Streit zwischen USA und Türkei eskaliert

Der Pastor, der die Krise auslöste

Von Patrick Diekmann

02.08.2018, 18:37 Uhr

Andrew Craig Brunson vor seinem Haus in Izmir: Der Pastor aus den USA sitzt seit knapp 22 Monaten in türkischer Untersuchungshaft. (Quelle: AP/dpa)

Diesen Artikel teilen

Andrew Brunson lebt seit über zwei Jahrzehnten mit seiner Familie in der Türkei. Seit knapp zwei Jahren sitzt der US-Pastor nun im Gefängnis. Sein Schicksal löst eine diplomatische Krise aus.

Verhärtete Fronten zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan: Die USA haben Sanktionen gegen den türkischen Justizminister Abdülhamit Gül und Innenminister Soylu verhängt. Sie sollen "führende Rollen" im Fall des US-Pastors Andrew Brunson gespielt haben. 

Wenn der eingebettete Inhalt nicht erscheint, bitte hier klicken

Der Streit um den 50-jährigen US Bürger eskaliert damit weiter. Auch Ankara verschärft den Ton: Die Türkei werde den als Putschverschwörer gesuchten islamischen Prediger Fethullah Gülen aus den USA "holen", kündigte Innenminister Süleyman Soylu an. Brunson ist demnach nicht nur ein Gefangener, sondern ein politisches Faustpfand. "Gebt uns den zurück, dann geben wir euch ihn (Brunson) zurück", sagte der türkische Staatspräsident kürzlich bei einer Rede. 

Die Vorwürfe gegen Brunson wiegen schwer: Der Geistliche soll das Ziel eines christlichen Kurdistans in der Türkei verfolgt haben. Dies behauptet zumindest die türkische Staatsanwaltschaft in Izmir. Dafür soll er enge Kontakte zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gehabt haben. Aber damit nicht genug. Beim Putschversuch vor zwei Jahren soll Brunson angeblich mit Hilfe der CIA die Gülen-Bewegung und die Putschisten unterstützt haben. Ihm drohen bis zu 35 Jahre Gefängnis.

Seit 22 Monaten in Haft

Terrorvorwürfe sind in der Türkei nichts Ungewöhnliches. Nach dem Putschversuch wurden während des zwei Jahre andauernden Ausnahmezustands zehntausende angebliche Gülen-Anhänger inhaftiert. Auch nach Ende des Notstands, der am 19. Juli ausgelaufen war, gingen die Verhaftungen in der Türkei weiter.

Trump und Erdogan bei einem Treffen im September: Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind auf einem Tiefpunkt angelangt. (Quelle: Tatyana Zenkovich/Reuters)

Auch Ausländer mit türkischen Wurzeln wurden, vermutlich unschuldig, immer wieder Opfer der türkischen Justiz. Erdogan benutzte sie teilweise als außenpolitisches Druckmittel und auch gegen Brunson wurden bislang keine Beweise vorgelegt. 

Der US-Pastor ist nun seit knapp 22 Monaten in Haft – vor einem Monat musste er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis verlegt werden und lebt seitdem unter Hausarrest.  

Kirche in einer Mietwohnung

Seine Tätigkeit als Pastor macht den Fall noch brisanter: Preston lebt schon seit 1993 mit seiner Frau in Izmir – seine drei Kinder sind in der Türkei aufgewachsen. Der 50-Jährige aus Black Mountain in North Carolina ist im Land missionarisch tätig und gehört der "Evangelical Presbyterian Church" in den USA an. In Izmir ist er Pastor an der "Diriliş Kilisesi" (Auferstehungskirche).

Als Missionar war er jedoch wenig erfolgreich. Die Gottesdienste finden nicht in einer großen Kirche, sondern in einem Raum in einem Mietshaus statt. Zusammen mit seiner Frau leitet er von dort die kleine Gemeinde. Im Streit zwischen Erdogan und Trump steht auch die Religion im Fokus. Trump nannte zuletzt Brunson einen "großen Christen, Familienmann und einen wundervollen Menschen".

Wenn der eingebettete Inhalt nicht erscheint, bitte hier klicken

In der Türkei dagegen sind christliche Missionare äußerst unbeliebt. Im Streit um den Pastor wirft Erdogan den USA eine "evangelikale, zionistische Mentalität" vor. Auch wenn die Tätigkeit Missionar seit über einem Jahrzehnt nicht mehr verboten ist, gab es auch danach noch Morde an Missionaren im Land. So wurden 2007 ein deutscher und zwei türkische Christen getötet. 

"Ich fühle mich schwach"

Die Situation im Fall Brunson ist verfahren. Seine Kinder, die mittlerweile in den USA leben, setzen sich für ihren Vater ein. Seine Tochter sprach vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf und protestierte gegen die Verhaftung. Seine Frau wurde nach kurzer Zeit wieder freigelassen und beteuerte vor Gericht schon die Unschuld ihres Mannes. Er sei nur in die Kurdengebiete im Südosten der Türkei gereist, um syrischen Flüchtlingen zu helfen.


Andrew Brunson ist dagegen aktuell in keinem guten Zustand. Seine Kirche veröffentlichte im Juli einen kurzen Brief von ihm, den t-online.de hier dokumentiert.

Darin zeigt er sich enttäuscht über den langsamen Fortgang der Verhandlungen: "Ich fühle mich schwach, aber ich schaue weiter zu Jesus", schreibt der Pastor. Die USA erhöhen derweil den politischen Druck auf die Türkei, auch wenn die Sanktionen gegen zwei türkische Ministern die Türkei wahrscheinlich nicht zum einlenken bewegen werden.

Am 12. Oktober könnte das Schicksal von Brunson geklärt werden. Dann geht der Protest gegen den Pastor weiter.

Verwendete Quellen:
  • eigene Recherchen
  • mit Material von dpa, AFP

Diesen Artikel teilen

Liebe Leserinnen und Leser,

wir laden Sie herzlich zum Diskutieren auf t-online.de ein. Auf unserer Übersichtsseite finden Sie alle Artikel, zu denen Sie aktuell diskutieren können. Wir behalten uns vor, Kommentare zu entfernen, die nicht unserer Netiquette entsprechen. Wir freuen uns auf angeregte und kontroverse Diskussionen!

Ihr Community-Team

Diskussion ansehen