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Kim Jong-un: "Wissen nicht, wann er den Abzug drückt" | Nordkorea


Kim Jong-un feuert Raketen
"So dramatisch wie seit 1950 nicht mehr"

Von t-online, cc

Aktualisiert am 29.01.2024Lesedauer: 4 Min.
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Kim Jong-un: Neue Waffentests bereiten Sorgen. (Quelle: reuters)
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Spötter nennen Kim Jong-un den "Mann mit der Rakete": Doch neue Waffentests bereiten Experten große Sorgen. Sie trauen Nordkoreas Regime das Schlimmste zu.

7.421 Sekunden lang war die erste, 7.445 Sekunden die zweite Rakete unterwegs, die das nordkoreanische Regime am Sonntagmorgen (Ortszeit) vor der koreanischen Halbinsel abgefeuert hatte. So berichten es die staatliche Nachrichtenagentur KCNA und die amtliche Zeitung "Rodong Sinmun". Die Raketen seien in der Nähe der Hafenstadt Sinpo gestartet worden. Sinpo ist ein wichtiger Standort der nordkoreanischen Marine.

Noch hellhöriger als die Flugzeit von gut zwei Stunden dürfte Experten der Umstand machen, dass die Geschosse wohl vom Wasser aus abgefeuert worden waren. Erst im vergangenen Jahr hatte das Kim-Regime ein U-Boot vorgestellt, das erstmals auch über die Fähigkeit verfügen soll, ballistische Raketen ebenso wie Marschflugkörper abzufeuern. Letzteres wäre neu.

Dass das Regime von Diktator Kim Jong-un fleißig Raketen abschießt, um seine Gegner zu beeindrucken, ist bekannt. Neu ist jedoch die Art der Flugkörper, die das Militär des Landes in den Himmel geschossen haben will: Laut Angaben aus Pjöngjang soll es sich um "strategische Marschflugkörper" gehandelt haben, die da Richtung Südkorea und Japan flogen. Laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap handelte es sich um einen neu entwickelten Raketentyp (SLCM) mit dem Codenamen Pulhwasal-3-31.

Ein solcher Raketentyp könnte mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden und stellt für die demokratischen Nachbarn Südkorea oder Japan eine ernsthafte Bedrohung dar. Nordkoreas erklärtes Ziel ist es, seine atomare Aufrüstung voranzutreiben. Ungeachtet aller Rüstungssanktionen durch die Vereinten Nationen ist das Kim-Regime zudem zu einem bedeutenden Waffenlieferanten geworden, das seine Militärtechnik fleißig exportiert. Spätestens seit dem Ukrainekrieg kooperiert es auch mit dem russischen Diktator Wladimir Putin.

Vermutlich nicht nur symbolische Abschreckung

So soll Nordkorea der russischen Armee bereits mehr als eine Million Artilleriegeschosse geliefert haben. Das Land fungiert damit als einer der wichtigsten Unterstützer Russlands im völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im Gegenzug könnte Russland dem Machthaber in Pjöngjang bei der Weiterentwicklung des Nuklearprogramms und anderer komplexer Militärtechnik geholfen haben.

Laut Geheimdienstinformationen dient der Ukrainekrieg dem Kim-Regime als willkommenes Testgelände für die eigenen Waffen. Wie ukrainische Stellen berichteten, wurden im Januar bereits ukrainische Städte mit nordkoreanischen Raketen angegriffen.

In Nordkorea lässt Kim ebenfalls regelmäßig Raketen aufsteigen. Der Test vom frühen Sonntagmorgen war bereits der zweite dieser Art innerhalb einer Woche. Überwacht wurde er offenbar durch den Diktator persönlich, wie staatliche Medien berichteten. Seit einiger Zeit hat Kim seinen Konfrontationskurs gegenüber dem Nachbarn Südkorea, aber auch gegen westliche Staaten wie die USA oder Japan verschärft. Die Raketentests sind ein wesentlicher Pfeiler dieser Abschreckungs- und Einschüchterungsstrategie.

"In weniger als fünf Minuten könnte Rakete Hauptstädte erreichen"

Inzwischen verfügt Nordkorea bereits über ein beachtliches Arsenal von ballistischen Raketen, also solchen, die auf einer vorgegebenen Flugbahn bleiben. Zum Teil mit großer Reichweite: Nordkoreanische Interkontinentalraketen sollen angeblich in der Lage sein, amerikanisches Festland zu erreichen. Verfügten Kims Generäle nun auch über lenkfähige Marschflugkörper, würde dies das Bedrohungspotenzial noch einmal erhöhen.

Südkoreas Regierung zeigte sich besorgt angesichts der neuerlichen Eskalation. "Während wir unsere Überwachung und Wachsamkeit verstärken, arbeitet unser Militär eng mit den Vereinigten Staaten zusammen und beobachtet weitere Anzeichen und Aktivitäten aus Nordkorea", hieß es laut Nachrichtenagenturen in einer Erklärung aus Seoul.

"Wenn es sich dabei tatsächlich um einen nuklearen Sprengkopf handelt und er mitten im Japanischen Meer abgefeuert würde, dann wären Tokio und Seoul jeweils nur 500 Kilometer davon weit entfernt", sagte der frühere japanische Vizeadmiral Yoji Koda vor wenigen Tagen dem "Spiegel". "In weniger als fünf Minuten könnte die atomare Rakete unsere Hauptstädte erreichen. Japan und Südkorea müssten dann versuchen, die Rakete abzufangen. Andernfalls würden Millionen Menschen sterben." Diese Möglichkeit muss inzwischen zumindest in Betracht gezogen werden.

Wohl kein Interesse an Waffengang

Koda fordert daher von den Regierungen in Seoul und Tokio eine verstärkte militärische Zusammenarbeit, um der wachsenden Gefahr durch Nordkorea zu begegnen. Eine solche strategische Kooperation hat Pjöngjang seinerseits mit dem Verbündeten Russland schon etabliert.

Für Südkoreas Schutzmacht USA käme ein größerer Konflikt auf der nordkoreanischen Halbinsel zur Unzeit. Angesichts multipler Krisenherde und einer auch für die amerikanischen Streitkräfte zum Teil bereits angespannten Lage hat die Regierung in Washington kein Interesse an einem Waffengang mit Nordkorea.

Umso mehr fühlt sich Diktator Kim wohl ermutigt, seine militärischen Provokationen voranzutreiben. Dass dahinter ein langfristiger Plan stecken könnte, zeigt ein Dokument aus dem Innersten des Kim-Regimes, das zu Trainingszwecken von hochrangigen nordkoreanischen Militärs gedacht war und vor einigen Jahren an die Öffentlichkeit gelangte.

In dem Dokument ist dargelegt, warum Kim Jong-un seine Generäle mit der (nuklearen) Aufrüstung betraut hat: "Der liebe Führer (Kim) will die Welt mit Atomwaffen beherrschen, er will, dass die USA Abbitte leisten für die jahrzehntelangen Demütigungen, die sie dem nordkoreanischen Volk beigebracht haben, und er will, dass die Weltordnung durch ein mächtiges Juche-Regime (Anm. d. Red.: die nordkoreanische Variante der kommunistischen Ideologie) geprägt wird, nicht durch die USA."

Die langjährigen Nordkorea-Experten Siegfried S. Hecker und Robert L. Carlin warnten nun davor, den Machthunger von Diktatoren wie Kim zu unterschätzen und sich stattdessen auf das "Worst-Case-Szenario" vorzubereiten, dass "Pjöngjang in einer Art und Weise agieren könnte, die unsere Einschätzungen komplett über den Haufen wirft." Die Autoren spielen damit auf einen möglichen Angriff Nordkoreas auf Südkorea, Japan und sogar die USA an.

Hecker und Carlin glauben, dass die gegenwärtige Lage so gefährlich ist "wie seit den 1950er-Jahren nicht mehr". Damals kam es zum Koreakrieg, in dem Millionen Menschen den Tod fanden. "Wir wissen nicht, wann Kim den Abzug drückt, aber die Gefahr ist schon weit größer, als es die Routinewarnungen aus Washington, Seoul oder Tokio vermuten lassen."

Verwendete Quellen
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