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Nach der Diagnose Krebs: Wie Psychoonkologie Patienten und Angehörigen helfen kann


Ärztin erklärt Hilfsangebote
"Kein Krebspatient darf mit seinen Ängsten allein bleiben"


Aktualisiert am 24.02.2024Lesedauer: 6 Min.
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Für diesen Beitrag haben wir alle relevanten Fakten sorgfältig recherchiert. Eine Beeinflussung durch Dritte findet nicht statt.

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Young woman doctor holding hand of senior grandmother patient, closeupVergrößern des Bildes
Eine Ärztin hält die Hand ihrer Patientin. (Quelle: fizkes/getty-images-bilder)

Die Diagnose Krebs löst Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung aus. Manche Patienten stürzen in eine existenzielle Krise, in der sie psychologische Hilfe brauchen. Eine psychoonkologische Unterstützung kann helfen, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden und besser durch die schwere Zeit zu kommen.

Krebs ist dank verbesserter Behandlungsmöglichkeiten in vielen Fällen längst kein Todesurteil mehr. Während bis 1980 noch zwei Drittel aller Krebspatienten infolge ihrer Krankheit starben, haben heute über die Hälfte der Patienten gute Chancen auf eine Heilung. Dennoch löst eine Krebsdiagnose bei vielen Gedanken an Tod und Sterben aus. In dieser schwierigen Lebensphase kann eine psychologische Begleitung hilfreich sein, um die seelischen Belastungen besser zu verarbeiten und die Krebstherapie besser durchzustehen.

Im Interview mit t-online erklärt Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID), welche psychoonkologischen Hilfsangebote es gibt und wo Erkrankte und deren Angehörige kompetente Ansprechpartner finden.

Frau Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Nach ihrem Abschluss hat sie in der Inneren Medizin sowie in der klinischen und Grundlagenforschung für Krebs gearbeitet.
Frau Dr. Susanne Weg-Remers (Quelle: KID-Image)


Dr. Susanne Weg-Remers ist Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Nach ihrem Abschluss hat sie in der Inneren Medizin sowie in der klinischen und Grundlagenforschung für Krebs gearbeitet.

t-online: Die Diagnose Krebs kommt für die meisten wie ein Paukenschlag. Was ist jetzt wichtig für die Patienten?

Dr. Susanne Weg-Remers: Viele Patienten brauchen zunächst einmal Zeit, um den Schock zu verdauen. Die meisten informieren sich dann über ihre Krankheit und beraten mit Angehörigen oder Freunden, wie es in nächster Zeit weitergehen kann. Wir raten den Patienten, sich auf Arztgespräche gut vorzubereiten und die Fragen, die man hat, vorab aufzuschreiben.

Empfehlenswert ist auch, eine Person des Vertrauens zu den Terminen mitzunehmen, die schriftlichen Befunde und Arztbriefe zu sammeln und in die elektronische Patientenakte hineinzuladen. Wenn man weniger technisch versiert ist, tut es auch eine Papierakte.

Viele Krebspatienten fühlen sich trotz guter medizinischer Betreuung alleingelassen mit ihrer Krankheit. Woran liegt das?

Die Ärzte in der Klinik und in den Praxen konzentrieren sich meist auf das körperliche Befinden und die Behandlung. Die psychische Belastung und die Stresssituation der Patienten findet oft zu wenig Beachtung.

Aus Studien wissen wir, dass etwa ein Drittel der Betroffenen eine behandlungsbedürftige psychische Belastung entwickelt, die sich etwa in einer Depression oder in Ängsten äußern kann. Patienten sollten mit ihrem Arzt offen über das sprechen, was sie belastet, und psychologische Hilfe annehmen, wenn sie diese benötigen. Kein Krebspatient muss mit seinen Ängsten allein bleiben.

Welche Hilfe kann ein Psychoonkologe in dieser Situation leisten?

In einer psychoonkologischen Beratung wird zunächst geschaut, welche Probleme, Belastungen und Sorgen der Patient hat, wie er unterstützt werden kann und was ihn entlastet. Auch praktische Hilfen können vermittelt werden, zum Beispiel, wenn eine krebskranke Mutter eine Betreuung für ihre Kinder braucht oder eine Haushaltshilfe benötigt. Bei Ängsten vor der Chemotherapie hilft möglicherweise eine Entspannungstherapie. Auch sportliche Aktivität im Rahmen der Möglichkeiten tut vielen gut und kann helfen, mit Belastungen besser klarzukommen.

Wovor haben Krebspatienten am meisten Angst?

Bei vielen sind es Ängste, die sich konkret auf die bevorstehende Behandlung beziehen. Die Patienten fragen sich: Was kommt da alles auf mich zu? Welche Einschränkungen werde ich haben? Werde ich vielleicht eine Chemotherapie bekommen, die mit Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen verbunden ist? Manche Patienten fühlen sich psychisch zunächst besser, wenn die Therapie angefangen hat, einfach, weil dann etwas gegen den Krebs getan wird.

Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Krebsbehandlung kann es vorkommen, dass Krebspatienten erneut in ein Loch fallen. Sie gelten zwar nun in den Augen der Angehörigen wieder als "gesund", erleben aber möglicherweise noch Einschränkungen. Und sie haben manchmal große Angst, der Krebs könne wieder zurückkommen.

Wie findet man einen Psychoonkologen?

Es hängt davon ab, wo man in Behandlung ist. Wenn man bei einem zertifizierten onkologischen Zentrum oder einem zertifizierten Organzentrum behandelt wird, ist in der Regel ein Psychoonkologe vor Ort. Eine andere Situation liegt vor, wenn die Krebsbehandlung bereits abgeschlossen ist oder die Therapie in einem Zentrum ohne psychoonkologisches Angebot stattfindet. In solchen Fällen können sich Patienten in der Adressdatenbank des Krebsinformationsdienstes orientieren. Die dort aufgelisteten Psychoonkologen sind kompetente Ansprechpartner, die über eine Zulassung als ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut und eine entsprechende Weiterbildung verfügen.

Psychoonkologische Beratung in Ihrer Nähe
Krebskranke und deren Angehörige haben ein Anrecht auf eine psychoonkologische Beratung. Über eine Suchmaschine, die der Krebsinformationsdienst (KID) auf einen Internetseiten veröffentlicht hat, finden Betroffene kompetente Ansprechpartner: Psychoonkologiepraxen an Ihrem Wohnort oder in der Nähe.

Die Psychoonkologie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Sie sieht den Menschen in seiner Gesamtheit von Körper und Seele. Wirkt sich das auch positiv auf die Prognose aus?

Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass eine gute psychische Verfassung die Heilungschancen bei einer Krebserkrankung verbessert. Ich glaube sogar, dass man aufpassen muss, dass man mit solchen Annahmen den Patienten nicht unter Druck setzt. Denn es kann durchaus sein, dass er im Laufe einer Therapie Durchhänger hat und mutlos ist. Da wäre es ganz fatal, wenn aus dem Familienkreis die Aufforderung kommt: "du musst jetzt kämpfen, damit du geheilt wirst".

Damit weist man dem Krebskranken indirekt eine Mitschuld zu, beispielsweise, wenn der Krebs später wiederkehrt. Eine psychoonkologische Betreuung ist sinnvoll, weil eine gute psychische Verfassung die Lebensqualität verbessert.

Kann ein Psychoonkologe auch einem geheilten Patienten helfen?

Durchaus. Es gibt Menschen, die Probleme haben, nach der Therapie wieder an ihr vorheriges Leben anzuknüpfen. Viele haben Angst, dass der Krebs zurückkommt. Bei einigen Krebsarten kann das sogar nach 10 oder 20 Jahren der Fall sein. Ganz sicher ist man nie, ob das Ganze ausgestanden ist. Das kann einzelne Betroffene stark belasten und dazu führen, dass sie eine psychoonkologische Therapie benötigen.

Eine Krebserkrankung stellt für die gesamte Familie eine starke Belastung dar. Gibt es auch für sie Hilfsangebote?

Auch Angehörige können psychoonkologische Angebote in Anspruch nehmen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Krebsberatungsstellen hinweisen, die es in Deutschland in vielen Regionen gibt. Dort arbeiten psychoonkologisch weitergebildete Fachkräfte, die kurzfristig für Gesprächsangebote zur Verfügung stehen. Bei schweren psychischen Belastungen können die Betroffenen an eine psychoonkologische Praxis in der Region weitervermittelt werden.

Welche Sorgen plagen Angehörige am meisten?

Die Belastungen sind sehr vielseitig. Wie bei den Erkrankten ist auch bei den Angehörigen häufig der Alltag komplett auf den Kopf gestellt. Wenn der Erkrankte nicht mehr in der Lage ist, seine Aufgaben in der Familie wahrzunehmen, müssen das die gesunden Angehörigen übernehmen. Und sie begleiten den Patienten möglicherweise bei Fahrten zu Ärzten oder Therapien. Doch nicht nur der praktisch-organisatorische Bereich ist belastend, sondern auch die Sorge um den Erkrankten. Manche entwickeln auch eigene Ängste.

Können Sie das konkretisieren?

Wenn es sich um eine Krebserkrankung handelt, die durch eine erbliche Veranlagung bedingt ist, entwickeln andere Familienmitglieder oft die Befürchtung, dass sie selbst oder ihre Kinder erkranken könnten. Angst bereitet auch die Vorstellung, was geschieht, wenn der Krebs weiter fortschreitet. Wenn keine Heilung mehr möglich ist und die Familie mit einer Sterbesituation und dem bevorstehenden Abschied konfrontiert wird.

Wie geht es weiter, wenn die Hoffnung auf Heilung schwindet?

Es gibt auch für diese Lebensphase vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten. Viele Kranke wünschen sich, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben. Um den Patienten zu Hause zu betreuen, müssen die Angehörigen bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen. Sie sind damit jedoch nicht alleine: Auch daheim ist eine gute pflegerische und medizinische Versorgung möglich.

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Eine allgemeine pflegerische Versorgung gelingt mit Unterstützung der Pflegedienste. Niedergelassene Ärzte stellen die allgemeine palliativmedizinische Versorgung sicher. Sie reicht dann aus, wenn keine besonders belastenden Symptome vorliegen.

In Erkrankungssituationen mit schwer kontrollierbaren Symptomen, wie etwa starken Schmerzzuständen, können auch spezialisierte ambulante Palliativversorgungsteams (SAPV) mit ins Boot geholt werden. Hier sind spezialisierte Ärzte und Pflegekräfte 24 Stunden am Tag erreichbar und kommen im Bedarfsfall ins Haus.

Und was passiert, wenn die Angehörigen nicht dazu in der Lage sind oder der Krebskranke nicht zu Hause bleiben will?

Dann gibt es beispielsweise die Option, in ein Hospiz zu gehen. In solchen Einrichtungen werden todkranke Menschen in der letzten Lebensphase aufgenommen. Ein großer Vorteil ist, dass hier die pflegerische und hauswirtschaftliche Grundversorgung sichergestellt ist und die Angehörigen sich darum nicht kümmern müssen.

Für Angehörige und Nahestehende gibt es vielfältige Möglichkeiten, mit dem Patienten Zeit zu verbringen und ihn weiterhin zu begleiten. Für die medizinische Versorgung kommen niedergelassene Ärzte oder Palliativteams ins Hospiz.

Frau Dr. Weg-Remers, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Transparenzhinweis
  • Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.
Verwendete Quellen
  • Interview
  • Ambulante Psychotherapie für Krebsbetroffene: Psychoonkologiepraxen. Online-Informationen des Krebsinformationsdienstes (KID) am Deutschen Krebsforschungszentrum (dkfz), www.krebsinformationsdienst.de (abgerufen am 8.12.2021)
  • Psychosoziale Krebsberatungsstellen: Unterstützung, Beratung, Information. Suchmaschine mit regionalen Adressen, erstellt vom Krebsinformationsdienstes (KID), www.krebsinformationsdienst.de (abgerufen am 8.12.2021)
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