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Japan gedenkt des Atombombenabwurfs auf Hiroshima

Von dpa
Aktualisiert am 06.08.2020Lesedauer: 4 Min.
Ein Mann betet vor dem Kenotaph in Hiroshima am 75.
Ein Mann betet vor dem Kenotaph in Hiroshima am 75. Jahrestag des Bombenabwurfs f├╝r die Opfer. (Quelle: Eugene Hoshiko/AP/dpa./dpa)
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Hiroshima (dpa) - Angesichts der Sorgen vor einem neuen atomaren Wettr├╝sten hat die japanische Stadt Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs vor 75 Jahren gedacht.

Hiroshimas B├╝rgermeister Kazumi Matsui rief die Welt auf, sich gegen jegliche Bedrohungen - seien es Atomwaffen oder auch die Corona-Pandemie - zusammenzuschlie├čen. Die Zivilgesellschaft m├╝sse "egozentrischen Nationalismus ablehnen". UN-Generalsekret├Ąr Ant├│nio Guterres warnte in einer Video-Botschaft vor einem erneuten atomaren Wettr├╝sten.

Bei einer wegen der Corona-Pandemie drastisch verkleinerten Gedenkzeremonie legten die Teilnehmer um 8.15 Uhr (Ortszeit) zum Klang einer bronzenen Friedensglocke bei sommerlicher Hitze eine Gedenkminute ein. Zu dem Zeitpunkt hatte der US-Bomber Enola Gay 1945 die erste im Krieg eingesetzte Atombombe mit dem Namen "Little Boy" ├╝ber der Stadt im Westen des Landes abgeworfen. Sch├Ątzungsweise 140.000 Menschen starben, mehr als die H├Ąlfte sofort.

Wegen Corona wurden f├╝r die Zeremonie im Friedenspark nur rund 880 Sitze aufgestellt, weniger als ein Zehntel als ├╝blich. Die Teilnehmer, darunter ├ťberlebende der Atombombe, trugen ├╝berwiegend Masken und mussten Abstand von einander halten.

UN-Generalsekret├Ąr Guterres sagte: "Spaltung, Misstrauen und mangelnder Dialog drohen die Welt zu einem ungez├╝gelten strategischen Nuklearwettbewerb zur├╝ckzubringen." Er wollte selbst an der Gedenkzeremonie in Hiroshima teilnehmen, musste aber wegen der Corona-Pandemie absagen. Das Netz aus R├╝stungskontrolle, Transparenz und vertrauensbildenden Instrumenten, das w├Ąhrend und in der Folge des Kalten Krieges geschaffen worden sei, "franst aus". "Staaten, die Atomwaffen besitzen, modernisieren ihre Arsenale und entwickeln neue und gef├Ąhrliche Waffen und Tr├Ągersysteme", sagte Guterres. "Der einzige Weg, um das nukleare Risiko vollst├Ąndig zu beseitigen, besteht darin, Atomwaffen vollst├Ąndig zu eliminieren."

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Papst Franziskus rief zum Hiroshima-Tag dazu auf, statt ins Wettr├╝sten lieber in die "ganzheitliche Entwicklung" zu investieren. "Heute am 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima wollen wir daran erinnern, dass die f├╝r den R├╝stungswettlauf aufgebrachten Mittel stattdessen zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung der V├Âlker und f├╝r den Naturschutz eingesetzt werden k├Ânnen und m├╝ssen. #Hiroshima75", twitterte er. An den Gouverneur der Pr├Ąfektur Hiroshima schrieb Franziskus zudem dem Nachrichtenportal Vatican News zufolge: "Es war nie deutlicher, dass f├╝r ein Gedeihen des Friedens alle V├Âlker die Waffen des Krieges niederlegen m├╝ssen, vor allem die m├Ąchtigsten und destruktivsten Waffen wie Nuklearwaffen, die ganze St├Ądte und L├Ąnder verkr├╝ppeln und zerst├Âren k├Ânnen."

Auch Bundesau├čenminister Heiko Maas warnte vor einer neuen Runde atomaren Wettr├╝stens. "Die nukleare Abr├╝stung stagniert. Neue Technologien lassen gef├Ąhrliche Ungleichgewichte entstehen", erkl├Ąrte der SPD-Politiker am Mittwochabend in Berlin. Nordkorea fordere mit seinem Griff nach Atomwaffen die ganze Weltgemeinschaft heraus.

Gr├╝ne und Linke forderten zum Hiroshima-Tag Deutschlands Beitritt zum UN-Vertrag zum Kernwaffenverbot und den Abzug der US-Atomwaffen. Die Abr├╝stungspolitische Sprecherin der Linke-Fraktion, Sevim Dagdelen, erkl├Ąrte: "Nur wer bereit ist, selbst auf Atomwaffen zu verzichten, kann dies glaubw├╝rdig von anderen verlangen." Die Gr├╝nen-Sprecherin f├╝r Abr├╝stungspolitik, Katja Keul, sagte: "Sicherheit ist nur ohne Atomwaffen m├Âglich." Man m├╝sse gem├Ą├č dem Bundestagsbeschluss von 2010 "die Atomwaffen zun├Ąchst aus Deutschland und dann aus ganz Europa abziehen". Zudem m├╝ssten EU und NATO "glaubhaft machen, dass es keine Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa geben" werde.

Nordkorea macht trotz internationaler Sanktionen bei der Entwicklung von Atomwaffen einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge Fortschritte. Mehrere L├Ąnder gehen demnach inzwischen davon aus, dass der autokratische Staat "wahrscheinlich kleine nukleare Vorrichtungen entwickelt" hat, die in die Sprengk├Âpfe ballistischer Raketen passen.

Hiroshimas B├╝rgermeister rief die Regierung seines Landes in seiner Rede auf, einem UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen beizutreten. Japan m├╝sse "seine Rolle als Vermittler" zwischen Atomwaffenstaaten und solchen, die keine Atomwaffen besitzen, verst├Ąrken. Vor drei Jahren hatten sich zwei Drittel der Mitgliedsl├Ąnder der Vereinten Nation auf diesen Vertrag verst├Ąndigt. Bislang haben ihn jedoch erst 32 Staaten ratifiziert. Damit er in Kraft treten kann, m├╝ssen es 50 Staaten sein. Atomm├Ąchte wie die USA, Gro├čbritannien, China, Frankreich und Russland haben den Vertrag jedoch nicht unterzeichnet.

Auch die Nato-Staaten lehnen den UN-Atomvertrag ab. Er drohe die Abr├╝stungsbem├╝hungen im Rahmen des vor 50 Jahren in Kraft getreten Atomwaffensperrvertrags (NPT) zu unterlaufen, warnten die Kritiker. Auch Japan, das den NPT 1976 ratifiziert hatte und unter dem atomaren Schutzschild der USA steht, will dem neuen UN-Vertrag nicht beitreten. Regierungschef Shinzo Abe ging auf den UN-Vertrag in seiner Rede am 75. Jahrestag in Hiroshima denn auch nicht ein.

Abe sagte aber, Japan habe als einziges Land, das Opfer von Atombomben im Krieg wurde, die Pflicht, auf eine Abschaffung von Nuklearwaffen weiter hinzuarbeiten. Japan werde alles tun, um eine Welt in dauerhaftem Frieden und frei von Atomwaffen zu realisieren. Die Bedeutung von Hiroshima l├Ąsst jedoch nach. Manche ├ťberlebende beschleicht die Angst, dass sich die Geschichte wiederholen k├Ânnte.

Zwar ist der Pazifismus in Japans Gesellschaft heute tief verankert. Doch die rechtskonservative Regierung von Ministerpr├Ąsident Abe will unter Verweis auf die atomare Bedrohung durch Nordkorea und das Erstarken Chinas das B├╝ndnis mit den USA st├Ąrken und die Rolle des eigenen Milit├Ąrs ausweiten. Es gibt inzwischen sogar Stimmen in Japan, die fordern, dass sich auch Japan atomar bewaffnen sollte. Die Atombomben-Opfer k├Ânnen nur weiter mahnen - bevor auch sie sterben.

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