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Der Brexit begann schon vor Jahrtausenden

Von Angelika Franz

Aktualisiert am 12.05.2019Lesedauer: 5 Min.
Ähnlich wie in der biblischen Beschreibung der Sintflut muss die Storegga-Rutschung Doggerland heimgesucht haben.
Ähnlich wie in der biblischen Beschreibung der Sintflut muss die Storegga-Rutschung Doggerland heimgesucht haben. (Quelle: Nach Gustav Dore/ullstein-bild)
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Seit Urzeiten strebt Großbritannien von Europa weg – zumindest geologisch. Wo sich heute die Nordsee erstreckt, war frĂŒher fruchtbares Land. Das Opfer eines schrecklichen UnglĂŒcks wurde.

Wenn Sonne, Mond und Erde in einer Geraden stehen, herrscht eine sogenannte Springtide. Dann ziehen die GezeitenkrĂ€fte besonders heftig an den Wassermassen: die Flut wird höher, die Ebbe niedriger. Wenn eine solche Springtide an der KĂŒste Englands herrscht und das Wasser besonders weit zurĂŒckfĂ€llt, dann tauchen an einigen KĂŒstenabschnitten versunkene WĂ€lder aus dem Meer – FlĂ€chen voller BaumstĂŒmpfe, die aus dem schwarzen Schlick aufragen. "Noah's WĂ€lder" nannten die Briten frĂŒher diese mysteriösen Landschaften, in der Meinung, es handele sich um Überbleibsel der Welt vor der Sintflut.

Es ist gefĂ€hrlich, dort hinzugehen, weil das Wasser rasch zurĂŒckkehrt und die WĂ€lder wieder fĂŒr sich beansprucht. Doch wer schnell ist, findet vielleicht Knochen von BĂ€r, Biber oder Wolf. SpĂ€testens jetzt wird klar, dass ein Spaziergang in diesen WĂ€ldern tatsĂ€chlich ein Ausflug in vergangene Zeiten ist. Denn BĂ€ren gibt es in England seit 1.000 Jahren nicht mehr, der Biber starb vor 800 Jahren aus. Und der letzte englische Wolf siedelte im Jahr 1743 nach der Bekanntschaft mit der Flinte eines JĂ€gers in die ewigen JagdgrĂŒnde ĂŒber.

Ein Schlaraffenland fĂŒr Mensch und Tier

Noah's WĂ€lder stammen zwar nicht aus der Zeit vor der Sintflut. Aber sie sind eine Erinnerung daran, dass Großbritannien einst viel grĂ¶ĂŸer war als heute. Genauer genommen war es damals nicht Großbritannien, sondern eine Halbinsel des europĂ€ischen Kontinents. Zwischen den heutigen KĂŒsten Englands, der Niederlande, Deutschlands und DĂ€nemarks lag vor 10.000 Jahren ein fruchtbares Paradies.

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Wo heute die Nordsee schwappt, strichen Wildschwein, Wolf und HyĂ€ne durch dichtes GestrĂŒpp. BĂ€ren stapften durch WĂ€lder von Birken, Kiefern, Espen, Ulmen, Eichen und Linden. Auf feuchten Wiesen grasten Hirsche, Auerochsen, Pferde und Wollnashörner. Biber stauten kleine FlusslĂ€ufe mit ihren DĂ€mmen zu Seen auf, im Schilf der Uferregionen brĂŒteten zahlreiche Wasservögel. Und ab und zu zog eine Gruppe Menschen vorbei, satt vom ĂŒppigen Nahrungsangebot und zufrieden mit dem, was die Landschaft alles zu bieten hatte.

Immer wieder kommt es vor, dass Reste dieser Welt in den Netzen der Fischer hÀngen bleiben. So wie 1931 im Schleppnetz von Pilgrim Lockwood. Als der britische FischtrawlerkapitÀn in einem Torfklumpen herumprökelte, der im Netz festhing, hielt er plötzlich eine 21,6 Zentimeter lange Geweihspitze mit einer seitlichen Reihe von Einkerbungen, die wie Widerhaken aussahen, in der Hand.

Fund aus der Vergangenheit

Lockwood hatte eine Harpunenspitze gefunden, mit der die Bewohner dieses Paradieses auf Jagd gegangen waren – vor 11.740 Jahren, wie eine Radiokarbon-Datierung (C14) ergab. 1988 machte der niederlĂ€ndische Fischer Aart Wolters eine Ă€hnlich spektakulĂ€re Entdeckung. In seinem Netz hatte sich ein Scheibenbeil aus der Mittleren Steinzeit verfangen. Alter: zwischen 12.000 und 6.000 Jahren.

Kutter ĂŒber dem versunkenen Doggerland: Vom Grund der Doggerbank kommen bisweilen in Fischernetzen Funde aus der Steinzeit hinauf.
Kutter ĂŒber dem versunkenen Doggerland: Vom Grund der Doggerbank kommen bisweilen in Fischernetzen Funde aus der Steinzeit hinauf. (Quelle: Olaf Döring/imago-images-bilder)

Das fruchtbare Gebiet entstand, als wĂ€hrend der Weichseleiszeit gigantische Wassermengen in den Gletschern gebunden und so dem Meer entzogen waren. Selbst als es gegen Ende der Eiszeit in Europa begann, wĂ€rmer und gemĂŒtlicher zu werden, lag der Meeresspiegel immer noch 60 Meter tiefer als heute – und gab so den heutigen Grund der Nordsee frei. Doggerland hieß dieses Paradies, benannt nach der Doggerbank, einer großen, langgestreckten, stellenweise nur wenige Meter unter der MeeresoberflĂ€che liegenden Untiefe an der nordwestlichen Grenze der Deutschen Bucht. Damals war die Doggerbank ein weithin sichtbarer GelĂ€nderĂŒcken.

Sie ist nicht das einzige bekannte Landschaftsmerkmal Doggerlands. Der LandschaftsarchĂ€ologe Vincent Gaffney von der UniversitĂ€t Birmingham hat gemeinsam mit Kollegen das Forschungsprojekt "Mapping Doggerland" ins Leben gerufen, das sich zum Ziel gesetzt hat, das versunkene Land zu kartieren. DafĂŒr gingen die Forscher zunĂ€chst eine ungewöhnliche Allianz ein.

Kartierung des verlorenen Paradieses

Die Firma Petroleum Geo Services (PGS) schenkte ihnen ein Datenpaket von Bodenuntersuchungen von ĂŒber 6.000 Quadratkilometern aus ĂŒber 60 verschiedenen Surveys, bei denen der Meeresgrund auf Tauglichkeit fĂŒr Ölbohrungen untersucht worden war. Anfangs glaubte niemand daran, dass die Daten den ArchĂ€ologen irgendetwas nĂŒtzen wĂŒrden. Doch als Gaffneys Team erste FlusstĂ€ler und Seen auf dem Meeresgrund sichtbar machen konnte, legte PGS noch einmal 17.000 Quadratkilometer Nordseegrund dazu.

Heute ist Doggerland recht gut kartiert. Der erste Fluss, der ĂŒber die Computerbildschirme der Birminghamer Forscher mĂ€anderte, war allein schon so groß wie heute der Rhein. Das Team gab ihm den Namen River Shotton – benannt Fred Shotton, einem zu Lebzeiten sehr beliebten Professor fĂŒr Geologie an der Uni. Und ein alter Kriegsheld: Im Zweiten Weltkrieg hatte Shotton sich zu den StrĂ€nden der Normandie durchgeschlagen und geeignete Stellen fĂŒr die Landung der alliierten Truppen am D-Day ausgekundschaftet.

SĂŒdlich der Doggerbank lag der Outer Silver Pit, ein riesiger Binnensee mit 1.700 Quadratkilometer Wasserfläche und dazu noch einmal 300 Quadratkilometer Salzwiesen. Noch heute ist er als Tal auf dem Grund der Nordsee erkennbar. DarĂŒber hinaus erhob sich ein gigantischer roter Sandsteinfelsen aus der Ebene, Ă€hnlich dem Ayers Rock in Australien. Seine Spitze ragt heute noch ĂŒber die WasseroberflĂ€che und ist mit dem Katamaran von Hamburg aus in knapp vier Stunden zu erreichen: Helgoland.

Katastrophe in der Steinzeit

Vor rund 8.400 Jahren begann es dann ungemĂŒtlich zu werden in Doggerland. Der Meeresspiegel stieg langsam, aber kontinuierlich. Dann ergoss in Nordamerika ein gigantischer Gletschersee, der Lake Agassiz, riesige Wassermengen in die Hudson Bay. Das Eiswasser hob den Meeresspiegel sprunghaft um etwa einen halben Meter und bremste die Warmwasserströmung im Nordatlantik. Eisige Winde peitschen nun an die KĂŒsten Doggerlands, immer grĂ¶ĂŸere KĂŒstenflĂ€chen tauchten nach Sturmfluten nicht mehr aus dem Wasser auf.

Helgoland: Die Insel ist ein Überrest des untergegangenen Doggerlands.
Helgoland: Die Insel ist ein Überrest des untergegangenen Doggerlands. (Quelle: Heiko Feddersen/imago-images-bilder)

Der Todesstoß kam an einem SpĂ€therbsttag vor 8.200 Jahren. Auf dem Meeresboden vor Norwegen rutschten auf einer LĂ€nge von mehreren Hundert Kilometern rund 3.000 Kubikkilometer Schlamm aus der Flachwasserzone die steilen UnterseehĂ€nge hinab. Dieses so genannte Storegga-Ereignis löste einen Tsunami aus. Als die Wellen Doggerland erreichten, tĂŒrmten sie sich immer noch fĂŒnf bis zehn Meter hoch und löschten in weiten Landstrichen alles Leben aus. Danach war Doggerland weitgehend unbewohnbar – fĂŒr immer.

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Die Pegel steigen

In den Jahrhunderten, in denen Doggerland zunehmend im Meer versank, stieg der Meeresspiegel aufgrund der Gletscherschmelze etwa in dem Maße, wie er es auch heute tut. Allerdings ziehen die Menschen heute nicht mehr wie in der Mittleren Steinzeit als JĂ€ger und Sammler durch die Lande und können so ausweichen, wenn die KĂŒste nach und nach verloren geht. Stattdessen siedeln sie unverrĂŒckbar in Metropolen – die meist in KĂŒstennĂ€he liegen.


Die Deiche werden zwar höher und höher, doch wie lange sie den steigenden Wassermassen noch Stand halten können, bleibt fraglich. Bei der derzeitigen Geschwindigkeit der KlimaerwÀrmung werden sich in 8.000 Jahren unweigerlich die Fischernetze gelegentlich am Turm des Hamburger Michel oder am DachgebÀlk des Big Ben oder von St. Pauls Cathedral verheddern.

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