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Türkei: Verschwinden von Mustafa Yilmaz – steckt der Geheimdienst dahinter?

Keine Spur von Mustafa Yilmaz  

Ließ der türkische Geheimdienst einen Menschen verschwinden?

13.09.2019, 12:47 Uhr | AFP

Türkei: Verschwinden von Mustafa Yilmaz – steckt der Geheimdienst dahinter?. Ein Streifenwagen in Istanbul (Quelle: imago images/Chromorange/Symbolbild)

Ein Streifenwagen in Istanbul: Die Polizei hat die Suche nach dem Vermissten nicht aufgenommen. (Quelle: Chromorange/Symbolbild/imago images)

Mustafa Yilmaz verschwindet nach seinem Gefängnisaufenthalt spurlos. Videoaufnahmen zeigen, wie ihn Unbekannte in einen Transporter zerren. Steckt der türkische Geheimdienst dahinter? 

Nach mehr als drei Monaten im Gefängnis unter dem Verdacht der Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung war Mustafa Yilmaz froh, wieder bei seiner Frau und Tochter in Ankara zu sein. Doch nur Wochen nach seiner Entlassung verschwand er am 19. Februar auf dem Weg zur Arbeit und ist wie zwei andere Männer bis heute nicht wieder aufgetaucht. Seine Frau Sümeyye befürchtet nun, dass der türkische Geheimdienst hinter seinem Verschwinden steckt.

"Ich habe so viele Fragen: Warum wird mein Mann nicht entlassen? Was wollen sie von ihm? Ist er überhaupt noch am Leben?", fragt die 27-Jährige, während ihre zweijährige Tochter in der Nähe spielt. "In den ersten Tagen nach seinem Verschwinden hat meine Tochter oft gefragt, wo er ist. Doch nun hat sie aufgehört zu fragen. Sie ist ein Kind, sie vergisst", sagt Sümeyye unter Tränen.

Unbekannte zerrten Mann in einen Transporter

Dass etwas nicht stimmte, merkte sie, als der Chef ihres Mannes sie anrief, um zu fragen, warum er nicht zur Arbeit erschienen sei. Sie telefonierte daraufhin die Krankenhäuser ab, doch niemand wusste von ihm. Später musste sie auf Aufnahmen einer Überwachungskamera sehen, wie Unbekannte ihren Mann vor ihrem Haus packen und in einen schwarzen Transporter zwingen.

Mustafa Yilmaz war einer von sechs Männern, die im Februar binnen weniger Tage in Ankara, Istanbul und der nordwestlichen Provinz Edirne verschwanden. Alle wurden verdächtigt, zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen zu gehören, die Präsident Recep Tayyip Erdogan für den fehlgeschlagenen Militärputsch vom Juli 2016 verantwortlich macht.

Nach Zählung von Menschenrechtlern und Oppositionsabgeordneten verschwanden seit dem Putschversuch 28 Männer in der Türkei. 25 von ihnen tauchten später wieder auf, darunter vier der sechs Männer, die im Februar verschleppt worden waren. Ihre Familien wurden am 28. Juli informiert, dass die Vermissten bei der Polizei in Ankara seien.

Die vier Männer waren nach Angaben von Menschenrechtlern traumatisiert, wollten aber nicht über ihre Erfahrung sprechen. "Sie waren in einem elenden Zustand. Als ihre Familien fragten, wo sie gewesen seien, antworteten sie: 'Lasst die Sache ruhen, fragt nicht weiter'", sagt der Abgeordnete Ömer Faruk Gergerlioglu von der Oppositionspartei HDP, der eine Aufklärung der Fälle fordert.

Polizei untersuchte sein Verschwinden nicht

Für Sümeyye war es "die Hölle" gewesen, als die vier anderen Vermissten Ende Juli wieder auftauchten, nicht aber ihr Mann. Sie hatte nach seinem Verschwinden die Polizei um Hilfe gebeten, doch habe diese keine richtige Untersuchung eingeleitet. Bis heute lehnt es die Staatsanwaltschaft ab, sich zu den Fällen zu äußern. Das Innenministerium reagiert nicht auf Anfragen.

"Unser Hauptverdächtiger ist offenkundig der Staat", sagt Öztürk Türkdogan von der türkischen Menschenrechtsvereinigung. Alle Entführungen folgten laut Augenzeugen und Videoaufnahmen einem ähnlichen Muster, insbesondere seien immer schwarze VW-Transporter eingesetzt worden. Türkdogan geht davon aus, dass auf diese Weise unter den Gülen-Anhängern "Terror" verbreitet werden soll.

Kurz nachdem die vier vermissten Männer Ende Juli wieder aufgetaucht waren, verschwand ein weiterer Mann. Nach Angaben seiner Familie wurde der 35-jährige Yusuf Bilge Tunc am 6. August verschleppt. Auch er war beschuldigt worden, zur Gülen-Bewegung zu gehören, und hatte deshalb seinen Job in der Behörde verloren, welche die türkische Rüstungsindustrie beaufsichtigt.

 
"Das Schlimmste ist, nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist", sagt seine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Auch in seinem Fall war die Polizei nicht von Hilfe. Noch nicht einmal sein Auto habe sie durchsucht, als es vier Tage nach seinem Verschwinden gefunden wurde, sagt seine Frau. Wie Sümeyye hat sie sich in ihrer Verzweiflung an die Vereinten Nationen und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur AFP

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