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Was der Ukraine an der östlichen Front droht

  • Jannik Meyer
Von Lisa Becke, Jannik Meyer

Aktualisiert am 20.04.2022Lesedauer: 6 Min.
Ein ukrainischer Soldat vor einem brennenden GebÀude in Kharkiv: Damit habe die "zweite Phase des Krieges" begonnen.
Ein ukrainischer Soldat vor einem brennenden GebÀude in Kharkiv: Damit habe die "zweite Phase des Krieges" begonnen. (Quelle: Alex Chan Tsz Yuk/Zuma/imago-images-bilder)
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Russland hat die zweite Phase des Krieges in der Ukraine eingelĂ€utet und greift verstĂ€rkt im Osten an. Experten sehen mehrere mögliche Strategien. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Das Wichtigste im Überblick


"Wir können jetzt sagen, dass die russischen Truppen die Schlacht um den Donbass begonnen haben, auf die sie sich so lange vorbereitet haben", sagte der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj am Montagabend. Seitdem melden Behörden Explosionen in zahlreichen StÀdten an der östlichen Front, in Charkiw, Mykolajiw und Dnipro.

Viele Beobachter denken, dass die Schlacht um den Donbass blutiger wird als die bisherigen KĂ€mpfe. Was ist zu erwarten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Warum der Donbass?

Dass Russland die Region angreift, kommt nicht ĂŒberraschend. Nachdem der russische Angriff auf die Hauptstadt Kiew gescheitert war, hat Moskau erklĂ€rt, sich auf den Donbass konzentrieren zu wollen.

Im Donbass kĂ€mpfen von Moskau unterstĂŒtzte Separatisten seit acht Jahren gegen ukrainische Truppen. Dort haben sie zwei unabhĂ€ngige Republiken ausgerufen, die von Russland vor der Invasion in die Ukraine im Februar anerkannt wurden. Ein russisches Ziel ist nun, die noch nicht kontrollierten Teile der Region einzunehmen. Das wĂŒrde es Russland ermöglichen, einen sĂŒdlichen Korridor zu der 2014 annektierten Krim-Halbinsel herzustellen.

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Hat die "Schlacht um den Donbass" wirklich begonnen?

Davon ist auszugehen. Russland hat in der Nacht zum Dienstag nach eigenen Angaben Dutzende Luftangriffe im Osten der Ukraine geflogen – dies war nach Angaben der Regierung in Kiew der Beginn der befĂŒrchteten russischen Großoffensive im Osten des Landes.

"Es werden Anzeichen des Beginns der Offensive in der östlichen Operationszone festgestellt", so der Generalstab in Kiew. Damit habe die "zweite Phase des Krieges begonnen", so der Leiter des PrĂ€sidentenbĂŒros, Andrij Jermak.

Der ukrainische PrÀsident Selenskyj in der Videoansprache: "Wir können jetzt sagen, dass die russischen Truppen die Schlacht um den Donbass begonnen haben, auf die sie sich so lange vorbereitet haben."
Der ukrainische PrÀsident Selenskyj in der Videoansprache: "Wir können jetzt sagen, dass die russischen Truppen die Schlacht um den Donbass begonnen haben, auf die sie sich so lange vorbereitet haben." (Quelle: Zuma Press/imago-images-bilder)

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte mit Blick auf die Separatistengebiete: "Wir setzen unseren Plan zur Befreiung der Volksrepubliken Donezk und Luhansk schrittweise um."

Insgesamt seien in der Nacht 1.260 militĂ€rische Ziele durch Raketen und Artillerie getroffen worden, so das russische Verteidigungsministerium. In der Region Donezk sind nach Angaben ukrainischer Medien vor allem die StĂ€dte Marinka, Slawjansk und Kramatorsk unter Beschuss geraten. Auch in Charkiw im Nordosten sowie in Saporischschja im SĂŒdosten habe es mehrere Explosionen gegeben.

An manchen Stellen gelang den russischen Truppen dabei der Durchbruch: In der ostukrainischen Kleinstadt Kreminna haben russische Truppen nach Angaben der örtlichen Behörden die Kontrolle ĂŒbernommen.

Zivilisten bereiten sich auf die Evakuierung aus Nikolske im Osten der Ukraine vor: Russische Truppen haben Dutzende Luftangriffe in dem Teil des Landes geflogen.
Zivilisten bereiten sich auf die Evakuierung aus Nikolske im Osten der Ukraine vor: Russische Truppen haben Dutzende Luftangriffe in dem Teil des Landes geflogen. (Quelle: Itar-Tass/imago-images-bilder)

Zudem versuchen russische Truppen erneut, das Stahlwerk in Mariupol zu erstĂŒrmen, in das sich ukrainische Soldaten und auslĂ€ndische KĂ€mpfer, aber auch Zivilisten zurĂŒckgezogen haben. Mehr dazu lesen Sie hier.

Was ist zu erwarten?

MilitĂ€ranalysten gehen davon aus, dass es durch die Konzentration auf den Osten der Ukraine zu einem langwierigen Kampf kommt, mit schweren Verlusten fĂŒr beide Seiten.

"Der beste Weg fĂŒr die Ukrainer, sich zu verteidigen, ist, die Positionen zu halten und einen Abnutzungskrieg zu fĂŒhren", sagt etwa John Spencer, Leiter der "Urban Warfare Studies" am New Yorker Thinktank "Madison Policy Forum".

Wie werden die Truppen vorgehen?

Russland werde wohl zunĂ€chst versuchen, mit LuftschlĂ€gen wichtige militĂ€rische und Infrastrukturziele zu zerstören, sagt Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) t-online. Offen sei, ob Russland versuchen werde, große StĂ€dte zu belagern oder zu erstĂŒrmen. "Letzteres bindet eine Vielzahl an KrĂ€ften, die dann an anderer Stelle fehlen", so die Russland- und Verteidigungsexpertin.

Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik forscht zur Sicherheits- und MilitÀrpolitik Russlands.
Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik forscht zur Sicherheits- und MilitÀrpolitik Russlands. (Quelle: SWP)

Klein geht davon aus, dass "Russland erneut und weiterhin die Zivilbevölkerung ins Visier nimmt", um – im Sinne psychologischer KriegsfĂŒhrung – zu versuchen, deren Widerstandswillen zu brechen.

Die ukrainischen StreitkrĂ€fte hingegen wĂŒrden versuchen, "die Logistik-, Kommunikations- und Nachschublinien der russischen StreitkrĂ€fte zu unterbinden, auch durch gezielte Gegenoffensiven, um dadurch den russischen Vormarsch zu verzögern", so die Wissenschaftlerin.

Wer wird die Schlacht gewinnen?

Experten skizzieren unterschiedliche Szenarien. Die US-Denkfabrik "Institute for the Study of War" geht davon aus, dass der Angriff nicht "deutlich erfolgreicher als vorherige russische Offensiven" sein wird. WĂ€hrend die russischen StreitkrĂ€fte in der Lage sein könnten, die ukrainischen Stellungen durch "starke Konzentration der Feuerkraft und das schiere Gewicht der Zahlen" zu zermĂŒrben und auch kleinere Gewinne zu erzielen, "bleibt ein dramatischer russischer Offensiverfolg höchst unwahrscheinlich", heißt es darin.

Denn die russischen StreitkrĂ€fte hĂ€tten keine "Pause" eingelegt, um beschĂ€digte Einheiten "wieder aufzubauen" und ordnungsgemĂ€ĂŸ zu integrieren. Berichte ĂŒber mangelnde russische Kampfesmoral und logistische Herausforderungen zeigten, dass "die effektive Kampfkraft russischer Einheiten in der Ostukraine nur einen Bruchteil ihrer zahlenmĂ€ĂŸigen StĂ€rke auf dem Papier ausmacht“, so das Institut.

Dieses Szenario sieht auch der britische MilitĂ€ranalyst Jack Watling als eine Möglichkeit: Demnach sei es möglich, dass die russischen Truppen auch hier von "Panzerabwehrraketen, Artillerie und ukrainischer Entschlossenheit" gestoppt wĂŒrden, "weil die Ukrainer jetzt auch weniger Achsen haben, die sie verteidigen mĂŒssen", so Watling im "Spiegel".

Ein russischer Soldat bedient einen Raketenwerfer fĂŒr ballistische Kurzstreckenraketen in der Region um Charkiw: Ein deutlicher russischer Offensiverfolg sei unwahrscheinlich, so eine US-Denkfabrik.
Ein russischer Soldat bedient einen Raketenwerfer fĂŒr ballistische Kurzstreckenraketen in der Region um Charkiw: Ein deutlicher russischer Offensiverfolg sei unwahrscheinlich, so eine US-Denkfabrik. (Quelle: Mikhail Voskresenskyj/imago-images-bilder)

Auch schlammiger Boden durch Dauerregen könnte die russische Offensive erschweren: Wie schon um Kiew könnten russische Fahrzeuge darin steckenbleiben – Zeit, die die Ukraine dringend benötigen könnte, etwa bis zum Eintreffen weiterer Waffenlieferungen.

Andererseits ist es Watlings EinschÀtzung nach auch möglich, dass die russischen KÀmpfer ein "gewisses Momentum" aufbauen können, wodurch sie dieses Mal effektiver wÀren. "Auch, weil sie eine realistischere Vorstellung davon haben, womit sie es zu tun haben", so der MilitÀranalyst.

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Auch ist es möglich, dass Russland die Überlegenheit seiner militĂ€rischen AusrĂŒstung in dieser Phase des Krieges besser ausspielen könnte: In flachem, offenem GelĂ€nde können die ukrainischen KĂ€mpfer anders als bislang weniger mit kleinen, mobilen Einheiten operieren. Die russischen Truppen "wollen unbedingt dort kĂ€mpfen, wo ihre Raketen, Artillerie und Panzer effektiver sind", so Spencer von der Denkfabrik "Madison Policy Forum" im "Spiegel". Denn mit urbaner KriegsfĂŒhrung hĂ€tten sich die Russen bisher schwergetan, was auch ihre Niederlage im Norden erklĂ€re.

Wie sind die Truppen beider Seiten aufgestellt?

Nach Angaben des ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyj werde nun ein "sehr großer Teil der russischen Truppen" fĂŒr diese Offensive verwendet. Auch nach EinschĂ€tzung der US-Regierung hat Russland seine Truppen im Osten und SĂŒden der Ukraine deutlich verstĂ€rkt: In den vergangenen Tagen seien mehr als zehn sogenannte taktische KampfverbĂ€nde dorthin verlegt worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Montag; insgesamt seien es jetzt mehr als 76. Laut BBC umfasst eine solche Kampfgruppe normalerweise rund 700 bis 900 Soldaten.

Auf der anderen Seite gehören die ukrainischen KrÀfte im Donbass zu den am besten ausgebildeten und trainierten Einheiten der Ukraine. "Inwieweit sie erfolgreich gegen die russischen StreitkrÀfte bestehen können, hÀngt aber entscheidend von ihrer materiellen Ausstattung ab", sagt die Expertin Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik t-online.

Denn anders als Russland könne die Ukraine nur bedingt neue KrĂ€fte generieren, Russland dagegen VerstĂ€rkung aus anderen Landesteilen in die Ukraine schicken. "Daher ist die Ausstattung mit Waffen und AusrĂŒstung fĂŒr die ukrainischen StreitkrĂ€fte so essenziell", so Klein, "insbesondere mit Luftabwehr, Panzerabwehr, aber auch Artillerie".

Was tut der Westen?

Angesichts der russischen Offensive in der Ostukraine will US-PrĂ€sident Joe Biden am Dienstag mit den westlichen VerbĂŒndeten ĂŒber das weitere Vorgehen beraten. Das teilte das PrĂ€sidialamt in Washington mit. An dem GesprĂ€ch sollen nach britischen Angaben die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, RumĂ€nien sowie die FĂŒhrungsspitzen von Nato und EU teilnehmen. Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire sagte, er hoffe, dass die EU in den kommenden Wochen auch Ölimporte aus Russland stoppen werde.

In Deutschland geht derweil die Debatte um die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine weiter. Der designierte FDP-GeneralsekretĂ€r Bijan Djir-Sarai forderte eine zĂŒgige Entscheidung. "Die Zeit drĂ€ngt", sagte Djir-Sarai im Deutschlandfunk. Die Union will notfalls selbst im Bundestag einen Antrag einbringen. Deutschland hat bisher unter anderem PanzerfĂ€uste, Luftabwehrraketen und Maschinengewehre geliefert, außerdem Fahrzeuge, NachtsichtgerĂ€te und SchutzausrĂŒstung. Die Ukraine fordert aber auch schwere Waffen wie Kampfpanzer, ArtilleriegeschĂŒtze und Kampfhubschrauber.

WĂŒrde Putin sich mit dem Donbass zufriedengeben?

Das ist unklar. "Im Moment konzentriert sich Russland auf die Ost- und SĂŒdostukraine; folgt man den Aussagen der russischen FĂŒhrung, geht es letztlich aber immer noch um die Kontrolle ĂŒber die gesamte Ukraine – egal, ob direkt durch russische StreitkrĂ€fte besetzt oder in der Perspektive durch pro-russische KrĂ€fte kontrolliert", so Expertin Klein.

Auch auf ukrainischer Seite ist man sich sicher, dass Moskaus Ziele wahrscheinlich nach wie vor grĂ¶ĂŸer als der Donbass sind: Putin wolle die ukrainischen Einheiten in der Schlacht um den Donbass zerstören, um dann erneut zu versuchen, den Rest des Landes einzunehmen.

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