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Ukraine: Russland greift Infrastruktur an – "Worst-Case-Szenario" droht


"Situation ist sehr ernst"
Die Ukraine schlittert ins "Worst-Case-Szenario"


12.06.2024Lesedauer: 5 Min.
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Ein Mann radelt nach einem russischen Angriff an einem Elektrizitätswerk in Charkiw vorbei (Archivbild): Russland greift die ukrainische Infrastruktur massiv an. (Quelle: Yevhen Titov/dpa)

Seit März greift Russland wieder massiv ukrainische Energieinfrastruktur an. Das Land muss nun schnellstens reparieren und die Verteidigung ausbauen. Sonst droht ein schwerer Winter.

Wenn sich der Tag zu Ende neigt, beginnt für viele Ukrainer das Leben in der Dunkelheit. Ein Großteil der Bevölkerung muss mit täglichen, stundenlangen Stromabschaltungen leben. Für manche fällt die Versorgung mit Elektrizität sogar tagelang aus. "Die Situation ist sehr ernst", sagte der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal am vergangenen Dienstag bei einer Regierungssitzung.

Schuld daran sind andauernde Luftangriffe Russlands auf die Energieinfrastruktur des Landes. Eine erste Phase solcher massiven Attacken hatte es im ersten Kriegswinter gegeben. Seit dem vergangenen März forcieren die Truppen des Kremls nun erneut ihre Angriffe auf Kraft- und Umspannwerke in allen Landesteilen. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 hat die Ukraine laut eigenen Angaben so neun Gigawatt ihrer Stromkapazität eingebüßt – die Hälfte ihrer gesamten Kraftwerksleistung.

"Beispielloses Ausmaß an Zerstörung"

Der Chef des staatlichen Energieversorgers Ukrenergo, Wolodymyr Kudryzkyj, erklärte vergangenen Freitag: "Wir haben es mit einem beispiellosen Ausmaß an Zerstörung zu tun." Es könne Jahre dauern, bis das Land seine Stromindustrie vollständig wiederhergestellt habe. Ziel der Russen sei ein dauerhafter Ausfall des Stromnetzes im gesamten Land, sagte Kudryzkyj dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Das würde bedeuten, dass wir fast sofort ins 17. Jahrhundert zurückfallen."

Das zu verhindern, sowie den Wiederaufbau der Ukraine zu organisieren, ist Thema einer seit Dienstag laufenden zweitägigen Konferenz in Berlin. Die gut 2.000 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und von internationalen Organisationen wagen dabei einen Blick nach vorn: Wie kann die Ukraine widerstandsfähiger werden? Wie kann kleinen und mittelgroßen ukrainischen Unternehmen dabei geholfen werden, fit für den Wiederaufbau ihres Landes zu sein? Die Gemengelage ist komplex.

Russland überzieht Ukraine mit Angriffen auf kritische Infrastruktur

Denn während in Berlin der Wiederaufbau debattiert wird, machen Tod und Zerstörung in der Ukraine keine Pause. In der Nacht auf Mittwoch hat Russland erneut massive Luftangriffe auf die Ukraine durchgeführt. Marschflugkörper, Raketen und Drohnen flogen auf die Hauptstadt Kiew und weitere Landesteile – sogar eine Hyperschallrakete vom Typ Kinschal soll laut ukrainischen Angaben dabei gewesen sein. Die ukrainische Luftverteidigung soll die meisten der Geschosse abgefangen haben.

Eine ballistische Rakete der Russen vom Typ Iskander schaffte es jedoch durch die ukrainische Luftverteidigung hindurch und schlug im Süden des Landes ein. Dazu stürzten Trümmerteile der abgefangenen Raketen auf Kiew herab und lösten mehrere Feuer aus. Im Großen und Ganzen verlief der Angriff aus ukrainischer Sicht glimpflich. Ähnliche Angriffe in den vergangenen Wochen hatten zu einem deutlich höheren Maß an Zerstörung geführt.

Allein zwischen März und Mai flog Russland laut der Datenbank der US-Organisation "Armed Conflict Location and Event Data" (ACLED) mehr als 2.300 solcher Angriffe. In den drei Vormonaten waren es weniger als 2.000 Luftangriffe. Von März bis Mai gab es sechs größer angelegte Attacken auf die Energieinfrastruktur in allen Landesteilen, teilte Ukrenergo Anfang Juni mit. Sie offenbaren eine eklatante Schwachstelle der ukrainischen Verteidigung.

Berlin und Washington liefern weitere Patriot-Systeme

Die Kapazitäten der Luftverteidigung reichen noch immer nicht aus, um sowohl die Soldaten an der Front, die Zivilbevölkerung in urbanen Zentren und die Energieinfrastruktur ausreichend zu schützen. Anfang Juni ließ ein Angriff Russlands auf das Wasserkraftwerk DniproHES bei Saporischschja in der Südukraine Sorgen vor Einschränkungen bei der Trinkwasserversorgung wachsen. Mehr dazu lesen Sie hier.

In den vergangenen Wochen haben die Unterstützer der Ukraine nochmals Kräfte mobilisiert: Allein aus Deutschland und laut Medienberichten auch aus den USA sollen zwei weitere Patriot-Flugabwehrsysteme geliefert werden. Berlin stellt der Ukraine damit insgesamt drei solcher Systeme zur Verfügung, Washington insgesamt zwei. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj benötigt die Ukraine mindestens sieben Patriot-Systeme.

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Das "Worst-Case-Szenario" für die Ukraine

Die Flugabwehrsysteme und internationale Hilfen bei der Reparatur der Infrastruktur werden dringend benötigt. Denn sollte beides nicht oder nicht ausreichend kommen, droht den Ukrainern laut Dymtro Sacharuk, dem Chef von DTEK, dem größten privaten Energieunternehmen des Landes, das "Worst-Case-Szenario": Tage mit bis zu 20-stündigen Stromausfällen. Das sagte Sacharuk dem englischsprachigen ukrainischen Nachrichtenportal "The Kyiv Independent".

Die Schäden an der Energieinfrastruktur würden laut Einschätzung des Unternehmens schrittweise das Leben in der Ukraine massiv erschweren. Dem Szenario zufolge müssten größere Fabriken schon ab November mit Einschränkungen planen. Die Rüstungsindustrie wäre spätestens ab Dezember betroffen und kritische Infrastruktur wie Wasser- und Abwassersysteme würden ab Januar 2025 nicht mehr einwandfrei funktionieren. "Das kommt der Realität schon sehr nahe", sagte Sacharuk der Zeitung. "Was die Entwicklung in diesem Winter betrifft, so bewegen wir uns sehr schnell auf dieses Szenario zu."

Panik will Sacharuk aber nicht verbreiten, sondern lediglich dazu aufrufen, schnell zu handeln. "Die Menschen müssen diese Dinge wissen", sagte er. Seinen Aussagen zufolge ist entscheidend, die Infrastruktur zu verteidigen, zu reparieren, das Importvolumen zu erhöhen und so viel Stromerzeugung wie möglich zu installieren.

Dabei will nun vor allem Deutschland helfen: Auf der Wiederaufbaukonferenz in Berlin sagte die Bundesregierung weitere 50 Millionen Euro für den Ukraine-Energieunterstützungsfonds zu, wie der ukrainische Energieminister German Galuschtschenko mitteilte. Bislang habe Deutschland schon mehr als 275 Millionen Euro zur Sicherung der ukrainischen Energieversorgung überwiesen, die derzeit ganz besonders im Visier der russischen Angreifer steht. Mehr dazu lesen Sie hier. "Damit ist und bleibt Deutschland der größte Geber", erklärte Galuschtschenko. Doch reicht das?

Differenzen zwischen Regierung und Behörden

Darüber hinaus stocken auch heimische Bemühungen für den Wiederaufbau. Offenbar gibt es Differenzen zwischen der ukrainischen Regierung und dem Infrastrukturministerium, zu dem auch die Behörde für den Wiederaufbau gehört. Vor rund einem Monat entließ Präsident Selenskyj den Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakow.

Video | Russen testen ferngesteuerten Panzer
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Quelle: t-online
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Am Montag reichte dann der Chef der Wiederaufbaubehörde, Mustafa Najem, seinen Rücktritt ein. Er begründete die Entscheidung in einem Facebook-Beitrag mit "systemischen Hindernissen", die ihn an der wirksamen Ausübung seiner Befugnisse hinderten. Die Behörde sowie das Ministerium verantworten auch den Aufbau von Verteidigungsanlagen entlang der Frontlinie und rund um die Energieinfrastruktur.

Kurz zuvor hatte offenbar Premierminister Denys Schmyhal dem Behördenchef die Teilnahme an der Wiederaufbaukonferenz untersagt. Wie "Politico" berichtet, sollte Najem stattdessen an diesem Mittwoch in Kiew einen Bericht über den Fortschritt bei Wiederaufbau vorlegen. Anonyme Regierungsbeamte nannten dem Blatt jedoch auch andere Gründe für den Rücktritt: In der Führung des Landes soll es Zweifel an der Effektivität des Behördenchefs und des Ministers geben. Andere sprechen von "politischen Rivalitäten". Najem wiederum beschwert sich auf Facebook über bürokratische "Albträume".

Initiativen für Wiederaufbau unterzeichnet

Trotz dieser Querelen hat die Wiederaufbaukonferenz in Berlin wichtige Initiativen angestoßen. Nach Angaben von Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) wurden mehr als 100 Vereinbarungen unterzeichnet. Darunter seien Absichtserklärungen zwischen Unternehmen und zwischen Regierungen sowie Vereinbarungen für Allianzen und Initiativen, sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch bei einem Auftritt mit der stellvertretenden ukrainischen Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Julia Swyrydenko.

Dazu gehört eine Initiative zur Ausbildung von 180.000 Fachkräften für den Wiederaufbau. "Egal, wie oft Russland Stromleitungen, Krankenhäuser oder Gebäude zerstört, die Ukrainer werden das Wissen und die Fähigkeiten haben, sie wiederaufzubauen", hatte Schulze am Dienstag gesagt.

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