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Delta in Australien: "Jagd auf Impfstoffe wie bei den 'Hunger Games'"

Delta in Australien  

"Die Informationen der Regierung machen vielen Angst"

Impf-Verunsicherung in Australien

In Australien kippt nach dem jüngsten Corona-Ausbruch die Stimmung. Ein Gesundheitsminister vergleicht die "Jagd auf Impfstoffe" mit einen dystopischen Film. Andernorts machen Impfgegner Stimmung. t-online-Reporterin Anna-Lena Janzen hat mit Australiern an der Gold Coast gesprochen.

Impfen oder nicht impfen? Viele Australier sind verunsichert und halten die Aussagen ihrer Regierung für widersprüchlich. (Quelle: t-online)


In Australien kippt nach dem jüngsten Corona-Ausbruch die Stimmung. Ein Gesundheitsminister vergleicht die "Jagd auf Impfstoffe" mit einem dystopischen Film. Andernorts machen Impfgegner Stimmung. 

Ausverkauftes Klopapier, gestrichene Urlaubspläne und die "Jagd nach Impfstoffen": In Australien wächst der Ärger über die Corona-Lage. Während die Deutschen in den Urlaub fahren, müssen nach einem Ausbruch der Delta-Variante mehr als zehn Millionen der insgesamt 25 Millionen Bürger in Down Under in den Lockdown. Und das, nachdem sie ihr altes Leben praktisch schon zurückhatten. Vielen Australiern dämmert allmählich, dass die "Zero-Covid-Strategie" der Regierung nicht ausreicht, um die Seuche in den Griff zu bekommen. 

Was ist passiert? Die Delta-Variante. Die hoch ansteckende Mutante wurde per Flugzeug ins Land eingeschleppt. Die Behörden gingen vor wie bei früheren Ausbrüchen: testen, isolieren, abriegeln. Doch diesmal kamen sie nicht hinterher. Binnen einer Woche stiegen die Fallzahlen allein im Großraum Sydney von sieben auf mehr als 130 (hier lesen Sie mehr zum jüngsten Corona-Ausbruch in Australien). Der Stand drei Wochen später: 330 Fälle im Bundesstaat New South Wales, auch in anderen Landesteilen wurde die Variante entdeckt und Maßnahmen verhängt.  

Gähnende Leere am Opernhaus in Sydney: Die australische Metropole ist für zwei Wochen abgeriegelt.  (Quelle: Reuters/Loren Elliott)Gähnende Leere am Opernhaus in Sydney: Die australische Metropole ist für zwei Wochen abgeriegelt. (Quelle: Loren Elliott/Reuters)

Ein Rückblick: Während Deutschland im Winter monatelang im Corona-Lockdown ausharrte, segelte Australien geradezu unbehelligt durch die Pandemie. Die "Zero-Covid-Strategie" der australischen Regierung wurde mit Neid und Bewunderung beäugt. Die Eckpfeiler: Strikte Einreise- und Quarantäneregeln sowie eine gut funktionierende Kontaktnachverfolgung. Infizierte und ihre möglichen Kontakte wurden in kürzester Zeit getestet und buchstäblich aus dem Verkehr gezogen. Liefen die Zahlen wie etwa in Melbourne doch mal aus dem Ruder, bekamen die Behörden das Problem mit raschen Lockdowns und Grenzschließungen in den Griff.

Auch diesmal hat sich die Lage in den meisten Regionen eine Woche später schon wieder entspannt. Im Großraum Sydney wartet die Regierung aber immer noch darauf, dass die Infektionszahlen sinken. Erst am Mittwoch wurde der Lockdown um eine Woche verlängert, die Schulen sollen in Teilen von New South Wales geschlossen bleiben. 

Polizei auf Pferden patrouilliert am Bondi Beach in Sydney: Die Metropole ist derzeit im Lockdown. (Quelle: AAP Image/Joel Carrett/dpa)Polizei auf Pferden patrouilliert am Bondi Beach in Sydney: Die Metropole ist derzeit im Lockdown. (Quelle: AAP Image/Joel Carrett/dpa)

Der Epidemiologe Tony Blakely von der Universität Melbourne warnte, dass die Delta-Variante mindestens doppelt so infektiös sei wie die Virusvariante, die Melbourne während der zweiten Welle monatelang in den Lockdown zwang. "Es ist nicht nur eine Situation für New South Wales, das Virus kann sich bewegen und über die Grenzen wandern, also ist es auch ein Problem für den Rest Australiens”, betonte er in Richtung der Staaten, die schon wieder im Normalbetrieb sind. 

Impfkampagne in Australien kommt nicht voran

Das Problem: Während andere Länder kräftig impfen, kommt die Kampagne der australischen Regierung nach vier Monaten noch immer nur schleppend voran. Laut der Statistik-Webseite "Our World in Data" waren bis zum 5. Juli 7,4 Prozent der Bevölkerung zweimal gepikst, insgesamt wurden 8,2 Millionen Dosen verimpft. Im Vergleich: In Deutschland haben bereits 39 Prozent eine vollständige Impfung erhalten, 77,3 Millionen Dosen wurden verabreicht. Australien rangiere beim Impffortschritt auf dem letzten Platz der OECD-Staaten, berichtete der australische Sender 9News.

Es fehlt an Impfstoffen. Die Regierung hatte später als viele andere Länder bestellt, es gab Lieferengpässe und Probleme mit einem Impfstoffkandidaten, der im Land hergestellt werden sollte. Vor allem in Sydney bekommen derzeit viele Impfwillige keinen Termin. Der Gesundheitsminister von New South Wales, Brad Hazzard, verglich die "Jagd nach dem Impfstoff" diese Woche mit Szenen aus "Die Tribute von Panem" – einem dystopischen Film, in dem Menschen bei den sogenannten "Hunger Games" (Hungerspielen) um ihr Überleben kämpfen. 

Bei vielen Australiern hat Premierminister Scott Morrison sein Vertrauen verspielt. Vor Delta hatte er der Presse noch gesagt, die Impfkampagne sei ja "kein Wettlauf". Diese Äußerung erscheint in der jetzigen Situation fast zynisch. Die einstige Gelassenheit fällt seiner Regierung auf die Füße. Denn der Preis für die vermeintliche Freiheit im Land ist groß: Schon seit März 2020 sind die Außengrenzen Australiens dicht. Und das ständige Auf- und Zusperren der Städte macht der Wirtschaft zu schaffen. 

Regierung verkündet Vier-Stufen-Plan

Vergangene Woche dann der Kurswechsel: Premierminister Morrison kündigte einen Vier-Stufen-Plan zur Öffnung an, der an Impfquoten gekoppelt sein soll. Wollt ihr eure Freiheiten zurück, dann müsst ihr gefälligst den Ärmel hochkrempeln, heißt die Ansage der Regierung. Experten hatten zuvor betont, dass etwa 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein sollten, bevor die Grenzen wieder geöffnet werden können.

Premierminister Scott Morrison: Viele Australier haben das Vertrauen verloren. (Quelle: imago images/Lukas Coch)Premierminister Scott Morrison: Viele Australier haben das Vertrauen verloren. (Quelle: Lukas Coch/imago images)

Für verschiedene Berufsgruppen wie Altenpfleger und Mitarbeiter in Quarantäne-Hotels ist die Impfung jetzt Pflicht. Im Gesundheitswesen und in Pflegeberufen sind noch immer viele Leute ohne Schutz gegen das Virus. "Der Plan wird auf wissenschaftlichen Beweisen beruhen", so Morrison, "und nicht auf politischen Meinungen."

Flugpreise schießen in die Höhe

Die Details des Öffnungsplans werden noch ausgearbeitet, Zeitangaben gibt es nicht. Außerdem fehlt es ja an Impfstoff. Also wurden erst mal erneut die Einreiseregeln für australische Reiserückkehrer verschärft. Jetzt dürfen 50 Prozent weniger Menschen als vorher ins Land. Auch Anträge für Ausreisende werden von den Behörden öfter abgeschmettert. Morrison deutete an, dass die Grenzen wohl bis Weihnachten 2022 geschlossen bleiben. Das sorgt für Ängste und Wut. Nicht nur bei den bis zu 34.000 Australiern, die noch immer im Ausland festsitzen und nach Hause zurückkehren wollen.

Nach der jüngsten Ankündigung schossen die Preise für Flugtickets ins Unermessliche: 38.000 australische Dollar verlangte eine Airline für einen Economy-Flug von London nach Sydney im Juli, das sind umgerechnet etwa 24.300 Euro. 

Thema Impfung spaltet die australische Gesellschaft

Im Netz und in den Medien kursieren herzzerreißende Berichte von Familien, die schon seit über zwei Jahren getrennt sind. Australier, die monatelang in Südamerika oder auch Indien feststecken, wo das Virus die Gesundheitssysteme überrollt hat. Oder Einwanderer, die das Land nicht verlassen dürfen, trotz Todes- oder Krankheitsfällen in der Familie im Ausland.


"Nur, weil ihr jede Woche weniger Australier daheim willkommen heißt, bedeutet das nicht, dass es keine Ausbrüche mehr gibt", kritisierte die Regierungschefin von New South Wales, Gladys Berejiklian, den neuen Plan. Sie forderte, das Impfen müsse vorangehen.

Doch das Thema sorgt bei den Australiern für Frust – es spaltet die Gesellschaft. Der Nachrichtensender ABC etwa gibt Tipps, wie man mit Impfgegnern im Familien- oder Bekanntenkreis umgehen soll. Für die einen gibt es nicht genug Impfstoff, die anderen wollen ihn erst gar nicht. In den sozialen Netzwerken bekommen Gruppen, die gegen die Impfungen Stimmung machen, immer mehr Zulauf.

Hohe Impfskepsis im Vergleich zu anderen Ländern

Eine Umfrage des Melbourne Institute im Februar zeigte, dass jeder dritte Australier sich nicht impfen lassen will. Insgesamt 66,2 Prozent der Menschen sagten, sie seien entweder zögerlich oder gegen eine Impfung. In einem Bericht des Imperial College London vom April, der Daten in 29 Ländern zur Pandemie auswertet, heißt es: "Im Vergleich zum November 2020 ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, in allen untersuchten Ländern außer Australien gestiegen."

Viele Menschen sind wegen der Berichte über Blutgerinnsel als mögliche Nebenwirkung des Astrazeneca-Impfstoffes verunsichert. Auf diesen hatte die Regierung bei ihrer Bestellung neben Biontech/Pfizer vor allem gesetzt. Dann änderte sie ihre Empfehlungen zu dem Vakzin mehrfach. Zuletzt hieß es, Astrazeneca sei zwar für über 60-Jährige empfohlen. Nach Absprache mit dem Hausarzt können sich aber Australier jeden Alters damit impfen lassen. Das empfinden viele als unverantwortlich. 

Andere Menschen zögern, weil sie den Grund für eine rasche Impfung noch immer nicht sehen. Vor allem dort, wo die Menschen wenig betroffen sind, zeigt sich das Phänomen der Impfskepsis. Spricht man etwa mit Leuten in Queensland, einem Bundesstaat, der bisher weitgehend von Maßnahmen verschont geblieben ist, hört man es immer wieder: Warum sollten wir uns impfen lassen, wenn die Fallzahlen und Todeszahlen im Land so niedrig sind? Wir warten lieber ab.

Wie geht es mit dem Impfen weiter?

Der solidarische Gedanke scheint für die Impfgegner keine Rolle zu spielen, auch nicht, dass das Land weiter abgeschottet bleibt. Die Tyrannei der Distanz, wie es die Australier nennen, hat in der Pandemie eine neue Dimension angenommen. Sie war lange Zeit ein Segen und hat das Virus in Schach gehalten, für viele ist sie aber mittlerweile zum Fluch geworden.

Mit der Delta-Variante dürfte bei vielen aber die Sorge vor einer Ansteckung wachsen. Von 37 neuen Covid-Patienten im Krankenhaus in New South Wales sind 14 unter 55 Jahren alt und acht unter 35, teilten die Behörden am Mittwoch (Ortszeit) mit. Die Gesundheitsberaterin in dem Bundesstaat bezeichnete das als einen "Weckruf".

Das könnte vor allem bei zögerlichen Menschen zu einem Umdenken beim Impfen führen. Eine Ansteckung und ein schwerwiegender Krankheitsverlauf scheinen mit der neuen Variante, auch wenn die Zahlen weiterhin niedrig sind, doch nicht mehr unwahrscheinlich.

Im Oktober soll eine große Menge neuer Impfstoffe ankommen, verspricht die australische Regierung. Das Land hat 40 Millionen Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs und 25 Millionen Dosen des noch nicht zugelassenen Moderna-Impfstoffs gekauft  – genug, um die gesamte Bevölkerung zu impfen. Aber der Großteil der Lieferungen soll erst in den letzten drei Monaten des Jahres eintreffen. Erst dann wird sich der weitere Weg für Australien abzeichnen.

Insgesamt wurden in Australien mehr als 30.800 Infektionen mit dem Coronavirus verzeichnet. 910 Menschen sind im Zusammenhang einer Covid-19-Erkrankung gestorben.  

Wie die Australier zum Impfen stehen und was sie von den Maßnahmen der Regierung halten – die Interviews von der Gold Coast sehen Sie hier oder oben im Video.

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