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Wird Kardinal Marx einen zweiten Rücktrittsversuch wagen?

dpa, Britta Schultejans

Aktualisiert am 27.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising (Archivbild): Nachdem er bei der Vorstellung des Gutachtens fehlte, wird am Donnerstag seine Stellungnahme erwartet.
Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising (Archivbild): Weil er bei der Vorstellung des Gutachtens fehlte, wird am Donnerstag seine Stellungnahme erwartet. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)
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Eine Woche nach dem Münchner Missbrauchsgutachten richten sich die Augen am Donnerstag auf den amtierenden Erzbischof Reinhard Marx. Was kann der Kardinal, nachdem er so viel Vertrauen verspielt hat, noch tun?

Es ist jetzt eine Woche her, dass das Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Erzbistum München und Freising die katholische Kirche erschütterte. Und noch immer ringen die Verantwortlichen um Worte.

Papst Benedikt XVI., früher Erzbischof in der Diözese, machte mit einer Kehrtwende und dem Geständnis einer falschen Aussage alles nur noch schlimmer. Auch die Stellungnahme seines Nachfolgers Kardinal Friedrich Wetter geriet trotz eines Schuldeingeständnisses gleichzeitig auch zu einer Verteidigungsschrift in eigener Sache.

Theologe: Rücktrittsgesuch von Marx wäre starkes Symbol

Und nun also Reinhard Marx. Der Kardinal und amtierende Münchner Erzbischof, seit 2008 im Amt, wird an diesem Donnerstag bei einer Pressekonferenz zu dem Gutachten Worte finden müssen, möglicherweise auch Gesten. Dass er das kann, hat er schon im vergangenen Jahr bewiesen, als er Papst Franziskus spektakulär seinen – kurz darauf abgelehnten – Rücktritt anbot. Er gab damals an, auf diese Weise seine Mitverantwortung für den Missbrauchsskandal zum Ausdruck bringen zu wollen.

Papst Franziskus empfängt Kardinal Marx (Archivbild): Sein erstes Rücktrittsgesuch hatte der Papst abgelehnt.
Papst Franziskus empfängt Kardinal Marx (Archivbild): Sein erstes Rücktrittsgesuch hatte der Papst abgelehnt. (Quelle: Independent Photo Agency Int./imago-images-bilder)
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Der katholische Theologe Daniel Bogner sagte schon direkt nach der Vorstellung des Gutachtens, welches von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern ausgeht, dass er nach all den Enthüllungen einen erneuten Rücktrittsversuch von Marx für angemessen halte. "Und ich hoffe, er wird eine erneute Ablehnung durch Papst Franziskus diesmal nicht akzeptieren. Dies wäre ein zwar zunächst nur symbolisches, aber sehr starkes Zeichen dafür, dass die bisherigen Strukturen der Kirche so nicht weiter funktionieren", sagte der Professor für Moraltheologie und Ethik an der schweizerischen Universität Freiburg.

Ehemaliger Generalvikar im Bistum: "Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären"

Ein zweites Rücktrittsangebot erwartet der Kirchenrechtler Thomas Schüller dagegen nicht. "Im Lichte seiner erstaunlich leidenschaftslosen und uninspirierten Erklärung am 20. Januar auf die Veröffentlichung des Gutachtens, die viele Betroffene verletzt und befremdet hat, rechne ich nicht mit einem erneuten Rückantrittsangebot von Marx an den Papst", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Marx würden zwar Pflichtverstöße in deutlich geringerer Zahl als beispielsweise seinem Vorgänger Wetter vorgeworfen, vor allem aber würden ihm "bis in jüngste Zeit weitgehendes Desinteresse und fehlende Empathie für die Betroffenen sexualisierter Gewalt von den Gutachtern testiert. Darauf wird in seiner Stellungnahme besonders zu achten sein".

Thomas Schüller vom Institut für Kirchenrecht der Universität Münster (Archivbild): Er hält aufgrund Marx' bisherigem Verhalten einen Rücktritt für unwahrscheinlich.
Thomas Schüller vom Institut für Kirchenrecht der Universität Münster (Archivbild): Er hält aufgrund Marx' bisherigem Verhalten einen Rücktritt für unwahrscheinlich. (Quelle: epd/imago-images-bilder)

Welche Worte und welche Gesten Marx an diesem Donnerstag auch immer finden mag – der Schaden, den das jahrzehntelange Verhalten der Bistumsverantwortlichen der katholischen Kirche zugefügt hat, dürfte irreparabel sein.

Zumal mit dem ehemaligen Münchner Generalvikar Peter Beer der einst zweitmächtigste Mann des Bistums in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" massive kircheninterne Widerstände bei der Aufklärung anprangert. "Wenn du Hierarchien angreifst, Herrschaftswissen transparent machen willst, wird blockiert und zurückgeschossen", sagte Beer, dem das Gutachten als einem von wenigen Verantwortlichen ein konsequentes Vorgehen bescheinigt. "Ich habe alles versucht gegen die Täterschützer. Aber ich konnte den Apparat letztlich kaum ändern." Beers Bilanz: "Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären. Das ist meine bittere Erfahrung".

Welle an Kirchenaustritten: Vatikan sieht Gefahr der Pauschalverurteilung

Die Wut der Gläubigen ist so groß, dass dies inzwischen sogar die Standesämter in Bayern zu spüren bekommen – und aufrüsten müssen, um die Flut der Kirchenaustritte in den Griff zu bekommen.

Papst Benedikt XVI (Archivbild): Auch ihm werden in dem Gutachten schwere Vorwürfe gemacht – der Vatikan stellt sich schützend vor ihn.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Auch ihm werden in dem Gutachten schwere Vorwürfe gemacht – der Vatikan stellt sich schützend vor ihn. (Quelle: APress/imago-images-bilder)

Am Tag vor Marx' mit Spannung erwarteter Stellungnahme warnte der Vatikan davor, sich bei der Bewertung des neuen Gutachtens nur auf den emeritierten Papst Benedikt zu fokussieren. Vielmehr sei es nun wichtig, Lehren für die Zukunft zu ziehen, schrieb Mediendirektor Andrea Tornielli am Mittwoch in einer Stellungnahme des Heiligen Stuhls.

Die Bewertungen des Berichts "werden zur Bekämpfung der Pädophilie in der Kirche beitragen können, wenn sie sich nicht auf die Suche nach bloßen Sündenböcken und auf Pauschalurteile beschränken", erklärte er. "Nur wenn sie diese Risiken vermeiden, können sie zu einer Suche nach Gerechtigkeit in der Wahrheit und zu einer kollektiven Gewissenserforschung über die Fehler der Vergangenheit beitragen".

Betroffene: Kein Neuanfang ohne ehrliche Verantwortungsübernahme

Auch in Garching an der Alz schaut man in diesen Tagen auf München. Dort war ein Pfarrer 20 Jahre lang tätig, ohne die Gemeinde darüber zu informieren, dass er vorher wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war. Vier Betroffene geben inzwischen an, auch in Garching von ihm missbraucht worden zu sein.

Die Initiative Sauerteig, die den Missbrauch in ihrer Gemeinde aufarbeiten will, teilt mit: "Es braucht ehrliche Verantwortungsübernahme und die ehrliche Bitte um Entschuldigung, um allen Betroffenen gerecht zu werden, sonst kann es keinen Neuanfang in der katholischen Kirche geben". Manche Bürgerinnen und Bürger wollen so lange offenbar nicht mehr warten: Im Standesamt haben sich seit Veröffentlichung des Gutachtens ungewöhnlich viele Menschen darüber informiert, wie sie aus der Kirche austreten können.

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Allein in München wurden nach Angaben des Kreisverwaltungsreferats (KVR) seit Veröffentlichung des Gutachtens am vergangenen Donnerstag rund 650 Termine für Kirchenaustritte gebucht. Das sind deutlich mehr als doppelt so viele, wie üblicherweise zu erwarten gewesen wäre, wie ein KVR-Sprecher sagte. Die Stadt setzt nun zwei zusätzliche Beschäftigte ein. Und selbst das werde wohl noch nicht reichen.

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