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Stefan Effenberg: Der Streit beim FC Bayern kann nur eines bedeuten

MEINUNGIn der Bundesliga geht es rund  

Der Bayern-Streit kann nur eines bedeuten

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

31.01.2020, 15:43 Uhr
Stefan Effenberg: Der Streit beim FC Bayern kann nur eines bedeuten . Jérôme Boateng geriet im Training mit Leon Goretzka aneinander. Für Stefan Effenberg ist das ein gutes Zeichen. (Quelle: imago images)

Jérôme Boateng geriet im Training mit Leon Goretzka aneinander. Für Stefan Effenberg ist das ein gutes Zeichen. (Quelle: imago images)

Fortuna feuert Funkel, Nagelsmann zählt seine Spieler an, Bayern-Stars gehen aufeinander los und ein aussortiertes Weltmeister-Trio überzeugt plötzlich wieder. In der Bundesliga geht es rund. Das hat nicht nur für Bundestrainer Löw Folgen.

Zwei Spiele sind seit der Winterpause absolviert – und schon hat der erste Verein die Nerven verloren. Nach zwei Niederlagen in der Rückserie hat der Tabellenletzte Fortuna Düsseldorf Friedhelm Funkel entlassen und damit zumindest vorerst seine Karriere beendet. Sie hoffen bei der Fortuna, mit dem Trainerwechsel einen Impuls zu geben, durch den sie die Klasse halten. Ich persönlich habe bei dieser Entscheidung überhaupt kein gutes Gefühl.

Diesmal gibt es kein Zurück für Düsseldorf

Ich erinnere mich an die vergangene Saison, als Düsseldorf zum gleichen Zeitpunkt zwar sechs Punkte mehr auf dem Konto hatte und vier Plätze weiter vorne lag, den Klassenerhalt aber letztlich auch erst mit einer fantastischen Rückserie geschafft und die Saison am Ende auf Platz zehn abgeschlossen hat. Auch damals deutete im Winter vieles auf eine Trennung von Funkel hin, nachdem sich die Verantwortlichen mit ihm nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnten. Damals sind sie allerdings noch zur Vernunft gekommen und haben auch durch die Proteste der Fans umgedacht und verlängert. Das war eindeutig die richtige Entscheidung. Auch diesmal wäre es meiner Meinung nach die richtige Entscheidung gewesen, weiterzumachen. Diesmal gibt es kein Zurück.

Man darf nicht vergessen, dass Düsseldorf mit Dodi Lukebakio und Benito Raman die beiden besten Angreifer der vergangenen Saison verloren hat. 25 Tore haben die beiden erzielt. Funkel konnte nichts dafür, dass sie nicht adäquat ersetzt worden sind. Er musste mit den Spielern arbeiten, die er zur Verfügung hatte. Und gemessen an der Qualität des Kaders hat Funkel auch in dieser Saison das Beste rausgeholt. Funkel selbst hat auch nach seinem Abgang den Charakter der Mannschaft gelobt. Als er sich verabschiedet hat, sind bei Spielern und Trainer Tränen geflossen. Funkel hatte einen so guten Draht zu den Spielern, dass ich so weit gehen würde zu sagen: Es gibt nur einen Trainer, der diese Fortuna vor dem Abstieg retten könnte: Funkel. Und kein anderer. Das hat auch nichts mit dem Nachfolger Uwe Rösler zu tun, dem ich selbstverständlich wünsche, dass er Erfolg hat.  

Aber die Verantwortlichen werden in drei Monaten an dieser Entscheidung gemessen.

Es dreht sich auffallend viel um die Trainer

Ich wünsche mir wirklich, dass Friedhelm sich das mit dem Karriereende noch mal überlegt. Vielleicht gibt es, wenn er erstmal etwas Zeit ins Land hat gehen lassen, doch noch einen Job, der ihn reizen und ihm den Abschied bescheren würde, den er verdient. Es gibt nicht mehr viele Trainer aus dieser älteren Generation und Funkel ist einfach gut. Er hat selbst gesagt, dass sein Wunsch gewesen wäre, aufzuhören, wenn sein Vertrag ausläuft. In Düsseldorf ist ihm das zu Unrecht verwehrt geblieben. Es gibt eben wenig Menschlichkeit und kaum Dankbarkeit im Fußball.

In Düsseldorf fliegt Funkel, bei RB Leipzig kritisiert Julian Nagelsmann öffentlich seine Spieler, bei Hertha polarisiert Jürgen Klinsmann, Werder mit Florian Kohfeldt und Paderborn mit Steffen Baumgart taumeln der zweiten Liga entgegen und Hansi Flick steht bei Bayern jede Woche auf dem Prüfstand: Die Trainer in der Bundesliga stehen aktuell wirklich auffallend im Fokus.

Der FC Bayern hat das gute Recht, abzuwarten

Und auch wenn Düsseldorf womöglich einen Fehler begangen hat, sehe ich doch einen erfreulichen Trend. Es gibt durchaus Vereine, die die Kraft und Überzeugung haben, mit ihren Trainern weiterzumachen – auch in einer schwierigen Phase. Werder Bremen und der SC Paderborn fahren eine klare Linie und ich bin überzeugt, dass sich diese am Ende auszahlen wird.

Jeder Klub sucht eine langfristige Lösung – die wenigsten finden sie. Am Ende arbeiten alle Trainer auf Bewährung.

So wie Hansi Flick beim FC Bayern, der nach wie vor nur einen Vertrag als Cheftrainer bis zum Saisonende hat. Ich bin grundsätzlich dafür, einem Trainer erstmal zu vertrauen und ihm einen längerfristigen Vertrag zu geben, trotzdem macht der Verein in diesem Fall alles richtig. Der FC Bayern hat derzeit Ruhe – und das gute Recht, die kommenden Wochen und Monate zu beobachten. Hansi Flick hat weder diverse Angebote auf dem Tisch noch Abwanderungsgedanken geäußert. Daher haben beide Seiten keinen Druck.

Sollen sich die Spieler Blumen schenken?

Man darf nicht vergessen, dass Flick mit vier Siegen und 16:0 Toren gestartet ist und von allen Seiten beklatscht wurde. Dann hat er allerdings gegen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach in der Liga verloren – und damit nicht die Konstanz an den Tag legen können wie erhofft. Nun ist er mit Bayern hervorragend mit zwei Siegen aus der Winterpause gekommen. Ich hoffe, dass es ihm diesmal gelingt, erfolgreich weiterzumachen. Aber man sieht, wie schnell es wieder andersherum gehen kann. Und das kann insbesondere dann fatal sein, wenn es nun in die heiße Phase im Februar oder März hineingeht. In der Champions League und im Pokal kann ohnehin schnell Schluss sein – und in der Meisterschaft sind noch drei weitere Klubs im Rennen. Auch da ist es dünnes Eis, auf dem sich Bayern bewegt.

Das alles heißt natürlich nicht, dass ich Flick nicht zutrauen würde, der richtige Bayern-Trainer für die nächsten Jahre zu sein. Im Gegenteil. Die Mannschaft lebt – und genau das ist die einzige Bedeutung des Zwischenfalls im Training. Genau das hat die handgreifliche Auseinandersetzung zwischen Jérôme Boateng und Leon Goretzka bewiesen. Nichts anderes. Das ist doch besser, als wenn sich die Spieler gegenseitig Blumen schenken, bevor sie auf den Trainingsplatz gehen.

Thomas Müller ist ein Spieler, den Löw mitnehmen muss

Auch ein Spieler wie Thomas Müller lebt unter Flick offensichtlich auf. 16 Torbeteiligungen in 14 Spielen unter Flick sind eine beeindruckende Bilanz. Kein Wunder, dass Müller auch wieder mit der Nationalmannschaft und einer Teilnahme an der EM 2020 in Verbindung gebracht wird. Auch ich habe zu dem Thema eine klare Meinung.

Joachim Löw wird als Bundestrainer irgendwann ein Zeichen Richtung EM setzen müssen – und womöglich in diesem Zuge auf Müller zurückkommen. Thomas Müller ist ein Spieler, den Löw mitnehmen muss, wenn er bereit ist, über seinen Schatten zu springen. Egal, ob als Stamm- oder Ersatzspieler: Müller geht es immer nur um die Mannschaft und um den Erfolg. Er war bei Bayern auch mehrfach in der Rolle des Einwechsel- oder Ersatzspielers. Dennoch hat er sich immer zu 100 Prozent korrekt verhalten. Ein Stinkstiefel war er nie. Dieser Charakter ist außergewöhnlich, genau solche Leute brauchst du.

Löw sollte bei drei Weltmeistern über eine Rückkehr nachdenken

Ist das Größe oder Unglaubwürdigkeit? Diese Frage muss Joachim Löw für sich beantworten – übrigens nicht nur in diesem Fall. Löw muss bei Thomas Müller UND Mats Hummels UND Jérôme Boateng über eine Rückkehr nachdenken, weil alle drei derzeit überzeugen. Denn Fakt ist, dass in der Nationalmannschaft das Leistungsprinzip gelten muss. Das bedeutet, dass sich Löw am Ende der Saison hinstellen und sagen muss: Das sind meine 23 Spieler, die es aufgrund ihrer Leistung und Fitness verdient haben, mit zur EM zu fahren. Und da kann er sich auch eingestehen, dass vielleicht nicht alles richtig war, was er entschieden hat. Oder vielleicht auch, dass es zu dem Zeitpunkt richtig war – nun aber richtig wäre, die Spieler wieder einzuladen. Aus meiner Sicht ist das also Größe – und keine Unglaubwürdigkeit.

Aber zurück zu den Trainern, die im Fokus stehen und ähnlich ehrgeizig und charakterstark sind wie Thomas Müller.

Julian Nagelsmann hat gerade in Leipzig für Aufruhr gesorgt, weil er seine Mannschaft öffentlich in die Pflicht genommen hat. Die Spieler müssten wissen, ob sie das Gipfelkreuz erreichen und alles für den Erfolg tun wollen, oder nur die Aussicht genießen und Kaffee trinken. Für mich sind diese Aussagen das richtige Zeichen zur richtigen Zeit. Manchmal muss man Dinge eben auch öffentlich ansprechen, damit sie ankommen. Ich bin mir sicher, dass die Mannschaft das verstanden hat und eine Reaktion zeigt. Sie haben sich in der Hinserie mit der Herbstmeisterschaft in eine hervorragende Position gebracht. Leipzig hat die Möglichkeit, Meister zu werden. Und das geht eben nur, wenn  jeder bereit ist, wirklich alles für den Erfolg zu tun. Nagelsmann hat schon in jungen Jahren so viel Erfahrung gesammelt, dass er genau weiß, was er wie sagen kann. Er wird gut beraten – und hat einfach die richtige Einstellung. Er hat diesen Hunger, Titel holen zu wollen. Er lebt ihn vor.

Klinsmann und Hertha sind das spannendste Projekt

In zehn Tagen und nach den Spielen gegen Gladbach, im Pokal gegen Frankfurt und dann gegen Bayern kennen wir die Tendenz für die nächsten Wochen und Monate. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese positiv sein wird.

Trainer wie Nagelsmann oder Klinsmann haben eine klare Vision und hohe Ziele – ich ziehe meinen Hut davor.

Jürgen Klinsmann und Hertha sind neben Leipzig das spannendste Projekt in der Bundesliga für die nächsten zwei, drei Jahre. Es ist eben Jürgen Klinsmann. Der geht da nicht hin und sagt: „Es geht nur gegen den Abstieg und perspektivisch wollen wir ins Mittelfeld.“ Nein, da geht die Ansage Richtung Europa oder Meisterschaft. Das sind mutige Aussagen, aber ich finde sie gut. Wir regen uns gern auf, wenn jemand nach vorne prescht und forsch ist. Aber warum eigentlich? Die Ziele sind doch nicht unrealistisch. Wenn Paderborn aufsteigt und sagt: Wir wollen jetzt ins internationale Geschäft, dann ist das sicher fernab der Realität. Aber beim Hauptstadtklub muss das sogar der Anspruch sein.

Wie geht es weiter mit Klinsmann und Hertha? Bleibt er auch über die Saison hinaus Trainer?

Eine neue Rolle für Klinsmann?

Ich glaube, dass diese Rolle gerade ganz wichtig ist – und die richtige. Aber Jürgen ist immer für Überraschungen gut – im positiven Sinne. Ich kann mir vorstellen, dass ab dem Sommer Niko Kovac dazukommt. Mit Alexander Nouri hat er schon einen gestandenen Trainer an der Seite. Er denkt da frei, ist etwas anders gestrickt. Vielleicht wird Klinsmann dann eine Art Trainerflüsterer. Ein Trainerchef, der nah dran ist und als Sparringspartner für seine Trainer fungiert. Vielleicht eine ganz neue Rolle, die es noch gar nicht gibt.

Fest steht, dass diese Bundesliga extrem viel Spaß und Unterhaltung bietet. Und jetzt geht es erst in die heiße Phase in allen Wettbewerben.

t-online.de-Kolumnist Stefan Effenberg ist am kommenden Dienstag (18.30 Uhr) live bei Sport 1 als Experte beim DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig im Einsatz.

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