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Putins Luftwaffe ist im Tiefflug

Von Patrick Diekmann

Aktualisiert am 21.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Ungewöhnliche Taktik: Die russische Luftwaffe passt ihre Strategie in der Ostukraine an – doch das birgt auch neue Risiken. (Quelle: t-online)
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Die Ukraine verfĂŒgt ĂŒber immer mehr Luftabwehrwaffen – das stellt Russland vor große Probleme. Die ukrainische Luftwaffe schafft es dagegen erfolgreich, mit kreativen Tricks ihrer Vernichtung zu entgehen.

Mariupol ist nun offenbar gefallen und komplett unter russischer Kontrolle. Die ukrainischen Verteidiger der strategisch wichtigen Hafenstadt leisteten erbitterten Widerstand und hielten lange Zeit durch, obwohl sie seit Anfang MÀrz eingekesselt waren. Die ukrainische Armee versorgte ihre Truppen in der Stadt in dieser Zeit aus der Luft und PrÀsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich am 20. Mai bei seinen Piloten: "Die Piloten riskierten ihr Leben, um Nachschub nach Asowstal zu liefern."


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Bei dem Versuch, das eingekesselte Mariupol zu versorgen, starben nach ukrainischen Angaben viele Piloten durch russische Flugabwehr. Das zeigt aber, dass Russland auch im Osten der Ukraine keine LuftĂŒberlegenheit hat. Vor allem ukrainische Luftabwehrwaffen sorgen dafĂŒr, dass der russische PrĂ€sident Wladimir Putin seine Luftwaffe viel vorsichtiger einsetzen muss.

Region Kiew: In einer Ortschaft liegt das Wrack einer abgeschossenen Suchoi Su-34.
Region Kiew: In einer Ortschaft liegt das Wrack einer abgeschossenen Suchoi Su-34. (Quelle: imago-images-bilder)
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Russland kÀmpft mit erheblichen Problemen

Die russischen StreitkrÀfte konzentrierten nach eigenen Angaben ihre aktuellen EinsÀtze auf das frontnahe Hinterland der Ukraine. Ziele sind aktuell vor allem logistische Knotenpunkte und militÀrische Infrastruktur, auch der Bombenterror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung geht weiter.

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, berichtete am Freitag von Attacken auf die Ortschaften Bachmut, Berestowe, Kostjantyniwka, Masljakiwka, Pokrowske, Soledar im Gebiet Donezk und die Stadt Tschuhujiw im Gebiet Charkiw.

Dabei seien durch russische Boden-Luft-Raketen unter anderem vier gegnerische GefechtsstĂ€nde und sieben Depots vernichtet worden. Russlands RaketenstreitkrĂ€fte und Artillerie wiederum hĂ€tten 3 Depots und 24 Artillerie- und Raketenwerfer-Stellungen zerstört, sagte Konaschenkow. Daneben haben nach seinen Angaben Heeresflieger und taktische Luftwaffe 280 Soldaten und 59 gepanzerte MilitĂ€rfahrzeuge liquidiert. UnabhĂ€ngig konnten diese Angaben nicht ĂŒberprĂŒft werden.

Einsatz einer Stinger-Flugabwehr (Symbolbild): Der Westen beliefert die Ukraine mit diesen Systemen.
Einsatz einer Stinger-Flugabwehr (Symbolbild): Der Westen beliefert die Ukraine mit diesen Systemen. (Quelle: imago-images-bilder)

Russlands Luftwaffe kĂ€mpft im Osten der Ukraine aber auch mit erheblichen Problemen. "Die russischen Kampfflugzeuge können sich nicht wirklich frei bewegen", sagte der Russland- und MilitĂ€rexperte Gustav Gressel im GesprĂ€ch mit t-online. "Die Piloten mĂŒssen enorm tief fliegen, damit sie nicht mit Stinger-Raketen abgeschossen werden können." Die Folge: Russland kann seine PanzerverbĂ€nde nicht ausreichend aus der Luft gegen Hinterhalte sichern.

"Russische Piloten können nicht wie Aasgeier kreisen"

Wenn Kampfflugzeuge und Helikopter mit hoher Geschwindigkeit und knapp ĂŒber dem Boden fliegen, haben die Piloten keine Zeit und keine Sicht, um selbst Ziele anzuvisieren. Die russische Luftwaffe ist in der Ostukraine also auf Bodentruppen angewiesen, die den Piloten im Einsatz Ziele genau markieren. "Die russischen Piloten können nicht wie Aasgeier ĂŒber der Front kreisen und sich Ziele suchen", bestĂ€tigte Gressel.

Deshalb fliegt die russische Luftwaffe laut MilitĂ€rexperten aktuell nicht viele EinsĂ€tze in der Ukraine. Probleme sind aus russischer Perspektive sicherlich auch die ukrainische Luftabwehr und die hohe FlexibilitĂ€t der ukrainischen VerbĂ€nde an der Front. "Russische Flugzeuge meiden weiterhin grĂ¶ĂŸtenteils EinsĂ€tze ĂŒber der Ukraine, wahrscheinlich wegen der Bedrohung durch intakte ukrainische Luftverteidigungssysteme", schreibt das britische Verteidigungsministerium auf Twitter.

Doch die Briten vermuten auch, dass die russischen Truppen nicht genug Piloten und Drohnen zur VerfĂŒgung haben könnten. Letzteres wĂ€re vor allem fĂŒr AufklĂ€rung und die Koordination der Luftangriffe wichtig. Die russische Armee steckt auf jeden Fall in einem Dilemma: Da sie zu wenig Infanterie am Boden hat, werden die EinsĂ€tze von Kampfhubschraubern und Flugzeugen deutlich gefĂ€hrlicher.

Weniger russische Luftangriffe im Osten

Wenn die russische Luftwaffe weniger im Einsatz ist, eröffnet das wiederum Chancen fĂŒr die Ukraine. In der vergangenen Woche gab es im Osten einige EinsĂ€tze von ukrainischen Kampfflugzeugen, die zum Beispiel die ukrainische Gegenoffensive um Isjum unterstĂŒtzten. Das ist bemerkenswert, denn der Kreml hatte schon am zweiten Kriegstag die eigene Lufthoheit ĂŒber der Ukraine vermeldet. Das war ein Trugschluss, wie nun schon etwas lĂ€nger feststeht.

"Die ukrainischen Luftangriffe sind ein Indiz dafĂŒr, dass die Russen in der Region momentan nicht viel fliegen", meinte Gressel. "Denn sonst wĂŒrde die Ukraine ihre Kampfflugzeuge und Piloten nicht riskieren, weil sie nicht so viele haben." Zwar haben westliche Staaten in den vergangenen Jahren die Ukraine hochgerĂŒstet, aber Ă€hnlich wie die Marine galt die ukrainische Luftwaffe noch immer als schwach und rĂŒckstĂ€ndig – die Maschinen stammen grĂ¶ĂŸtenteils noch aus BestĂ€nden der Sowjetunion.

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Trotzdem ist sie noch immer einsatzfĂ€hig, trotz massiver russischer Raketen- und Luftangriffe gegen ukrainische FlugplĂ€tze. "Die ukrainischen Kampfflugzeuge sind auf das ganze Land verteilt, sie starten von kleineren FlughĂ€fen, werden in Scheunen versteckt und starten teilweise von Autobahnen oder Bundesstraßen", erklĂ€rte Gressel. "Sie starten irgendwo in der PrĂ€rie, sammeln sich und zerstreuen sich nach dem Einsatz wieder." Aufgrund mangelnder AufklĂ€rung gelang es Russland bislang nicht, diese improvisierten Standorte der ukrainischen Luftwaffe auszuschalten.

Erfolgreiche ukrainische Luftangriffe

Deswegen kann die Ukraine auch aus der Luft immer wieder Erfolge feiern. So attackierten ukrainische Kampfflugzeuge zusammen mit Bayraktar TB-2-Drohnen in der ersten Maiwoche effektiv russische Stellungen auf der strategisch wichtigen Schlangeninsel. Besonders die Drohnen machen im Schwarzen Meer der russischen Marine zu schaffen, immer wieder greift die Ukraine erfolgreich Versorgungsschiffe an. Seitdem der russische Raketenkreuzer "Moskwa" mit seinem S-300-Flugabwehrsystem versenkt wurde, hat die Ukraine mehr strategische Möglichkeiten aus der Luft.

Bislang lehnt der Westen es aber ab, Kampfflugzeuge an die Ukraine zu liefern. Aus Polen oder der Slowakei kamen aber zumindest Ersatzteile, wahrscheinlich fĂŒr das Flugzeugmodell MiG-29. Über der Ukraine sah man zuletzt aber mehr Su-27 oder Su-25 und der ukrainische Generalstab stellte Anfang Mai klar: Jagdmaschinen, Bomber und Erdkampfflugzeuge erfĂŒllten "weiterhin Aufgaben im ukrainischen Luftraum". Damit das so bleiben kann, wird irgendwann weiter Nachschub nötig sein – vor allem aus dem Westen.

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