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Stefan Effenberg: Der Abgang von Hermann Gerland wird FC Bayern noch wehtun

MEINUNGWenig beachtet, aber extrem wichtig  

Dieser Abgang wird dem FC Bayern noch wehtun

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

31.05.2021, 12:37 Uhr
Stefan Effenberg: Der Abgang von Hermann Gerland wird FC Bayern noch wehtun. Die Bayern-Mannschaft verabschiedet Co-Trainer Hermann Gerland nach rund 30 Jahren im Verein. (Quelle: imago images/Poolfoto)

Die Bayern-Mannschaft verabschiedet Co-Trainer Hermann Gerland nach rund 30 Jahren im Verein. (Quelle: Poolfoto/imago images)

Warum Bayern noch weitere Verstärkungen braucht, welcher Abschied besonders schmerzt – und welcher Klub wohl nie mehr einen Titel holt. Die Abrechnung der Saison.

Der 1. FC Köln hält doch noch die Klasse. Thomas Tuchel und der FC Chelsea gewinnen sensationell die Champions League. Damit sind auch die letzten Entscheidungen einer extrem turbulenten Saison 2020/21 gefallen. Diese stand natürlich im Zeichen der Corona-Pandemie – war allerdings genauso geprägt von vielen Trainerwechseln und sehr wechselhaften Leistungen, selbst von den Topteams. Sie hat einige Verlierer und Gewinner hervorgebracht.

Zeit für eine Abrechnung! Und damit zunächst mal die positiven Erscheinungen.

Der Unterschied zwischen Tuchel und Guardiola

Das sind in erster Linie Trainer Tuchel sowie die deutschen Nationalspieler Kai Havertz, Timo Werner und auch Antonio Rüdiger vom FC Chelsea. Dieser Champions-League-Sieg ist einfach eine geile Geschichte. Für Tuchel ist sie eine totale Erlösung, Er hat immer von diesem Titel geträumt und hart dafür gearbeitet. Allein in der abgelaufenen Saison hatten all die vier deutschen Protagonisten Krisen zu überstehen. Havertz und Werner hatten schwächere Phasen, in denen sie viel Kritik einstecken mussten. Rüdiger saß unter Tuchel-Vorgänger Frank Lampard lange Zeit nur draußen. Und Tuchel selbst wurde bei Paris St. Germain an Weihnachten entlassen.

Er hat diesen Titel verdient, weil er an Werner oder Havertz festgehalten und ihnen das Vertrauen geschenkt hat. Er hätte sie mehrmals rausnehmen können, hat sie aber stattdessen immer wieder spielen lassen. Das war auch der Unterschied zu Pep Guardiola, der einen schwächelnden Spieler schneller austauscht – und mit der Aufstellung im Finale dann falsch lag.

Tuchel weiß, wie schnell es gehen kann

Wie geht es für die Trainer nun weiter? Ich würde mir wünschen, dass Tuchel bei Chelsea eine Ära prägt wie Jürgen Klopp in Liverpool. Aber: Leider kann es im Fußball extrem schnell wieder in die andere Richtung gehen. Er selbst hat das in Paris erfahren. Trotz zwei Meisterschaften haben sie ihn dort vom Hof gejagt. Immerhin hat sich der Vertrag von Tuchel angeblich schon verlängert oder er wird zumindest in Kürze ausgedehnt und er einen neuen Angriff wagen – genauso wie Guardiola mit Manchester. Der Druck auf Guardiola wird noch weiter zunehmen. Er hat seit 2016 eine Milliarde Euro in Spielertransfers stecken dürfen und den Auftrag, diese verdammte Champions League zu gewinnen. Es spricht nicht für ihn, dass ihm das in den letzten zehn Jahren weder mit City noch mit Bayern gelungen ist. Aber sein Vertrag läuft bis 2023 und vielleicht schafft er es im nächsten oder übernächsten Versuch doch noch.

Einer der Konkurrenten wird dann natürlich sein Ex-Verein Bayern sein. Hier herrschte deutlich mehr Aufregung als in den Jahren zuvor: Die umstrittene Reise nach Katar zur Klubweltmeisterschaft, der Ärger um den auslaufenden Vertrag von David Alaba mit dessen Berater Pini Zahavi, das völlig überraschende Pokalaus in Kiel, die vielen Rückstände und Gegentore in der Liga, der Streit zwischen Trainer Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic und letztlich der Abschied von Flick, Co-Trainer Hermann Gerland sowie den Spielern Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martínez. Bayern hat das alles weggesteckt und sich verdient und letztlich souverän den neunten Meistertitel in Folge gesichert. Robert Lewandowski hat mit 41 Saisontreffern sogar den Rekord von Gerd Müller ein- und damit einen Rekord für die kommenden 50 Jahre aufgestellt.

Dieser Abgang wird Bayern noch wehtun

Wird Bayern in der kommenden Saison auch den zehnten Meistertitel in Folge einfahren? Ich gehe schwer davon aus. Sie müssen allerdings zusehen, dass sie die vielen Gegentore abgestellt bekommen. Das ist das einzige Manko beim FC Bayern und zugleich eine größere Herausforderung, als man denken mag. Denn sie müssen in der Abwehr die Abgänge von Alaba, Boateng und Martínez kompensieren. Die Verpflichtung von Dayot Upamecano von RB Leipzig ist ein Top-Transfer. Aber: Das reicht nicht.

Um zwei Weltklasse-Verteidiger sowie einen international gestandenen Defensivspieler wie Martínez eins zu eins zu ersetzen und gleichzeitig stabiler zu werden, braucht es weitere Verstärkungen. Nachdem Ex-Präsident Uli Hoeneß, der das natürlich immer noch sehr gut beurteilen kann, große Transfers ausgeschlossen hat, steht hier für mich ein Fragezeichen. Der Kader ist Stand heute erst mal schwächer als der in der abgelaufenen Saison. Hinzu kommt, dass mit Gerland ein ganz wichtiger Faktor für eine gute Zusammenarbeit zwischen Trainer und Mannschaft wegfällt. Ich kenne ihn noch persönlich aus gemeinsamen Jahren in München und weiß, welche Rolle er im Verein gespielt hat mit seinen menschlichen Qualitäten und der hohen Fachkompetenz. Dieser Abgang wird Bayern noch wehtun.

Co-Trainer Hermann Gerland (l.) und Chefcoach Hansi Flick: Beide verlassen den FC Bayern. (Quelle: imago images/Sven Simon)Co-Trainer Hermann Gerland (l.) und Chefcoach Hansi Flick: Beide verlassen den FC Bayern. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Der Zwist zwischen Schmadtke und den Trainern

Aber vielleicht sorgen ja genau diese personellen Änderungen für mehr Spannung in der Liga und einen echten Dreikampf mit Dortmund und Leipzig.

Die haben es in der abgelaufenen Saison nicht geschafft, Schwächephasen und Turbulenzen bei Bayern auszunutzen. Dennoch gehört auch der BVB für mich letztlich zu den Gewinnern der Saison. Er hat Probleme gehabt, einen Trainerwechsel von Lucien Favre zu Edin Terzic vollzogen – damit aber letztlich den Pokalsieg errungen und die Champions League erreicht. Das ist dann unterm Strich sogar noch eine erfolgreiche Saison geworden.

Genauso wie die des VfL Wolfsburg. Daran hat sicherlich Trainer Oliver Glasner seinen Anteil, noch mehr allerdings Jörg Schmadtke als Gesamtverantwortlicher im Sport. Es ist schon auffällig, dass er nicht zwangsläufig einen engen und guten Draht zu seinen Trainern pflegt. Früher gab es schon mit Mirko Slomka bei Hannover Ärger, nun zunächst mit Bruno Labbadia und später mit Glasner. Zum einen zählt aber am Ende vor allem der Erfolg, den Schmadtke zweifellos hat. Zum anderen sehe ich die Schuld für so ein Verhältnis nicht zwangsläufig bei ihm – sondern vielleicht auch bei den Trainern.

Vorfreude auf van Bommel

Die kommende Saison wird für den VfL sicher extrem schwierig – allerdings darf sich die ganze Bundesliga auf Mark van Bommel als neuen Wolfsburg-Trainer freuen, wenn die übereinstimmenden Medienberichte zutreffen. Der ist wirklich ein Supertyp. Ein Gesicht, ein Macher, der immer hart gearbeitet hat. Lassen wir uns überraschen, ob er ein besseres Verhältnis zu Schmadtke pflegt.

Glasner dagegen zieht weiter zu Eintracht Frankfurt, die auch auf der Position des Sportvorstands mit Markus Krösche als Nachfolger von Fredi Bobic einen kompletten Neustart hinlegen. Weil die Eintracht unter Adi Hütter und Bobic einen riesigen Vorsprung verspielt und die historische Chance verpasst hat, sich für die Champions League zu qualifizieren, spielt Glasner nur Europa League.

Dennoch muss man die abgelaufene Saison der Eintracht als Erfolg werten. Platz fünf hätte Frankfurt vor der Saison wohl niemand zugetraut.

Die Überraschung der kommenden Saison?

Ebenso wenig wie man Union Berlin im internationalen Geschäft vermutet hätte. Dank Max Kruse haben sie Platz sieben erreicht und spielen in der kommenden Saison in der neu geschaffenen Conference League. Brauchte es unbedingt einen neuen Wettbewerb? Wahrscheinlich nicht. Aber gerade in Pandemiezeiten spielt der wirtschaftliche Aspekt eine große Rolle. Und wer sagt denn, dass Union in diesem Wettbewerb nichts reißen kann? Vielleicht ist es ja ein Vorteil, dass andere Vereine diesen Wettbewerb nicht so ernst nehmen oder für minderwertig halten. Für Union und Urs Fischer ist das eine tolle Herausforderung. Für den Trainer vielleicht sogar das Sprungbrett. Ich bin mir sicher, dass er in zwei, drei Jahren einen Topklub übernimmt. Das Zeug dazu hat er ganz sicher.

Was bei Union gut funktioniert hat, ist bei Mainz noch beeindruckender: Sie hatten nach der Hinrunde sieben Punkte, standen komplett mit dem Rücken zur Wand – und haben dann eindrucksvoll die Rettung geschafft, und zwar mit gutem Fußball. Das kann man Trainer Bo Svensson nicht hoch genug anrechnen. Wenn Mainz so weitermacht, kann das in der kommenden Saison die große Überraschung werden, die es in Sphären schafft, in denen sich zuletzt Union befand.

Gladbach-Saison zum Vergessen

Weit weniger erfolgreich: Borussia Mönchengladbach. Sie haben eine Saison zum Vergessen hingelegt und gehören eindeutig zu den Verlierern – trotz des Achtelfinal-Einzugs in der Champions League. Sie haben schlicht ihre Hausaufgaben in der Liga nicht gemacht. Erst geriet die Qualifikation für die Champions League in weite Ferne, dann verspielten sie die für die Europa League – um am Ende sogar noch gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart die für die Conference League zu vergeigen. Gladbach ist also gar nicht für den Europacup qualifiziert und wird das wirtschaftlich noch zu spüren bekommen.

Wenn der FC Bayern schon keine großen Transfers tätigen und auf Gehälter achten muss – wie ergeht es dann wohl den anderen Vereinen und erst recht Gladbach ohne Champions League? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Borussia noch den ein oder anderen Spieler verkaufen muss und wird bei einem entsprechenden Angebot. Man kann nicht oft genug sagen, wie schade es ist, dass Gladbach im DFB-Pokal wieder an Dortmund gescheitert ist und die Chance auf einen Titel verpasst hat.

Holt Leverkusen nie mehr einen Titel?

Das gilt natürlich mindestens genauso für Bayer Leverkusen. Das Aus beim Viertligisten in Essen war peinlich und maximal ärgerlich. Auch hier ist durchaus fraglich, ob die Mannschaft in der kommenden Saison überhaupt so gut sein wird wie in der abgelaufenen. Die Abgänge von Lars und Sven Bender, die ihre Karriere beendet haben, wiegen schwer. Wenn mit Rudi Völler 2022 auch noch der titelhungrigste Mann in Leverkusen aufhört, sieht es so aus, dass Leverkusen nie einen Titel holt. So bitter das ist.

Viel düsterer ist die Lage natürlich noch bei den Absteigern. Schalke hat über die gesamte Saison genug Kritik abbekommen, hatte dadurch aber zumindest in den vergangenen Wochen die Möglichkeit, sich auf eine kommende Saison in der zweiten Liga vorzubereiten. Überraschender kam dieser Absturz für Bremen. Nach dem 24. Spieltag hatte Werder schon 30 Punkte – und hat dann aus den zehn letzten Spielen nur einen Punkt geholt.

Hansa und Dresden sind ein Gewinn

Ich weiß nicht, ob sich Werder davon erholen wird. Sportdirektor Frank Baumann hat zuletzt immer wieder über die drohende Insolvenz gesprochen. Es ist kein Geld für neue Spieler da. Wie will er da eine Mannschaft auf die Beine stellen, die aufsteigen kann?

Zumal die Konkurrenz so stark ist wie noch nie. Immer wieder heißt es, die zweite Liga sei stärker denn je. In diesem Jahr ist diese Phrase womöglich wirklich zutreffend. Für Werder bedeutet das, dass ein Schicksal wie das des HSV droht – und der Verein in den kommenden Jahren in der zweiten Liga feststeckt. Die Konkurrenz ist einfach zu stark. Dazu zähle ich übrigens auch die Ostvereine Dynamo Dresden und Hansa Rostock. Es ist gut für den Fußball, dass sie den Aufstieg geschafft haben und die zweite Liga bereichern werden.

Das Gräfe-Aus ist Schwachsinn

Mit Schalke und Werder haben zwei frühere Bundesliga-Topklubs Abschied von der Bundesliga genommen, mit David Alaba oder Hansi Flick ein großer Spieler und ein Trainer. Die Vereine haben das nach einer schwachen Saison verdient, die Spieler und Trainer für sich entschieden. Es gibt allerdings einen Namen, der nicht aus freien Stücken geht, sondern aufgrund von absolutem Schwachsinn.

Schiedsrichter Manuel Gräfe hat beim DFB die Altersgrenze von 47 Jahren erreicht und wird damit zum Karriereende gezwungen. In den vergangenen Tagen und Wochen ist zu Recht schon viel darüber diskutiert worden – und ich schließe mich den Kritikern dieser Regel an.

Bei einem Schiedsrichter ist es doch genau wie bei Spielern: Wenn sie älter werden, gewinnen sie an Erfahrung, haben ein besseres Auge und Stellungsspiel. Und gleichen damit mögliche körperliche Abnutzungserscheinungen aus. Und dann gibt es Spieler, die mit 30 Jahren ihre Karriere beenden – und solche, die mit 37 oder 38 noch fit sind. Diese Spieler merken entweder selbst, wenn es nicht mehr reicht – oder sie werden vom Trainer oder Verein aussortiert. Eine Altersgrenze gibt es zu Recht nicht.

Welcher Trainer wird seine Entscheidung bereuen?

Das muss bei den Schiedsrichtern natürlich genauso sein. Der DFB muss seine Altersgrenze über Bord werfen und Gräfe zurückholen.

Die spannendste Frage für die kommende Saison ist aus meiner Sicht folgende: Werden die Trainer, die angeblich zu einem besseren Verein wechseln, wirklich glücklicher als bei ihrem ehemaligen Verein? Mit Hütter, Glasner, Nagelsmann oder Rose gibt es gleich mehrere Trainer, die ihren Verein von sich aus verlassen haben – trotz gutem Standing, Erfolg und hervorragenden Bedingungen. Womöglich wird der ein oder andere seinen Schritt noch bereuen.

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