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"Es ist, als wĂŒrde man sterben"

Von Janek Kronsteiner, Memphis

Aktualisiert am 13.11.2021Lesedauer: 6 Min.
Ron Bobal hilft Opioid-AbhĂ€ngigen in Memphis: Vor fĂŒnf Jahren hat er seinen Sohn durch eine Überdosis Fentanyl verloren.
Ron Bobal hilft Opioid-AbhĂ€ngigen in Memphis: Vor fĂŒnf Jahren hat er seinen Sohn durch eine Überdosis Fentanyl verloren. (Quelle: Janek Kronsteiner/T-Online-bilder)
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Zehn Menschen pro Woche sterben in Shelby County an einer Überdosis. FĂŒr die meisten FĂ€lle ist Fentanyl verantwortlich, eine Droge hundertmal stĂ€rker als Morphin. Sie ist immer weiter verbreitet – mit verheerenden Folgen.

Hinter einer Shell-Tankstelle und einer McDonalds-Filiale reihen sich ausgemergelte Menschen auf. Sie wollen die Nadeln abgeben, mit denen sie sich ĂŒber die Woche Opioide in die Venen geschossen haben. Der Himmel, der durch das gelbe M sichtbar ist, fĂ€rbt sich orange. Die Sonne geht unter auf der sechsspurigen Sycamore View Road in Memphis.

Auf einem leeren GrundstĂŒck steht eine flache BĂŒhne. Hier können die Konsumenten ihre Spritzen in große graue Plastikboxen entsorgen, anstatt sie einfach auf die Straße zu werfen oder auf öffentlichen Toiletten zu lassen. So wird verhindert, dass die Konsumenten sich Spritzen teilen und sich dadurch mit HIV oder Hepatitis C infizieren. Im GesprĂ€ch mit Beratern und im Austausch fĂŒr anonymisierte Daten erhalten die Konsumenten originalverpackte Spritzen zurĂŒck.

"Bring uns zehn gebrauchte Nadeln, dann kriegst du zehn neue", erklĂ€rt Ron Bobal, GrĂŒnder der Organisation "A Betor Way". Er organisiert das erste "Spritzenaustausch-Programm" fĂŒr Opioid-AbhĂ€ngige in Memphis, Tennessee.

Das Fentanyl-Problem wird immer grĂ¶ĂŸer

Das Hauptproblem hier ist die Droge Fentanyl, ein Opioid etwa hundertmal stĂ€rker als Morphin. Obwohl es einigen Drogen nur zum Strecken beigemischt wird, ist das potente Fentanyl fĂŒr einige Konsumenten an die Stelle von Heroin gerĂŒckt – die Folgen sind hier verheerend.

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Memphis ist dabei kein Sonderfall, ganz im Gegenteil. Die Opioid-Krise wurde in den USA durch die Corona-Pandemie deutlich verstĂ€rkt. Die Zahlen sind erschreckend. Laut Nationalem Gesundheitsministerium (CDC) starben zwischen MĂ€rz 2020 und MĂ€rz 2021 so viele Menschen in den USA wie nie zuvor an einer Überdosis – insgesamt mehr als 96.000 (Vorjahr: 74.679). Allein illegales Fentanyl war laut American Medical Association (AMA), dem grĂ¶ĂŸten Verband von Ärzten in den USA, im Jahr 2020 fĂŒr mehr als 56.000 Überdosis-Tote verantwortlich.

Ron Bobal raucht genĂŒsslich eine Zigarre, wĂ€hrend er Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in seinem Programm willkommen heißt. Viele grĂŒĂŸen ihn, hier kennt man sich nur mit Vornamen.

Ron Bobal hilft Opioid-AbhĂ€ngigen in Memphis: Vor fĂŒnf Jahren hat er seinen Sohn durch eine Überdosis Fentanyl verloren.
Ron Bobal hilft Opioid-AbhĂ€ngigen in Memphis: Vor fĂŒnf Jahren hat er seinen Sohn durch eine Überdosis Fentanyl verloren. (Quelle: Janek Kronsteiner/T-Online-bilder)

Ein riesiger Glatzkopf mit geweiteten Pupillen trÀgt ein rot-getigertes KÀtzchen herum. Er streichelt es beharrlich. Es wirkt, als beruhigen sich beide gegenseitig. Der Glatzkopf erkundigt sich nach den Rippchen, die hinter dem Trailer auf dem Grill schmoren. Einige GÀste sammeln sich um einen Tisch mit alter Kleidung. "Endlich ein Paar Socken", jubelt einer.

"An Weihnachten habe ich meinen Sohn verloren"

Nicht wenige der Klienten kommen in neuen SUVs, andere stolpern vom Gehsteig aufs GelĂ€nde und grĂŒĂŸen Ron Bobal. Über einhundert Konsumenten begrĂŒĂŸt der stĂ€mmige Mann jeden Freitag zum Nadelaustausch.

"Ich selbst habe nie harte Drogen konsumiert", sagt Bobal, wĂ€hrend er an der Zigarre pafft. "Aber ich habe zwei Kinder aufgezogen, die sĂŒchtig wurden." Eines seiner Kinder starb durch die Drogensucht. "An Weihnachten 2016 habe ich meinen Sohn durch eine Überdosis Fentanyl verloren."

Sohn Ronnie Bobal konsumierte schon lĂ€nger Heroin, war mehrfach auf Entzug. Bei einem RĂŒckfall erwischte er eine Dosis Heroin, die mit einer tödlichen Menge Fentanyl gestreckt war, erzĂ€hlt sein Vater. Ronnie Bobal war Maler und Graffiti-KĂŒnstler. Sein KĂŒnstlername war "Betor" – das inspirierte den Namen der Organisation: "A Betor Way". Seit zwei Jahren organisiert Betors Familie den Spritzenaustausch.

FĂŒnfmal tĂ€glich Fentanyl

Justin, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, nutzt den Service seit dem ersten Tag. Seine großen Augen stechen aus seinem eingefallenen Gesicht hervor, das unter seiner Kapuze hervorragt. Auf seiner Nase und seinen Wangen klaffen offene Wunden. Meistens versteckt er beide HĂ€nde in der Bauchtasche seines lila Pullovers. Die Berater auf dem Event kennen Justin gut. Einer von ihm nennt ihn zwinkernd "unser Maskottchen".

Justin liebt den Smalltalk beim Spritzenaustausch. "Auch wenn wir hier nur ĂŒbers Wetter reden, das fĂŒhlt sich immer sehr gut an. Niemand schaut auf mich herab." Dies sei der einzige Ort, an dem er ĂŒber etwas anderes als Drogen reden kann.

Fentanyl und Crystal Meth konsumiert er am hĂ€ufigsten. Mindestens fĂŒnfmal am Tag spritzt er sich Fentanyl, erzĂ€hlt der DreißigjĂ€hrige. Damit er seine Spritzen austauschen kann, muss Justin mit einem Berater sprechen. Alle Berater haben einst ebenfalls Drogen missbraucht. "Jeder Berater hier ist ein Überlebender", sagt Ron Bobal, der selbst nur als Organisator auftritt. "Die Berater wissen, was die Konsumenten durchmachen und vielleicht finden sie gemeinsam einen Weg raus aus der Sucht."

"Fentanyl ist der Teufel"

Justin versucht das seit Jahren. Einen Entzug in der Reha kann er sich nicht leisten. Aktuell ist er obdachlos. Er schĂŒtzt sich vor der KĂ€lte mit einer Decke, die er unter einer Highway-BrĂŒcke versteckt.

Die Angst vor dem Entzug bringt Justin zum Stammeln: "Fentanyl ist der Teufel. Es nicht zu bekommen, ist wie eine furchtbare Grippe. Du kotzt die ganze Zeit. Es ist, als wĂŒrde man sterben. Ich wĂŒrde lieber erschossen werden, als auf Fentanyl zu verzichten." Hatte Justin jemals eine Überdosis? "Ja, 52 Mal." Im Fall einer Überdosis rette ihn das Medikament Narcan, das Justin immer bei sich trage.

Ein Berater ĂŒbergibt neue Spritzen: Durch das Austausch-Programm soll die Verbreitung von Krankheiten verhindert und den AbhĂ€ngigen geholfen werden.
Ein Berater ĂŒbergibt neue Spritzen: Durch das Austausch-Programm soll die Verbreitung von Krankheiten verhindert und den AbhĂ€ngigen geholfen werden. (Quelle: Janek Kronsteiner/T-Online-bilder)

Die Droge Fentanyl wird mit den meisten Überdosis-Toten im Shelby County (927.000 Einwohner), dem Regierungsbezirk um Memphis, in Verbindung gebracht. Und die Zahl der Toten steigt rasch an. Im Jahr 2020 zĂ€hlte das Gesundheitsamt im Shelby County im Schnitt 7,9 Überdosis-Tote pro Woche. Dieses Jahr sind es 9,9 pro Woche. In der vorigen Woche starben sieben Menschen an einer Überdosis.

Im Mai 2020 schlug das Gesundheitsamt erstmals Alarm. Damals hatte die Zahl der Toten die Marke von 50 ĂŒbersprungen. Im April und im Juli wurde diese Zahl erneut ĂŒberschritten – doch der Alarm blieb aus.

Die Gefahr durch Fentanyl-Inseln

Bryan Owens ist Sozialarbeiter, war einst selbst sĂŒchtig. Heute hilft er Konsumenten beim Entzug von Drogen. In einer PrĂ€sentation auf dem Opioid-Gipfel des Countys zeigt Owens, dass die Zahl der Klienten, die Fentanyl gezielt konsumieren, um 500 Prozent gestiegen ist. Als PrimĂ€rdroge nennen aber nur zwei Prozent der Befragten Fentanyl. "Die meisten Konsumenten realisieren gar nicht, dass sie Fentanyl konsumieren", vermutet Owens.

Die Droge, die gĂŒnstig importiert werden kann, wird in den meisten FĂ€llen als Streckmittel genutzt. Oft in gefĂ€lschten Schmerzmitteln wie Xanax oder Oxicodon. Am prominentesten aber in Heroin. Beim Unterkochen von Fentanyl in DrogenkĂŒchen verteilt sich der Stoff aber nicht gleichmĂ€ĂŸig in den Opioiden. Es entstehen Fentanyl-Inseln, wodurch manche Dosen Heroin um ein Vielfaches tödlicher sind als andere und zu einer Überdosis fĂŒhren können.

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Eine Überdosis tötete auch Ron Bobals Sohn. Nach dessen Tod suchte Bobal nach einer Möglichkeit, Menschen zu helfen, die mit Ă€hnlichen Problemen kĂ€mpfen wie sein Sohn: "Ich wollte einen Ort schaffen, an den die SĂŒchtigen regelmĂ€ĂŸig zurĂŒckkehren. An dem sie herumhĂ€ngen können, ohne verurteilt zu werden. Das bringt ein wenig StabilitĂ€t ins Leben."

Einige seiner Klienten kommen nach einer Zeit nicht mehr; manche gehen in den Entzug, andere sterben. "Wir können sie nun mal nicht ĂŒber Nacht heilen", argumentiert Bobal nĂŒchtern. "Sich von einer Fentanyl-Sucht zu lösen, dauert acht bis zehn Jahre. Unser Ziel ist deswegen, sie etwas lĂ€nger am Leben zu halten. So haben sie lĂ€nger die Chance, ihr Leben in den Griff zu bekommen."

Seine kraftvollste Waffe in diesem Kampf ist das Medikament Narcan, auch bekannt als Naloxon. Im Falle einer Überdosis stoppt Narcan, dass die Opioide an Nervenzellen im Gehirn andocken.

Narcan gibt es als Nasenspray und als Spritze, die das Medikament direkt durch die Muskeln in die Blutbahn bringt. Bobal verteilt Narcan an Konsumenten und Passanten. "Meiner Meinung nach, sollte jeder in Memphis Narcan in der AutotĂŒr haben. So könnten wir viele Leben retten", sagt Bobal.

"So wie wir hier reden, habe ich richtig Bock bekommen"

Danach stellt er Tyler vor, der kĂŒrzlich eine Überdosis ĂŒberlebt hat. Tyler hat lange braune Haare, tĂ€towierte Oberarme und trĂ€gt ein schwarzes Bandshirt. Er sieht aus wie der Metal-Fan von nebenan.

Bei sich hat er seine Verlobte Erica, die hochschwanger ist. Stolz zeigt Tyler auf Ericas Bauch. "Das wird mein Sohn. Ich glaube, ich nenne ihn Lexios." Kurz danach erzÀhlt er, wie seine achtzigjÀhrige Oma ihm das Leben gerettet hat.

"Ich habe mir eine Überdosis im Bad gespritzt. Gott sei Dank, habe ich meiner Oma vorher gezeigt, in welcher Schublade das Narcan liegt. So hat sie mich zurĂŒckgebracht."

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Dann beendet Tyler das GesprĂ€ch: "So wie wir hier darĂŒber reden, habe ich richtig Bock bekommen, mir etwas Fentanyl zu gönnen." Tyler und Erica rennen zu ihrem Auto, ohne sich zu verabschieden.

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