Anonymous noch vorhat und noch vorbereitet hat." Auch unter Betreuern seiner Telegram-Gruppen bröckele es. Kai E. berichtet von Streit: "Ich habe eine Sprachnachricht geleakt, in der er bettelte, endlich seine Spendenkanäle einzurichten. Eine Frage dazu hat er sofort gelöscht, jetzt geht es darum, dass er Stellung beziehen soll." Mit Organisationen außerhalb gebe es keine Zusammenarbeit mehr: "Da hat er es sich mit allen verscherzt."

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Über Behördenversagen: E. sagt, nach seinem Gang an die Öffentlichkeit habe die Polizei in dieser Woche seinem früheren Büro einen Besuch abgestattet. Davor habe er nie von Behörden gehört – trotz Kontaktaufnahme. Demnach habe er, ohne Rückmeldung von der Polizei zu bekommen, ein Video gemeldet, in dem jemand mit einer Schusswaffe posiert und erzählt, er würde "jetzt die ganzen Antifas totschießen". Dieses Video war auf die "zensurfreie" Videoplattform WTube hochgeladen worden, die E. für Hildmann erstellt hatte. E. habe es über das Hinweisportal der Polizei gemeldet und nicht freigeschaltet. "Ich habe informiert, dass so was bei uns hochgeladen wird. Es kam nie was zurück." Anonymous beklagt, umfangreiche Daten wie IP-Adressen von Servern zum Abschalten von Hildmann-Hetze an Berliner Behörden übergeben zu haben, wo sie bis heute ignoriert worden seien.

Über sich: Kai E. ist Programmierer, 22 Jahre alt und stammt aus Bayern. Er spricht bei Corona von einer "Plandemie": Ich hätte mir gewünscht, ich würde zu einem anderen Ergebnis kommen, das hätte es mir leichter gemacht". Er habe aber nie mit Nazis zu tun haben wollen – und er selbst will nicht andere von seinen Thesen überzeugen, sagt er: "Ich bin niemand, der die Welt verrückt machen will". Er versuche aber, seine Resourcen für Gerechtigkeit einzusetzen, "wenn es denn so etwas gibt".

*Der Text wurde an dieser Stelle mit der Reaktion der Generalstaatsanwaltschaft aktualisiert.
** Der Text wurde hier mit der Videonachricht von Hildmann aktualisiert.

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Verwendete Quellen
  • Zoom-Gespräch mit Kai E.
  • Twitter: Tweet mit Hildmanns Video-Nachricht
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Von Lisa Becke
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