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Plan ging schief: Belarus verpasst Wladimir Putin eine doppelte Ohrfeige


Putin bekommt eine doppelte Ohrfeige


Aktualisiert am 04.04.2022Lesedauer: 5 Min.
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Wladimir Putin: Der russische Präsident hatte die Unterstützung von Belarus in seinem Kriegsplan eingerechnet.Vergrößern des Bildes
Wladimir Putin: Der russische Präsident hatte die Unterstützung von Belarus in seinem Kriegsplan eingerechnet. (Quelle: Kremlin/imago-images-bilder)

Russland will seine Kampfhandlungen um Kiew herunterfahren. Schuld am vorläufigen Scheitern von Putins Feldzug in der Region ist auch die belarussische Armee.

Dieser Plan von Wladimir Putin ist völlig schiefgelaufen: Eigentlich sollte die belarussische Armee an der Seite von Russland im Ukraine-Krieg kämpfen, doch der interne Widerstand war offenbar erheblich. Statt mitzukämpfen, verpasste Belarus dem russischen Präsidenten im übertragenen Sinne zwei Ohrfeigen. So passt das Problem mit Belarus in die Reihe russischer Fehleinschätzungen.

In Putins Kriegsplan hatte die belarussische Armee ursprünglich eine wichtige Aufgabe, auch wenn sie schlecht ausgerüstet und ihre Kampfkraft damit beschränkt ist. So berichteten Deserteure, dass sie von Brest in Richtung Süden vorstoßen sollten, um die Grenze nach Polen zu sichern und damit den Nachschub von Waffen und Munition aus dem Westen in die Ukraine zu unterbinden.

Russische Armee scheitert im Norden der Ukraine

Doch der Plan ist gescheitert, was den Kreml auch zu einem Strategiewechsel gezwungen hat. Das russische Verteidigungsministerium kündigte an, dass es sich bei der "Militäroperation" nun auf die Ostukraine konzentrieren wolle. Am Dienstag fügte es dann noch hinzu, dass die Kampfhandlungen um Kiew "massiv verringert" werden sollen. Das kann natürlich eine militärische Finte sein. Aber es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass sich Moskau den militärischen Realitäten ergibt.

Denn im Norden sind die eigenen Truppen längst auf dem Rückzug. In Irpin – nordwestlich von Kiew – sollen nach Angaben westlicher Journalisten 3.000 russische Soldaten eingekesselt worden sein. Auch in weiteren Orten wurden die russischen Linien immer weiter zurückgedrängt – und mit jedem Kriegstag steigt die Moral der Ukrainer.

Lukaschenko muss sich revanchieren

Der Sturm auf Kiew könnte so als großes militärisches Debakel enden – mit enormen personellen Verlusten und zerstörtem militärischem Gerät auf russischer Seite.

Einen Anteil daran hat auch Belarus. Alexander Lukaschenko – Machthaber von Putins Gnaden – stellte sich zwar von Anfang an auf die Seite des russischen Angriffskrieges. Eine große Wahl hatte er aber nicht, schließlich half ihm Putin, die regimekritischen Proteste in Belarus im vergangenen Jahr niederzuschlagen. Zur Unterstützung schickte der Kreml damals FSB-Agenten und drohte der belarussischen Opposition sogar mit dem Einmarsch. Im Ukraine-Krieg sollte Lukaschenko sich nun revanchieren.

Im Vorfeld des Krieges trainierten die Armeen der beiden Länder nicht nur zusammen bei Manövern den Ernstfall. Lukaschenko ließ auch vor wenigen Wochen seine Verfassung anpassen, sodass Russland Nuklearwaffen auf belarussischem Staatsgebiet stationieren darf. Die russische Armee nutzte Belarus auch als Aufmarschgebiet für seine Invasion. Und ukrainische Städte werden von belarussischem Staatsgebiet mit russischen Raketen beschossen.

All das wäre vor einem Jahr – also vor den Protesten gegen Lukaschenko – noch undenkbar gewesen. Zwar war Belarus auch vorher wirtschaftlich extrem abhängig von Russland, aber der belarussische Diktator versuchte stets in der Bevölkerung zu punkten, indem er die Souveränität seines Landes verbal verteidigte.

Demoralisierung der belarussischen Armee

Damit ist seit vergangenem Jahr Schluss. Im Schatten des russischen Truppenaufmarsches gegen die Ukraine hat Putin auch Belarus vereinnahmt – ohne große Gegenwehr und ohne dass das international groß registriert worden wäre. Die belarussische Opposition ist ohnehin in Teilen ins Ausland geflohen, um den Repressionen des Regimes zu entgehen. In Belarus droht ihnen nicht nur Gefängnis, sondern auch Folter.

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Doch ähnlich wie in der Ukraine unterschätzte der Kreml die Reaktion der Bevölkerung. Das Politikmagazin "Politico" berichtete, dass laut Umfragen nur drei Prozent der Belarussen für die Unterstützung des Krieges in der Ukraine sind.

Anzeichen, dass es doch so kommt, gab es immer wieder. Ab der zweiten Kriegswoche formierten sich lange belarussische Konvois, die allerdings nie über die Grenze in die Ukraine fuhren. Der Grund war offenbar, dass Teile der belarussischen Armee revoltierten.

"Wir wissen, dass unter Offizieren im Militär ein hohes Maß an Demoralisierung herrscht", sagte Franak Viačorka, ein hochrangiger Berater der im Exil lebenden Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, der israelischen Tageszeitung "Israel Hayom". Demnach sind Offiziere und Wehrdienstleistende desertiert, zurückgetreten oder außer Landes geflohen, um nicht kämpfen zu müssen. Die Opposition ging fest davon aus, dass sich Lukaschenko dem Krieg anschließen wollte und hat in den Kreisen der Streitkräfte dagegen mobilisiert.

Putin und Lukaschenko ziehen Notbremse

Vieles spricht dafür, dass ihre Befürchtungen richtig waren. Einer der hochrangigen Militärs, der zurückgetreten sein soll, war der Chef des Generalstabs der belarussischen Streitkräfte, Viktor Gulevich. In einem Brief, den er offenbar an den Verteidigungsminister Viktor Khrenin geschrieben hat, erklärte er, sein Rücktritt sei auf die massive Weigerung von Militäreinheiten zurückzuführen, sich an Operationen gegen die Ukraine zu beteiligen.

Außerdem berichten Menschenrechtsorganisationen, dass in Belarus Männer im Alter von 18 bis 58 Jahren angewiesen wurden, sich in Rekrutierungsbüros der Armee zu melden. Dort sollten ihre Pässe und ihre Handys eingesammelt werden, scheinbar um eine Flucht aus dem Land zu erschweren.

Letztlich hat sich Lukaschenko dann – wahrscheinlich in Rücksprache mit Putin – gegen einen Eingriff in den Ukraine-Krieg entschieden. Das Risiko war wahrscheinlich zu groß, dass sich die eigenen Truppen gegen ihn wenden und am Ende mit der Ukraine kämpfen würden. Das hätte auch seine Macht in Belarus erneut gefährdet.

In Teilen der belarussischen Opposition habe man gar gehofft, dass Lukaschenko diesen "dummen Fehler" mache, wie Viačorka auf Twitter schreibt. Doch der belarussische Diktator stellte im Parlament kürzlich klar: "Belarus wird nicht an der Spezialoperation der Russischen Föderation in der Ukraine teilnehmen."

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Zweite Ohrfeige für Putin

Nicht kämpfen? Viele belarussische Soldaten wollen offenbar noch weiter gehen. Sie haben sich für ukrainische Freiwilligenverbände gemeldet, um gegen Russland zu kämpfen. Das ist die zweite Ohrfeige für Putin.

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Es ist unklar, um wie viele belarussische Kämpfer es genau geht. Doch es dürften Hunderte sein. Am Sonntag berichtete die ukrainische Zeitung "Prawda", dass sich ein ganzes Bataillon mit 200 belarussischen Kämpfern der Ukraine angeschlossen habe. In den sozialen Netzwerken kursieren Bilder von belarussischen Soldaten, die in ukrainischen Städten kämpfen – zum Beispiel am Schwarzen Meer oder in Mariupol.

Damit nicht genug, denn Russland bekommt auch in Belarus immer mehr Gegenwehr. So legten Saboteure zum Beispiel Bahnschienen lahm, damit die russische Armee militärisches Gerät nicht mehr schnell an die Grenze verlegen kann.

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"Lukaschenko ist nur noch eine Puppe von Putin", sagte ein belarussischer Soldat, der für die Ukraine kämpft, dem US-Sender ABC News. Sie sehen sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Ukraine, im Kampf um ihre Unabhängigkeit von Russland. "Hoffentlich wird Lukaschenko in der Ukraine eingreifen. Dann werden wir seine Truppen auf ukrainischem Boden zerstören und dann weniger Probleme haben, wenn wir in unser Heimatland zurückkehren."

Es sind Aussagen, die zeigen, wie schwierig es für Putin sein wird, seine Großmachtfantasien zu verwirklichen. Die Gegenwehr nimmt immer weiter zu – in der Ukraine, aber auch in Belarus.

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