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Trauriger Jahrestag in Syrien: "Alles, an was ich mich erinnere, ist Krieg"

Achter Jahrestag des Syrien-Konflikts  

"Alles, an was ich mich erinnere, ist der Krieg"

15.03.2019, 07:45 Uhr | avr, t-online.de

 (Quelle: Reuters)
Hunderte IS-Kämpfer ergeben sich im syrischen Baghus

Der Sieg über die Dschihadisten sei sehr nah, sagte ein Sprecher der Syrischen Demokratischen Armee. (Quelle: Reuters)

Letzte IS-Bastion: In Baghus ergaben sich weitere IS-Kämpfer den vorrückenden Kräften, darunter auch Deutsche. (Quelle: Reuters)


2011 begann der Krieg in Syrien. Hunderttausende Menschen starben, Millionen sind auf der Flucht. Vor allem die Kinder leiden in dem Konflikt. Das sind ihre Geschichten.

Als der kleine Yahya und seine Familie aus Syrien flüchteten, war es dunkel. So dunkel, dass sie kaum die Straße vor sich sahen. Bei jedem Schritt mussten sie aufpassen, nicht auf Gegenstände zu treten, die andere Flüchtlinge weggeworfen hatten. "Ich musste meine Schulbücher, Stifte und Farben zurücklassen, weil meine Mutter es mir gesagt hatte", sagt Yahya. "Sie sagte, es würde nicht lange dauern, bis wir zurückkehren. Aber jetzt sind es schon sechs Jahre."

Yahya ist ein syrisches Flüchtlingskind. Heute ist er 13 und lebt in Zaatari, einem Flüchtlingslager in Jordanien. Seine Geschichte veröffentlicht das Kinderhilfswerk Unicef. "Alles hat sich geändert: Meine Schule, meine Heimat, meine Freunde", sagt Yahya."

Yahya zeigt Unicef ein Foto von sich als Schulanfänger. (Quelle: UNICEF/UN0264920/Herwig)Yahya zeigt Unicef ein Foto von sich als Schulanfänger. (Quelle: UNICEF/UN0264920/Herwig)

44.000 Kinder in einem Flüchtlingslager

Zaatari wurde 2012 errichtet. Heute zählt es knapp 79.000 Einwohner, darunter mehr als 44.000 Kinder, schreibt die Unicef. Das Kinderhilfswerk unterstützt den Aufbau des Camps, unter anderem förderte es den Aufbau sogenannter Makani-Zentren. Hier finden Kinder und Jugendliche unter anderem Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten, darunter Computerräume und Sportgeräte. 13 Makani-Zentren gibt es laut Unicef in Zaatari, mehr als 7.000 Kinder werden so versorgt.

Doch solche Zustände wie in Zaatari sind nicht der Standard für viele Flüchtlinge. Ein Bericht der Unicef zeigt: Viele syrische Kinder leben noch in lebensgefährlichen Verhältnissen – in und außerhalb Syriens.

Frauen und Kinder in Syrien (Symbolbild): Nach einem UNICEF-Bericht leiden noch viele Kinder unter den Folgen des Syrien-Konflikts.  (Quelle: AP/dpa/Felipe Dana)Frauen und Kinder in Syrien (Symbolbild): Nach einem Unicef-Bericht leiden noch viele Kinder unter den Folgen des Syrien-Konflikts. (Quelle: Felipe Dana/AP/dpa)

Das sagt beispielsweise Bastien Vigneau, Leiter der regionalen Unicef-Nothilfe für Syrien und die Nachbarländer: "Es besteht ein Irrglaube, dass der Krieg gegen Kinder in Syrien zu Ende geht – dem ist nicht so", sagt Vigneau. "Während Kämpfe zunehmend eingegrenzt stattfinden, zahlen Kinder weiterhin den ultimativen Preis in einem Krieg, für den sie keine Verantwortung tragen."

Für Kinder herrscht noch immer große Gefahr

Schätzungen zufolge starben im Syrien-Krieg mehr als 400.000 Menschen. Mehr als sechs Millionen sind auf der Flucht. Einer der Hauptverantwortlichen für das Leid in dem arabischen Land ist die Terrororganisation "Islamischer Staat". Mittlerweile hat der IS aber einen großen Teil seines eroberten Gebiets verloren, die letzten Kämpfer haben sich im Ort Baghus verschanzt

Das heißt aber nicht, dass die Gewalt endet. Laut Vigneau war "2018 das tödlichste Jahr für Kinder seit Kriegsbeginn." Unicef berichtet, dass 91.000 Kinder wegen Armut an akuter Mangelernährung leiden. Auch lassen viele Familien aus Geldmangel ihre Kinder von Soldaten oder Milizen rekrutieren. Laut Unicef sei 2018 der Einsatz von 806 Kindern und Jugendlichen als Soldaten dokumentiert worden.

Zudem seien 2018 mindestens 1.106 Kinder getötet worden. "Im Schnitt starben drei Kinder an jedem Tag des Jahres", sagt Vigneau. Dabei handele es sich nur um Zahlen, die von den Vereinten Nationen verifiziert worden. Zwischen 2018 und 2019 starben 30 Kinder in Rukban wegen Kälte oder mangelnder medizinischer Versorgung. "Aber auch Minen sind immer noch eine ernste Bedrohung für Kinder", sagt Vigneau. Laut der Unicef seien 3,3 Millionen Mädchen und Jungen von Minen und Blindgängern betroffen. 434 Kinder seien 2018 durch sie getötet oder schwer verletzt worden.

Millionen Kinder können nicht in die Schule

Der elfjährige Omar weiß, wie es ist, Familienmitglieder zu verlieren. Unicef schreibt, dass beide älteren Brüder des Jungen im Syrien-Konflikt starben, sein Bruder Abdulrahman im Alter von sieben Jahren. Omars einzige Erinnerung an Abdulrahman ist eine Puppe aus dem Zeichentrickfilm "Ben 10": "Abdulrahman kaufte sie mir auf dem Markt. Wir guckten zusammen immer den Cartoon an. Ich schaue ihn heute noch", sagt Omar der Unicef. "Dieses Spielzeug ist für mich so wertvoll wie mein eigener Bruder. Ich werde es für immer behalten."

Omar erhält In den Makani-Zentren psychosoziale Hilfe. (Quelle: UNICEF/UN0264949/Herwig)Omar erhält In den Makani-Zentren psychosoziale Hilfe. (Quelle: UNICEF/UN0264949/Herwig)

Ein anderes Problem: Fehlende Schulbildung: Zwar erhalten mehrere Millionen Kinder wie Yahya und Omar dank Unicef in den zahlreichen Flüchtlingscamps eine Schulbildung, doch vielen bleibt dieses Privileg noch immer verwehrt. Laut Unicef gehen innerhalb Syriens zwei Millionen Kinder nicht zur Schule. In den Nachbarländern sind es mehr als 800.000. Manche Familien schicken ihre Kinder stattdessen arbeiten oder verheiraten sie früh. Der Grund: Das Geld ist knapp. 

Fotos erinnern an das Leben in Syrien

Auch die elfjährige Hala konnte wegen des Syrien-Konflikts zwei Jahre nicht zur Schule gehen. "Alles, an was ich mich erinnere, ist der Krieg", sagt Hala der Unicef. "Ich hatte solche Angst, früher fielen regelmäßig Bomben um unser Haus herum."

Hala lebt wie Yahya und Omar in Zaatari. Mit dabei hat das Mädchen sein Foto von sich und ihrem älteren Bruder. Gemacht von einem professionellen Fotografen – damals in Syrien, als noch keine Bomben fielen. "Ohne Fotos wüsste ich nicht, wie es war, ein Kind in Syrien zu sein", sagt Hala: "Es gibt nicht genügend Worte, um das Leben zu beschreiben, das ich auf diesen Fotos sehe. Es ist reines Glück."

Mit dabei hat Hala immer ein Foto von sich und ihrem älteren Bruder. (Quelle: UNICEF/UN0264939/Herwig)Mit dabei hat Hala immer ein Foto von sich und ihrem älteren Bruder. (Quelle: UNICEF/UN0264939/Herwig)

Unicef unterstützt Kinder in Not

Kinder wie Yahya, Hala und Omar profitieren von den Unicef-Angeboten in den Makani-Zentren in Zaatari. Omar erhält dort beispielsweise psychosoziale Hilfe. Dabei handelt es sich um ein spezielles Betreuungsprogramm, die laut Unicef Kindern dabei helfen soll, über "ihre Erinnerungen an Gewalt und Tod hinwegzukommen". Laut der Unicef haben bisher mehr als 600.000 syrische Kinder inner- und außerhalb Syriens solche und andere Unterstützung erhalten – wie Trinkwasser oder medizinische Versorgung.

Bezahlt werden solche Angebote unter anderem durch Spenden. Laut der Unicef habe Deutschland 2018 insgesamt 111,5 Millionen Dollar für Hilfsangebote wie Bildung oder Trinkwasser in Syrien, Jordanien und im Libanon bereitgestellt. Um ihre Hilfe fortführen zu können, braucht die Unicef nach eigenen Angaben für 2019 knapp 1,2 Milliarden Dollar. Doch: "Bislang hat Unicef in diesem Jahr nur ein Prozent der neuen Mittel erhalten, um diese Maßnahmen fortzusetzen", sagt Vigneau.


Wann der Krieg in Syrien endet, kann keiner sagen. Erst wenn die Kämpfe vorbei sind, werden wahrscheinlich viele Familien nach Hause zurückkehren. Bis es so weit ist, müssen Kinder wie Yahya, Hala oder Omar im Flüchtlingslager Zaatari ausharren. Doch Yahya hat die Hoffnung nicht aufgegeben: "Mein größter Wunsch ist es, nach Syrien zurückzukehren und mein Haus und meine Schule zu sehen. Ich wünsche mir, dass Syrien wieder sicher wird."

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit Unicef zum Jahrestag des Krieges in Syrien. Zahlen sowie Informationen zu den Kindern, Zitate und ihre Fotos wurden von Unicef bereitgestellt.

Verwendete Quellen:

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