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Ein Szenario macht den Medizinern Angst

dpa, t-online, JĂŒrgen BĂ€tz und Laetitia Bezain

Aktualisiert am 13.10.2017Lesedauer: 4 Min.
Lungenpest in Madagaskar
StÀdtische Angestellte desinfizieren in Antananarivo (Madagaskar) ein Klassenzimmer der Grundschule im Stadtviertel Andraisoro, nachdem in dem Viertel eine Person an der Pest gestorben ist. Die Schulen in Antananarivo bleiben zunÀchst wegen der Lungenpest-Epidemie geschlossen. (Quelle: Laetitia Bezain/dpa-bilder)
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In Madagaskar geht die Angst um: Die Lungenpest verbreitet sich rasant. Es ist die weltweit schwerste Epidemie seit ĂŒber 20 Jahren. Experten befĂŒrchten besonders ein Horrorszenario.

Am Flughafen und in Banken tragen die Angestellten vorsichtshalber Atemmasken, Versammlungen sind verboten, Schulen bleiben geschlossen, und der PrĂ€sident spricht von "Krieg". Ein Ausbruch der hochgefĂ€hrlichen und leicht ĂŒbertragbaren Lungenpest versetzt die Menschen in Madagaskar in Angst – vor allem weil die Pest diesmal in den dicht besiedelten StĂ€dten grassiert.

Prophylaxe-Mittel waren rasch ausverkauft

Anfang Oktober bildeten sich erstmals lange Schlangen vor den Apotheken der Hauptstadt Antananarivo, als Menschen versuchten, rasch Antibiotika zur Pest-Prophylaxe zu kaufen. Die VorrĂ€te waren schnell verbraucht. Die Regierung rief zu Besonnenheit auf. Doch kurz darauf schickte das Gesundheitsministerium SMS-Kurznachrichten an alle in Madagaskar registrierten Telefone: "Lungenpest: schneller Tod. Wenn sie husten und eines der Symptome haben – Fieber, Halsweh, Atemlosigkeit, blutiger Auswurf – dann gehen sie ins Krankenhaus."

Die Zahl der Toten und Erkrankten hat sich in einer Woche verdoppelt. Inzwischen sind der Pest rund 50 Menschen zum Opfer gefallen, etwa 450 sind erkrankt, die HĂ€lfte davon in Antananarivo. Kleinere AusbrĂŒche der Beulenpest sind in dem Inselstaat vor der SĂŒdostkĂŒste Afrikas nicht selten. Doch bei der jetzigen Epidemie sind bereits mehr als 320 Menschen an Lungenpest erkrankt. Ein aus Madagaskar zurĂŒckgekehrter Urlauber hat die Krankheit auch auf die Seychellen eingeschleppt. Eine Epidemie dieses Ausmaßes gab es seit jener im indischen Surat 1994 nicht mehr.

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Das öffentliche Leben steht still

Die Schulen in Antananarivo, einer Stadt mit etwa 2,2 Millionen Einwohnern, und anderen Orten sind diese Woche gespenstisch leer, an der UniversitÀt fiel der Unterricht aus. "Die UniversitÀt ist komplett verwaist", sagt Studentin Antsa Randriamanalina. Nur ein paar Studenten seien auf dem Campus, um Gruppenarbeiten zu machen, so die 20-JÀhrige. "Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen. Ich hoffe, dass es nicht noch schlimmer wird."

Madagaskars PrĂ€sident Hery Rajaonarimampianina zeigte sich am Dienstag zuversichtlich. "Wir befinden uns in einem Krieg, aber heute haben wir, glaube ich, die Waffen und die Munition, diese Epidemie zu besiegen", sagte er bei der Übergabe von Hilfsmitteln durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese hat knapp 1,5 Millionen Dosen Antibiotika geschickt. Damit könnten bis zu 5000 Erkrankte behandelt werden und 100.000 Menschen Prophylaxe bekommen. "Je schneller wir handeln, desto mehr Leben retten wir", erklĂ€rte die WHO-Chefin in Madagaskar, Charlotte Ndiaye.

Wie die Seuche des Mittelalters sich verbreitet

Verursacher der Pest ist das Bakterium Yersinia pestis. Der Erreger wird meist von Flöhen ĂŒbertragen, die sich Ratten als Wirt nehmen. Wird ein Mensch von einem infizierten Floh gebissen, zeigen sich nach bis zu sieben Tagen Symptome wie bei einer schweren Grippe, dann schwellen Lymphknoten zu dicken Beulen an. Sie können zehn Zentimeter Durchmesser haben, etwa im Schritt oder unter den Achseln. Bei frĂŒher Diagnose sind die Heilungschancen durch Antibiotika sehr hoch. Im fortgeschrittenen Stadium kann eine Beulenpest zur Lungenpest fĂŒhren. Diese wird durch Tröpfchen ĂŒbertragen, Ă€hnlich wie eine Grippe, und kann sich schnell ausbreiten. Sie hat teils eine Inkubationszeit von nur 24 Stunden und fĂŒhrt unbehandelt schnell zum Tod.

Kaum eine andere Seuche hat in der Geschichte so viel Angst und Schrecken verbreitet wie die Pest: Zwischen 1347 und 1353 raffte der Schwarze Tod in Europa zig Millionen Menschen dahin. Damals soll etwa ein Drittel der Bevölkerung gestorben sein.

Kann die Pest nach Deutschland gelangen?

Ein Ausbruch der Pest in Deutschland ist extrem unwahrscheinlich. Theoretisch könnten infizierte Ratten und Flöhe auf Frachtschiffen ankommen. Oder ein zurĂŒckkehrender Urlauber könnte die Krankheit einschleppen. Doch selbst diesen unwahrscheinlichen Fall sehen Experten gelassen. Mit funktionierendem Gesundheitssystem wĂ€re ein Pest-Ausbruch schnell unter Kontrolle, heißt es bei der WHO.

"Das beunruhigendste Szenario wĂ€re, wenn die Lungenpest eine der StĂ€dte auf dem afrikanischen Festland erreichen wĂŒrde, die direkte Flugverbindungen nach Madagaskar haben, nĂ€mlich Addis Abeba, Nairobi und Johannesburg", erklĂ€rt Pen Payton, Afrika-Experte bei der Risikoberatung Verisk Maplecroft. Die Behörden dort wĂŒrden vermutlich "Schwierigkeiten haben, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen".

Vor allem die Armenviertel sind der Pest ausgeliefert

Die jetzige Epidemie trifft in Antananarivo vor allem Armenviertel. Sie sind vielerorts voll mit MĂŒll, so dass Ratten ideale Bedingungen haben, weswegen es immer wieder FĂ€lle der Beulenpest gibt. Um wegen des Ausbruchs der Lungenpest Panik zu vermeiden, haben die Behörden an den ZugĂ€ngen zu betroffenen Vierteln Zelte aufgestellt, in denen Experten die Bevölkerung informieren.

Lungenpest in Madagaskar
Armenviertel von Antananarivo (Madagaskar): Wo es viel MĂŒll und kaum Infrastruktur gibt und auch die hygienischen Bedingungen extrem schlecht sind, kann sich die Seuche besonders schnell ausbreiten. (Quelle: JĂŒrgen BĂ€tz/dpa-bilder)

Madagaskar mit rund 25 Millionen Einwohner ist seit Jahren das Land mit den weltweit meisten gemeldeten Pest-Erkrankungen, vor allem von Beulenpest. Wird aus einem Dorf ein Fall gemeldet, rĂŒcken die Gesundheitsbehörden an, um gegen Ratten vorzugehen, HĂ€user zu desinfizieren und mit Insektizid einzusprĂŒhen. Nahe Angehörige mĂŒssen vorsorglich Antibiotika nehmen. Pest-Tote werden mit Chlorlösung gewaschen und mit Kalk eingerieben, denn selbst sie können die Infektion weitergeben. Bestattungsrituale wie die sonst ĂŒbliche mehrtĂ€gige Totenwache im Haus des Verstorbenen sind bei Pest verboten. Die Leichen mĂŒssen weit weg von Friedhöfen begraben werden.

"Unsere Teams sind gut darin geschult, vereinzelte Pest-AusbrĂŒche auf dem Land zu bekĂ€mpfen", sagte Gesundheitsminister Mamy Lalatiana Andriamanarivo dem französischen Radiosender RFI. "Aber diesmal ist es anders. Es handelt sich um die Lungenpest, und das in der Stadt."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Julia Faltermeier
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