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Experten zu Kritik an Corona-App: "Diese Debatte nervt langsam nur noch"

Kritik an RKI-App  

"Talkshow-Teilnahme ersetzt keine fachliche Expertise"

02.12.2020, 14:22 Uhr
Experten zu Kritik an Corona-App: "Diese Debatte nervt langsam nur noch". Die Corona-Warn-App (Symbolbild): Immer wieder wird der strenge Datenschutz kritisiert.  (Quelle: imago images/Eibner)

Die Corona-Warn-App (Symbolbild): Immer wieder wird der strenge Datenschutz kritisiert. (Quelle: Eibner/imago images)

Die Corona-Warn-App soll helfen, die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Aber so mancher bezeichnet das Programm als wirkungslos – schuld sei der strikte Datenschutz. Doch ist der wirklich das Problem?

"Die App ist leider bisher ein zahnloser Tiger. Sie hat kaum eine warnende Wirkung" – das sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder über die Corona-Warn-App den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Und in der Talkshow Anne Will nannte er den Grund dafür: Das Ganze "scheitert im Grunde genommen an einer sehr hohen Hürde des Datenschutzes". Eine Erklärung, wie er das genau meint, blieb er schuldig.

Die Corona-Warn-App der Bundesregierung gibt es seit Juni. Sie informiert Nutzer, wenn sie einem Corona-Infizierten begegnet sind – vorausgesetzt, dieser nutzt auch die App und hat seinen Krankheitsstatus in diese eingetragen. Denn dann können die Kontakte rückwirkend verfolgt werden, auch bis zu der Zeit, als der Covid-19-Patient noch nichts von seiner Infektion wusste. Das Ganze soll helfen, Infektionsketten besser nachvollziehen zu können. Bisher wurde die App etwa 23 Millionen Mal heruntergeladen. Experten loben besonders den strikten Datenschutz, der Nutzern Anonymität garantiert.

Doch ebendieser Datenschutz wurde in vergangenen Wochen immer wieder kritisiert. Nicht nur von Politikern wie Söder, sondern auch von so manchem Journalisten oder Experten aus anderen Fachgebieten. Sie behaupten, der strenge Datenschutz mache die App zu ineffektiv. So sagte die Vorsitzende des Ethikrats Alena Buyx im Interview mit dem ZDF, dass die Corona-Warn-App wegen des hohen Datenschutzes "ganz viel" nicht könne. "Wir schränken so viele Grundrechte ein und den Datenschutz so gar nicht?", so Buyx. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin argumentierte in einer Anne-Will-Sendung Ende Oktober ähnlich und forderte eine App, die mehr Daten aufzeichne – wie den Standort der Nutzer.

Offenbar werden viele dieser Forderungen aber ohne ausreichende Sachkenntnis zur Funktionsweise der App geäußert. Denn Experten auf dem Gebiet widersprechen der Kritik am Datenschutz als Bremsschuh heftig.

"Die Debatte nervt nur noch"

Einer davon ist der Softwareentwickler und Co-Vorsitzende des Digitalvereins D64 Henning Tillmann. Im Gespräch mit t-online sagt er zu dem Thema: "Diese ganze Debatte nervt langsam nur noch."

Laut Tillmann würden Aussagen wie angebliche Einschränkungen durch Datenschutz nicht weiterhelfen. Im Gegenteil: "Solche Diskussionen ohne konkreten Hinweis, was denn am Datenschutz stört, schaden nur, weil sie Zweifel an der App säen", sagt Tillmann. Denn wichtig sei vor allem, dass mehr Menschen die App nutzen. "Und das kann man erreichen, indem man sie nicht mit falschen Argumenten schlechtredet."

Ähnlich äußert sich der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber. In einem Gastbeitrag im "Spiegel" zeigt sich der Informatiker angesichts der Kritik zum Datenschutz verwundert, bemängelt das Fehlen von "konkreten und umsetzbaren Verbesserungsvorschlägen" und schreibt: "Mich beschleicht vielmehr der Verdacht, mit dieser Debatte soll von Vollzugsdefiziten im Zusammenhang mit Covid-19 abgelenkt werden." Auch auf Twitter hat Kelber die Datenschutzdebatte zur App in den vergangenen Tagen kritisiert:

GPS-Tracking sei sinnlos

Kelber weist in einem Interview mit dem ZDF beispielsweise darauf hin, dass noch nicht alle Testlabore an die App angebunden seien. Mit einer Anbindung erhalten Nutzer die Testergebnisse gleich in der App. Von Vorschlägen wie einer GPS-Ortung der Nutzer per App hält Kelber dagegen wenig. "Die Corona-Warn-App wurde bewusst nicht als Geo-Tracking-App entwickelt, diesen Vorschlag gab es auch nie", schreibt er im "Spiegel". "Welchen Mehrwert hat die Information, ob ich eine infizierte Person im Supermarkt oder in der Buchhandlung getroffen habe? Nicht Orte übertragen Viren – sondern Menschen."

Auch Informatiker Tillmann kritisiert solche Vorschläge und erklärt, dass es technisch mit der Corona-Warn-App sowieso nicht machbar wäre. Denn das Programm setzt auf Softwareschnittstellen von Android und iOS, die lediglich einen dezentralen – und damit datenschutzfreundlichen – Ansatz erlauben. Eine GPS-Ortung sei mit diesen Schnittstellen ausgeschlossen, für die Idee müsste eine neue App entwickelt werden. "Deswegen ist diese ganze Diskussion auch so absurd", sagt Tillmann. "Sie zeigt, dass sich viele Menschen mit dem Konzept der App überhaupt nicht beschäftigt haben."

Mehr Funktionen können die App attraktiver machen

Tillmann schlägt vor, die Funktionen der App zu erweitern, statt sich in einer falschen Datenschutzdebatte zu verheddern: Anstelle einer GPS-Ortung könnte die App beispielsweise anzeigen, wann der Risikokontakt stattgefunden habe. Machbar wären auch ein Kontakttagebuch und eine automatische Clustererkennung, sagt Tillmann. Vor allem das Letztere könne, wenn beispielsweise Restaurants wieder öffnen, nämlich auf mögliche Superspreading-Ereignisse hinweisen – und Nutzer so besser warnen.

Zudem würde sich Tillmann mehr Informationen zum Coronavirus in der App wünschen. Beispielsweise dass Anwender auf Corona-Zahlen des Robert Koch-Instituts, Verordnungsregeln der Bundesländer oder Infomaterial mit Verhaltenstipps zugreifen können. "Im Frühjahr haben wir gelernt, wie man sich die Hände wäscht", sagt Tillmann. "Mit solchen und anderen Tipps wie zum richtigen Lüften könnte man die App zu einer Art Infozentrale aufbauen und den Mehrwert für Nutzer erhöhen." Er fügt hinzu: "Die meisten dieser Forderungen haben mit dem Datenschutzniveau auch nichts zu tun."

App soll ausgebaut werden

Tillmanns Empfehlungen sind nicht neu – bereits Anfang September hatte er zusammen mit dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach ähnliche Vorschläge in einem Gastbeitrag für "Zeit Online" aufgeschrieben. Auch Regierungsfraktionen von SPD und Grünen in der Hamburgischen Bürgerschaft machten am Dienstag ähnliche Anregungen.

Und tatsächlich haben die Entwickler der Corona-Warn-App – SAP und Telekom – das Programm in der Vergangenheit etwas ausgebaut: So wird der Infektionsstatus nun alle sechs Stunden statt nur einmal am Tag aktualisiert. Und wer sein positives Testergebnis noch nicht geteilt hat, erhält von der App mehrere Erinnerungen. Mehr zu den Neuerungen lesen Sie hier.

Auch Funktionen wie das von Tillmann vorgeschlagene Kontakttagebuch sollen folgen. Für den Informatiker dauert das aber zu lange: "Für eine Clusterverfolgung muss man erst Google und Apple mit ins Boot holen. Aber ein Kontakttagebuch ist eine einfache Notizfunktion, die ist innerhalb von zwei, drei Tagen programmiert", sagt der Informatiker. "Wenn man Kritik äußern will, dann lieber darüber, warum der Ausbau so lange dauert. Denn wenn sich herumspricht, dass die App mehr kann, werden sie vermutlich mehr Menschen herunterladen. Dann braucht man auch keine Plakate dafür aufzuhängen."

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