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Vogts: Darum war MatthÀus als Spieler einzigartig

t-online, Florian Wichert

Aktualisiert am 20.08.2017Lesedauer: 4 Min.
Berti Vogts, hier beim LĂ€nderspiel Deutschland gegen die USA vor zwei Jahren. Er war Berater von JĂŒrgen Klinsmann.
Berti Vogts, hier beim LĂ€nderspiel Deutschland gegen die USA vor zwei Jahren. Er war Berater von JĂŒrgen Klinsmann. (Quelle: Team2/imago-images-bilder)
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Welt- und Europameister als Spieler und Co- bzw. Chef-Trainer, TrĂ€ger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, Weltnationaltrainer – die Liste seiner Titel und Auszeichnungen ist unendlich lang. Ab sofort schreibt Berti Vogts regelmĂ€ĂŸig Kolumnen fĂŒr t-online.de. Im letzten Teil des großen dreiteiligen Exklusiv-Interview zum Start der Zusammenarbeit spricht die Fußball-Legende ĂŒber die Nationalmannschaft und seine eigene Karriere. Und er verrĂ€t, wen er gerne mal trainieren wĂŒrde.

t-online.de: Herr Vogts, hÀtten Sie in Ihrer Zeit auch gerne so einen breiten Kader gehabt wie Joachim Löw nach den Erfolgen beim Confed Cup und bei der U21-EM?

Berti Vogts (70): Das wĂ€re natĂŒrlich ein Traum gewesen. Jogi Löw hat alles richtig gemacht. Der Confed Cup war wichtig fĂŒr uns, um die anderen Weltmeister zu pushen, die nicht dabei waren. Sie werden schon den Blick auf den Fernseher gehabt und gedacht haben: „Hey, wer steht denn da auf meiner Position? Ich dachte, ich wĂ€re die Nummer Eins.“ Nun werden die natĂŒrlich wieder Gas geben. Joachim Löw kann sich zurĂŒcklehnen, eine Zigarre rauchen und ĂŒberlegen: „Wen nehmen wir denn heute?“ Er hat das selbst geschaffen.

Was bedeutet das fĂŒr WM in Russland?

Wir werden nicht wieder ungeschlagen Weltmeister. Aber: Die Mannschaft, die Deutschland wirklich vom Thron stĂ¶ĂŸt, muss erst gefunden werden. Wirklich, die muss man lange suchen.

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Sie selbst sind Weltmeister, Europameister, TrĂ€ger des Bundesverdienstkreuzes – welches war der grĂ¶ĂŸte Moment ihrer einzigartigen Karriere?

FĂŒr mich war mein grĂ¶ĂŸter Erfolg die Weltmeisterschaft 1990.

Sie waren im Trainerstab um Franz Beckenbauer.

Im Kader hatten wir 18 Spieler, die bei mir in der Jugendauswahl gespielt hatten. 22 Spieler wurden Weltmeister und davon waren 18 Spieler bei mir in der U16, U18 oder U21. Der grĂ¶ĂŸte Moment war am Vorabend des WM-Finals.

Im Hotel?

Ja. Franz und ich saßen zusammen und tranken ein Glas Rotwein. Das war der Moment, in dem ich dachte: „Verdammt nochmal, was ist aus diesen Kerlen geworden? So schlecht hast du beim DFB offenbar nicht gearbeitet.“ Ich hatte die Argentinier vorher gesehen und sagte: „Das Spiel können wir nicht verlieren, Franz.“ Zwei Spieler waren verletzt, zwei waren gesperrt. Mindestens vier Spieler waren weg.

Was war in der langen Karriere der schwierigste Moment als Spieler oder Trainer?

Der schwierigste Moment war 1994 das Ausscheiden gegen Bulgarien.

Sie waren Bundestrainer.

Wir hatten einen sehr guten Kader, aber wir hatten keine Mannschaft. Die Charaktere haben nicht gepasst.

Zwei Jahre spÀter hat es dann gepasst. Sie wurden mit der Nationalmannschaft Europameister.

Ja, weil ich auch auf einige Spieler verzichtet habe. Da bin ich auch fĂŒr kritisiert worden. Ich brauchte eine Gruppe, die miteinander harmoniert. Ein Alphatier kannst du gebrauchen, aber wenn du sieben oder acht Alphatiere hast, gewinnst du kein Spiel.

Hatten Sie unter all den Spielern und Stars einen Liebling?

Einen Liebling nicht unbedingt. Lothar MatthĂ€us kam zu Mönchengladbach, da war er circa 17 Jahre alt. Nach ein paar Minuten dachte ich: „Was ist denn das fĂŒr einer?“ Der hatte eine Dynamik, das habe ich in den 14 Jahren, in denen ich Profi war, nie gesehen. Der war auch so aggressiv, so frech. Udo Lattek war damals Trainer und kam zu mir: „Wie siehst du den?“

Kennen sich ewig: Lothar MatthÀus und Berti Vogts, hier 1991 bei der Nationalmannschaft beim gemeinsamen Stretchen.
Kennen sich ewig: Lothar MatthÀus und Berti Vogts, hier 1991 bei der Nationalmannschaft beim gemeinsamen Stretchen. (Quelle: Kosecki/imago-images-bilder)

Ich hatte vorher schon mitbekommen, dass er Ende der Saison nicht mehr Trainer ist und weggeht. Da habe ich ihn extra negativ beurteilt, damit er ihn nicht mitnimmt. Unserem Manager hatte ich vorher gesagt: „Mach unbedingt schnell einen Vertrag mit ihm“. Das tat er auch. Auch JĂŒrgen Klinsmann oder Oliver Bierhoff, Rudi Völler, JĂŒrgen Kohler, Stefan Reuter, um einige zu nennen – ich habe schon tolle Spieler trainiert. Die wollten immer mehr trainieren, das gibt es heute kaum noch.

Werden junge Spieler heute zu sehr verhÀtschelt?

Ich mache den Spielern gar keinen Vorwurf. Ich mache den Managern VorwĂŒrfe. Die Manager lassen die Spieler gar nicht erwachsen werden. Wie soll ein Spieler auf dem Spielfeld Entscheidungen treffen, wenn sein Manager ihm alle Entscheidungen außerhalb des Spielfeldes abnimmt? Deswegen mag ich es nicht, wenn Spieler mit 12 bis 15 Jahren schon von großen Clubs weggeholt werden. Meiner Ansicht nach sollten sie erst einmal in einem kleinen Verein bleiben und sich behaupten.

Gibt es von den aktuellen Talenten eines, das Sie wahnsinnig gerne trainieren wĂŒrden?

Kimmich. Was der Junge alles leistet und auch wie er auftritt, ist wirklich toll. Es ist zwar nicht leicht, Philipp Lahm zu ersetzen, aber Kimmich wird es schaffen, weil er einen sehr guten Charakter hat. Zwar macht er gelegentlich einige Stellungfehler, ist in der Offensive aber ĂŒberragend. Mit seinen 22 Jahren ĂŒbernimmt er sogar schon eine FĂŒhrungsrolle. Ich stelle mir vor, ich hĂ€tte als 20-JĂ€hriger zu GĂŒnter Netzer gesagt: „Komm, wir mĂŒssen alle zusammenkommen.“ Da wĂŒrde er antworten: „Du hast sie nicht mehr alle!“

Sie haben Ihre Beraterrolle in den USA nach dem Aus von JĂŒrgen Klinsmann beendet. Möchten Sie nun wieder als Trainer arbeiten?
Ich werde schauen, welche Möglichkeiten sich ergeben – vielleicht auch als Berater in einem Verein oder in einem Verband. Der Sport ist zu schön und macht zu viel Spaß als dass ich damit aufhören wĂŒrde. Mit Sicherheit nicht.

Berti Vogts und JĂŒrgen Klinsmann arbeiteten gemeinsam fĂŒr die USA.
Berti Vogts und JĂŒrgen Klinsmann arbeiteten gemeinsam fĂŒr die USA. (Quelle: HorstmĂŒller/imago-images-bilder)

Was glauben Sie, wo JĂŒrgen Klinsmann als nĂ€chstes aufschlĂ€gt?

Auf keinen Fall in der Bundesliga. Bis Ende 2018 zumindest nicht. Seine Tochter studiert jetzt auch in San Francisco, der Sohn ist in Berlin untergebracht. Im Normalfall gehe ich davon aus, dass er nach 2018 wieder eine gute Nation ĂŒbernehmen wird.

Das ist Berti Vogts: Geboren in BĂŒttgen (heute: Kaarst) in Nordrhein-Westfalen, legte Hans-Hubert "Berti" Vogts eine unglaubliche Spielerkarriere hin. 419 Bundesliga-Spiele fĂŒr Mönchengladbach, 96 fĂŒr die deutsche Nationalmannschaft – er wurde Weltmeister 1974, Europameister 1972, fĂŒnfmal Deutscher Meister, zweimal Uefa-Pokalsieger, DFB-Pokalsieger, Fußballer des Jahres. Als Trainer fĂŒhrte er die DFB-Elf 1996 zum Europameister-Titel, 1990 wurde er als Co-Trainer von Franz Beckenbauer Weltmeister. 1996 wurde er auch als Weltnationaltrainer und mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

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