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Wie man Russland schlägt: Militärexperten geben Nato Rat


Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg
Militärexperten: So schlägt man Russland

Von t-online, wan

Aktualisiert am 26.02.2023Lesedauer: 5 Min.
Russlands Machthaber Wladimir Putin: Die Ukrainer brauchen dringend Panzer aus dem Westen, warnt der frühere Nato-General Heinrich Brauß.Vergrößern des BildesRusslands Machthaber Wladimir Putin: Die Ukrainer brauchen dringend Panzer aus dem Westen, fordert der frühere Nato-General Heinrich Brauß. (Quelle: Sefa Karacan/Anadolu Agenc/dpa)
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Drei renommierte Militärexperten haben den Ukraine-Krieg analysiert und geben der Nato Empfehlungen. Neben Drohnen und Taktik geht es auch um die Bürger.

Mehrere renommierte Militärexperten unter der Führung des Stabsleiters des Bundesverteidigungsministeriums, Nico Lange, haben eine ausführliche Analyse zum Ukraine-Krieg vorgelegt. In dem Bericht mit dem Titel "How to beat Russia – What armed forces in Nato should learn from Ukraine's homeland defense" (deutsch: "Wie man Russland schlägt – Was die Streitkräfte der Nato von der ukrainischen Landesverteidigung lernen sollten") geben sie den Streitkräften der Nato-Staaten Tipps für eine Strategieanpassung. Dazu gehören Vorschläge für die Zivilverteidigung, die Kommandostruktur, verbesserte Taktik und der Einsatz von moderner Technologie.

Video | Animation zeigt Frontlinie im Zeitraffer – und was jetzt droht
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Quelle: t-online

Die Analyse wurde von dem slowakischen Think-Tank Globsec in Auftrag gegeben. Mitautoren waren Carlo Masala, der an der Münchner Universität der Bundeswehr lehrt, und General Pavel Macko, ehemaliger Stabschef der slowakischen Armee. Sie beruht auf Gesprächen und öffentlich zugänglichen Informationen.

Dem westlichen Verteidigungsbündnis wird in dem Bericht die Ukraine als Beispiel vorgestellt, wie man sich erfolgreich einem Gegner wie Russland entgegenstellen kann. "Die Ukrainer haben deutlich gemacht: Die russische Aggression ist besiegbar. Dies hat zwei Hauptgründe: die Beteiligung der gesamten ukrainischen Gesellschaft an der Heimatverteidigung und die hervorragenden militärischen und Führungsqualitäten der ukrainischen Streitkräfte", schreiben die Autoren.

Dass Russland nicht, wie offenbar geplant, innerhalb kurzer Zeit bis nach Kiew vordringen und die Regierung stürzen konnte, sei der Entschlossenheit der Ukraine und der "totalen Verteidigung" zu verdanken. "Der Ausdruck 'Totalverteidigung' klingt brutal. Aber er ist passend. Die russische Invasion in der Ukraine scheiterte an den totalen Verteidigungsanstrengungen der Ukraine in den ersten entscheidenden 72 Stunden der Schlacht", sagt Autor Nico Lange.

Derzeit hält Russland zwar Gebiete der Ukraine im Osten und Süden besetzt, die Frontlinie scheint sich aber kaum zu verändern. Geländegewinne sind gering, die Ukraine kann auch immer wieder zurückschlagen. Die strategisch wichtige Region um die Stadt Bachmut ist seit Wochen umkämpft. Nur vereinzelt erreichen russische Raketen weiter entfernte Ziele. Allerdings sind durch Drohnen und Raketen wichtige Einrichtungen der ukrainischen Energieinfrastruktur zumindest zeitweise ausgeschaltet worden.

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Bevölkerung früh eingebunden

Besonders wichtig sei nach Ansicht der Experten die Beteiligung der ukrainischen Bevölkerung seit Kriegsbeginn gewesen. Die Zivilbevölkerung habe der Armee und den Sicherheitskräften Millionen zusätzlicher Augen und Ohren geliefert. "Bereits am 24. Februar richteten die Streitkräfte der Ukraine und der ukrainische Geheimdienst SBU Telegramkanäle ein und veröffentlichten Anweisungen zur Übermittlung von Daten und Informationen", erfuhren die Analysten.

Sie geben den Nato-Armeen detaillierte Empfehlungen, was geändert werden muss, um sich erfolgreich gegen mögliche Angriffe aus Russland zu wehren. Das Besondere: Eine gute Vorbereitung ist nicht nur Sache der Armee. Vielmehr müsse die Zivilgesellschaft bereits jetzt eingebunden werden, von Behörden bis zum einzelnen Bürger.

  • Bereitstellung einer militärischen Grundausbildung und einer medizinischen Grundausbildung für große Teile der Gesellschaft.
  • Entwicklung von Strategien für die militärische Reserve unter Nutzung der Qualifikationen im zivilen Leben.
  • Durchführung regelmäßiger Simulationen und Übungen auf lokaler und regionaler Ebene.
  • Bauen Sie Gemeinschaften für die Heimatverteidigung auf.
  • Bilden Sie Bürgermeister, Gouverneure und Entscheidungsträger aus, indem Sie Krisen- und Verteidigungstraining zur Voraussetzung für das Amt machen.
  • Bauen Sie Infrastrukturen auf, um von der Zivilgesellschaft bereitgestellte Daten zu sammeln und zu nutzen.

Schnelle Sammlung und Auswertung von Daten

Ein weiterer wichtiger Grund, warum sich die Ukraine so lange erfolgreich behaupten konnte, sind nach Ansicht der Autoren Daten, die schnell gesammelt und ausgewertet werden konnten. Entsprechend empfehlen die Militärexperten den Nato-Ländern, ständig Daten auf allen Kommandoebenen im Krieg zu sammeln, Überwachungssatelliten in niedrige Erdumlaufbahnen zu schießen, eine "Daten-Truppe" aufzustellen, schneller zu agieren und Innovation und Beschaffung radikal zu beschleunigen sowie neuen innovativen Firmen Zugang zu geben.

Die Strategie und Taktik der ukrainischen Armee bietet ebenfalls Hinweise für Nato-Staaten, wie man im Fall eines Kriegs seine Truppen besser einsetzen kann. "Ukrainische Streitkräfte operieren oft als dezentrale Netzwerke mit viel Kommando- und Kontrollverantwortung auf unteren und mittleren Ebenen" so die Analyse. Die Empfehlungen an die Nato:

  • Setzen Sie agiles Personal und mehr Truppen ein, die sich auf Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit konzentrieren.
  • Vermeiden Sie eine sehr detaillierte militärische Planung und eine zu starre Führung und Kontrolle.
  • Verlassen Sie sich mehr auf mündliche Vereinbarungen und mündliche Entscheidungsfindung.
  • Fördern Sie das Denken und Handeln in Netzwerk- und Matrixstrukturen und brechen starre formale Korsetts auf.
  • Übertragen Sie mehr Verantwortung auf Offiziere unterer Ränge.
  • Untersuchen Sie weiter, ob grundlegend unterschiedliche Vorgehensweisen unterschiedliche Kräfte erfordern, um erfolgreich zu sein.

Im Ukraine-Krieg habe sich gezeigt, dass die alte Taktik des Jagdkampfes noch immer erfolgreich sein könne. Dabei werden gegnerische Einheiten in ihren Stellungen und bis weiter hinter der Front immer wieder überraschend angegriffen. Der Feind soll dadurch geängstigt, abgenutzt und verunsichert werden. In der Nato könne dies durch kleine Infanterieeinheiten geschehen, die schnell und sehr mobil sind. Sie sollten mit Panzer- und Luftabwehrwaffen bestückt sein und ständig aus- und weitergebildet werden.

Video | Militärexperte: "Das war von Anfang an eine Finte"
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Kleine Einheiten, präzise Angriffe

Die Ukraine habe den Krieg auch dadurch beeinflussen können, dass sie permanent die russische Logistik, Kommandozentralen und Kommunikationseinrichtungen attackiert habe. Dementsprechend wird angeraten, schneller Truppen zu verlegen, kleine Einheiten zu schaffen und präzise vorzugehen. Gerade der Einsatz von Drohnen habe der Ukraine viele Vorteile gebracht. Dies müsse massenhaft geschehen, es sollten neue, günstige Modelle entwickelt werden und die Abhängigkeit von chinesischen Herstellern reduziert werden.

Im Gespräch mit t-online sah auch der Historiker Jörg Baberowski Vorteile in der ukrainischen Kriegsführung und verwies auf die starren Strukturen in der russischen Armee. "Die Ukraine hat nicht nur westliche Waffensysteme erhalten, sondern auch den militärischen Führungsstil ihrer Armee verändert. In der ukrainischen Armee dürfen die Führer kleinerer Einheiten eigenständige Entscheidungen treffen. Zu welchen Offensiven sie ungeachtet ihrer Unterlegenheit imstande sind, haben sie im vergangenen Jahr unter Beweis gestellt. Das russische Militär hingegen vertraut darauf, dass sich am Ende ihre materielle Überlegenheit und Durchhaltefähigkeit durchsetzen wird", sagte er.

Die Unteroffiziere hätten keinerlei Entscheidungsgewalt und könnten deshalb auf Krisen nicht selbständig reagieren. "Es ist wie in allen Kriegen, die Russland in der Vergangenheit geführt hat: Die einfachen Soldaten haben Angst vor ihren Offizieren, die Offiziere Angst vor ihren Generälen, die Generäle fürchten sich vor den Herren im Kreml."

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Software für Geschütze

Die Ukraine habe auch die Artillerie wiederbelebt, allerdings in einer erweiterten Form, so Nico Lange in seinem Bericht. Entsprechend sollte die Nato nach Meinung der Experten mehrachsige Artillerie einsetzen und sicherstellen, dass es dafür auch Munition und Ersatzteile gebe. Außerdem sollten die Haubitzen und Geschütze in Systeme umgewandelt werden, die von Software und Künstlicher Intelligenz bestimmt werden.

Nach Meinung der Autoren seien die russischen Truppen bereits geschlagen, Moskau habe so gut wie nichts erreicht und die Ukraine werde sich am Ende durchsetzen. "Wenn wir von der Ukraine lernen, können wir uns künftig besser gegen Aggressoren wehren und Aggressionen abschrecken", fassen die Experten ihre Überlegungen zusammen.

Verwendete Quellen
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