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Die große Angst vor Putins Frust

Von Daniel Mützel, Martin Küper

Aktualisiert am 02.03.2022Lesedauer: 6 Min.
Grausame Kriegstaktiken: Russlands Luftwaffe geht anscheinend mit verbotenen Waffen vor – steckt auch der Frust des russischen Machthabers dahinter? (Quelle: t-online)
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Panzer ohne Sprit, weinende Soldaten, Missmanagement auf mehreren Ebenen: Putins Krieg ist bislang ein Desaster, der Kremlchef soll zunehmend frustriert sein. Was jetzt droht, könnte das bisherige Blutvergießen in den Schatten stellen.

Genau sieben Tage ist es her, dass Kremlchef Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine befohlen hat. Wie lokale Medien in Bezugnahme auf offenbar erbeutete Kriegspläne am Mittwoch berichteten, sollte der Feldzug bereits nächste Woche vorbei sein. Die "Spezialoperation" – so die offizielle russische Sprachregelung – sollte demnach innerhalb von 15 Tagen die urbanen Zentren der Ukraine einnehmen und wie von Geisterhand ein stabiles Marionettenregime erschaffen, das von ausreichend Ukrainern akzeptiert wird. So lautet auch westlichen Geheimdiensten zufolge grob der Plan, wie er im Kreml ersonnen wurde.

Stattdessen: Tausende Tote auf beiden Seiten, Granaten auf Wohngebiete, heftiger Widerstand der lokalen Bevölkerung und eine russische Armee, die nur langsam vorankommt.

Neben massiven Logistikproblemen und aufmüpfigen Soldaten scheinen vor allem die partisanenartigen Revolten der Ukrainer die Kremlpläne zu durchkreuzen. Putins Krieg hat derzeit mit mehreren Rückschlägen zu kämpfen, allerdings wäre es naiv zu glauben, dass deswegen die Offensive kurz vor dem Scheitern steht. Im Gegenteil: Für die Ukraine könnte es noch schlimmer kommen.

Glaub' keiner Propaganda, die du selbst erfunden hast

Einer der größten Fehltritte in der Anfangsphase des Kriegs war womöglich, dass Putin seiner eigenen Propaganda auf den Leim gegangen ist. Seine Obsession mit der Ukraine, deren Existenz er leugnet – eindrücklich zur Schau gestellt in seiner revisionistischen Kriegsrede am Vorabend der Invasion –, hat den Kremlchef glauben lassen, das Nachbarland sei schnell erobert. Die russische Armee, so wurde es den Soldaten erzählt, würde von den Ukrainern als "Befreier" empfangen werden.

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Doch statt Blumen für die Besatzer bildete sich im ganzen Land Widerstand gegen Putins Truppen: In der Hauptstadt werden Kalaschnikows verteilt, Freiwilligenverbände kämpfen neben regulären Streitkräften und im Netz verbreiten sich Videos von Zivilisten, die sich Panzern in den Weg stellen.

Wie entschlossen die Ukrainer gegen die Angreifer auftreten, verdeutlicht eine Szene aus der besetzten Stadt Konotop im Norden des Landes. Aufnahmen zeigen einen russischen Soldaten, der mit Handgranaten in den Händen bedrohlich durch eine Gruppe Zivilisten läuft, nur um in sein Auto zu gelangen. Statt in Sicherheit zu gehen, reagieren die Menschen wütend und scheuchen den Soldaten vom Platz.

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In anderen Städten, wie in Mykolajiw oder Energodar im Süden, bauen Einwohner Hunderte Meter lange Barrikaden aus Sandsäcken und zerstörten Autos – angeführt von einer fahnenschwenkenden Menge von Zivilisten, die sich, so scheint es, Putins Panzern in den Weg stellen wollen.

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Ein derart heftiger ukrainischer Widerstand ist nicht nur für eine schnelle russische Offensive ein Problem, sondern auch für einen künftigen moskautreuen Vasallenstaat.

Soldaten lassen Panzer zurück

Auch logistische Probleme plagen Putins Offensive. Berichten zufolge betrifft das insbesondere den 64 Kilometer langen Militärkonvoi, der vor Kiew steht und vermutlich die Hauptstadt erobern soll.

Demnach fehlt es am Nötigsten: Lebensmittel für die Truppe, Sprit für Fahrzeuge, Karten der Region. Augenzeugen berichten von russischen Panzereinheiten, die an Tankstellen Treibstoff stehlen, um überhaupt weiterzukommen. Andere ließen ihre Fahrzeuge einfach am Straßenrand stehen. Die logistischen Probleme sind hausgemacht: Offenbar haben russische Kommandeure die Versorgungswagen zu spät über die Grenze geschickt und die wenigen, die bereits in der Ukraine waren, wurden von ukrainischen Streitkräften gezielt zerstört.

Ukrainische Behörden veröffentlichten zudem Karten und detaillierte Invasionspläne, die offenbar in russischen Militärposten zurückgelassen wurden. Soldaten sind in der Regel dazu angehalten, solche Dokumente zu vernichten, um dem Feind keine sensiblen Informationen zu übermitteln. Das eherne Gesetz wurde wohl in diesem Fall nicht beherzigt. Die ukrainische Armee wird es zu nutzen wissen.

"Welches scheiß‘ Bataillon?"

Auch in Sachen Kommunikation ist der Wurm drin: So soll die Verständigung zwischen Truppenverbänden teils chaotisch ablaufen. Oftmals wird offenbar sogar auf analoge Funkgeräte zurückgegriffen. Das macht es dem ukrainischen Militär leicht, die Feindkommunikation mitzuschneiden.

Die britische Analysefirma Shadowbreak Intl. hat einige dieser abgehörten Gespräche auf Twitter veröffentlicht, die von russischen Soldaten stammen sollen. t-online hat Auszüge der teilweise schwer verständlichen Funksprüche übersetzt.

So beklagt sich "Diamant" im Gespräch mit "Schneesturm", offensichtlich Codenamen, darüber, dass "R" noch nicht fertig sei. Offenbar geht es um ein militärisches Gerät, das dringend benötigt wird. "Fickt euch, ihr verdammten Schafe! Ihr steht schon seit drei Tagen da." Es folgen weitere Schimpfworte und Fragen, wann "R" nun endlich einsatzbereit sei. "Schneesturm" antwortet, er verstehe es auch nicht und verspricht, sich zu kümmern.

In einem zweiten Mitschnitt, ebenfalls von Shadowbreak Intl. ins Netz gestellt, beginnt ein Soldat zu weinen, weil ihm offenbar ein ukrainisches Bataillon auf den Fersen ist. "Welches scheiß‘ Bataillon?", fragt sein Gegenüber, doch der erste Soldat wimmert nur, er habe irgendwo Streitkräfte gesehen. Seine Stimme überschlägt sich dabei immer wieder.

In anderen Fällen hat es die ukrainische Armee geschafft, über die unverschlüsselten Funksprüche die Position der abgehörten Geräte zu lokalisieren und sich sogar direkt an einzelne Soldaten zu wenden – beispielsweise mit dem Angebot von 40.000 Euro, wenn sie sich ergeben.

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Sabotage an der eigenen Truppe

Die Aufnahmen sind weitere Hinweise auf die vielen taktischen Fehler der russischen Militärführung. Laut Shadowbreak Intl., das zahlreiche dieser Gespräche analysiert hat, fehlen teilweise sogar Karten zur Orientierung. Die Mangelausstattung verlangsamt offenbar nicht nur das Vorrücken der Armee, sondern untergräbt auch die Moral der Invasionstruppen.

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Die meisten Soldaten seien junge Wehrpflichtige, die mangelhaft ausgestattet, schlecht trainiert und psychologisch nicht auf den Kampf gegen ein "Brudervolk" vorbereitet seien. Manche seien derart unglücklich mit ihrer Lage, dass sie ihre eigenen Fahrzeuge sabotieren, so das US-Verteidigungsministerium am Dienstag. Andere würden fahnenflüchtig.

"Offenbar waren nicht alle umfassend ausgebildet oder sich überhaupt im Klaren, dass sie in den Kampf geschickt werden", zitieren US-Medien einen Regierungsvertreter. Es gebe "mehrere, voneinander unabhängige" Berichte, dass die Moral der Truppe am Boden sei. Unabhängige Angaben oder gar Zahlen zu desertierten russischen Soldaten gibt es allerdings nicht.

Ein gefährliches Leak

Die lückenhafte Datensicherheit der russischen Armee scheint auch anderweitig ausgebeutet zu werden. Am Dienstag veröffentlichte die "Ukrajinska Prawda" eine mehr als 6.660 Seiten umfassende Liste, die persönliche Daten von mehr als 120.000 in der Ukraine kämpfenden russischen Soldaten enthalten soll – inklusive Namen, Adressen, Geburtsdaten, Dienstnummern und Einsatzorten. Unklar ist, wer die Daten gestohlen hat und wie aktuell sie tatsächlich sind – wirken dürfte die Aktion trotzdem.

"So ein Datenleck hat einen starken psychologischen Effekt auf die betroffene Organisation", sagte der Politologe und Militärexperte Thomas Rid dem Portal "dailydot". "Es hinterlässt ein akutes Gefühl der Verletzbarkeit auf der persönlichen Ebene, sowohl bei den Verantwortlichen als auch bei den Bloßgestellten."

Auf Probleme in der russischen Kriegsmaschine deutet auch ein angeblicher Mordanschlag auf den ukrainischen Präsidenten hin. Tschetschenische Kämpfer – nach dem Machthaber ihres Landes Kadyrowiten genannt – sollen in der Nacht zu Mittwoch zu Wolodymyr Selenskyj geschickt worden sein. Nach Angaben eines Selenskyj-Vertrauten sei der Anschlag vereitelt worden durch einen Hinweis des russischen Geheimdienstes FSB – also jenes Apparates, dem Putin selbst entstiegen ist. Nach unbestätigten Berichten kam der Hinweis von Agenten, die gegen Putins Kriegskurs sind.

Putin zunehmend "frustriert"

Ein Maulwurf in den eigenen Reihen? Nicht unwahrscheinlich, haben sich die US-Geheimdienstinformationen – im Vergleich zur Vergangenheit und entgegen vieler Kritiker – in den letzten Wochen als erstaunlich präzise herausgestellt. Westliche Geheimdienste haben offenbar aktuell einen engen Draht zu Putins Umfeld.

Laut NBC berichten mehrere Geheimdienstquellen von einem "geänderten Verhalten" des Kremlchefs seit Beginn der Offensive. Putin werde weiterhin als "mental stabil" eingestuft, allerdings zeige er sich zunehmend "frustriert". Enge Mitarbeiter bekämen seinen Zorn über den langsamen Kriegsverlauf und die westlichen Sanktionen zu spüren. Dies sei ungewöhnlich.

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Die Frage ist, was ein frustrierter Putin für den Kriegsverlauf bedeutet – vor allem angesichts der Tatsache, dass er die gesamte ukrainische Bevölkerung gegen sich aufgebracht zu haben scheint. Der Ursprungsplan, wie von Experten und mehreren Geheimdiensten skizziert, sah vor, in einer Art Blitzkrieg die größten ukrainischen Städte, vor allem Kiew, einzunehmen, die Regierung auszuschalten, dabei dem ukrainischen Widerstand das Genick zu brechen und eine Marionettenregierung von Moskaus Gnaden einzusetzen.

Sorgen vor einer Eskalation der Gewalt

Weder ging die Blitzkriegtaktik auf noch scheint ein einigermaßen stabiles Besatzungsregime in Reichweite. Ob der 2014 geflohene Ex-Präsident Viktor Janukowitsch, dessen Name in diesem Zusammenhang erwähnt wurde, ein geeigneter Kandidat dafür ist, darf aus ukrainischer Sicht bezweifelt werden.

Beobachter fürchten daher, dass Putin nun zu mehr Gewalt greifen könnte, etwa durch eine grausamere Kriegstaktik wie Flächenbombardements von Wohngebieten, um die ukrainische Bevölkerung zu demoralisieren. Erfahrungen mit dieser Taktik hat Russland bereits im syrischen Aleppo gesammelt, in der Millionenmetropole Charkiw scheint sich ein ähnliches Szenario gerade anzudeuten.

Ein zweites, noch gefährlicheres Szenario hat unter anderem die Putin-Biografin und angesehene Russland-Expertin Fiona Hill beschrieben: den Einsatz taktischer Atomwaffen.

In einem Interview mit dem US-Portal "Politico" sagt Hill über Putins vollkommenes Fehlen irgendwelcher ethischer Grenzen: "Wer denkt, Putin würde etwas Ungewöhnliches und Grausames in seinem Arsenal nicht einsetzen, sollte noch einmal überlegen. Jedes Mal denkt man: Das würde er nicht tun", so Hill. "Nun, er würde. Und das will er uns natürlich wissen lassen."

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