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Corona-Pandemie: Schwedens langsamer Abschied vom Sonderweg

Geschlossene Grenzen  

Schwedens Sonderweg treibt das Land in die Isolation

Von David Ruch

24.06.2020, 19:58 Uhr
Corona-Pandemie: Schwedens langsamer Abschied vom Sonderweg. Schweden feiert Mittsommer: In Stockholm picknickt eine Gruppe junger Menschen in einem Park. Große Feiern, wie sonst zu diesem Anlass üblich, fallen in diesem Jahr aus. (Quelle: dpa/Andres Kudacki)

Schweden feiert Mittsommer: In Stockholm picknickt eine Gruppe junger Menschen in einem Park. Große Feiern, wie sonst zu diesem Anlass üblich, fallen in diesem Jahr aus. (Quelle: Andres Kudacki/dpa)

Schweden gilt als der Corona-Rebell, weil es anders als das übrige Europa auf strikte Maßnahmen in der Corona-Pandemie verzichtete. Nun bringt die hohe Todesrate die Regierung allmählich in Probleme.

Am Dienstag hat Finnland angekündigt, für den Sommer die Reisebeschränkungen für eine Reihe von europäischen Ländern wieder aufzuheben. Ab dem 13. Juli sollen Reisen aus Ländern wieder möglich sein, die innerhalb einer Zwei-Wochen-Periode weniger als acht neue Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner verzeichnet haben. Nach heutigem Stand fielen darunter Staaten wie Deutschland, Österreich und die Schweiz – Finnlands wichtigstes Nachbarland Schweden dagegen nicht.

Hintergrund ist das Infektionsgeschehen in Schweden und der politische Kurs, den die Regierung in Stockholm in der Corona-Pandemie verfolgt. Anders als die nordischen Nachbarn sowie fast sämtliche Staaten in der Europäischen Union, hat das Land weniger strenge Maßnahmen verfügt. Zwar gelten auch hier bestimmte Corona-Beschränkungen für die Bürger wie ein Besuchsverbot in Altersheimen oder eine maximale Teilnehmergrenze von 50 Personen für öffentliche Versammlungen. Auch waren diesmal große Mittsommer-Feste untersagt. Restaurants, Kneipen und Cafés blieben aber ebenso durchgehend geöffnet wie Schulen und Kindergärten.

Der Kurs ist auch in Schweden hochumstritten, denn inzwischen hat das Land mehr als 5.100 Todesfälle in Verbindung mit dem Virus zu verzeichnen. Innerhalb der Europäischen Union weist das Land damit eine der höchsten Todesraten gemessen an der Einwohnerzahl auf. Nur in den besonders schwer getroffenen Ländern Italien, Spanien, Großbritannien und Belgien ist sie höher. In Deutschland ist die Rate um 80 Prozent niedriger.


Kein Sommerurlaub bei Freunden

Die vergleichsweise hohen Opferzahlen werden mehr und mehr zum Problem für die schwedische Regierung. Die Zustimmung für ihren Umgang mit der Pandemie, die zu Beginn sehr hoch war, sank zuletzt doch deutlich. Am meisten aber schmerzt die Entscheidungsträger in Stockholm die zunehmende Isolation durch die Nachbarn. Denn wie Finnland, das bei halb so vielen Einwohnern gerade einmal rund 330 Corona-Tote zu beklagen hat, wollen auch Norwegen und Dänemark ihre Grenzen für schwedische Staatsbürger in diesem Sommer geschlossen lassen. 

Für schwedische Staatsbürger geschlossen: Die Grenze zwischen Finnland und Schweden in der Region um Pello. (Quelle: imago images/TT)Für schwedische Staatsbürger geschlossen: Die Grenze zwischen Finnland und Schweden in der Region um Pello. (Quelle: TT/imago images)

Das ist bemerkenswert, denn traditionell pflegen die nordischen Staaten enge und gute Beziehungen miteinander. Schon seit einem Abkommen Mitte der 50er Jahre besteht weitgehende Reisefreiheit. Doch auch im größeren Rahmen der EU gehen derzeit viele lieber auf Abstand zu den Schweden. In den Niederlanden und in Zypern lässt man sie gar nicht ins Land, in Österreich nur mit Gesundheitsnachweis. Griechenland verlangt mindestens eine Woche Quarantäne für schwedische Staatsbürger – selbst wenn sie negativ getestet wurden. Deutschland warnt seine Bürger vor Reisen in das Land mit der Begründung, dass Schweden "von Covid-19 stark betroffen" ist.

Unverständnis für die Nachbarn

In Stockholm sorgt die zunehmende Isolation des Corona-Rebellen für Unruhe. Außenministerin Ann Linde versteht vor allem das Verhalten der nordischen Nachbarn nicht, die allesamt die Ausbreitung des Coronavirus weit besser in den Griff bekamen. Im Süden Schwedens seien die Infektionszahlen niedriger als im benachbarten Dänemark, meint Linde. Trotzdem habe es plötzlich Grenzkontrollen gegeben. "Das wird Zeit brauchen, um zu heilen",  zitiert die "New York Times" die Außenministerin. "Es war einfach zu hart."

Anders Tegnell: Seine Corona-Strategie hat vor allem in den Seniorenheimen Schwedens erhebliche Opfer gefordert. (Quelle: imago images/TT)Anders Tegnell: Seine Corona-Strategie hat vor allem in den Seniorenheimen Schwedens erhebliche Opfer gefordert. (Quelle: TT/imago images)

Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell, der Architekt der umstrittenen Corona-Strategie, sieht seine Landsleute nun zum Ziel einer internationalen Kampagne gemacht, die beweisen solle, ihr Land sei auf dem falschen Weg. Tegnell ist überzeugt: "Unsere Immunität ist höher als in den anderen nordischen Staaten." Harte Zahlen, die das untermauern würden, gibt es bislang jedoch nicht.

Tests nicht nur für schwer Erkrankte

Die wachsende Unruhe in der Bevölkerung und die Abschottung der Nachbarstaaten nötigten der Regierung jüngst einen zumindest punktuellen Kursschwenk ab. In kurzer Zeit will sie nun die Testkapazitäten im Land stark ausbauen, um sich selbst und den Bürgern mehr Klarheit über die Lage zu verschaffen und eine Verfolgung von Infektionsketten zu ermöglichen. Noch bis vor Kurzem bekamen in Schweden nur jene einen Test, die mit schweren Symptomen ins Krankenhaus kamen.

Anfang des Monats gab die Regierung umgerechnet etwa 560 Millionen Euro für zusätzliche Tests frei. Damit soll dann auch endlich das selbstgesteckte Ziel von 100.000 Testungen pro Woche erreicht werden, das die Gesundheitsbehörde eigentlich schon im April erreichen wollte. Mitte des Monats lag die Testrate bei lediglich 60.000, was Experten auf logistische Probleme und die regional unterschiedlichen Erfassungssysteme zurückführen.

Krankenhäuser reagierten früher auf die Pandemie

Nicht überall in Schweden ließ man sich so lange Zeit, um auf die Pandemie zu reagieren. Der massive Corona-Ausbruch in Norditalien im März ließ bei Björn Persson die Alarmglocken schrillen. Der Chef der Intensivmedizin sowie Herz- und Lungen-Chirurgie am angesehenen Karolinska-Institut nahe Stockholm setzte mit seinen Kollegen alle Hebel in Bewegung, um rasch die Kapazität an Intensivbetten auszubauen, wie die schwedische Ausgabe des Nachrichtenportals "The Local" schreibt.

Binnen Wochen verfünffachte die Klinik so die Zahl entsprechender Plätze auf 200. In der Spitze waren 140 davon belegt. Es blieben also noch Kapazitäten. Doch Persson bezweifelt, dass Klinik und Personal eine noch größere Belastung hätten tragen können. "Solche Dinge erlebst du sonst nur in Büchern oder Filmen, aber du kannst dir nicht vorstellen, dass dir so etwas widerfährt", sagte er "The Local". "Es war die größte Herausforderung unseres Lebens."

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