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Putin und Wagner-Chef Prigoschin: Ein heikler Machtkampf


Putins Schattenkrieger wird zur Gefahr

Von Patrick Diekmann, Clara Lipkowski

24.01.2023Lesedauer: 5 Min.
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Jewgeni Prigoschin und Wladimir Putin: Der Oligarch ist mächtig geworden, fürchtet Wladimir Kaminer.
Der eine befehligt Söldnertruppen, der andere versucht ihn in Schach zu halten: Jewgeni Prigoschin und Wladimir Putin. (Quelle: Alexei Druzhinin/dpa)
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Putin hat Jewgeni Prigoschin groß gemacht. Doch inzwischen wird der Wagner-Chef ihm gefährlich. Ein heikler Machtkampf.

Lange war er Wladimir Putins Vertrauter und galt als skrupelloser Kreml-Mann, der lieber im Schatten agierte, als sich öffentlich zu inszenieren. Doch damit gibt sich Jewgeni Prigoschin nicht mehr zufrieden. Im russischen Angriffskrieg in der Ukraine strebt der Chef der berüchtigten Söldnergruppe "Wagner" nach mehr Macht. Er stellt sich vor Kameras und attackiert immer öfter die verkrusteten Strukturen der Armee. Zugleich ist seine Wagner-Söldnertruppe längst viel mehr als eine Schattenarmee.

Vieles lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Doch fest steht: Der Wagner-Chef hat seinen rasanten Aufstieg zwar Putin zu verdanken, doch seine Ambitionen scheinen weiter zu reichen. Er könnte gefährlich werden für den Machthaber im Kreml.

Der scheint die Bedrohung durch seinen einst engen Vertrauten zwar ernst zu nehmen. Doch auf ihn verzichten kann er auch nicht, er braucht ihn. Denn für viele Menschen in Russland gilt Prigoschin als Held – und international, in Kriegen und Konflikten, sind seine Söldner ein wichtiger Machtfaktor für Moskau.

Prigoschin lange nur inoffiziell geduldet

Beide – Putin, der einstige Geheimdienstler, und Prigoschin, der Unternehmer – stammen aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Putin soll bei Prigoschin, der dort mehrere Restaurants betrieb, eingekehrt sein, Prigoschin wurde sein Vertrauter.

Neben seiner Tätigkeit als Gastronom baute Prigoschin eine Privatarmee auf, die Wagner-Truppen, die der Kreml lange nicht offiziell anerkannte, aber stets duldete. Mit dem Krieg in der Ukraine erreichte Prigoschin einen völlig neuen Bekanntheitsgrad weltweit und in Russland, nicht zuletzt, weil er medienwirksam in russischen Gefängnissen Soldaten rekrutierte. Mittlerweile verbreitet er angebliche Kriegserfolge seiner Einheiten in sozialen Medien und tritt auch selbst in Berichten auf.

WagnerChef

Dem Kreml dürfte das nicht gefallen. Denn Prigoschin kritisiert deutlich die russische Armeeführung. Den neuen Oberbefehlshaber für die Ukraine, Waleri Gerassimow, ebenfalls ein Vertrauter Putins, kritisiert er als zu moderat. Anfang des Jahres teilte Prigoschin ein Video, in dem Wagner-Kämpfer Gerassimow wüst beschimpfen und ihm vorwerfen, er lasse die Einheiten im Stich.

Dass Prigoschin das Video aufgriff, werteten Beobachter als klare Unterstützung für seine Leute und Kritik an der Armeespitze. Erst kürzlich spottete Prigoschin über Gerassimows Versuch, die Disziplin an der Front zu steigern. Gerassimow wollte angeblich in der Armee unter anderem den Gebrauch von Handys verbieten und das Abrasieren von Bärten verordnen. Prigoschin als selbst inszenierter "Mann der Front" führt in solchen Momenten den Armeebürokraten vor.

Soledar wird zum Sinnbild des Konkurrenzkampfes

Zwischen der Wagner-Gruppe und der regulären russischen Armee herrscht anhaltende Konkurrenz – das zeigte sich besonders deutlich in den Kämpfen um Soledar, eine Kleinstadt im Osten der Ukraine. Über Wochen stand Soledar kurz vor der Einnahme durch russische Soldaten. Am 10. Januar verkündete Prigoschin, seine Einheiten hätten den gesamten Ort erobert – doch die Bestätigung des Kreml blieb aus, erst deutlich später erfolgte eine Mitteilung, und die blieb verhalten, der Kreml teilte mit, es werde noch gekämpft.

Der Stern des Wagner-Finanziers Jewgeni Prigoschin sinke, urteilte anschließend das amerikanische Institute for the Study of War (ISW). Auch deshalb, weil er sein Versprechen, Bachmut, eine größere Stadt nahe Soledar, mit seinen eigenen Streitkräften zu erobern, nicht eingelöst habe. Umso mehr sollte für Prigoschin die Einnahme von Soledar ein Triumph werden. Dieser hätte ihn auch daheim in Russland noch populärer – und mächtiger – gemacht. Wer in diesen Tagen in Putins Gunst steigen möchte, muss militärische Erfolge vorweisen. Doch Prigoschin ist ein Sonderfall.

In Russland haben die Prigoschin-Truppen viele Bewunderer, auch weil russische Propagandajournalisten ihnen und seinem Anführer, der sich am liebsten als "Macher" inszeniert, entscheidende militärische Vorstöße zuschreiben. Unter ihnen der Journalist des staatlichen Medienportals RT (früher Russia Today), Konstantin Pridybailo, der in Soledar von einem "für uns sehr wichtigen Sieg" durch "den Unternehmer Prigoschin" schrieb.

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Die Propaganda im Land, die Prigoschin teilweise selbst über Troll-Webseiten steuert, trägt dazu bei, ihn größer zu machen, und der Wagner-Chef bedient diese Propaganda im eigenen Interesse. Das Kriegsnarrativ lautet: Dort, wo Wagner-Söldner kämpfen, gewinnt Russland.

Doch der Kreml verkündete, Luftlandetruppen hätten Soledar eingenommen, sprach die Eroberung also den regulären Streitkräften zu. Die Wagner-Soldaten erwähnte er mit keinem Wort. Putin stärkte seinem Armeechef in der Ukraine (und somit seinem Verteidigungsminister Sergei Schoigu) den Rücken und stahl Prigoschin die Show.

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Armee-Elite um Putin: Wladimir Putin (Mitte) mit seinem Armeechef Waleri Gerassimow (links) und Verteidigungsminister Sergei Schoigu. (Quelle: IMAGO/Mikhail Klimentyev)

Eine Taktik, die der russische Journalist Mikhail Zygar als "Gleichgewicht der Kräfte" bezeichnet. In Putins bürokratischem System darf demnach keine Seite zu mächtig werden. Weder das Lager um Prigoschin, der zunehmend selbstbewusster auftritt, noch die reguläre Armee mit nicht minder ambitionierten Generälen und Gerassimow an der Spitze.

Prigoschins Eingreiftruppe verbreitet Furcht

Dennoch: Die Söldnergruppen von Prigoschin bleiben für Putin wichtig. Sie kämpfen an vielen Frontabschnitten. Die Söldner gelten als gut ausgebildet und erfahren – oder zumindest kampfeswillig, das unterscheidet sie von vielen Rekruten, die der Kreml zum Kriegsdienst mobilisieren ließ. Die positive Propaganda über die Einheiten hilft in einer Zeit, in der Putin kaum Erfolge verkünden kann. Und ihr Ruf soll zugleich Furcht in der Ukraine verbreiten. Sie ist längst keine Schattenarmee mehr.

Wagner-Gruppe als Putins Machtwerkzeug

Auch wenn vieles im russischen Machtapparat für westliche Beobachter wirkt wie eine Blackbox, ist eins klar erkennbar: Prigoschins Macht ist durch den Krieg in der Ukraine gewachsen. Zuvor waren die Wagner-Söldner zwar auch schon eine wichtige Säule der aggressiven Machtpolitik des Kremls, aber sie agierten verdeckt.

Im Jahr 2014 tauchten die Söldner ohne Abzeichen als "grüne Männchen" bei der russischen Annexion der Krim auf. Sie unterstützten die Separatisten im Donbass, den Warlord General Chalifa Haftar in Libyen oder stiften Unruhe im Grenzgebiet zwischen Serbien und Kosovo.

Im Prinzip schickt Putin Prigoschins Armee vor allem dahin, wohin er keine regulären Truppen schicken kann. Während sie russische Interessen in Mali und in anderen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent vertreten, kann Moskau abstreiten, dass sie überhaupt da sind. Die russische Taktik ist einfach, aber effektiv: Prigoschins Söldner haben keine Skrupel, Diktatoren oder Militärregime zu stützen – dafür schickt die „Wagner“-Gruppe Kämpfer, Ausrüstung oder militärische Berater.

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Putin erhält dafür Einfluss und kann den Westen in einigen Teilen der Welt zurückdrängen. Für den russischen Präsidenten war das lange Zeit ein guter Deal. Er stattete die Wagner-Söldner nicht nur mit Geld aus, sondern auch mit moderner Ausrüstung.

Prigoschin gerät außer Kontrolle

Die Stärke der „Wagner“-Gruppe war eigentlich ihre Anonymität. Warum Prigoschin nun mehr öffentlich auftritt, Interviews gibt und sich zum Kriegsgeschehen äußert, ist unklar. Braucht ihn Putin als Propagandawaffe oder hat er eigene Ambitionen entwickelt und möchte aus dem Schatten seines Förderers treten? Diese Frage kann bislang nicht mit Klarheit beantwortet werden.

Doch sehr ungewöhnlich ist, dass der Chef einer Privatarmee im Zuge des Ukraine-Krieges zum Beispiel einen Brief an das US-Verteidigungsministerium schreibt. Das ist Aufgabe der russischen Regierung – von Putin oder seinem Außenminister Sergej Lawrow – und eben nicht von Prigoschin. Es scheint wahrscheinlich, dass der Wagner-Chef für Putin zumindest teilweise außer Kontrolle geraten ist und dass der Präsident ihn nun bremsen muss.

Auf ihn verzichten kann Putin derzeit nicht. Sein Angriff auf die Ukraine ist eine Katastrophe mit Folgen, auch für Russland. Er muss innenpolitisch weiter das Gleichgewicht zwischen ambitionierten Militärs, Politikern und Unternehmern wie Prigoschin balancieren und darf Russland außenpolitisch nicht weiter schwächen. Prigoschin dient dabei als Werkzeug, auf das er sich aber nicht zu sehr verlassen darf.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • spiegel.de: "Wer könnte Putins Nachfolger werden?" (kostenpflichtig)
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